Wie ich einmal den norwegischen Nationalfeiertag rettete

Samstag, 18. Mai 2013

Hätte mich vor zwei Jahren, wenige Monate vor unserem Umzug nach Schweden bei der Europa-Arbeitsberatung jemand gefragt, wo ich mich in zwei Jahren sehe, hätte ich wohl eine Sache niemals geantwortet: Ich marschiere in Uniform einer Fahne hinterher und spiele eine Nationalhymne. Doch manchmal geht das Leben eben krumme Wege und dann marschiert man eben auch mal hinterher. Dem Leben. Oder auch einer Flagge.


Die Vorgeschichte

Aber von vorne. Meine Musikschule verfügt über ein gut gebuchtes sinfonisches Blasorchester, das bei Bedarf auch paradiert. Als Klavierlehrer hatte ich bisher mit dem Orchester nur marginal zu tun, aber mein Kollege, der das Orchester leitet, hat mich im Hinblick auf die bevorstehende Deutschlandreise des Orchesters überredet mitzuspielen. Eingeweihte wissen vielleicht, dass ich vor vielen Jahren mal Klarinette gespielt habe, aber leider leidet unser Orchester nicht an Klarinettenmangel, im Gegenteil. Wie also einen Pianisten sinnvoll in ein Blasorchester integrieren? Als Fahnenträger? Notenständer? Nein. Mein Kollege konnte sich jetzt einen langgehegten Wunsch erfüllen: ein Glockenspiel für sein Orchester! Zunächst sollte ich Lyra spielen, aber die 25 Kilo Instrument konnte ich nur entweder tragen oder bespielen, aber nicht beides gleichzeitig. So wurde es also ein Glockenspiel, das ich mit einem Tragegestell wie einen Bauchladen vor mir hertrage.

Szenenwechsel. Das Jugendorchester einer kleinen Kommune in Südnorwegen stellte im Frühjahr dieses Jahres seinen Betrieb wegen Mitgliedermangels ein. Das Festkommittee, das die Feierlichkeiten für den norwegischen Nationalfeiertag plante, stellte daraufhin fest: Nationalfeiertag ohne Musik? Undenkbar! So kam man auf die Idee, ein Orchester von auswärts einzukaufen, aber natürlich waren sämtliche norwegischen Orchester an diesem Tag ausgebucht. Auf verschlungenen Wegen landete die Anfrage vor drei Wochen schließlich bei uns. Als wir alle unsere Jugendlichen für einen Tag vom Unterricht befreit hatten und zusagten, ahnten wir noch nicht, welche Medienresonanz diese Reise mit sich ziehen würde.


Schwedisches und norwegisches Presseecho

Ein schwedisches Orchester marschiert am norwegischen Nationalfeiertag an der Spitze des traditionellen Umzuges? Das war manchen Norwegern nicht geheuer und die norwegische (Klatsch)Presse blies die Sache kräftig auf:

Aftenposten

“Hilfe aus Schweden für die die Nationalhymne am 17. Mai – ‘Ich hoffe, wir werden nicht mit Tomaten beworfen’ sagt der Dirigent”

Auch schwedische Medien witterten einen Skandal und sparten nicht an Spott:

"Schweden helfen Norwegern beim Feiern"

“Schweden helfen Norwegern beim Feiern” (Borås Tidning)

Aber eigentlich war es doch eher ein Skandälchen, welches es in Ermangelung noch weltbewegenderer Ereignisse in den Ticker der größten schwedischen Presseagentur TT schaffte und damit auch ins schwedische Pendant zur Bildzeitung:

Norrmännen rasar

“Die Norweger sind wütend: Schwedisches Orchester am Nationaltag. Dirigent: ‘Mal sehen, ob wir es wagen können, dort hochzufahren’”

Das Hickhack, dass daraufhin einsetzte, erreichte schließlich seinen Höhepunkt, als das norwegische Staatsfernsehen NRK letzten Montag  in unserer Orchesterprobe auftauchte, flankiert von diversen schwedischen Reportern, die in erster Linie darüber berichteten, dass das norwegische Staatsfernsehen über ein schwedisches Musikschulorchester berichtete. Metaberichterstattung. Kann ich auch :-)


Im norwegischen Fernsehen

Das nicht mal einminütige Filmchen, das aus 2,5 Stunden Bildmaterial entstanden ist, kann man noch ein paar Tage lang auf nrk.no ansehen. Wir proben hier gerade Norwegens inoffizielle Nationalhymne Norge i rødt, hvitt og blått und unser Dirigent verkündet süffisant grinsend, dass das Stück von einem Schweden geschrieben wurde. Und ja – das Plingpling bin ich und ja, mein Kopf ist die letzten 15 Sekunden im Umfang von einem halben Zentimeter zu sehen.


