Lotterie – Oder: Wie ich einmal ein Fettnäpfchen in eine Torte verwandelte


Seitdem ich an der Musikschule unterrichte, bin ich in der komfortablen Situation, dass ab und zu Muggen an meine Tür klopfen, ohne dass ich mich sonderlich darum bemüht hätte. (Für Nichtmusiker: Mugge steht für Musik gegen Geld – Gelegenheitsjobs, die zwar zum Leben selten reichen, aber oft ein willkommenes Taschengeld sind.) Wie sehr hätte ich mir solche Muggen letztes Jahr gewünscht, als ich meinem eher uninspirierendem Übersetzerjob nachging, aber da brauchte irgendwie nie jemanden einen Pianisten oder niemand hat an mich gedacht.

Jetzt, wo ich endlich wieder mein Knäckebröd mit dem verdiene, was ich gelernt habe, kommen die Muggen von ganz allein.
So klopfte es neulich an der Tür meines Unterrichtsraumes, als ich gerade eine Pause hatte. Vor mir stand die örtliche Kantorin und fragte, ob ich nicht eine Fastenandacht im Nachbarort musikalisch umrahmen könnte. Abends, unter der Woche, sie sei leider verhindert und sie habe gehört, ich sei „die Neue“ hier. Die Andacht sollte im Gemeindehaus stattfinden, also mit Klavier und nicht mit Orgel (puh…!). Nach einem kurzen Blick in den Kalender sagte ich zu.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit dem Pfarrer; er war sehr aufgeschlossen und wünschte sich bloß, „dass es irgendwie zur Passionszeit passt, es darf aber auch gerne etwas Weltliches sein.“ Mit Haydn, Schumann und einem Choralbuch im Gepäck machte ich mich also eine Woche später auf den Weg. