Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen…

Donnerstag, 30. Mai 2013

… obwohl ich nichts Verbotenes getan habe. Ich habe eigentlich noch nicht einmal etwas Ungewöhnliches getan und ich kann mich an Zeiten erinnern, als ich noch viel weiter gegangen wäre. Aber der schwedische Staat hat es geschafft, dass ich mich schuldig fühle.

Das fing schon an, als ich den Laden betrat, den ich bisher vermieden habe, wie in Karlsruhe die Sex-Shops: Man weiß genau, wo sie liegen, irgendwie ist man ja schon neugierig, wie es drinnen aussieht, aber es ist doch zu verrucht, als dass man hinein gehen würde – es könnte einen ja jemand sehen. Und statt in unauffälligen braunen Tüten müssen die Kunden ihre Waren auch noch in ziemlich auffälligen lila Tüten heraustragen, die förmlich schreien: »Schaut her, ich werde mich gleich dem Exzess hingeben!«

Richtig schlimm wurde es dann, als ich hinter mir eine bekannte Stimme hörte: Oh mein Gott, ein Kollege! Gut, dass ich meine feuerrote Dienstjacke im Auto gelassen hatte: Die Kulturschule darf mit diesem Milieu natürlich unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden!

Als ich dann endlich meine Einkaufsliste abgehakt hatte, wuchs die Scham in mir: Mein putziges Einkaufswägelchen quoll über von der verruchten Ware und ich konnte immer nur kleinste Mengen auf das winzige Förderbandbändchen an der Kasse legen. Die angebotenen Tüten waren ebenfalls lächerlich klein, so dass ich mit gleich drei davon den Laden verlassen musste – wie peinlich. Noch schlimmer war allerdings, dass ich zwei der Produkte offen und für alle sichtbar zum Auto bringen musste, da sie nicht in die Tüten passten.

Und was hatte ich nun erstanden? Zwölf Flaschen Bier, acht Fläschchen Cider und zwei Bag-In-Box-Weine für Annikas Geburtstagsfeier. Wenn ich bedenke, welche Türme von Bierkästen ich schon ohne jegliche Schuldgefühle aus Getränkemärkten herausrangiert habe, finde ich es spannend, wie es der staatliche Alkoholmonopolist Systembolaget schafft, den Kunden Gewissensbisse zu bereiten – während gleichzeitig eine Kaufberatung angeboten wird, die Ihresgleichen sucht. Inklusive der kostenlosen Beratung für Suchtkranke und deren Angehörige.


Steuererklärung auf Schwedisch

Samstag, 13. April 2013

Diese Woche hatte ich einen blauen Umschlag vom Skatteverket im Briefkasten: meine Einkommenssteuererklärung. Inhalt des Umschlages:

  • 1 Zusammenfassung aller Auskünfte, die 2012 von Arbeitgebern über mich ans Skatteverket übermittelt wurden. Insgesamt sieben für mich relevante Zeilen.
  • 1 doppelseitig bedrucktes, bereits ausgefülltes DIN-A 4 Formular zum Kontrollieren, Unterschreiben und Zurücksenden. Insgesamt fünf für mich relevante Felder, wenn man das Unterschriftenfeld mitzählt.
  • 1 vorläufiger Steuerbescheid mit der voraussichtlichen Steuerrückzahlung für den Fall, dass ich keine Korrekturen an o.g. Formular vornehme.
  • eine 32-seitige Bedienungsanleitung mit vielen bunten Bildern
Bedienungsanleitung zur Steuererklärung - wer digital erklärt, kriegt die Steuerrückzahlung noch vor Mittsommer

Bedienungsanleitung zur Steuererklärung – wer digital erklärt, kriegt die Steuerrückzahlung noch vor Mittsommer

Schweden wäre jedoch nicht Schweden, wenn das Finanzamt ernsthaft wollte, dass man die fertig ausgefüllte und gegebenfalls korrigierte Steuererklärung wirklich per Post zurückschickt. Auf 18 der 32 Seiten der Bedienungsanleitung findet sich der Hinweis, wie einfach und schnell es ist, die Steuererklärung auf nicht-postalischem Weg zu bestätigen.
Der geneigte Steuerzahler darf dabei zwischen Telefonanruf, SMS, Homepage und App wählen.