Der große Tag

Schließlich war der große Tag da: der Syttende Mai. Nach einer kurzen Nacht mit Matratzenlager in einer Grundschule versammelten wir uns um 6.30 zum Morgenappell zur Generalprobe auf dem Schulhof und probten ein letztes Mal unsere Marschaufstellung, das korrekte Anlegen der Waffe des Instruments und natürlich Ja vi elsker dette landet, den Gammel Jegermarsj und ähnlich lyrische Stücke, während der Hausmeister die Flagge hisste. Morgenstimmung in Norwegen hatte ich mir bisher immer ganz anders vorgestellt…

Nach dem Frühstück holte uns dann der Bürgermeister persönlich ab und mit unserem Tourbus ging’s zum ersten der drei Umzüge, die wir anführten. Der Ablauf war im Großen und Ganzen jedes Mal der gleiche: Begrüßung und Nationalhymne an Kirche/Schule/Sportplatz, Abmarsch, Zwischenstopp am lokalen Kriegerdenkmal mit Kranzniederlegung, Schweigeminute und Nationalhymne, danach Weitermarsch zu Schule/Sportplatz/Kirche. Dort Ansprache, Nationalhymne und Blümchenübergabe, ein Stück Torte auf die Faust, zurück in den Bus und weiter zum nächsten Umzug. Ein strammes Programm also und leider hatte ich kaum Zeit zum Fotografieren. Aber natürlich war die Lokalzeitung vor Ort:

Weiter zur Bildergalerie des Tønstads Blad

Quelle: Tønstads Blad, Fotograf: Peder Gjersøe (Aufs Bild klicken um weitere Bilder anzusehen.)

Nicht nur der Zeitmangel verhinderte das Fotografieren, auch die Uniformetikette verbietet das Tragen uniformfremder Gegenstände am Körper. Aber ich oller Rebell und Fotonarr konnte es mir nicht verkneifen und hatte trotzdem meine kleine Kamera unter der Uniform versteckt:

Aller negativen Berichterstattung zum Trotz wurden wir sehr freundlich empfangen und zwischen den allgegenwärtigen Norge, hurra!-Rufen hörte man sogar hier und dort ein Heja Sverige! und viele Menschen bedankten sich auch hinterher noch persönlich bei uns, dass wir die lange Reise auf uns genommen hätten, um ihren Nationalfeiertag zu retten.


Als Deutsche in schwedischer Uniform in Norwegen

Und wie fühlt man sich so, als Deutsche, in schwedischer Uniform hinter einer norwegischen Flagge marschierend? Selbst wenn man mal von dem ganzen militärischen Klimbim absieht und ignoriert, dass Märsche, aus denen der Nationalstolz quillt wie Mayonnaise aus schwedischen Krabbenbrötchen, es wohl nicht mehr in meine persönliche Hitliste schaffen werden und wenn man weiterhin darüber hinwegsieht, dass ich im Geschichtsunterricht soviele Guido-Knopp-Dokus sehen musste, dass der Klang marschierender Schuhe in meinem Gehirn unweigerlich mit wackeligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Nürnberger Parteitage verknüpft ist, dann kann ich sagen, dass aus mir kein ordentlicher Patriot mehr werden wird, egal in welchem Land ich lebe.

Ich fühlte mich nämlich gestern vor allem als – Europäer. Und das norwegische Triumphgemüse in rødt, hvitt og blått macht sich ganz ausgezeichnet auf unserem Frühstückstisch.

