Ikea, Datenschutz, Plätzchen, Trödel

Sonntag, 6. Januar 2013

Wenn man an einem Samstagnachmittag in den Weihnachtsferien im größeren der beiden Göteborger Ikeas einen Kollegen aus Jonas Musikschule trifft und gemeinsam Köttbullar mit Preiselbeeren isst, ist man dann angekommen?

Wir haben jetzt Deckenlampen für alle Zimmer.  Im Gegensatz zum Internet. Das dauert noch, wir haben unseren Internet-Stick mal vorsichtshalber für eine Woche aufgeladen. Es liegt aber anscheinend nicht an Telia (was unser erster Verdacht war), sondern vermutlich an einer alten Steckdose, die nicht mehr so tut wie sie soll. Nächste Woche kommt ein Tele-TubbyTechniker.

Rein formell war der Umzug übrigens ein Klacks – von unserem Internetproblem mal abgesehen. Ganz bequem konnten wir uns mit unserem schwedischen elektronischen Personalausweis und einem Kartenlesegerät auf der Homepage des Finanzamtes ausweisen (das hier die Funktion des Einwohnermeldeamtes erfüllt) und unsere Adresse online ändern. Das Skatteverket informiert dann auch automatisch alle anderen Behörden über unsere neue Adresse: Krankenkasse, Rentenkasse, Ausländerbehörde und was sonst noch so überlebenswichtig ist. Darüber hinaus konnte man am Ende der Prozedur noch in einer Liste freiwillig ankreuzen, welche Firmen und Organisationen sonst noch so über die neue Adresse informiert werden sollten. Diese Liste umfasste wohl über hundert Posten, angefangen bei Banken, Mieterbund und Gewerkschaften, über Greenpeace und Jugendherbergsverband bis hin zu Lokalzeitungen und Fitnessstudios. Praktisch, oder? Und jetzt kommt mir nicht mit Datenschutz – Adresse, Geburtsdatum und Familienstand kann man eh im Internet nachgucken. (Und damit meine ich nicht unseren Blog.) Gegen einen geringen Aufpreis kann sich auch jeder meinen letzten Steuerbescheid ansehen.
[Mehr dazu: Der hellerleuchtete Bürger]

Um nochmal auf unsere Lampen zurückzukommen: natürlich haben wir auch hier in einigen Fenstern kleine Lämpchen stehen, sodass hier jeder reingucken könnte. Allerdings reichen unsere Fensterbrettlämpchen bei weitem noch nicht für alle Fenster, aber das ist kein Fall fürs Möbelhaus, sondern für die zahlreichen Antik- und Trödelmärkte hier in der Umgebung.

Apropå Trödelmärkte: einer meiner zukünftigen Kollegen hat mich am Freitag auf eine kleine Spritztour durch die Gegend ausgeführt. Ich kenne jetzt zumindest schonmal alle Kirchen (wichtig für Musiker), Badplätze (wichtig im Sommer), Hofläden (wichtig für Ziegenkäseliebhaber), und Trödelmärkte und Auktionsscheunen (immer wichtig) im Umkreis von 20 Kilometern. Anschließend haben wir ihn beim Fika (unser erster schwedischer Gast im neuen Heim!) in die Geheimnisse deutscher Weihnachtsplätzchenkultur eingeweiht. Unsere Mütter waren wie immer sehr fleißig und wahrscheinlich reichen unsere Vorräte noch bis Ostern.

Das Ankommen geht also insgesamt in großen Schritten voran und uns wurde bereits prophezeit, dass wir bald nicht mehr in Ruhe im örtlichen Supermarkt einkaufen werden können, weil die Musikschullehrer hier sehr präsent im öffentlichen Leben sind. Naja, wenn’s uns zuviel wird, treffen wir uns dann am Samstagnachmittag alle incognito im Ikea.