Leider musste ich tatsächlich Änderungen an dem Formular vornehmen, sodass die Varianten Anruf und SMS für mich wegfielen. Ich hatte nämlich im letzten Jahr Fahrtkosten in einer Höhe, die die Grenze von 10000 Kronen deutlich überschritten und damit kann ich jede weitere Krone von der Steuer absetzen.

Also loggte ich mich mit meiner Personennummer und einer achtstelligen Kontrollnummer, die auf einem der Formulare abgedruckt war, auf der Homepage des Skatteverkets ein. Ich habe es gestoppt: ab diesem Punkt dauerte die Steuererklärung genauso lang wie das wahrscheinlich berühmteste Musikstück von John Cage: Einkommenszahlen kontrollieren (dafür habe von jedem meiner Arbeitgeber im letzten Jahr ein Kontrollblatt bekommen), Fahrtkosten, Kontonummer und Emailadresse eintragen, sich über die geänderte Zahl bei der zu erwartenden Steuerrückzahlung freuen, alles nochmal kontrollieren, einen achtstelligen Unterschriftencode eingeben, abschicken, zur Sicherheit alles nochmal ausdrucken (ja, ich bin so altmodisch und hefte diese eine Seite noch ab), ausloggen. Fertig.

Bedienungsanleitung, Steuerformular, Kontrollangaben - der Papierkrieg hält sich in Grenzen

Bedienungsanleitung, Steuerformular, Kontrollangaben – der Papierkrieg hält sich in Grenzen

Wenn ich daran denke, dass meine Eltern früher regelmäßig an einem mittelgroßen Tapeziertisch eine ganze Ferienwoche der Steuererklärung geopfert haben, alle Familienmitglieder zum Sammeln von Bleistiftquittungen angehalten wurden und jedes Jahr neue Steuererklärungssoftware notwendig war, bin ich ziemlich froh, dass ich jetzt in einem Land lebe, in dem Vater Staat zwar alles über Otto Normalverbraucher Sven Svensson weiß, dafür aber die Steuerklärung schneller erledigt ist als der Blogartikel über dieselbige.


Krankenstube

Freitag, 15. März 2013

Seit einer geschlagenen Woche gleicht unser Haus nun einem Krankenhaus: Die Papierkörbe quillen über von Taschentüchern, das Bad müsste endlich mal geputzt werden und die Vorräte gehen langsam zur Neige… für eine Tomatensuppe mit Nudeln hat es heute gerade noch gereicht. Wenigstens ist Annika wieder so gut wie gesund und auch ich habe mich heute zu einem Spaziergang zu unserem Lieblingsvogelturm aufraffen können – es besteht also Hoffnung, dass wir beide nächste Woche wieder arbeiten können.

Für mich ist das das erste Mal, dass ich krank von einer festen Arbeit fernbleibe und irgendwie habe ich schon ein schlechtes Gewissen dabei, denn nächste Woche haben wir ein großes Konzert in der Musikschule und man will ja seine Kollegen vor so einem Event nicht im Stich lassen. Entsprechende Bauchschmerzen hatte ich dann auch, als ich am Donnerstag meine Kollegin anrief, die an diesem Tag gleich zwei Orchesterproben mit mir leiten sollte. Umso überraschter war ich deshalb von ihrer Reaktion: »Ich hatte doch eh nicht mit dir gerechnet, bleib du mal zu hause und werd’ wieder fit!«

Krank sein ist in Schweden Vertrauenssache. Wacht man morgens mit Fieber auf, ruft man einfach beim Arbeitgeber an und sagt Bescheid, dass man nicht kommen kann. Für diesen ersten Krankheitstag bekommt man allerdings keinen Lohn, ab dem zweiten Tag gibt es dann 80%. Erst nach einer Woche benötigt man eine Krankschreibung vom Arzt. Statt der Angst vor ausfallender Produktivität grassiert nämlich in Schweden etwas ganz anderes: Die Angst vor Ansteckung. Insbesondere bei echter Grippe, grippalen Infekten und Magen-Darm-Grippe – der gefürchteten kräksjuka (=Kotzkrankheit) – gilt: Bleib ja mit deinen Viren und Bakterien zu Hause und komm erst wieder, wenn du keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr bist. Auch beim Arzt ist man nicht gern gesehen, wenn »Abwarten und Tee Trinken« der einzige vernünftige Rat ist, der einem gegeben werden kann. Eine Einstellung, die mir durchaus sympathisch ist und die wohl auch aus medizinischer Sicht durchaus ihre Berechtigung hat.

