Bücherwurm… ääh… Bücherkatze


Wenn es jetzt im November gefühlt gar nicht mehr hell wird, mag man sich eigentlich nur noch hinter einem Buch verkriechen. Und wo gibts die meisten Bücher? Klar, im Bücherregal. Tschaikowski weiß das auch…

imgp1936„Oh, die Rowohlt-Biografie vom Kollegen Schostakowitsch, die wollte ich ja schon lange mal lesen.“

Meistens findet er irgendwann von allein wieder raus.

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Meistens. Manchmal aber auch nicht…

imgp19343… 2… 1…

Dann fällt schon mal was runter…

imgp1932„Upps, war ich das? Ich versteck mich mal lieber wieder, bevor sie es merken…“

imgp1940„Merkt bestimmt keiner… oder? Ach, jetzt isses eh schon zu spät, jetzt kann ichs mir hier auch richtig gemütlich machen…“

imgp1952„Aaah, viel besser! Soviel Beinfreiheit!“

imgp1954„Meeensch, wie siehts hier denn wieder aus? Kann man ja echt nicht mit angucken, ich geh jetzt schlafen! Gute Nacht!“

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Achso… deshalb.


Ich sitze in meinem Unterrichtsraum und warte auf den nächsten Schüler, meine Tür ist angelehnt. Im Flur sitzen zwei Schüler,  4. oder 5. Klasse, und ich belausche unfreiwillig ihre Unterhaltung über den Ausgang der US-Wahl.

– „Schon komisch, dass der Kandidat mit weniger Stimmen trotzdem Präsident wird. Voll undemokratisch, oder?“

– „Das liegt am Wahlsystem in den USA. Der Präsident wird ja nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von Elektroden.“

Das erklärt natürlich einiges.

Früher Wintereinbruch


So früh wie dieses Jahr hatten wir glaube ich noch nie Schnee, seit wir in Schweden leben. Wir hatten gerade ein verlängertes Wochenende „Herbstferien“ und konnten den ersten Wintereinbruch daher ganz entspannt genießen. Die letzten Wochen waren auch nass und grau genug…

Tschaikowski gefällt der Schnee offensichtlich, er wollte erst nach zwei Stunden oder so wieder rein, Futter abgreifen und maunzte dann schon wieder die Tür an und wollte wieder raus. Auch wir waren heute endlich mal wieder länger und mit Kamera draußen.

Man merkt, dass die Natur noch nicht richtig Zeit hatte, sich auf den frühen Wintereinbruch einzustellen – viele Pflanzen sind noch gar nicht richtig im Wintermodus, wie zum Beispiel ein paar verirrte Lupinen in unserem Garten oder manche Apfelbäume.

Svenskifiering


Ganz unspektakulär ist unser 5. Jahrestag in Schweden Mitte August an uns vorbeigezogen, denn er fiel gerade in die Woche vor dem Schulanfang, die bei uns traditionell mit Konferenzen und einem ersten Auftaktorchesterlager gefüllt ist. Nach viel zu vielen Telefonaten mit Schülern und Eltern stehen unsere Stundenpläne inzwischen zu 99%  (die alte 80:20-Regel hat sich auch dieses Jahr wieder bewahrheitet) und es ist schon fast wieder Alltag eingekehrt.
(Und irgendwann erzähl ich dann auch noch ein bisschen von unserem Sommer. Vielleicht.)

Aber zurück zu unserem 5. Jahrestag in Schweden: Dieser ist insofern besonders, als da man nach fünf Jahren die Mindestaufenthaltsdauer für die schwedische Staatsbürgerschaft erreicht hat. Weitere Voraussetzung für eine Einbürgerung ist „tadelloses Benehmen“ (skötsamhet), mit anderen Worten: keine Strafverfahren oder Schuldverfahren, auch diese Bedingung erfüllen wir. Da wir uns außerdem als EU-Bürger ausweisen können, steht einem Antrag auf Einbürgerung also nichts mehr im Wege.