Norwegischer Blumenstrauß

Nachtrag: Hier noch eine englischsprachige Quelle aus Norwegen: Sweden ‘saves’ Norway 17 May following local row


Osterferien

Donnerstag, 4. April 2013

Eine gute Woche lang hatten wir jetzt Besuch aus Deutschland, meine Mutter hat unser Gästezimmer eingeweiht. Und leider ist es wie immer – je mehr man erlebt, desto weniger Zeit hat man zum Bloggen. Und nach einer Woche mit ununterbrochen strahlendblauem Himmel (Zitat meiner Mutter: “Euer Wetter ist echt langweilig. Jeden Tag gleich.”) und täglichen Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung sitzt man dann auf rund 1000 Fotos und gefühlt ebensovielen Erlebnissen und weiß überhaupt nicht, wo man anfangen soll zu erzählen und zu bebildern.

Ich könnte zum Beispiel erzählen von Karfreitag, als Jonas und ich in einer wunderschönen blau-weißen Holzkirche unsere erste Mugge als Duo hatten. Ich würde mir den Kommentar erlauben, dass Kontrabass und Klavier die optimale Besetzung für die Umrahmung von Karfreitagsgottesdiensten seien.

Oder ich könnte erzählen vom Samstag, als wir um die Mittagszeit in der Innenstadt eher versehentlich in einen Umzug von kleinen Påskkärringar (Osterhexen), Osterhasen und Osterhühnchen gerieten, die sich anschließend auf dem Marktplatz zum großen Tanz um den Osterbaum versammelten. Die Lieder waren zum Großteil die gleichen wie an Mittsommer (und an Weihnachten) – Hauptsache, in der Mitte steht etwas, um das man tanzen und singen kann…

Ich könnte erzählen von dem kleinen Flugzeug, das am Samstagabend auf unserem zugefrorenen See landete und am Sonntag morgen wieder abhob. In diesem Zusammenhang könnte ich auch noch erzählen, wie ich an die Telefonnummer des gutausehenden Piloten kam.

Die vielen Spaziergänge auf unserem Haussee würde ich vermutlich am Rande erwähnen, aber vor allem würde ich erzählen, wie oft wir mit unseren Kiekern auf dem Vogelturm am See standen und uns über die auf dem Eis rastenden Wildgänse und Singschwäne freuten.

Natürlich würde ich euch ein bisschen neidisch machen wollen mit unserem Besuch in dem kleinen Mühlencafé, in dem es sehr leckere Hausmannskost und süße Leckereien gab und wo wir definitiv nicht das letzte Mal waren. Oder mit dem kleinen lanthandel direkt an der Mühle, in dem es fantastisches Apfelmus, Marmeladen und hantverk gibt. Und ich würde die faszinierenden Eisformationen im Mühlbach erwähnen.

Bestimmt würde ich euch auch vorschwärmen von unseren Wanderungen durch Hochmoore und über vereiste Wege, der fantastischen Aussicht vom Gipfel des Boråser Skiberges und der Tatsache, dass wir jeden Mittag irgendwo in der Sonne rumgelegen haben. Nicht nur auf unseren Wanderungen, sondern auch auf unserem Ausflug nach Ulricehamn, einem Bilderbuchstädtchen etwa 30 km von hier, welches ebenfalls auf unserer “Nicht-zum-letzten-Mal-Liste” gelandet ist.

Und mit Sicherheit würde ich Unmengen von Fotos posten, die ich an unserem Tag am Hornborgasjö geschossen habe. Ich würde erzählen, dass der Hornborgasjö jedes Jahr fester Rastplatz der aus dem Süden zurückkehrenden Kraniche ist und sich dort bis zu 25 000 Kraniche tummeln und ihre Paarungstänze vollführen. Im gleichen Atemzug würde ich mich darüber beschweren, dass wegen der Kälte in Deutschland die meisten Kraniche noch nicht angekommen waren, aber dass auch gut 1000 Kraniche + Wildgänse + Schwäne schon für ein unglaubliches Gewimmel und noch ohrenbetäubenderes Gekreische sorgen können. Vielleicht würde ich auch noch zwei Links setzen: zur täglich aktualisierten Kranichzählung und zu den Webcams, auf denen man das Vogelgewusel live beobachten kann.