Meine Kollegin hatte sich übrigens schon vorbereitet und unsere Bratschenlehrerin gebeten, ihr bei den Orchesterproben zu helfen. Diese wird die zusätzlich Arbeitszeit dann einfach als Überstunden aufschreiben und irgendwann später im Jahr abfeiern.


121212-1212 oder: Die Geschichte von Tolvan Tolvansson

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Tolvan Tolvansson wird heute 100. Oder er wird heute geboren, so genau weiß man das nicht. Der ständig kranke Kerl ist aber auch ein Pechvogel: er war schon schwanger und hatte Prostatakrebs (gleichzeitig, wohlbemerkt!) und wurde bereits unzählige Male für tot erklärt. Und jetzt hat das Skatteverket (Finanzamt) ihm endgültig seine Identität genommen.

Das ist aber auch nur mäßig dramatisch, denn Tolvan Tolvansson ist eine fiktive Person, die in Deutschland vielleicht Zwölfo Zwölfiger heißen würde. Er wurde am 12.12.12 geboren wurde und seine Personennummer lautet daher logischerweise 121212-1212.
In Schweden ist man ja ein Niemand, wenn man keine Personennummer hat, denn ohne Personennummer kann man hier weder ein Bibliothekskonto eröffnen, noch einen Umzugswagen mieten, geschweige denn zum Arzt gehen (keine Sorge, das mit dem Arzt gilt natürlich nicht für Touristen).
[Mehr zum Thema Personennummer hier und hier.]

Während das Geburtsdatum von Tolvans “Cousin” Max Mustermann weniger wichtig ist (und deshalb auch öfter mal geändert wird), ist Tolvans Geburtsdatum von existenzieller Bedeutung für das schwedische Gesundheitssystem. Denn wann immer medizinisches Personal in der Anwendung einschlägiger Software geschult wird, so ist es immer Tolvan, der seine Personennummer dafür hergeben muss, denn ohne Personennummer keine Krankenakte.

Da es sich hierbei um eine interne “Versuchsperson” des Pflegesystems handelte, wusste bis vor kurzem niemand im Skatteverket, welches die Personennummern zuteilt, von Tolvan. Nun hätte ja heute ein Junge geboren werden können, dem das Skatteverket besagte Nummer zugeteilt hätte. Dieses bemitleidenswerte Kind wäre dann laut Akte mit einer erdrückenden Krankengeschichte zur Welt gekommen.

Wohl nur durch Zufall hat das Skatteverket vorige Woche – sozusagen um 5 vor 12, höhö – von Tolvan Tolvansson erfahren und seine Personennummer gerade noch rechtzeitig gesperrt, um diesen Fall zu verhindern.

Soweit die ganz unterhaltsamen Fakten, wie sie dieser Tage durchs Netz geisterten (z.B. bei Sveriges Radio).

Was mich an der Geschichte allerdings etwas verwundert, ist, dass die Nummer 121212-1212 so niemals hätte vergeben werden können, weil die letzte Ziffer eine Prüfziffer ist, die sich in einem mittelkomplizierten Verfahren aus den vorhergehenden Ziffern errechnet und in diesem Fall eine 3 gewesen wäre, wenn ich ich nicht verrechnet habe.
[Wen's genauer interessiert: Seite 10 in diesem Dokument.]

Aber es ist doch beruhigend zu wissen, dass das Skatteverket jetzt eine Personennummer gesperrt hat, die es nie hätte geben können und damit einem Kind, das nie diese Nummer hätte erhalten können, eine Menge Erbkrankheiten erspart hat, die es nie gegeben hat. Alles Hypochonder…?


Alkoholkontrolle(n)

Montag, 17. September 2012

Jetzt bin ich schon seit über einem Monat in meiner ersten festen Anstellung. Insgesamt geht es bisher sehr gut, mit meinen Schülern werde ich langsam warm und die ersten zwei Wochen bestanden sowieso erstmal aus ganz vielen Konferenzen und Verwaltungsaufgaben. Am anstrengendsten waren bisher eigentlich die Autofahrten, denn die 70 Kilometer pro Strecke sind doch ein Stück…

Letzte Woche Montag wurde diese eher eintönige Fahrt, die ich vor allem mit Hörbüchern überstehe, aber unerwartet unterbrochen: Mitten in Alingsås stand plötzlich die Polizei auf der Sraße und winkte alle Autos auf den Seitenstreifen. Alkoholkontrolle war angesagt. Ich durfte in meinem Leben noch nie ins Röhrchen blasen und fand die ganze Sache relativ unterhaltsam – was Neues halt.