Die vielen informellen Voraussetzungen, die an die Svenskifiering, Schwedifizierung, geknüpft sind, wie z.B. ein Mittsommerfest ausrichten, im Advent Lichterbögen ins Fenster stellen, in den Sommerferien am Haus renovieren oder Sonntags Rasen mähen, Bäume fällen und Terrasse kärchern, haben der Lieblingskollege und andere schwedische Freunde die letzten Jahre gut abgeprüft. Nur einen Volvo haben wir immer noch nicht…

Dass wir hier in Sachen Bürokratie echt verwöhnt sind, merkten wir heute an der Tatsache, dass wir nach dreieinhalb Jahren an unserem jetzigen Wohnort noch keinen neuen Briefkopf mit der aktuellen Adresse erstellt hatten…

Das Antragsformular für die schwedische Staatsbürgerschaft war dann auch eher easy auszufüllen (online natürlich) und die Anlagen hielten sich in überschaubaren Grenzen: Beschäftigungsnachweise für die letzten 5 Jahre (Jonas: 1 Zettel, Annika: 3 Zettel) und unsere deutschen Pässe.
Ganz billig war der Spaß übrigens nicht, 1500 Kronen Bearbeitungsgebühr nimmt die Einwanderungsbehörde migrationsverket für einen Einbürgerungsantrag, egal ob dieser am Ende positiv oder negativ ausfällt.

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Jetzt hoffen wir einfach mal, dass wir alles wirklich vollständig ausgefüllt und eingeschickt haben, dann sind wir laut aktuellen Angaben des migrationsverket in 2-6 Monaten schwedische Staatsbürger. Ansonsten kann es über ein Jahr dauern, wenn sie weitere Auskünfte von uns brauchen, das hoffen wir aber nicht.

Und wieder sind wir froh über die EU, denn wir werden dann die doppelte Staatsbürgerschaft haben, was – allen aktuellen Diskussionen zum Trotz – ein Privileg von EU-Bürgern ist, egal, was AfD, CSU und Konsorten dazu sagen.

Wenn es nach uns ginge, würden wir ohnehin am liebsten nur einen einzigen Pass haben: nämlich einen, der uns als EU-Bürger ausweist.

Sommerloch.


Wie immer, wenn es hier im Blog stiller wird, liegt das entweder daran, dass in unserem Leben sehr viel oder sehr wenig passiert. Die letzten Schulwochen Anfang, Mitte Juni waren sehr intensiv, wie jedes Jahr. Dieses Jahr stand keine Orchesterreise auf dem Programm, stattdessen bekamen wir Besuch vom Kammerorchester meiner alten Musikschule, das hier zusammen mit unserem Streicherensemble gemeinsam proben und konzertieren und so die schwäbisch-schwedischen Beziehungen, die hier seit gut drei Jahren bestehen, vertiefen sollte.

Der Lieblingskollege und ich hatten – gemeinsam mit unseren Jugendlichen – neben den Proben und Konzerten für die Gäste außerdem ein recht umfangreiches Begleitprogramm organisiert: von Nyckelharpa-Workshop über Kulturwanderung über Sightseeing in Göteborg, ein vorgezogenes Mittsommerfestchen und dem obligatorischen Besuch im Vergnügungspark Liseberg war so ziemlich alles dabei, was man in fünf Tage so reinpacken kann,

Auch wenn man am Ende einer solchen Woche dann auf dem Zahnfleisch geht, weil man mehr oder weniger rund um die Uhr Reiseleiter, Konzertmanager, Ansprechpartner und Problemlöser ist, so gehören solche Events doch zu den Highlights in meinem Job – erst recht, wenn die Zusammenarbeit mit den beteiligten Kollegen so wunderbar funktioniert wie in dieser Woche. Und den Jugendlichen – schwedischen wie deutschen – hat’s super gefallen, die können den Gegenbesuch kaum erwarten. Ein großes Danke an alle, die dabei waren, auch wenns schon wieder drei Wochen her ist!

Nach dieser superintensiven Woche begannen dann offiziell auch unsere Sommerferien. Die Schüler hatten ihren letzten Schultag bereits am 10. Juni, aber die Lehrer arbeiten hier immer noch ein Paar Tage länger, auch wenn für die meisten Lehrer die letzte Arbeitswoche nur noch so locker dahinplätschert mit Abschlusskonferenzen, Schreibtisch aufräumen etc.