Aber wann soll ich bitte diese ganzen Artikel schreiben – unsere Osterferien gehen doch nur noch bis Sonntag?!


Lotterie – Oder: Wie ich einmal ein Fettnäpfchen in eine Torte verwandelte

Sonntag, 3. März 2013

Seitdem ich an der Musikschule unterrichte, bin ich in der komfortablen Situation, dass ab und zu Muggen an meine Tür klopfen, ohne dass ich mich sonderlich darum bemüht hätte. (Für Nichtmusiker: Mugge steht für Musik gegen Geld – Gelegenheitsjobs, die zwar zum Leben selten reichen, aber oft ein willkommenes Taschengeld sind.) Wie sehr hätte ich mir solche Muggen letztes Jahr gewünscht, als ich meinem eher uninspirierendem Übersetzerjob nachging, aber da brauchte irgendwie nie jemanden einen Pianisten oder niemand hat an mich gedacht.

Jetzt, wo ich endlich wieder mein Knäckebröd mit dem verdiene, was ich gelernt habe, kommen die Muggen von ganz allein.
So klopfte es neulich an der Tür meines Unterrichtsraumes, als ich gerade eine Pause hatte. Vor mir stand die örtliche Kantorin und fragte, ob ich nicht eine Fastenandacht im Nachbarort musikalisch umrahmen könnte. Abends, unter der Woche, sie sei leider verhindert und sie habe gehört, ich sei “die Neue” hier. Die Andacht sollte im Gemeindehaus stattfinden, also mit Klavier und nicht mit Orgel (puh…!). Nach einem kurzen Blick in den Kalender sagte ich zu.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit dem Pfarrer; er war sehr aufgeschlossen und wünschte sich bloß, “dass es irgendwie zur Passionszeit passt, es darf aber auch gerne etwas Weltliches sein.” Mit Haydn, Schumann und einem Choralbuch im Gepäck machte ich mich also eine Woche später auf den Weg. Die Andacht war mit rund 20 Senioren für den winzigen Ort relativ gut besucht und es war eine sehr angenehme Atmosphäre dort zu spielen.

Zwingender Bestandteil solcher Veranstaltungen ist immer ein anschließendes Kyrkfika, in diesem Fall organisiert von den Damen des Gemeindenähkränzchens. Neben Kaffee wurden natürlich auch Unmengen an selbstgebackenem Kuchen und liebevoll zubereiteten Schnittchen serviert. Fastenzeit auf schwedisch.

Und natürlich gab es eine Lotteri.
Irgendwie wusste ich schon, dass Loseziehen in Schweden Volkssport ist, aber ich bin ja nicht so der Draufgänger und hab mich daher noch nie sonderlich dafür interessiert. Aber in dieser Situation hätte es sich irgendwie falsch angefühlt, kein Los zu kaufen. Als die Dame mit den Losen also bei mir vorbeikam, hatte ich also schon 20 Kronen für zwei Lose parat. Die Papierröllchen hingen an einem Metallring und es gab ungefähr gleich viele lange und kurze Lose. Da ich nicht wusste, was es mit den langen und kurzen Losen auf sich hatte, dachte ich, ich ziehe mal ein langes und ein kurzes. Böööööser Fehler…

Lose ziehen auf Schwedisch

Lose ziehen auf Schwedisch (Bildquelle: skövdegravyr.se)

Die Dame reichte mir den Ring, damit ich mir zwei Lose abreißen konnte, aber die Lose waren unglaublich schwierig von diesem Metallring abzufriemeln, sodass es bei mir lotteriunerfahrenem Wesen eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis ich mein erstes – langes – Los in der Hand hielt. Als ich anfing, das zweite Los abzuknibbeln, schaute mir die Dame über die Schulter und fragte freundlich, ob die Lose denn heute besonders hartnäckig seien. Ich nickte leicht beschämt und deutete auf das erste – lange – Papierröllchen, das vor mir auf dem Tisch lag, während ich an einem kurzen Papierröllchen rumfummelte. Entsetzen machte sich im Gesicht der Dame breit: Nej men… vad göööööör du? (Aber… was machst du denn da?) rief sie laut. Alle Gespräche am Tisch erstarben und zwanzig weitere Augenpaare richteten sich auf mich, die ich mir in diesem Augenblick so unfassbar dumm vorkam und mir ein gnädiges Loch wünschte, das sich bitte unter mir auftun sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung was, aber irgendwas musste ich an diesem Loseziehen gerade gravierend falsch machen.