Bei der Arbeit angekommen, musste ich dann zum Unterricht in eine der Vorortschulen. Da ich gleich mehrere Geigen und Kontrabässe aus dem Instrumentenvorrat der Musikschule dorthin schaffen musste, nahm ich nicht unseren kleinen Twingo, denn die Stadtverwaltung hat für solche Fälle einen Fahrzeugpool für ihre Angestellten.

Ich ging also los, um den Autoschlüssel abzuholen. Die nette Dame an der Ausgabestelle drückte mir zusätzlich noch ein kleines Plastikding in die Hand: »För alkolåset.« Die Autos der Stadt sind mit einer zusätzlichen elektronischen Alkohol-Wegfahrsperre ausgestattet, die ähnlich wie die Alkoholkontrolle der Polizei funktioniert – bloß ohne Polizisten. Wenn man etwas getrunken hat, startet der Motor einfach nicht. Am Tag meiner ersten Alkoholkontrolle durfte ich daher gleich dreimal pusten…


Trinkwasser und Lotto-Gewinne

Donnerstag, 5. April 2012

Seit wir in Schweden wohnen, findet man uns im Telefonbuch. In Deutschland hatten wir zwar auch einen Festnetzanschluss, unsere Telefonnummer war aber nicht öffentlich. Hier hat uns überhaupt keiner gefragt, ob wir eigentlich unsere Nummer veröffentlichen wollen und sogar mit einem Handyvertrag landet man bei eniro.

Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass man meine Telefonnummer im Internet findet. Lediglich die gelegntlichen Callcenter-Anrufe nerven:
– Wir machen eine Umfrage zum Thema Zähneputzen. Benutzt Du eine elektrische Zahnbürste?
– Nej.
– Wusstest Du, dass 95% aller schwedischen Zahnärzte ihre Patienten elektrische Zahnbürsten empfehlen?
– Nej.
– Möchtest Du dann unser super-duper Angebot testen? Ein Abo bei dem Du monatlich für dich und Deine Familie elektrische-Zahnbürsten-Köpfe bekommst, und die Zahnbürste gibt es gratis dazu!
– Nehej.

Vor gut einem Monat bekam ich wieder so einen Anruf: “Wir machen eine Umfrage (nerv…) über Dein Trinkwasser (Aha?). Ich rufe an im Auftrag des livsmedelsverket (Amt für Lebensmittelsicherheit). Wir untersuchen zusammen mit Chalmers (technische Hochschule in Göteborg) und Ale kommun (die, in der wir wohnen) die Nutzung und Qualität Deines Leitungswassers.” Oho! Ich wollte doch schon immer mal an einer Studie teilnehmen. Wir hatten uns schon bei der Landtagswahl im letzten Jahr gefreut als wir beim herausgehen einen Mann trafen, der für die Hochrechnungen des ZDF Wählerbefragungen durchführte. Leider aber für den Wahlkreis nebenan… Aber jetzt darf ich endlich auch mal!

Es folgte eine Reihe von Fragen, wie man sie von so einer Studie erwartet:
– Auf einer Skala von eins bis fünf, wie bewertest Du die Qualität deines Leitungswassers?
– Fünf.
– Wie viele Gläser Leitungswasser trinkst du pro Tag?
– Fünf.
– Wie gut, glaubst Du, ist Deine Kommune auf eine Verschmutzung des Trinkwassers eingestellt?
– Äääh, keine Ahnung? Auch fünf??
– Wurdest Du in der Vergangenheit gut über die Qualität Deines Trinkwassers informiert?
– Also in den sechs Monaten, die ich hier wohne, habe ich jetzt noch nichts gehört. Daher gehe ich doch mal davon aus, das alles in Ordnung ist?
…und so weiter, und so weiter. Bei so mancher Frage bezweifle ich, dass sich auch nur einer der Teilnehmer schon jemals über dieses “Problem” Gedanken gemacht hat.