19. Dezember 2012 – Chorfantasie über »O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig«

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Eines der wenigen deutschen Weihnachtslieder, das ich mir auch heute noch gerne anhöre, ist O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig. Wahrscheinlich liegt das vor allem daran, dass sich dieses Lied mit seinem eher nachdenklichen Tonfall nicht besonders gut als Kaufhausbeschallung eignet. Hinzu kommt, dass ich es mit einem der besten und prägendsten Lehrer in Verbindung bringe, dich ich während meines Studiums hatte: Peter-Michael Riehm. O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig war eines seiner Lieblingsbeispiele, um uns Studenten den Unterschied zwischen schlecht komponierten pseudo-Volksliedern wie O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter – schneidiger Kommentar eines Kommilitonen: »Das ist halt eine gerrrade, prrreußische Tanne!« – und echter Volksmusik (im besten Sinne!) aufzuzeigen.

Kurz bevor ich dann bei diesem Lehrer mein Hauptfachstudium in Musiktheorie beginnen wollte, verstarb er ganz plötzlich. Nachdem wir dann letztes Jahr in Schweden angekommen waren und mit Göteborgs Vokalensemble ein Weihnachtskonzert vorbereiteten, schrieb ich folgende Chorfantasie in Gedenken an Peter-Michael Riehm.

O Tannenbaum, o Tannenbaum
du trägst ein’ grünen Zweig.
Den Sommer, den Winter,
das dau’rt die liebe Zeit.

Warum sollt’ ich nicht grünen,
da ich noch grünen kann.
Ich hab nicht Mutter noch Vater,
die mich versorgen kann.

Doch der mich kann versorgen,
das ist der liebe Gott,
der lässt mich wachsen, grünen,
drum bin ich stark und groß.


Am Mjörn

Sonntag, 9. Dezember 2012

Gestern waren wir bei Freunden in Sjövik zu Besuch. Nach einem wunderschönen Spaziergang wurden wir noch mit einem leckeren Mittagessen, Kaffee und lustigen Geschichten verwöhnt.


Konzertreise nach Karlsruhe

Dienstag, 16. Oktober 2012

Zum Vergrößern bitte anklicken

Der Gedanke ist – zumindest als Spinnerei – ungefähr genauso alt wie unsere konkreten Umzugspläne: Sobald wir in Schweden einen passenden Chor gefunden haben, veranstalten wir ein Gemeinschaftskonzert mit unserem Karlsruher Vokalensemble Chorioso. Der passende Chor war schnell gefunden und inzwischen ist Göteborgs Vokalensemble unsere neue musikalische Heimat geworden.

Das Spinnerei-Stadium ist inzwischen längst Vergangenheit: Die Zugtickets sind gebucht, die Konzerträumlichkeiten reserviert, die Plakate geklebt. Am 1. und 2. November werden Göteborgs Vokalensemble und Chorioso gemeinsam zwei Konzerte geben. Hauptwerk des Programms wird die doppelchörige Motette “Komm, Jesu, komm” von J. S. Bach sein. Daneben wird ein “skandinavisches Fenster” mit nordischen Komponisten erklingen und auch eine Uraufführung und Havet von Jonas stehen auf dem Programm.

Da wir in Karlsruhe einen ordentlich gefüllten Zeitplan haben, wird leider nicht viel Zeit für sonstige Besuche bleiben. Um so mehr würden wir uns freuen, wenn wir möglichst viele bekannte Gesichter im Publikum entdecken!


Keine Nachrichten = gute Nachrichten

Dienstag, 28. August 2012

Im Jahr 2000 steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, Emails waren noch nicht überall eine Selbstverständlichkeit und vieles wurde sogar noch der guten, alten Post anvertraut. In ebendiesem Jahr war ich als Austauschschülerin mehrere Monate in einer Kleinstadt mit einer Million Einwohnern in der tiefsten zentralchinesischen Provinz.
Da ich bei meiner Abreise wenig über meine Gastfamilie und meine Lebensverhältnisse in den kommenden Monaten wusste, aber schon vermutete, dass die Kommunikation schwierig werden könnte, vereinbarte ich mit meiner Mutter: Keine Nachrichten = gute Nachrichten.
Sollte heißen: Wenn ich mit Malaria darniederliegen, mit Blinddarmentzündung nach Hongkong ausgeflogen würde oder mir eine Rikschah den Fuß abgefahren hätte, dann hätte vermutlich jemand meine Mutter informiert. Im Normalfall bedeutete Funkstille aber höchstwahrscheinlich Stromausfall, keine Internet-/Telefon-/Faxverbindung oder schlicht: viele Erlebnisse und keine Zeit für Heimweh.