Selten war ich einem Pfarrer so dankbar wie in diesem Augenblick, denn… er lachte auf einmal schallend los und entspannte so erstmal die ganze Situation mit den 20 Senioren, die mich anstarrten, als ob ich gerade dabei wäre, den silbernen Kelch beim Abendmahl mitgehen zu lassen. Ni har väl inga lotterier i Tyskland, eller hur? (In Deutschland gibt’s wohl keine Lose, wie?) schmunzelte er, nahm mein langes Losröllchen vom Tisch und riss es in der Mitte durch. Die eine Hälfte gab er mir, die andere gab er der Dame mit den Losen. Dann nahm er den Ring und zeigte mir, dass die langen Lose alle in der Mitte perforiert waren und man nur den unteren Teil der Lose abreißen dürfe, denn die andere Hälfte diene später dazu, den Gewinner zu ziehen. Ich hatte also gerade mich selbst und beinahe auch noch jemand anderes um die Möglichkeit eines Gewinns gebracht. Peinlichpeinlichpeinlich…

Als alle ein paar Lose gekauft hatten, dachte ich, das wäre dann auch das Ende der Veranstaltung und hoffte, mich bald möglichst unauffällig aus dem Staub machen zu können. Die Ziehung der Lottozahlen würde wohl am Sonntag beim nächsten Kyrkfika stattfinden, dachte ich. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Dame mit den Losen gemacht, denn die begann jetzt ihre Runde wieder von vorn. Natürlich wollte ich nicht die erste sein, die ging und so blieb ich erstmal sitzen. Guuuute Entscheidung…

Der Pfarrer klärte mich nämlich jetzt auf, dass das Kaffekränzchen erst beendet sei, wenn alle 100 Lose am Ring verkauft seien, und alle Gewinne einen neuen Besitzer gefunden hätten. Die 1000 Kronen aus der Lotterie seien wichtiger Bestandteil der abendlichen Kollekte. In diesem Moment erschloss sich mir die Unmenge an Schnittchen und Kuchen, denn unter diesen Umständen schien das ein längerer Abend zu werden. Auf wundersame Weise reichten die Schnittchen genau so lange, bis das letzte Los verkauft war (ein bisschen wie bei der Sache mit Jesus und den Fischbrötchen).

In einer Ecke des Saals wurde nun ein Gabentisch aufgedeckt und die Dame mit den Losen holte sich noch eine Glücksfee hinzu. Meinetwegen mussten die beiden jetzt erst alle 100 halben Lose vom Ring pflücken und in eine Schüssel legen, denn sonst wären ja die Chancen ungleich verteilt gewesen. Mannmannmann, so ein Aufwand, nur weil ich zu blöde zum Lose ziehen bin.

Und dann begann die eigentliche Verlosung. Und jetzt ratet mal, wessen Los als erstes aus der Schüssel gezogen wurde?… Richtig. Meins. Ausgerechnet.
Und so hatte ich als Erste die Auswahl zwischen Duftkerzen, Duschgels, Kaffeepäckchen, Grünpflanzen, Topflappen und Selbstgebackenem. Weil ich meine Wertschätzung für die ehrenamtliche Arbeit der Damen vom Nähkränzchen irgendwie zum Ausdruck bringen wollte, entschied ich mich hierfür:

Rulltårta

Rulltårta – Irgendwer muss ja eine solche Bürde in der Fastenzeit auf sich nehmen, oder?

Natürlich bekam ich nicht nur ein Stück, sondern eine ganze Rulltårta, von der Jonas und ich uns den Rest der Woche lang ernähren konnten. Fastenzeit, wie gesagt.
Ein solches kuchengewordenes Fettnäpfchen werde ich jetzt wohl nie wieder essen können, ohne dabei an Papierlose denken zu müssen.