Das ganze Gespräch dauerte bestimmt 20 Minuten. Am Schluss wurde ich dann noch gefragt, ob ich an einer Langzeitstudie teilnehmen möchte. Einmal im Monat würde ich per SMS ein paar Fragen geschickt bekommen, die ich dann auf demselben Wege beantworten sollte. Ich habe natürlich zugesagt und vor zwei Wochen kam dann die erste SMS: Bitte zähle die Gläser Leitungswasser, die du in den nächsten 24 Stunden trinkst.

Am nächsten Tag sollte ich außerdem noch angegeben, ob ich in den letzten vier Wochen Magen- oder Darmprobleme hatte (nein). Als Antwort erhielt ich eine Danke-SMS mit der Info, dass mir in den nächsten Tagen ein Rubbellos zugeschickt wird.

Rubellose sind in Schweden sehr beliebt und scheinen die allgemeine Bezahlung für die Teilnahme an Umfragen zu sein – Annika hat auch schon einmal auf diesem Weg ein Los bekommen. Vor allem Triss ist weit verbreitet und wenn man der Werbung glaubent, MUSS man einfach bei jedem ordentlichen Fest Lose rubbeln (private Feldstudien bestätigen das). Weihnachten war das so, jetzt zu Ostern ist das so und zu midsommar wird das bestimmt auch so sein. Im Gegensatz zu klassischen Losen mit Nummer kann man nämlich beim Rubellos sofort sehen, ob man gewonnen hat. Wenn dreimal der gleiche Gewinnn freigerubbelt wird, dann darf man jubeln. So wie wir bei unserem TIA-Los, das heute in der Post war:

Morgen holen wir dann unsere Reichtümer ab…


Ris och ros

Freitag, 23. März 2012

Aus unerfindlichen Gründen läuft mir in letzter Zeit ständig der Ausdruck ris och ros über den Weg. In der herumliegenden Tageszeitung im Zug (“Der Minister erhielt für seine Rede ris och ros“), in der Rundmail eines Kollegen (“Die ros der Woche geht an die beiden Kollegen, die 20 neue Computer in den vierten Stock getragen haben.”) oder auf irgendwelchen Webseiten (“Um unseren Service zu verbessern, freuen wir uns über ris och ros.”).
Was es sinngemäß bedeutet, war mir die ganze Zeit klar, nämlich soviel wie “Lob und Tadel” oder besser: “Tadel und Lob”.
Dass man Lob metaphorisch mit einer Rose ausdrückt, ist ja irgendwie selbsterklärend, aber was macht der Reis in dieser Redensart? Bewirft man Leute, die etwas Blödes gemacht oder gesagt haben, in Schweden mit Reis? Ich kenn das nur als Hochzeitsbrauch, aber vielleicht erfüllt das da ja den gleichen Zweck, nur weiß es keiner… Oder ist der Reis hier Symbol für etwas Langweiliges, Uninspiriertes? Eine besonders alte Redensart kann das jedenfalls nicht sein, Schweden zählt ja nicht gerade zu den großen Reisanbaugebieten der Welt…

Mein “Reis der Woche” geht jedenfalls an die Person, die unsere Autokennzeichen vom VW-Bus gestohlen hat. Ja, Autokennzeichen. Nachdem wir gerade erst den Vandalismus-Totalschaden unseres Twingos verkraften mussten, jetzt das. Zum Ko… Der Bus stand (und steht) auf unserem gemieteten Parkplatz in der Siedlung und laut Polizei darf das Auto ohne Kennzeichen nicht bewegt werden. Jetzt geht also erst mal wieder das Gerenne nach neuen Schildern los. Wir dachten erst, wir nehmen das als Anlass, das Auto jetzt hier anzumelden, aber um es hier anzumelden, müssten wir es erst mal zum schwedischen TÜV etc. fahren, was wir ja wie gesagt nicht dürfen. Und um ein Auto umzumelden, muss es erst mal angemeldet sein und dazu gehören bekanntlich unter anderem Kennzeichen. Und die brauchen wir aus Bayern, zusätzlich zu neuen Fahrzeugpapieren. Das ist aber ein riesengroßes Problem, denn Bayern ist noch nicht in der EU. Zumindest bekam ich diesen Eindruck, als ich mit dem unsympathischen Zeitgenossen in der Zulassungsstelle telefoniert habe. Wie gerne hätte ich diesen halsstarrigen Schuhplattler am Telefon mit einem Sack Reis überschüttet…

Statt Rosen...

