Sommerurlaub 2020 (mit Abstand)


Seit zweieinhalb Wochen arbeiten wir wieder.

„Wieder“ nicht im Sinne von „nach Corona“ sondern im Sinne von „nach den Sommerferien“. Acht Wochen hatten wir davon. Einen Teil davon haben wir im Wohnmobil verbracht (mit unserer Campingkatze), ein paar Tage mit Freunden zusammen gecampt, andere Freunde in Umeå besucht, sind viel durch einsame Natur gewandert, haben in einsamen Seen gebadet und gepaddelt, auf einsamen Stellplätzen gestanden, in Sommercafés mit viel Abstand Kuchen und Eis gegessen. Besonders schön war die Zeit mit zwei Gästen aus Deutschland, die sich Anfang August bei niedrigen Infektionszahlen in beiden Ländern hierher getraut haben und mit uns zusammen wandern, baden, paddeln und Kuchen essen wollten.

Wahrscheinlich hätten wir den Sommer auch ohne Corona kaum anders verbracht.

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Wieder aufwärts


Ich glaube, ich habe das Schlimmste hinter mir. Der Husten macht manchmal eine Pause und das Fieber ist auch runter. Aber ich bin noch sehr matschig. Heute morgen habe ich in einem Anfall von Aktionismus mein Bett abgezogen, geduscht und die Dusche geputzt, zusammengenommen war ich vielleicht eine Stunde auf den Beinen, danach war ich fertig mit der Welt. Und ich merke, wie ich sehr schnell außer Atem bin. Einmal in den Keller zur Waschmaschine und zurück, davon muss ich mich erstmal erholen.

Trotzdem – es fühlt sich an, als gehe es wieder aufwärts, auch mein Geruchssinn ist wieder da.

Jonas ist nach wie vor putz und munter, ringt aber gerade mit sich, ob er morgen unterrichten soll oder nicht. Nach schwedischen Richtlinien ist ein Krankheitsfall im Haushalt kein Grund, zuhause zu bleiben, nach deutschen sehr wohl.

Nachmittags haben wir auf der Terrasse zusammen Tee getrunken. Seit vorgestern sind die Birken grün und der Regen der letzten drei Tage hat unserem Garten einen richtigen Grünanstrich verpasst. Soooo schööööön!

Covid-Alltag


Mir geht es unverändert mittelprächtig. Schmerzhafter Husten, leichtes Fieber, Kopfschmerzen, kein Geruchssinn und inzwischen Muskelkater vom Husten. Soweit so harmlos.

Danke euch allen, für die vielen lieben Kommentare hier im Blog und eure Nachrichten, Mails,… auf allen Kanälen!

Heute, am Ersten Mai, hätten wir beim Besuch unseres Staatsministers Stefan Löfvén mit dem Orchester spielen sollen. Fiel natürlich ins Wasser, sogar buchstäblich. Es schüttete den ganzen Tag, da wärs eh nicht lustig gewesen, draußen zu spielen. Für den Regierungschef mein Orchester dirigeren, das ergibt sich sicherlich bald mal wieder. Nicht. Grmbl.

Hier zuhause haben wir uns so arrangiert, dass ich das Schlafzimmer hemmungslos vollhusten darf, Jonas darf sich im Rest des Hauses frei bewegen. Das Essen stellt er mir vor die Tür.

Heute morgen hatten wir keinen Bock mehr auf die ganze Coronascheiße und haben etwas Geld in die Hand genommen und uns ein Adventure Game runtergeladen, zwecks Realitätsflucht. Jetzt sitzt Jonas im Gästezimmer nebenan, jeder hat seinen Rechner (wir reden jetzt mal nicht drüber, wem der gehört und was man damit machen und nicht machen darf) auf dem Bauch und wir spielen miteinander und rufen uns gegenseitig Lösungsstrategien zu. Die Katze liegt die meiste Zeit bei mir, weil ich das breitere Bett habe.

Ich sach mal so: könnte schlimmer sein.