Zum Glück stellt diese Episode jedoch noch nicht das Ende meiner noch jungen Karriere als Aushilfskirchenmusikerin dar. An Karfreitag sind Jonas und ich bereits wieder gebucht. Und ich werde ihn vorher genauestens instruieren, wie das mit den Losen geht…


TV-Tipp: Molanders

Dienstag, 29. Januar 2013

Nachdem unser Fernsehtipp mit dem Adventskalender ja bei vielen unserer Leser ziemlich gut ankam, können wir euch jetzt einen neuen TV-Tipp liefern: Molanders.

Die Molanders sind eine vierköpfige, vielbeschäftige Familie aus Stockholm. Papa Olof ist Konzertpianist und viel unterwegs, Mama Fanny erfolgreiche Kardiologin und der Stundenplan der musizierenden Kinder ist ebenfalls gut gefüllt. Als die Mutter einen Burnout erleidet und der Vater ein Jobangebot als Leiter einer Kulturschule erhält, beschließt man, in die tiefste Provinz zu ziehen – nach Alingsås (nur eine halbe Stunde von uns entfernt :-)).

Ab sofort ist das gemeinsame Abendessen heilig und “man braucht schon mindestens ein Attest vom Arzt, um der gemeinsamen Familienzeit fernzubleiben” – so umschreibt es der 18jährige Linus. Auch Schwester Alva (13) fällt die Umstellung aufs Landleben nicht ganz leicht: “Hier leben 95% Dorftrottel und 5% Idioten” schreibt sie der Freundin in Stockholm.

Dass Olofs Eltern nunmehr in der Nähe wohnen und sich auf gemeinsame Angelausflüge und Sonntagsbraten freuen, macht die Situation nicht einfacher – insbesondere nicht für Fanny, die nach ihrem Nervenzusammenbruch erst mal anderes im Kopf hat, als frische Handtücher im Gästeklo aufzuhängen. Der Schwiegermutter missfällt das.

Großartig fanden wir die Szenen, die in der Kulturschule spielen. Olof möchte eigentlich gleich ein großes Projekt (kABBAré, höhö) auf die Beine stellen, muss sich aber stattdessen erstmal mit der russischstämmigen Geigenlehrerin rumschlagen, die nicht im Raum neben dem gepiercten, angeblich schwerhörigen E-Gitarrenlehrer unterrichten will. Natürlich völlig realitetsfern, sowas…

Molanders ist eine in sich abgeschlossene Serie mit zwölf Folgen à 45 Minuten, die jeweils montags ausgestrahlt werden. Laut SVT sind die Folgen weltweit online abrufbar. Ein Klick aufs Bild bringt euch zur ersten Folge (neues Fenster), Untertitel kann man sich dazuklicken (das “T” unten in der Leiste).

Molanders - Quelle: SVT

Molanders – Quelle: SVT


22. Dezember 2012 – Hugo Alfvéns Julsång

Samstag, 22. Dezember 2012

Eigentlich hätte Hugo Alfvéns Julsång schon in unserem letzten Adventskalender stehen sollen, nachdem wir ihn bei Göteborgs Vokalensemble kennengelernt hatten. Leider gab es aber keine einzige ansprechende Aufnahme auf Youtube zu finden. Nach der letzten Weihnachtskonzertesaison haben aber mittlerweile – zu unserem Glück – mehrere gute Chöre das Stück hochgeladen. Wir haben uns für die Aufnahme mit den Stockholm Singers unter Bo Aurehl entschieden und können Euch so endlich einen der schönsten schwedischen Chorsätze vorstellen.

Se, julens stjärna strålar klar
i tysta vinterkvällen;
vår ungdoms fröjd du ständigt var,
när du från himlapellen
ditt sken spred över land och stad
att göra mänskan god och glad.
Lys, stjärna, lys och bringa fröjd
till jordens barn från himlens höjd!
Lys, stjärna lys!

I ålderdomens sena höst,
när livets timmar dala,
du julens stjärna, ger oss tröst,
du kan om lyckan tala.
Ack skänk oss jordefrid och ro,
lär oss på evigheten tro!
Lys, stjärna, lys och bringa fröjd
till jordens barn från himlens höjd!
Lys, stjärna, lys!