Die Funkstille, die hier auf Brevlåda in den letzten Wochen herrschte, ist auf letzteres zurückzuführen. Der Sommer, der sich im August letztlich doch noch hergetraut hat, war einfach zu kostbar, um länger als unbedingt notwendig vor dem Rechner zu sitzen. Außerdem waren in der alten Heimat Sommerferien, sodass wir viel Zeit mit urlaubenden Freunden hier in der Gegend verbracht haben. Die Kombination aus: Job mit Möglichkeit zum Homeoffice + Jonas’ Semesterferien + VW-Bus + in Schweden (fast) überall verfügbares Internet ermöglichte uns drei lange Wochenenden in Folge, nur ab und zu mussten wir uns dann doch mal bei der Arbeit blicken lassen… (Das heißt nicht, dass ich nicht gearbeitet hätte, aber dabei mit Freunden vor deren Ferienhaus zu sitzen und nach der Arbeit noch schnell in den Vänern zu springen, hat schon was.)

Aber warum “wir” bei der Arbeit – Jonas hat doch noch Semesterferien? Jein. Die Hochschule ruht zwar noch ein paar Tage, aber sein neuer Job als Kontrabass-/Streicherlehrer in einer kommunalen Kulturschule hat bereits begonnen. Aber davon soll er selbst demnächst hier berichten.

Naturgemäß sammelt sich bei so vielen Erlebnissen eine Menge Erzähl- und Fotomaterial an. Und unser Åland-Urlaub wurde hier auch noch nicht in der nötigen Ausführlichkeit bebildert, ebensowenig wie unser Ein-Jahr-in Schweden-Jubiläum gewürdigt wurde… waaaah, Freizeitstress!

Der hat die Ruhe weg.

Für kommendes Wochenende hoffe ich daher mal ganz ketzerisch auf schlechtes Wetter, damit neben meiner (deutschen) Steuererklärung von 2011 auch hier ein paar Zeilen entstehen können. Denn am Wochenende danach sind wir auf einen 40. Geburtstag bei (schwedischen) Freunden eingeladen, anschließend folgen drei Chorwochenenden mit Proben und CD-Aufnahme, dann eine Konzertreise nach Cambridge, dann eine Konzertreise nach Karlsruhe und dann ist Weihnachten. Jedenfalls gefühlt.

Auch wenn es hier gerade etwas ruhiger ist – irgendwann kommen auch wieder lange, dunkle Novemberabende und die eignen sich ja bekanntlich ausgezeichnet dafür, die Fotos des vergangenen Sommers zu sortieren und in den Erinnerungen an endlose Sommernächte zu schwelgen. Aber solange lassen wir euch nicht warten. (Wage ich jetzt mal mutig zu behaupten…) Ansonsten gilt: keine Nachrichten = gute Nachrichten.


Nachholbedarf I: Zwei Schlangen in Mauritzberg

Montag, 25. Juni 2012

Eigentlich war ja gerade Mittsommer und wir haben einiges über unseren kleinen Ausflug nach Schloss Läckö zu schreiben. Seit unserem letzten Artikel ist aber zwischenzeitlich noch mehr passiert, weshalb es heute erst einmal etwas anderes gibt:

Schon lange, noch bevor wir in Schweden ankamen, hat sich bei uns ein Spinnerei eingenistet: Irgendwann, wenn wir gaaaanz viel Geld haben und wir beide von meinen Tantiemen aus der GEMA leben können – hust hust –, wollen wir uns irgendwo an einem See ein schönes Haus kaufen. Aber nicht nur eins, sondern gleich ein ganzes Gehöft oder torp, mit Haupthaus, Gesindehaus, Werkstatt, Scheune und mehr. So etwas wie bei Michel aus Lönneberga, nur bitte direkt am Wasser. Im Haus würden wir dann wohnen, im Gesindehaus unsere Gäste und in der beheizten und klimatisierten Scheune: Unser Flügel. Denn dort würden wir einen Konzertsaal einrichten, in dem wir mit feinen Kammerkonzerten Kultur aufs Land holen würden.