Valborgsmässoafton


Das Wichtigste zuerst: der Link zu unserer kleinen Valborgsmässoaftonsendung. Heute Abend um 18.00. Mit unter anderem dem Orchester, dessen Leitung ich mir mit dem Lieblingskollegen teile und unserem Duo, Duo Clariano. Außerdem die beiden Pfarrer im Ort (die vier Kinder des einen habe/hatte ich alle als Schüler) und zwei sehr engagierten Damen aus dem Ort.

Valborgsmässoafton ist kein religiöses Fest. Es ist nur Zufall, dass dieses Jahr die eine Kirche für die Ausrichtung des Festes verantwortlich war und das Festkommittee den Pfarrer der anderen Kirche als Festredner bestimmte, daher die hohe Dichte an Pfarrern an diesem weltlichen Feiertag.

Ansonsten gibts hier nicht viel Neues zu berichten. Ich huste und habe leichtes Fieber, Jonas ist fit wie ein Turnschuh und bei der Arbeit. Er war gestern nochmal Großeinkauf für zwei Wochen machen, für alle Fälle. Er ist ins Gästezimmer umgezogen und ich habe ihm verboten, die Virenhöhle aka Schlafzimmer zu betreten. Essensmäßig bin ich auf die 3P-Diät umgestiegen: Pizza, Pfannkuchen und Plattfisch. Hilft das gegen Covid? Nein, aber man kann es unter der Tür durchschieben.

Im Ernst, er darf mir das Essen nur vor die Tür stellen und ansonsten skypen wir zwischen Nordflügel und Südflügel unseres Anwesens. Hust hust.

Apropos Essen: Jonas fantastische Kochkünste sind gerade Perlen vor die Säue, mein Geruchssinn ist quasi unbefindlich. Der Apfelzimt-Milchreis, den er mir zum Frühstück kredenzte, hatte zwar eine augezeichnete Konsistens, schmeckte aber ansonsten nach Pappe. Ähnliches galt für die Kartoffelsuppe, die schmeckte immerhin noch nach Salz.

 

Herdenimmunität – und ich bin dabei!


Es war ja nur eine Frage Zeit, bis auch ich meinen persönlichen Beitrag zur Herdenimmunitätsstrategie unseres Staatsepidemideologen Anders Tegnell leisten würde. Aber dass ich gleich solch ein early adopter sein würde… wer hätt’s gedacht.

Ich dachte ja, das fängt an damit, dass man jemanden kennt, dessen Arbeitskollege jemanden kennt, der… Aber – nein. Außer meinen deutschen Ärztefreunden, die hier auf der Intensivstation arbeiten, kenne ich niemanden, der von sich sagt, dass er/sie Covid-19 hatte oder jemanden kennt, der es hatte oder oder jemanden kennt, der jemanden kennt… Nun kann das ja auch niemand wirklich sicher von sich behaupten, der nicht einen positiven Test gemacht hat, aber ich dachte wirklich, ich würde erst mal eine Zeit von Fällen hören, bevor… naja, whatever. War nicht so. Bin die erste.

Am Dienstag wachte ich mit einem leichten Kratzen im Hals auf und dachte zunächst, dass ich am Montagabend bei unserer Orchesterprobe draußen im Regen zuviel, zu lange, zu laut geredet hatte und deswegen heiser sei. Im Laufe des Vormittags kamen dann Halsschmerzen, also den Unterricht für den Tag abgesagt. Am Nachmittag gesellte sich dann Husten dazu, am Abend Fieber.

Heute habe ich den ganzen Tag quasi ununterbrochen gehustet, sehr trocken, sehr schmerzhaft. Dazu leichtes Fieber und starke Kopfschmerzen. Klingt nach Jackpott.

Aber ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, denn ich werde nicht auf Covid-19 getestet werden – zumindest, solange ich nicht ins Krankenhaus muss.