Die Rose der Woche verdient daher meine Mutter, die jetzt die ganze Angelegenheit für uns regeln wird, so wie sie uns neulich schon das neue (gebrauchte) Auto hochgefahren hat, weil der schwedische Gebrauchtwagenmarkt kaum Kleinwagen hergibt.

Eine weitere Rose muss ich außerdem mal ans Wetter vergeben. Hier ist Sommer! Spätestens übermorgen. Die offizielle Definition von “Sommer” des SMHI (Schwedisches meteorologisches und hydrologisches Institut) lautet nämlich: 5 Tage in Folge über 10°C. Klingt komisch, ist aber so. Die letzten Tage war wirklich T-Shirtwetter und heute Abend wehte der unverkennbare Geruch von Grillkohle durchs Dorf.

Und die Gartenarbeit geht wieder los! Wie ich gestern so die trockenen Blätter aus den Blumenbeeten harkte, Osterglocken pflanzte und anderes Grün- und Blumenzeug vom braunen Gestrüpp des Vorjahres befreite, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: mit ris ist natürlich nicht Reis gemeint, sondern Reisig. Gut, dass wir hier einen Garten haben, denn wer weiß, wie lange ich sonst dieses Missverständnis noch mit mir herumgetragen hätte…


Seit sechs Monaten in Schweden – II

Freitag, 17. Februar 2012

Byråkrati – Bürokratie
Hielt sich bisher eigentlich in Grenzen. Die wichtigen Schritte – Skatteverk und Migrationsverk – verliefen erfreulich zügig und komplikationsfrei. Übrigens ist Papier in Schweden geduldiger, als wir dachten. Als Jonas beispielsweise seine Bewerbungen fürs Studium fertigmachte, hätte er laut Zulassungsordnung sämtliche Unterlagen inklusive Bachelor-Zeugnis bereits vor den Aufnahmeprüfungen einreichen müssen– um die allgemeine Genehmigung zum Masterstudium zu überprüfen. Das ging natürlich nicht, also hieß es, die Unterlagen müssten spätestens bei der Einschreibung vorliegen. Da war mein Zeugnis aber immer noch nicht eingetroffen. Als ich es schließlich im Dezember vorlegen konnte, kam nur ein knappes: “Ok, dann lege ich das zu den Akten.”

Aktuell beschäftige ich mich mit Fragen nach a-kassa (in Schweden gibt es über 26 verschiedene Arbeitslosenkassen, da muss man erstmal durchblicken) und Gewerkschaftszugehörigkeit (ca. 80% der Schweden sind gewerkschaftlich organisiert). Mitglied im Mieterbund wurden wir ganz unkompliziert, die kamen unaufgefordert zu uns nach Hause. Tolle Sache: für einen geringen Aufschlag auf die Mitgliedsgebühr bekommt man die Sicherheit, dass der Mieterbund die Hälfte der Miete übernimmt, wenn man mehr als 14 Tage krank ist. Der nächste Schritt ist dann, dass wir mal langsam die Autos ummelden – aber das posten wir dann wahrscheinlich zum Jahrestag unter Äventyr


Nationale Prüfung – das war’s

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Heute hatte ich den mündlichen Prüfungsteil meiner nationalen Prüfung. Zuerst hörte ich einen sechsminütigen Ausschnitt aus einem Hörbuch und anschließend stellte Anna mir einige Fragen dazu, die weitaus tiefergehenden Charakter hatten, als die im gestrigen Lesetext. Ich sollte die beiden Hauptfiguren des Textausschnittes und ihre Beziehung zueinander charakterisieren und ihr Lebensumfeld beschreiben. Da es um zwei autovernarrte Teenager ging, die in einer Oldtimerwerkstatt arbeiteten, fielen im Text zwar einige Wörter, die jetzt nicht gerade zu meinem schwedischen Alltagswortschatz gehören, aber darum gings letztendlich auch nicht. Anschließend sollte ich noch meine Meinung dazu äußern, ob ich den Text für eine angemessene Lektüre für 15jährige halte. Nein, ich finde natürlich, 15jährige sollten klassische Dramen lesen…