So weit unser Plan. Vor einiger Zeit mussten wir nun entdecken, dass wir nicht die ersten sind, die auf diese Idee gekommen sind. Gerade einmal zwölf Kilometer von uns, schnurstracks in Richtung Pampas, liegt ein alter Gutshof mit wechselvoller Geschichte, von Pension über Dorfladen bis Telegrafenamt hat er viel gesehen. Heute wohnen eine Cellolehrerin und ein Flötenbauer in Mauritzberg. Im Haus, also eigentlich ihrem Wohnzimmer, und in der dazugehörigen Wassermühle organisieren die beiden zusammen mit ihren Kindern, einem eigens gegründeten Verein sowie Fördergelden aus allen möglichen Quellen regelmäßig Konzerte. Dabei wird ein breites Spektrum von Jazz über klassische bis hin zu neuer Musik geboten.

Vorne die Mühle mit Mühlteich, hinten das Haupthaus

Am vorletzten Wochenende lud die Familie zum Sommerfestival ein, dem alljährlichen Höhepunkt der Saison. Ein ganzes Wochenende lang gab es Konzerte: geboten wurden Jazz und Pop, Kammermusik und Barock, ein Kindermusical und sogar eine Oper, die Zauberflöte. Wie man sich sicher vorstellen kann, bietet eine Mühle nicht gerade Platz für eine große Operninszenierung und die finanziellen Mittel eines kleinen Vereins reichen auch nicht, um 18 Solisten zu bezahlen. Daher gab es eine extrem komprimierte, aber sehr stimmige 90-Minuten-Version der Oper, die mit lediglich drei Hauptrollen (Pamina, Tamino und Papageno) auskam. Hinzu kam ein von Tamino aus dem Off gesungener Monostatos und eine gesprochene Papagena; per Videokonferenz wurden die Königin der Nacht und Sarastro zugeschaltet. Dies führte zu recht spannenden Änderungen in der Handlung: So waren die Königin der Nacht und Sarastro ein und dieselbe Person und die erste Dame war in Wirklichkeit Pamina, die Pamino also auf sich selbst ansetzte. Das Orchester war auf ungefähr 15 Musiker reduziert und das Nya MotettEnsemble – also wir – stellten mit  zehn Sängern den Opernchor.

Obwohl die Probenarbeit etwas chaotisch war, wir die Noten erst wenige Wochen vor der Aufführung bekamen und fast keine Proben vorher organisieren konnten, wurde das Ganze am Schluss sehr schön und stimmig – woran mit Sicherheit auch die vielen Helfer und das leckere Essen ihren Anteil hatten. Und natürlich die wunderschöne Kulisse. Und ich meine jetzt nicht die auf der Bühne, sondern die um die Mühle herum; die, in der Annika gerade noch eine Ringelnatter fotografieren konnte, bevor sich die Schlange den alten Mühlgraben herunterstürzte – zu Hülfe, zu Hülfe!

Kurz vor dem Sprung in…

…den Abgrund.

Von der anderen Schlange des Wochenendes – nämlich der aus der Zauberflöte – gibt es leider kein Beweisfoto. Ich kann aber versichern, dass die lange Wurst aus aneinandergeknoteten Müllsäcken einen hohen Unterhaltungswert hatte.


Luxus ist auch…

Dienstag, 5. Juni 2012

…unser Wohnmobil. Nicht, dass unser Bus als solcher besonders luxuriös wäre. Natürlich ist er bequemer als ein Zelt, und die Toilette hat uns auch schon manchen Gang durch den Regen erspart. Aber klassischer Luxus sieht im Wohnmobil sehr anders aus.

Der eigentliche Luxus mit unserem Bus ist ein ganz anderer: Freiheit. Die Möglichkeit, einfach mal am Wochenende abzuhauen und den Alltag zu Hause zu lassen. Und zwar ohne sich vorher große Gedanken über die Reiseorganisation zu machen. Einfach ein paar Klamotten zusammengepackt, WoMo-taugliches Essen eingekauft und fahren, wohin einen die Straße führt. Oder wo nette Freunde aus Deutschland auf einen warten. Zum Beispiel über die Pfingstferien in Dalsland.