Ich habe heute bei der nationalen Gesundheitshotline angerufen – 55 Minuten Wartezeit – da der Selbsteinschätzungstest auf der Seite des Gesundheitsportals mir einen Anruf aufgrund meiner Symptome empfahl. Die Krankenschwester am anderen Ende der Leitung war sehr professionell nett und offensichtlich sehr Callcenter-geschult, hat mich aber auch nur mit den erwartbaren Floskeln abgefüttert. Ja, alle meine Symptome würden zu Covid-19 passen, aber ich solle mir keine Sorgen machen, es könnte ja auch ein normaler Schnupfen sein. Testen? Nur wenn ich in der Pflege arbeiten würde, allen anderen würde der Test „nichts bringen“.

Außerdem solle ich mir die Hände waschen und in die Armbeuge husten und auf keinen Fall unter Leute gehen. Mein Mann könne jedoch weiter arbeiten gehen, solange er keine Symptome habe.

Zu meiner Frage, ob ich die Leute, die ich am Montag noch getroffen habe, informieren sollte, meinte sie, dass sei nicht nötig, schließlich sei man ja nur ansteckend, wenn man Symptome habe (!).

Zur Linderung meiner Symptome empfahl sie mir regelmäßig essen, viel Tee trinken und bei Bedarf fiebersenkende Mittel. Soforn es mir nicht nennenswert schlechter gehe, solle ich die Sache zuhause aussitzen. Abwarten und Tee trinken. Buchstäblich. Das kann ich durchaus kaufen, was will man auch machen. Ich weiß selbst nicht genau, was ich mir von dem Anruf eigentlich erwartet habe, außer den üblichen Floskeln.

Natürlich ging ich im Kopf die letzten Tage durch, wenn ich zuletzt getroffen habe und ob ich jemanden vor Ausbruch der ersten Symptome angesteckt haben könnte. Schließlich entschied ich mich, drei Leute anzufrufen, die ich am Montag länger getroffen habe und von denen ich weiß, dass sie wiederum viele Kontakte haben.

Erst im zweiten Schritt kam mir die Frage „woher hab ich den Scheiß eigentlich?“ Ich habe mich die letzten zwei Wochen nur zwischen Zuhause und Schule aufgehalten und einmal ein Besuch im Supermarkt, ansonsten nur im leeren Wald. Ich habe immer brav Abstand gehalten, mir die Hände wundgewaschen und mir von niemandem ins Gesicht husten lassen. Ich habe keine singuläre Situation erlebt, wo ich dachte „oh, oh, das war jetzt nicht gut“ – kein erkälteter Schüler, keine Gedrängesituationen oder Ähnliches, wo die schwedischen Maßgaben sagen würden, dass es zu vermeiden sei. Keine singuläre Situation, das nicht, dafür mein permanentes („deutsches“) Grundunwohlsein, über das ich hier ja auch mehrfach geschrieben habe. Klavierschüler treffen. Gesamtlehrerkonferenzen mit 48 Lehrern. Blasorchesterproben im Freien.

Nun hab ich also aller Wahrscheinlichkeit die Scheiße an der Backe Covid-19. Zu eurer Beruhigung: im Moment gehts mir „den Umständen entsprechend gut“. Ich halte euch auf dem Laufenden. Hab ja jetzt Zeit dazu.

Valborgsmässoafton im Netz


Normalerweise feiert man in Schweden am Abend des 30. April Valborgsmässoafton, Walpurgisnacht. Bei uns sieht das in Nicht-Corona-Zeiten so aus, dass im Park ein paar Zelte aufgestellt werden, wo lokale Vereine ihre Vereinkassen aufputzen durch Würstchen- und Popcornverkauf usw., mein Orchester wechselt sich auf der Bühne mit dem Kirchenchor ab, zwischendurch hält die Lokalprominenz die sogenannte Vårtal, (Frühlingsrede) und die Pfadfinder kümmern sich darum, gesammelte Gartenabfälle in ein großes OsterWalpurgisfeuer zu verwandeln. Zur Tradition gehört auch, dass es vorher wochenlang warm und sonnig ist, aber just an diesem Tag Regen, Wind und einstellige Temperaturen herrschen.

Da sogar in Schweden zur Zeit keine Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern stattfinden dürfen, wird unsere diesjährige Valborgsmässoaftonfeier ins Netz verlegt.