Es fiel mir dieses Jahr ziemlich schwer, von Arbeitsmodus auf Ferienmodus umzuschalten, sodass ich die ersten Ferientage aus Gewohnheit weiter in meine Musikschule gegangen bin, um wie ein Junkie langsam die Dosis zu reduzieren und so die schlimmsten Entzugserscheinungen zu vermeiden. Arbetsnarkomani nennt das der Schwede.

Mittsommer war dieses Jahr eines der wärmsten und trockensten, die wir bisher erlebt haben. Nachdem wir die letzten drei Jahre immer beim Lieblingskollegen zuhause eingeladen waren, haben wir dieses Jahr einen weiteren Schritt in Richtung Schwedifizierung gemacht und unsere Freunde zu uns nach Hause eingeladen. Mit eingelegtem Hering und Schnaps und allem Pipapo. Und nicht ein einziges Foto habe ich dieses Jahr an Mittsommer gemacht, so normal hat sich das alles angefühlt…

Nach Mittsommer kam dann erstmal lieber Besuch aus Deutschland, (kein Orchester, „nur“ Freunde), und dann war das Wetter zu blöd zum Wegfahren, sodass wir lieber weitermachen wollten, Türen und Wände zu streichen, um so Stück für Stück den dunkelbraunen 60er-Jahre-Charme Muff aus unserem Haus zu vertreiben. Seit Februar, als wir das Haus gekauft haben, haben wir bereits fünf Zimmer renoviert, aber fertig sind wir noch lange nicht. Die nächsten Projekte sind bereits bestellt: alle Fenster und die Haustür tauschen, aber das lassen wir Profis machen.

Natürlich hätte man aus all diesen Renovierungsarbeiten einen wunderschönen Vorher-Nachher-Blog machen können, mit unendlich vielen Bildern von hässlichen Abwasserrohren und wunderschön hellen, frisch gekachelten oder gestrichenen Räumen, aber ganz ehrlich: das hier ist kein Bastel- und Heimwerkerblog und nach fünf Monaten Baustelle an wechselnden Stellen im Haus isses auch gar nicht mehr soooo cool. Also doch, jede dunkelbraune/dunkelgrüne/beige Wand weniger ist schon sehr cool, aber nicht jeder vermalte Eimer Farbe verdient einen enthusiastisch bebilderten Platz in unserem Blog.

Vor wenigen Tagen haben wir dann aber unsere aktuellstes Projekt abgeschlossen und machen uns seitdem vorsichtig mit dem Gedanken vertraut, dass wir dieses Jahr auch noch Urlaub machen wollen, also richtig Urlaub, so mit wegfahren und so, nicht nur schülerfreie Zeit zum Renovieren. Unser VW-Bus scharrt schon ganz ungeduldig mit den Füßen…

Wettertechnisch war der Sommer dieses Jahr bislang eher im Mai zu verorten und der Druck, wegzufahren daher auch nicht all zu groß – zumal wir ja dorthin gezogen sind, wo wir früher immer Urlaub gemacht haben. Nach wie vor wissen wir sehr zu schätzen, dass ein wunderbarer Badesee und ein Blaubeerwald buchstäblich vor unserer Haustür liegen. Vor fünf Jahren haben wir dafür noch über 1000 km Anfahrt von Süddeutschland in Kauf nehmen müssen, jetzt machen wir die Terrassentür auf…

Trotzdem, man muss auch mal was anderes sehen als die eigenen vier Wände, auch wenn sie gerade so schön neu gestrichen sind. Daher wird die Blogpause hier noch eine Weile andauern, wenn auch aus anderen Gründen. Denn wie ich uns kenne, wird sich die Lust, von unterwegs zu bloggen, eher in überschaubarem Rahmen halten.

Wo es hingeht? Das wissen wir selbst auch noch nicht genau. Kann sein, dass wir aus alter Gewohnheit erst mal 1000 km Richtung Norden fahren…

Open Water


Der Frühling dieses Jahr fiel auf einen Dienstagnachmittag Anfang Mai. Seitdem ist Sommer. Die Badesaison haben wir dieses Jahr so früh wie nie eröffnet – bereits am 8. Mai! – und seither versuche ich, wenn immer es geht, kleine Badepausen in meinen Alltag einzuschieben. Zum Glück liegt meine Musikschule nur fünf Minuten vom nächsten Badeplatz entfernt, sodass eine Mittagspause oder auch eine halbe Hohlstunde locker reichen für einen kurzen „Dopp“.