Mein erstes Studienjahr ist schon seit ein paar Tagen vorbei, ich hatte also am Freitag keine Verpflichtungen und konnte schon (fast) alles für die Reise vorbereiten. Ziemlich bald nachdem Annika den Laptop zugeklappt hatte – sie kann freitags mittlerweile von zu Hause aus arbeiten – waren wir auf der Straße nach Norden. Gegen acht hatten wir unser Ziel erreicht und warteten auf unsere Freunde.

Am nächsten Morgen gab es dann Frühstück mit verspätetem Geburtstagskuchen für Annika vorm Ferienhaus und…

Dann ging es weiter zu einem Antiquitätenladen. Zu Mittag aßen wir im Holzofen gebackenes Brot mit Butter und Käse im urgemütlichen Café in Hamrane (dazu an anderer Stelle mehr).

Den Abschluss machten dann ein Spaziergang und ein Eis am Vänerstrand.

Am Sonntag war dann das Wetter leider nicht mehr ganz so schön, was uns aber nicht von einem Besuch der Schleusen in Trollhättan abgehalten hat.

Selbst in den heute stillgelegten Schleusentreppen grünt und blüht es überall.

Und jetzt dürft ihr raten, was Annika außer dem Kuchen noch zum Geburtstag bekommen hat.


Nu är vi vänner…

Donnerstag, 3. Mai 2012

Vor einigen Wochen haben wir spontan bei einem Konzert von Skepplandas Kirchenchor ausgeholfen, weil dort gerade Mangel an Mittelstimmen herrschte und weil der Kantor auch unser Chorleiter im Nya MotettEnsemble ist. Weit hatten wir’s ja eh nicht. Die Veranstaltung war nichts Großes, nur ein Musikgottesdienst, dessen unausgesprochenes Motto wohl “Die schönsten Choräle aus den bekanntesten Bach-Kantaten” war.

Während der Fikapause zwischen Generalprobe und Konzert saßen wir zufällig mit den beiden Geigern aus dem Muggerensemble (für Nichtmusiker: Mugge = Musik gegen Geld) zusammen in der Sonne, jeder ein Käsebrötchen in der Hand. Die beiden, verheiratet und etwa ein Jahrzehnt älter als wir, schienen sich unglaublich zu freuen, zwei andere Musiker zu treffen, ergriffen sofort die Initiative und so tauschten wir, ganz altmodisch auf eine Serviette gekritzelt, Telefonnummern und (Post-!)Adressen aus. Keine Emailadressen, kein Facebook (haben wir nicht).

Auch wenn wir uns sehr über diesen kurzen, aber herzlichen Kontakt gefreut hatten, wussten wir zunächst nicht, ob die Aufforderung, sich bald mal zu melden, wirklich ernst gemeint war – man will sich ja nicht aufdrängen. Und so lag die Serviette einige Zeit auf unserem Flügel herum und war auf dem sicheren Weg ins Notenstapel-Nirvana, wo sich auch schon wichtige Visitenkarten von Dirigenten, Versicherungsunterlagen, diverse Monatszeitschriften des Mieterbundes und ein Steuerbescheid tummeln…

Glücklicherweise war der Flügel nach dem Umzug und der Heizperiode inzwischen so verstimmt, dass wir neulich den Klavierstimmer hier hatten und das ist immer der notwendige Impuls, mal wieder den Flügel aufzuräumen (neben Elternbesuchen). Dabei fiel mir die Serviette wieder in die Hand. Mit dem Gedanken “wenn nicht jetzt, dann nie” und ein wenig Herzklopfen rief ich die Nummer an. (Obwohl ich inzwischen ganz passabel schwedisch spreche, ist telefonieren immer noch eine Herausforderung).

Fünf Minuten später war ich um eine Wegbeschreibung und eine Einladung zum Lammsteakessen reicher.