Dafür standen der Lieblingskollege und ich gestern vormittag einige Stunden vor der Kamera. Da der Kirchenchor aufgrund seiner Altersstruktur gerade gar nicht probt, sprangen wir als Duo Clariano kurzfristig ein und nahmen ein paar Stücke auf. Das klingt jetzt so locker fluffig, aber wir haben dafür kein Tonstudio zur Verfügung, sondern die Aufnahmen fanden in der Kirche statt. Woran weder wir noch der Tontechniker-Kameramann-Pastor vorher gedacht hatten, war, dass im Vorraum der Kirche gerade die Toiletten renoviert und umgebaut werden, so mit Wände einreißen und so. Und bevorzugt, wenn wir gerade den Schlussakkord oder leise Passagen spielten, fiel draußen wieder ein Stück Wand dem Vorschlaghammer zum Opfer und wir konnten wieder von vorne beginnen. Vor der Mittagspause hatten wir dann aber doch knapp dreißig Minuten Programm im Kasten. Ich bin so mittelmäßig zufrieden mit der (musikalischen) Qualität, aber in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit war das eben das, was gerade drin war.

Abends hatten wir Probe mit unserem Orchester (draußen, wegen Abstand und so) und auch hier war der Plan, ein paar Stücke aufzunehmen. Natürlich begann es pünktlich zu Probenbeginn an zu regnen, auch online wird diese Tradition nicht vernachlässigt. Wir haben aber ganz tolle Jugendliche, die das ohne Murren und Klagen mitgemacht haben. Herzchenaugensmiley.

Die ganze Sendung mit Frühlingsrede, Musik und Musikquiz zum Mitmachen wird am Donnerstag nachmittag/abend auf den Youtubekanälen der Kirchen bei uns im Ort online gestellt: Klick.

„Komische Handlungsregularien“


Trotz unserer vielen schönen Wanderungen hier im Blog – es ist nicht so, dass uns Corona inzwischen kalt lässt. Und mit „uns“ meine ich Jonas und mich. In unserer Umgebung nimmt das Thema hingegen gefühlt mehr und mehr ab. Wir haben einen wundervollen Frühling (wenn auch zu trocken), die Menschen sind draußen, Restaurants, Cafés und Frisörsalons sind geöffnet. Lediglich Oberstufenschüler und Studenten müssen von zuhause aus lernen und studieren. Homeoffice ist inzwischen wieder eher ein nettes Gimmick für die, die das möchten und wo der Arbeitgeber mitmacht (erfreulicherweise ist die Arbeitswelt in Schweden im Allgemeinen sehr gut digitalisiert). Aber nach ein paar Wochen finden viele das jetzt auch nicht mehr so geil wie am Anfang, also geht man doch wieder zum Job.

In der Kulturschule hatten wir ja vor gut einem Monat immerhin die Direktive bekommen, Gruppenunterricht mit über 10 Schülern zu pausieren. Sogar das wurde jetzt nach Ostern wieder aufgehoben. Wir Lehrkräfte sollen jetzt nach eigener Fantasie den Gruppenunterricht so gestalten, dass wir dabei den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde nachkommen (die da im Wesentlichen nach wie vor unverändert sind: Hände waschen, in die Armbeuge husten, Abstand halten, bei Symptomen zuhause bleiben).

Ich habe losgeprustet vor Lachen (natürlich in die Armbeuge) über die Absurdität, als ich heute Abend den neuesten Drosten-Podcast hörte:

„Dann haben wir zusätzlich gerade diese vielen relativ freien Interpretationen von allen Seiten der Gesellschaft, die plötzlich kommen. […] ich sehe daran, wie viel Fantasie in allen Bereichen der Wirtschaft entsteht, wie man durch komische Handlungsregularien, die man sich selber auferlegt – mit Masken oder Händewaschen und so weiter – Situationen beeinflussen will, wo man offensichtlich sagen muss: Nein, das geht einfach nicht. Das nützt nichts, wenn man sich da ab und zu mal die Hände wäscht. Oder wenn man manchmal eine Maske aufsetzt. Es ist eine Situation, das ist eine Massenansammlungen von Menschen. Das kann man nicht machen, wenn man will, dass die R in Deutschland nicht wieder über eins kommt. Ich würde mich bei diesen vielen Einzelauslegungen dieser Maßnahme nicht wundern, wenn wir über den Mai und Ende Juni hinein plötzlich in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 34, 22.4.2020

