Vikariat


Anders als in Deutschland, wo jede Schule tagtäglich aufs Neue jongliert, wenn Lehrkräfte kurz- oder längerfristig ausfallen, ist das Vertretungslehrersystem in Schweden kommunal organisiert. Stellt eine Schule fest, dass eine Lehrkraft ausfällt, dann ruft sie in der kommunalen Vertretungslehrerzentrale an, die dann aus einem Vertretungslehrerpool jemanden sucht und direkt zur entsprechenden Schule schickt. Das hat den Vorteil, dass dadurch insgesamt weniger Stunden ausfallen, weil es hier sehr viele kleine Schulen gibt, die gar keine Ressourcen hätten, sich anders zu organisieren. Andererseits haben die Vertretungslehrer so kaum eine Chance, sich auf den Unterricht vorzubereiten und natürlich kennen Lehrer und Schüler einander dann auch nicht.

Vor kurzem habe auch ich mich im lokalen Vikariepool registriert und prompt klingelte am Dienstagmorgen mein Handy mit einer Anfrage der kommunalen Vertretungszentrale, ob ich am selben Tag nachmittags ein vierstündiges vikariat (nein, ich will nicht Pfarrer werden) in einer förskola übernehmen könnte, dort sei ein förskolelärare krankgeworden. Vorschule heißt hier alles, was vor der Schule kommt, also Kinder von 1-5/6. Da in meinem Profil ausdrücklich steht, dass ich für größere Kinder ausgebildet bin, war ich zwar etwas überrascht über die Anfrage, aber Lehrer ist Lehrer und Job ist Job und immerhin habe ich jahrelange Erfahrung als Babysitter (schönen Gruß an die „Babys“, falls ihr hier zufällig vorbeischaut…).

Ablehnen ist in so einer Situation keine gute Idee, denn wenn man sich im Kalender der Online-Plattform für einen bestimmten Zeitraum als arbeitsbereit ankündigt und dann dennoch eine Vertretung für diesen Zeitraum ablehnt, kriegt man eine Notiz im Profil, die drei Monate lang gespeichert wird. Mit fünf Notizen fliegt man aus dem Pool, aber ich vermute, dass auch schon mit weniger Notizen die Chancen auf zukünftige Vermittlungen sinken.

Mit Babysittererfahrung und polizeilichem Führungszeugnis im Rucksack (das war die einzige „harte“ Voraussetzung, um in den Vikariepool aufgenommen zu werden) stand ich dann also pünktlich um eins auf der Matte der Apfelgruppe, die aus elf Drei- und Vierjährigen bestand. Und drei Betreuerinnen, davon eine Praktikantin. Ich wusste weder, was ich erwartete, noch was mich erwartete, denn das letzte Mal, dass ich einen Kindergarten von innen gesehen habe, war vor über zwei Jahrzehnten und ungefähr 1300 km von hier. Ach nein, vor acht Jahren oder so war ich noch beim Sommerfest eines meiner „Babys“, zählt das?
Nun ja, die beiden Vorschullehrerinnen begrüßten mich zwar sehr freundlich, machten aber keinerlei Anstalten, mich in irgendeiner Form einzuweisen; von den Namen der Kinder mal abgesehen – die ich nach ungefähr zehn Sekunden wieder vergessen hatte, weil ich gerade in die Spielgruppe „Frisör“ einiger Apfelmädchen integriert wurde und mich gegen einen Kamm im Ohr zur Wehr setzen musste. Ich wusste daher bis zuletzt nicht, ob und wenn ja: wo es eine Toilette für Menschen gibt, die schon wissen, wie man damit umgeht oder ob das …ähm… Trainingsgelände auch für die fröken* vorgesehen war.