Am Samstag darauf standen wir dann mit einer Flasche Pfälzer Wein (Vorrat von Weihnachten) auf der Matte und wurden begrüßt mit den Worten: “Eigentlich haben wir bisher ja nur 20 Minuten miteinander geredet, aber es fühlt sich an, als würden wir uns schon ewig kennen.” Und das Eis war gebrochen.

Es folgten fünf sehr unterhaltsame Stunden mit exzellentem Essen, einem Spaziergang am nahegelegenen See und intensiver Fachsimpelei übers Angeln – der Gastgeber hat sich gerade die erste Angel seines Lebens gekauft und wir können gerade so einen Fisch von einer Ente unterscheiden.

Als wir uns schließlich in jeder Hinsicht ge- und erfüllt auf den Heimweg machten, sagte sie zum Abschied: “Nu är vi verkligen vänner! – Jetzt sind wir wirklich Freunde.” Ich glaube, das war ernst gemeint: Demnächst gehen wir gemeinsam Bootfahren und Angeln. Und noch haben wir ein paar Flaschen Pfälzer Wein…


Fika-Wochenende

Montag, 19. März 2012

Seit einigen Wochen singen wir neben Göteborgs Vokalensemble noch in einem zweiten Chor, dem Nya MotettEnsemble. Der Chor ist etwas kleiner als GVE, das Repertoire etwas ambitionierter. Geprobt wird nicht regelmäßig, sondern projektbezogen und bei der jährlichen Mitgliederversammlung vor zwei Wochen erfuhren wir unter anderem, dass das Ensemble 2011 mehr Auftritte als Proben hatte. Keine schlechte Bilanz…

Dieses Wochenende waren wir mit dem Chor in Dalsland auf einem Chorwochenende. Ich glaube, ich habe noch nie ein so entspanntes Chorwochenende erlebt. Schon bei unserem Probenwochenende mit GVE im vergangenen Herbst war uns aufgefallen, dass ein Probenwochenende nicht unbedingt heißen muss, dass man viel probt. Aber dieses Wochenende war noch ein Ecke… entspannter. Nach einer rund zweistündigen Anreise am Samstag begann das Wochenende um 11 mit Fika bei der Kantorin, in deren Gemeinde wir dieses Wochenende probten und konzertierten und die selbst im NME mitsingt.

Das Wort Fika entstand zwar ursprünglich durch Silbenverdrehung aus “Kaffee”, ist aber in jeder Hinsicht mehr als eine Kaffeepause. Je nach Lust und Tageszeit gibt es dazu Gebäck oder auch ein kaltes Buffet, aber der wichtigste Aspekt von Fika ist definitiv nicht die Nahrungsaufnahme, sondern die Pflege sozialer Kontakte.

Gegen eins machten wir uns langsam auf den Weg zur Kirche in Dals Ed und probten bis kurz nach drei, dann gabs middag in einer Pizzeria. Anschließend umziehen für den Musikgudstjänst (Musikgottesdienst) am frühen Abend und eine halbe Stunde Autofahrt zur Kirche in Rölanda. Nach dem Gottesdienst gabs Kyrkfika im Gemeindehaus, das wir aber ziemlich bald verließen, wir mussten ja schließlich weiter zum Kvällsfika (Abendfika) beim gastgebenden Pfarrer, dem Mann der o.g. Kantorin.

Nach dem Sonntagsgottesdienst in der Kirche von Högsäter – und dem tollen Erlebnis, eine achtstimmige Renaissancemotette mit 11 Sängern aufzuführen -  gab es natürlich auch dort Kyrkfika, bevor wir uns auf die Heimfahrt machten.

Fazit: Ein wunderbares Fikawochenende mit vielen netten Menschen und vereinzelten Chorpausen. Danke Åsa und Pär-Åke, danke Peter, danke NME!