Anfang Mai war auch der letzte Termin für mein wöchentliches Schwimmtraining jeden Freitagmorgen um 6:30, das man hier als kommunale Angestellte fast kostenlos belegen kann. Weil ich aber noch nicht genug vom Schwimmtraining hatte, habe ich mich im Schwimmclub angemeldet und trainiere jetzt einmal die Woche in einer Open Water Schwimmgruppe.

Freiwasserschwimmwettbewerbe, bei denen überwiegend längere Distanzen zwischen 500m und 3000m geschwommen werden, sind hier in Schweden ähnlich beliebt wie in Deutschland Volksmarathons – kein Wunder bei den vielen Seen. Einer der größten Wettbewerbe dieser Art findet jährlich in Vansbro in Dalarna statt. Dort schwimmt man zunächst 2000m flussabwärts, um dann in einen anderen Fluss einzubiegen und die letzten 1000m flussaufwärts zu schwimmen.

So weit bin ich allerdings noch nicht. Allerdings liebäugele ich gerade tatsächlich etwas mit „Borås Open Water“ im August, wo man nur 1000m schwimmt und das im See, ohne Strömung.

Heute war unser erstes Freiwassertraining, bis jetzt haben wir nur im (ungeheizten) Freibad trainiert – ohne Wellen, Seerosen und Seeungeheuer. Meine Trainingsgruppe ist heute gut 2000m gekrault und der Unterschied zum Freibad war ungefähr der gleiche wie der zwischen einem Laufband in einem stinkigen Fitnesstudio und einem Waldspaziergang. Einfach herrlich, in der tiefstehenden Abendsonne, ohne Chlorgeruch und schreiende Kinder…

Unser Trainingssee ist mit Bojen markiert, sodass man immer in Ufernähe bleibt und in jeder Trainingsgruppe mit ca. 8-10 Schwimmern schwimmt ein Trainer mit, der auch eine Baywatch-Boje hinter sich herzieht, falls doch mal einen in der Gruppe die Kräfte verlassen sollten.

Außerdem ist das Tragen eines Neoprenanzugs Pflicht, wobei die Anzüge speziell an Schwimmer angepasst und im Vergleich zu Surfanzügen wesentlich enger und bewegungsfreundlicher geschnitten sind. Das Wasser hatte heute knapp über 20°C, und als ich mich nach dem 90minütigen Training noch im Wasser aus meinem Anzug schälte, war ich ernsthaft beeindruckt, wie warm einen diese Gummihaut tatsächlich hält.

Nachdem ich mich in den ersten zwei Kursterminen immer freiwillig in die schwächste der drei Trainingsgruppen einsortiert habe, habe ich mich heute ganz mutig zur mittleren Gruppe gesellt, wo das Tempo merklich höher und damit auch die zurückgelegte Strecke deutlich länger war. Ich war zwar immer die letzte an der nächsten Boje, aber der Abstand war nicht so groß, dass es ernsthaft gestört hätte und auf den letzten 300m habe ich sogar zwei andere aus der Gruppe überholt.

Wenn meine Arme jetzt nicht so entsetzlich lahm herunterhängen würden, ich würde mir glatt selbst auf die Schulter klopfen.

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Morgenstimmung


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5:15: Noch ist alles ruhig da draußen auf dem norwegischen Schulhof, aber in einer Dreiviertelstunde wird die Flagge gehisst und wir werden mit unserem Orchester die norwegische Nationalhymne spielen.
Anschließend wird mehrere Stunden lang marschiert und paradiert…

Die Sonne scheint, der Wetterbericht verspricht angenehmes Marschwetter.
Und zum ersten Mal seit 2003 werde ich heute in der Öffentlichkeit Klarinette spielen, und das auch noch auf einem für mich neuen System denn in Schweden, wie im Rest der Welt außer Deutschland und Österreich auch, spielt man Boehmklarinette.

Was wäre das Leben ohne neue Herausforderungen?

Post aus Schweden