Anschließend durfte ich meine gestrigen Prüfungsergebnisse einsehen, welche sich mit meinem Bauchgefühl deckten. Jetzt bleibt also nur noch der schriftliche Teil – dachte ich. Denn zum Schluss zug Anna einen meiner letzten Aufsätze heraus und sagte, sie habe ihn nach den Kriterien für die nationales Prüfung korrigiert. Damit sei ich nun mit dem gesamten Kurs fertig und könne nächste Woche mein Zeugnis abholen. Mit Höchstnote, ohooo… Es gibt nämlich genau drei Noten: icke godkändgodkänd und väl godkänd (nicht bestanden, bestanden und gut bestanden). Auch das ein großer Unterschied zu Deutschland, aber in Sachen Noten wurde in Schweden in den letzten Jahren viel reformiert und sich durch ein differenzierteres Notensystem eher in Richtung Deutschland bewegt. Schade eigentlich – ich finde das so viel entspannter.

Außerdem wurde im Wahljahr 2010 heiß debattiert, ob die Schüler zukünftig ab Klasse 6 oder ab Klasse 8 die ersten Noten bekommen – die aktuelle bürgerliche Regierung beschloss letztendlich, dieses Schuljahr erst in Klasse 8 Noten einzuführen und ab Herbst 2012 schon in Klasse 6. Und jetzt denken wir nicht daran, dass in einigen deutschen Bundesländern spätestens ab der dritten Klasse Eltern und Schüler anfangen, für bessere Noten notfalls auch die Hobbys zu streichen, damit die Noten auch für das Übertrittszeugnis fürs Gymnasium reichen… (Stichwort “Grundschulabitur”)


Nationale Prüfung und Gedanken zum Muttersprachunterricht

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Als Anfang September mein Schwedischkurs begann, bin ich ja direkt in den Kurs SAS grund eingestiegen, der kommenden Juni mit der nationalen Prüfung abschließt, die auch schwedische Neuntklässler am Ende ihrer Grundschulzeit ablegen. Sowohl im “normalen” Schulsystem als auch in der kommunalen Erwachsenenbildung komvux (kommunala vuxenutbildning) wird zwar der Schwedischunterricht für Muttersprachler und Nichtmuttersprachler getrennt durchgeführt, die Prüfung am Schluss ist aber für alle gleich. Als erwachsene Nichtmuttersprachlerin schreibe ich also exakt die gleiche Prüfung mit den gleichen Texten und Aufgaben wie die schwedischen Jugendlichen am Ende ihrer neunjährigen Grundschulzeit.
Die Prüfung SAS grund besteht aus drei Teilen (Leseverständnis, Textproduktion und eine mündliche Prüfung), die an verschiedenen Tagen stattfinden, welche vom Skolverket, der Schulbehörde, festgelegt werden. Aber wer jetzt an den Staatsakt denkt, der z.B. beim Zentralabitur in Baden-Württemberg mit Sicherheitstransportern, versiegelten Umschlägen und anderem Bürokraborium zelebriert wird, der liegt falsch. Irgendwie wird das hier eine Nummer lockerer gehandhabt…

Seit drei Wochen besuche ich parallel den Kurs SAS A – das ist sozusagen eine Klassenstufe höher – weil Anna, meine Lehrerin in SAS grund bald gemerkt hat, dass ich mich etwas langweile. Deswegen hat sie auch beschlossen, dass ich die nationella prov schon jetzt machen könnte. Gestern drückte sie mir zu Beginn der Stunde ein 16seitiges Heft in die Hand, das Pflichtlektüre für die nationale Prüfung ist. Darin waren Sachtexte, Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte und auch ein paar Bilder. Die Texte sind Grundlage für die Leseverständnisprüfung und eigentlich dazu gedacht, sie im Unterricht mehrere Wochen lang durchzukauen. Nach einer halben Stunde war ich damit durch und hatte nicht das Bedürfnis, mich noch nennenswert länger damit zu beschäftigen. (Endlich zahlt sich mein Germanistikstudium mal aus…!) Ich ging also wieder zu Anna, um sie nochmal genauer zum Aufbau der Prüfung zu befragen, die ich kommenden Montag ablegen sollte. Sie schaute erst etwas ungläubig, ob ich wirklich schon mit dem Heft durch wäre, akzeptierte das dann aber und bot mir an, die Prüfung schon am nächsten Tag zu machen. Und so habe ich heute die erste Teilprüfung abgelegt und ich bereue bislang nicht, mich nicht länger vorbereitet zu haben. Soviel also zum Thema nationale Prüfung…
Spannend finde ich aber, dass ich die offiziellen Prüfungstexte und den offiziellen Prüfungsbogen fürs Schuljahr 2011/12 hatte. Ob die Teenies im Februar dann wirklich die die gleiche Prüfung schreiben wie ich heute…? Irgendwie kann ichs mir ja nicht vorstellen. Aber vielleicht erschließt sich mir da gerade eine ungeahnte Einnahmequelle auf schwedischen Schulhöfen…

Als ich meine Prüfung abgab, meinte Anna dann, dass wir doch auch gleich morgen den mündlichen Teil machen könnten. Klar, warum nicht… Und der dritte Teil kommt dann Anfang November, wenn mein Kurs gerade seine erste Zwischenprüfung schreibt.