Komische Handlungsregularien, das trifft den Nagel auf den Kopf. Es kleidet mein eigenes Unbehagen in Worte, wenn ich mit Zollstock bewaffnet 30 Stühle und Notenständer in die Wiese stelle, um in der Abendsonne zu proben. Blasorchester, ausgerechnet. Aber mit dem Wort Aerosol können hier nur wenige etwas anfangen. (Ja, ich habe überlegt, das Orchester ausfallen zu lassen, aber das wäre Arbeitsverweigerung und ein Kündigungsgrund. Das kann ich mir gerade nicht leisten. Der Arbeitsmarkt für freiberufliche Musiker, der ist nämlich gerade definitiv am Boden. Auch in Schweden.)

Oder wenn ich vor jeder neuen Unterrichtsstunde die Tasten meines Klavieres mit Fensterreiniger „desinfiziere“. Manchmal bekomme ich vom Arbeitgeber auch Desinfektionstücher.

Oder wenn ich meinen Chef frage, ob wir denn eigentlich gerade wirklich jede Woche eine Gesamtlehrerkonferenz in geschlossenen Räumen abhalten müssen, da wir doch definitiv die Strukturen für digitale Meetings hätten und ich zur Antwort bekomme, dass die Grenze für Versammlungen bei 50 Personen sei, unser Arbeitsplatz aber nur 48 Mitarbeiter habe und er jetzt meine Frage nicht verstehe, man folge ja schließlich den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde.

Apropos Gesundheitsbehörde, apropos Absurdität, apropos Unbehagen: Am Dienstag wartete die Gesundheitsbehörde mit Knüllerzahlen in der täglichen Presskonferenz auf. Meistens lese ich nur einmal am Tag die Zusammenfassung, just am Dienstag saß ich aber im Auto und hörte den größten Teil der Pressekonferenz. Da haben die doch tatsächlich verkündet, dass nach ihren Modellierungen auf jeden bestätigten Fall 1000 milde, nicht getestete Infektionen stattfinden würden. Schweden hatte an dem Tag knapp 16 000 bestätigte Fälle (und 10 Millionen Einwohner).

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Ich rechnete kurz im Kopf nach: 16 000 x 1000 = 16 000 000.
16 Millionen Infektionen und das bei nur 10 Millionen Einwohnern in Schweden, das ist eine beeindruckende Durchseuchungsrate von 160 Prozent. Klassenziel Herdenimmunität mit Bravour erreicht, würde ich sagen!

Ironiemodus wieder aus: Heute wurde die Zahl in der Modellierung auf 75 korrigiert, es war tatsächlich ein Eingabefehler, das gab man auch zu. Nun also pro 1 bestätigtem Fall 75 unentdeckte Fälle. Immerhin. Mit den heutigen (23. April) 16 755 Fällen wären das immer noch 1,25 Millionen Infektionen bei 10 Millionen Einwohnern. Für den 1. Mai erwartet man, dass 26 Prozent der Einwohner Stockholms infiziert sein werden.

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Was sagt Drosten eigentlich zum Thema Herdenimmunität?

„Aus all diesen Gründen will ich hier keine exakten Zahlen rechnen, sondern ich will nur sagen, die Botschaft aus dieser Studie ist, die können wir auch für uns annehmen: Wir haben im ganz niedrig einstelligen Bereich die Antikörper-Prävalenz. Und das ist das, was man auch aus anderen Ländern im Moment hört, in anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland gibt es erste Kollegen im Labormedizinbereich, die sagen, wie ihre Zahlen aussehen, und wir selber betreiben auch ein großes Labor. Wir haben einige Tausend ELISA-Teste gemacht. Das ist auch der Eindruck, den ich hier nennen kann, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. Wir bewegen uns in all diesen Situationen, nicht nur in Deutschland, immer dort, wo Labore sind, die schon viel getestet haben, in diesem Bereich bei zwei Prozent, vielleicht mal drei Prozent. Aber dann muss man dazusagen, eigentlich sind bestimmte Sachen, die man abziehen muss, noch nicht abgezogen. Also wir haben keine Situation, wo man sagen könnte, hier besteht schon eine nennenswerte Herdenimmunität. Wir sind überhaupt nicht in der Nähe einer Herdenimmunität.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 33, 20.4.2020