19. Dezember 2012 – Chorfantasie über »O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig«

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Eines der wenigen deutschen Weihnachtslieder, das ich mir auch heute noch gerne anhöre, ist O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig. Wahrscheinlich liegt das vor allem daran, dass sich dieses Lied mit seinem eher nachdenklichen Tonfall nicht besonders gut als Kaufhausbeschallung eignet. Hinzu kommt, dass ich es mit einem der besten und prägendsten Lehrer in Verbindung bringe, dich ich während meines Studiums hatte: Peter-Michael Riehm. O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig war eines seiner Lieblingsbeispiele, um uns Studenten den Unterschied zwischen schlecht komponierten pseudo-Volksliedern wie O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter – schneidiger Kommentar eines Kommilitonen: »Das ist halt eine gerrrade, prrreußische Tanne!« – und echter Volksmusik (im besten Sinne!) aufzuzeigen.

Kurz bevor ich dann bei diesem Lehrer mein Hauptfachstudium in Musiktheorie beginnen wollte, verstarb er ganz plötzlich. Nachdem wir dann letztes Jahr in Schweden angekommen waren und mit Göteborgs Vokalensemble ein Weihnachtskonzert vorbereiteten, schrieb ich folgende Chorfantasie in Gedenken an Peter-Michael Riehm.

O Tannenbaum, o Tannenbaum
du trägst ein’ grünen Zweig.
Den Sommer, den Winter,
das dau’rt die liebe Zeit.

Warum sollt’ ich nicht grünen,
da ich noch grünen kann.
Ich hab nicht Mutter noch Vater,
die mich versorgen kann.

Doch der mich kann versorgen,
das ist der liebe Gott,
der lässt mich wachsen, grünen,
drum bin ich stark und groß.


17. Dezember 2012 – Det är en ros utsprungen und julpolska

Montag, 17. Dezember 2012

Noch so eine rhythmisch unverständliche Weihnachtspolska der Gruppe Jul i folkton, dieses Mal mit einer Improvisation über Es ist ein Ros’ entsprungen als Einleitung.


15. Dezember 2012 – Nothilfe für Norwegen

Samstag, 15. Dezember 2012

Die armen Norweger: letztes Jahr ging ihnen in der Adventszeit die Butter aus und sie waren auf wohltätige Spenden aus Dänemark angewiesen. Jetzt ruft die Initiative Africa for Norway zur Spende von Heizkörpern an das kältegeplagte Land auf:

Eine großartige Satire mit durchaus ernst gemeintem Hintergrund.


13. Dezember 2012 – Schwedische Weihnacht anno dazumal

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Weihnachtstraditionen verändern sich. Wer weiß, ob die Menschen in diesem Video Kalle Anka alias Donald Duck überhaupt gekannt haben? Den SVT-Adventskalender gab es auf jeden Fall noch nicht (mangels Fernsehen in Schweden) und der jultomte war noch inspiriert von Wichteln und nicht von Coca-Cola – angeblich war es übrigens ein skandinavisch-stämmiger Werbegrafiker, der 1931 Santa Claus für die Werbekampagne der Coca-Cola-Company zeichnete und so dessen modernes Bild prägte.

Von wann dieser Film genau ist, lässt sich wohl nicht genau sagen. Ich habe eine Seite gefunden, auf der das Jahr 1951 genannt wird. Andere Kommentare vermuten eine frühere Entstehung, es gab ja auch aus den 30er Jahren bereits Farbfilme. Irgendwelche Experten hier, die anhand von Einrichtung, Kleidung, Filmtechnik etc. eine genauere Analyse wagen möchten?

Und für die noch bessere Wochenschauatmosphäre das ganze in schwarz-weiß:


11. Dezember 2012 – Meditationsübung

Dienstag, 11. Dezember 2012

Stell dir vor, Du bist in Schweden aufgewachsen. Stell Dir vor, Du hast schon das eine oder andere Weihnachtsfest hier erlebt. Stell Dir vor, in Deiner Familie gibt es ein Fernsehgerät. Schließe die Augen und lausche dem folgenden Video. Welche Bilder entstehen vor Deinem inneren Auge?

(Statt Kindheit und Weihnachten in Schweden reicht auch auch das Brevlåda-Adventskalendertürchen von gestern.)


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