Ein Jahr Brevlåda

Sonntag, 11. März 2012

Wie der Titel schon sagt: heute vor einem Jahr ist Brevlåda online gegangen. Wenn ich denke, wo wir vor einem Jahr noch standen… manmanman, wir wussten noch nichtmal, wann und wohin wir nach Schweden ziehen würden. Und jetzt sind wir schon bald sieben Monate hier. Unser Sechsmonatsrückblick ist ja leider wegen dieser Autogeschichte irgendwie unvollendet geblieben, aber…

Kurzes Update: Der Wagen wurde von der Versicherung als Totalschaden eingestuft, weil die Reparaturkosten den Wert des Autos überstiegen hätten und es musste daher verschrottet werden. So hässlich diese ganze Autogeschichte auch war, wir haben ganz tolle Unterstützung von unseren Eltern und da der schwedische Kleinwagen-Gebrauchtmarkt eher mau aussieht (gefühlt gab es nur Volvos und andere Kombis oder Geländewagen), wurde für uns in Deutschland gesucht und gefunden. Aber das ist eine andere Geschichte, die einen eigenen Artikel verdient.

… gerade passiert auch so viel, dass es mir müßig erscheint, irgendwelche Rückblicke zu schreiben, weil zur Zeit wieder soviele Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden wollen. Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Und die letzten drei Wochen war hier ganz schön Durchzug, um im Bilde zu bleiben. Ganz oft hatte ich das Bedürfnis, wie bei einer DVD mal kurz auf “Pause” zu drücken, um die neuesten Ereignisse irgendwie für mich sortieren zu können, bevor wieder neue Informationen auf mich einstürmten und schnelle Entscheidungen von mir verlangten. Ausgerechnet von mir. Entscheidungen. Schnell. Haha…

Der Traumjob als Waldpädagogikprojektleiterin, für den ich bereits eine Absage erhalten hatte, meldete sich nochmal, weil der Wunschkandidat abgesprungen war. Allerdings war die Stelle auch von 100% auf 50% geschrumpft und damit auch nur noch halb so interessant. Ungefähr zeitgleich hatte sich aber auch eine eine andere spannende Stelle aufgetan, 70 km von hier. Vollzeit, unbefristet. Nicht Lehrer. Aber auch das verdient bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Mein 30%-Job in der Schule wächst sich langsam zu einer veritablen 95%-Stelle aus, zumindest was den Arbeitsaufwand angeht, nicht die Bezahlung. Wäre auch einen ganzen Artikel wert. Ebenso wie die Tatsache, dass meine Schule am letzten Freitag, meinem freien Tag, geschlossen war, weil in einem Restaurant im gleichen Gebäudekomplex in der Nacht etwas explodiert ist. Die Polizei ermittelt noch, aber im Moment gehen die Vermutungen in Richtung Bombenanschlag. Gruselig das.

Und ich will mich hier heute über ein Jahr “just another wordpress blog” auslassen…? Ja, will ich. 110 Artikel, das macht statistisch etwa zwei Artikel die Woche. 12 000 Klicks in diesem Jahr, macht etwa 32 am Tag; wobei wir in den Monaten vor dem Umzug unter 20 Besucher pro Tag hatten und die Zahlen seit August ständig wachsen. Ist das Schielen auf die Statistik dem Streben nach 15 minutes of fame geschuldet? Nein. Vielmehr dem Wunsch oder der Hoffnung, so mit den Freunden in Deutschland in Kontakt zu bleiben, ganz so wie wir es vor einem Jahr formuliert haben:

Brevlåda („Breew-lohda“) ist schwedisch und bedeutet Briefkasten. Als Schnittstelle zwischen uns und der Welt soll er Berichte über unser Leben vor, während und nach dem Umzug sammeln und später den Kontakt nach Deutschland aufrechterhalten.

Gelingt uns das? Schwer zu sagen, denn leider nutzen (noch) nicht so viele unserer Leser die Kommentarfunktion, die es zu jedem Artikel gibt. Aber wenn dann immer mal wieder ganz unerwartete Mails oder Kommentare von Menschen kommen, von denen wir lange nichts mehr – oder auch noch nie etwas – gehört haben, dann freuen wir uns jedesmal riesig. Und meistens – Asche auf unser Haupt, weil nicht immer – antworten wir auch.

Im diesem Sinne stelle ich hier jetzt mal ein paar Briefkästen hin, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe und vielleicht mag sich ja der eine oder andere stumme Mitleser mal zu erkennen geben und ein virtuelles Zettelchen einwerfen…


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