Die Prüfung heute war… nun ja… einfach. Einige Multiple-Choice-Fragen, viele Fragen, die sich mit ein paar Worten beantworten ließen und zwei bis drei tiefergehende Fragen nach Text-Bildzusammenhängen. Knietief, nicht schwimmtief. Offentlich scheinen schwedische Kinder in den ersten neun Jahren noch sehr viele andere Dinge im Schwedisch-Unterricht zu lernen die nicht abprüfbar sind, denn ansonsten wäre diese Prüfung – mit Verlaub – ein Witz. Die Texte selbst, allesamt authentisch, waren an sich angemessen was Inhalt und Sprachniveau angeht, aber die Fragen dazu waren teilweise grenzwertig naiv.

So sehr ich mich auch darüber freue, wie unkompliziert das mit Schwedischlernen hier ist, so sehr wundere ich mich aber auch über die Inhalte und das Niveau. Nein, ich kritisiere es nicht, ich wundere mich. Und ich stelle Tag für Tag den Muttersprachunterricht in Deutschland mehr in Frage. Gut, von innen kenne ich nur baden-württembergische Gymnasien und das ist ja auch nur ein Bruchteil der 16 deutschen Schulsysteme. Dafür kenne ich da sowohl die Anforderungen, die an die Schüler, als auch die, die an die Lehrer gestellt werden, aus eigener Erfahrung.

Schwedisches Schulbuch für die 9. Klasse, Schwedisch als Zweitsprache

Ich frage mich, warum sich dort die 15jährigen durch den Kanon der deutschen Klassiker und Barocklyrik durchackern müssen, während hier Jugendliteratur der letzten 15-20 Jahre im Unterricht gelesen wird. Warum dort Reimschemata, Versmaße und verschiedene Strategien der Dramenanalyse und -interpretation gepaukt werden und man hier erklärt, welche Gefühle man bei der Lektüre eine bestimmten Buches hatte und ob einem das Buch gefallen hat. Warum dort ein Autor mindestens tot oder Nobelpreisträger sein muss, bevor man ihn als Schullektüre würdigt und hier Håkan Nesser und Henning Mankell im Unterricht gelesen werden.

Offensichtliches Unterrichtsziel hier scheint die Freude am Lesen und der Abbau eventuell vorhandener Berührungsängste mit Zeitungen zu sein, denn jede Woche schreibe ich mehrere fiktive Zeitungstexte – Leserbriefe, Kommentare, usw. – die vor allem darin bestehen, seine persönliche Meinung zu irgendeinem Thema auszudrücken. (Vielleicht müssen die konsensorientierten Schweden das wirklich üben?)

Die Germanistin und Musikerin in mir erinnert sich natürlich an zahllose Seminare, die der Einübung der Rechtfertigung des eigenen Faches dienten. Warum es so wichtig ist, unsere Kinder an Bach und Kant, Schiller und Mozart, Schönberg und Goethe geistlich und sittlich reifen zu lassen.
Natürlich habe ich das nicht vergessen und die “klassische Bildung” (was auch immer das letztendlich ist) steckt auch zu tief in meiner Seele als dass ich ihren Nutzen völlig in Frage stellen möchte. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob diese Haltung nicht an der Mehrheit der Schüler vorbeigeht, mögen die Lehrer auch noch so toll ausgebildet und motiviert sein. Und ob der Sache letzten Endes nicht mehr dadurch gedient wäre, wirkliche Begeisterung für Literatur durch spannende Jugendbücher zu wecken als den Götz von Berlichingen mit ach-so-schülerzentrierten Methoden wie Standbildern nachzutanzen oder den  Werther als Foto-Love-Story im Bravo-Stil oder als Manga nachzuerzählen.


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