Ich bin keine Virologin, keine Ärztin, keine Wissenschaftlerin. Ich bin nur neugierig. Ich lese viel, ich konsumiere viel (zu viele) Nachrichten, deutsche wie schwedische, und ich beobachte, was um mich herum geschieht. Und ich kriegs im Kopf nicht überein. Ich kann nicht beurteilen, wer da recht hat, aber „26 Prozent“ vs „ganz niedrig einstelliger Bereich“, das ist schon ein ziemlicher Unterschied.

Ich höre auf der Pressekonferenz Menschen fragen, wann denn in Schweden der Lockdown gelockert werde, die anderen Länder in Europa würden ja jetzt auch ihre Restriktionen lockern und denke: welcher Lockdown??? Das bisschen Abstand halten und Händewaschen?

Ich sehe beim Joggen eine Traube von 25, vielleicht 30 Senioren auf dem Wanderparkplatz stehen. Sollen sie wandern wenn ihnen gut tut, es gibt nichts Schöneres gerade und es gibt soooo viele Flecken wo man dabei niemandem auf die Füße tritt. Aber dafür extra ein Treffen mit 25 anderen organisieren?

Gleichzeitig hört man aus den Krankenhäusern nichts Gutes. Ja, Intensivbetten und Respiratoren gibt es noch, wenn auch zum Teil aus den 80ern vom Krankenhausdachboden runtergeholt. Aber kaum Schutzausrüstung, Beatmungsschläuche, Betäubungsmittel und vor allem intensivmedizinisch ausgebildetes Pflegepersonal. Und Menschen über 80 werden einfach mal gar nicht intensivmedizinisch versorgt.

Bei Markus Lanz war gestern ein deutscher Arzt aus Nordschweden zugeschaltet, der die Lage sehr anschaulich beschreibt (ab 54:48). (Lanz‘ Geplapper hingegen finde ich unerträglich, die Überleitung „Weil Sie sagen ‚Gastronomie‘, ich habe da einen interessanten Gesprächspartner für Sie, einen Arzt aus Lappland“ war ööööh… ja.)

Wie kann man nach einer noch weiteren Lockerung der Maßnahmen fragen, wenn die Kurve der Todesfälle pro Einwohner steil nach oben geht?

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Corona-Wanderungen: Nach Gingri


Heute bin ich eine Runde gegangen, die früher zu unseren Lieblingsspaziergängen gehörte. Aus irgendeinem Grund haben wir sie allerdings gefühlt seit Jahren nicht mehr gemacht. Wir wohnen ja zwischen zwei Naturschutzgebieten, eins am See und eins, durch dass sich der Fluss Viskan schlängelt und dass sich dann an der recht steilen Talseite hochzieht. Oben angekommen kann man über die Höhe ins Dorf Gingri laufen und dann wieder zurück ins Tal zu unserer Hausbadestelle. Ein Großteil der Strecke führt durch lichte Wälder und Weideland und ist als Gingrileden (Gingriweg) orange gekennzeichnet, der Rest verläuft über andere Wege und Schotterstraßen vom einen Naturschutzgebiet ins andere.

Nach Gingri gehen wir nach wie vor recht häufig, zumal dort Freunde wohnen, die immer gerne einen Tee aufsetzen, wenn man spontan vorbeikommt. Aber just diese Variante haben wir lange nicht mehr gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird…

Hoj!