Habe daher den Nachmittag lang darauf verzichtet, etwas zu trinken, um das Problem zu vermeiden. Auch so überflüssige Sachen wie Erste-Hilfe-Kasten oder wo das Telefon steht, hat man mir nicht gezeigt. Wäre ja auch alles halb so wild gewesen, wenn ich nicht die letzten eineinhalb Stunden mit den elf Äpfelchen alleine gewesen wäre. Das war anscheinend auch kein Zufall, sondern wohl von vornherein so im Arbeitsplan vorgesehen. Kurz nachdem ich gekommen war, ging die Praktikantin heim, eine Stunde später packte die Nächste ihre Sachen und um halb vier verschwand Erzieherin Nr. 3. Dass sie vorher nochmal die vier Kinder gewickelt hat, die noch nicht stubenrein waren, dafür war ich ihr sehr dankbar.

Das heißt jedoch nicht, dass die anderen sieben Äpfel diesbezüglich deutlich weiter gewesen wären, aber ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen. Zum Glück waren alle Kinder so selbstständig, dass sie mir zeigen konnten, wo ihre Kiste mit den frischen Klamotten stand. Und Freundschaften unter Dreijährigen reichen glücklicherweise so weit, dass man sich gegenseitig auch mit Unterhosen aushilft.
Alles in allem war ich dennoch positiv überrascht, wie selbstständig die Kinder waren. Beim Nachmittagsfika wollte ich intuitiv die volle 1,5-Liter-Packung Milch nehmen und für alle an meinem Tisch einschenken, aber da traf ich auf höchste Entrüstung! Das macht man doch selbaaa! Und tatsächlich, in diesem Fall ging wirklich kein Tropfen daneben (anders als… aber lassen wir das).

Die letzte Stunde war dann trotzdem hart. Gegen vier wurden die elf Äpfel nämlich langsam müde und dementsprechend quengelig und weinen ist ja bekanntlich in dem Alter ansteckend. Da weint man schonmal aus Solidarität mit der besten Freundin mit, wenn bei der der Strumpf verkehrtherum am Fuß sitzt und die Antirutschnoppenschweinchen alle auf statt unter dem Fuß sitzen. Zumindest habe ich das so verstanden, denn weinende Dreijährige zu verstehen, finde ich ja schon auf Deutsch nicht immer einfach. Als der Strumpf dann umgedreht war, war die Welt aber wieder in Ordnung und mein Knie frei für den nächsten Patienten.

Das war Alexander, der auf einen Legostein getreten war. Auf meine Frage, wie er heiße (strategisches Ablenkungsmanöver!), antwortete er mit nuschlnuschl.
– Na komm, nuschlnuschl, setz dich mal her zu mir, dann schaun wir mal nach dem Fuß.
– Nääääj! Jag heter Alexander: A-L-E-X-A-N-D-E-R, R-E-D-N-A-X-E-L-A!
Auf meine Frage, wie alt er sei, streckte er mir drei Finger entgegen. Und dann tat der Fuß auch nicht mehr weh.

Insgesamt schien es keines der Kinder sonderlich zu stören, dass da auf einmal ein fremdes fröken saß. Auch die Eltern wirkten beim Abholen kaum überrascht, dass da jemand ganz Fremdes auf ihre Kinder aufpasste. Irgendwie war ich wohl die Einzige, die das seltsam fand. (Ok, wenn wirklich was Ernstes gewesen wäre, wäre im Nachbarhaus auch noch die Pfifferlingsgruppe gewesen. Aber trotzdem.)

Ich glaube, ich habe mich ganz gut geschlagen, vor allem in meiner Paradedisziplin „Vorlesen mit verschiedenen Stimmen“. Ein paar Äpfelchen waren zwar traurig, dass ich mit ihnen nicht das Schmetterlingslied singen konnte, dafür haben sie wahrscheinlich noch zu Hause das Lied von den deutschen Bienchen gesungen. Mein stimmhaftes „s“ in SummSummSumm hat sie nämlich schwer beeindruckt.
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*Fröken – wörtl.: Fräulein, die übliche Anrede der Kinder für die Vorschulpädagogen (auch männliche!), obwohl das Wort aus dem restlichen schwedischen Sprachgebrauch völlig verschwunden ist und sich die Vorschullehrer auch heftig dagegen wehren, so genannt zu werden.

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