Jedes Jahr im Frühjahr stelle ich mir die gleiche Frage: Wäre es nicht ökonomisch, ökologisch und gesundheitlich sinnvoll, statt mit Bus und manchmal Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Fürs kulår, wo ich mehrere Kontrabässe brauche, gibt es kommunale Dienstwagen, die man sich an einigen zentralen Sammelstellen leihen kann und alle Schulen, an denen ich regelmäßig unterrichte – im Moment ist das sowieso nur eine –, kann man ohne Probleme auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß erreichen. Eigentlich der Umstieg aufs Rad also kein Problem. Wenn nicht:HöhenprofilZwölf Kilometer sind ja eigentlich eine ganz angenehme Distanz mit dem Fahrrad, in einer guten halben Stunde könnte man am Ziel sein. Wenn da nicht diese zwei Steigungen wären. Hundert Höhenmeter sind natürlich zu schaffen, aber die beiden „Berge“ sind ganz schön steil und bringen einen schon ins Schwitzen. Und dann sind da  noch die eigentlich wunderschönen Passagen direkt am See: wenn da der Wind gerade aus der falschen Richtung übers Wasser bläst, macht das radeln überhaupt keine Spaß mehr. Und überhaupt: mimimi. Extra früh aufzustehen, um dann beim Job zu duschen, geht übrigens definitiv zu weit…

Vor einigen Jahren habe ich es dann trotzdem mal probiert, nach den Sommerferien bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Zwei Wochen habe ich durchgehalten, dann kamen die Schüler, der Alltag, der Regen, und das war’s.

Die Lösung: Ein E-Bike. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Teuer, brauche ich nicht, zu stolz, nur was für Rentner. Dann doch lieber Bus. Aber den möchte ich zur Zeit gar nicht so gerne nehmen, zu bestimmten Zeiten ist er völlig überfüllt (heißt: man hat keinen Doppelsitz für sich alleine). Abstand halten ist da schwierig, weshalb die hiesigen Verkehrsbetriebe darum bitten, dass nur diejenigen den Bus nehmen, die keine andere Alternative haben. Als sich die Osterferien dem Ende näherten, sind wir dann kurzentschlossen in die Stadt gefahren, haben drei Fahrradläden abgeklappert und seit Ostersonntag (alle Geschäfte auf, auch an Ostern, nix Shutdown…) bin ich nun Besitzer eines Fahrrads mit Hilfsmotor.

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Vor einer Schule, an der ich einmal die Woche Geige unterrichte. Die Schule liegt auch auf einem fiesen Berg.

Zweimal bin ich damit bis jezt zur Kulturschule gefahren und es fühlt sich so an, als ob das mit dem E-Bike-Pendeln ein dauerhaftes Konzept sein kann. Irgendwie habe ich ja auch keine Wahl, denn ansonsten haben wir einen Haufen Geld aus dem Fenster geworfen. Der Härtetest kommt aber natürlich erst, wenn das Wetter nicht mehr so wunderbar frühlingshaft ist – am besten suche ich jetzt schon nach meiner Regenhose.

Ein neues Wort habe ich übrigens auch gelernt. Hoj: heißt: Fahrrad.

TV-Tipp


Braucht ihr eine Pause vom Home-Office, den Kindern, der Corona-Berichterstattung? Wollt ihr einfach einmal entspannen? Oder müsst ihr etwas gegen die Schweden-Sehnsucht tun? Sveriges Television SVT, der schwedische öffentlich rechtliche Fernsehsender, hat die Lösung: Den stora älgvandringen, die große Elchwanderung. Erlebe live, wie tausende Elche den Ångermanälven überqueren. Über 25 Kameras halten dieses atemberaubende Spektakel fest, und ihr könnt live mit dabei sein – hoffe ich zumindest, wenn die Übertragung im Ausland nicht gesperrt ist.

https://www.svtplay.se/den-stora-algvandringen

Ein wenig Eile ist jedoch geboten, die Sendung läuft nur noch bis zum 4. Mai. Also ran an den Laptop und… entspannen. Neben Elchen kann man übrigens auch Ren- und andere Tiere beobachten. Die meiste Zeit sieht man allerdings nur Wald und Fluss, das aber rund um die Uhr.

Die Kameras stehen übrigens in Kullberg bei Junsele in Ångermanland

Post aus Schweden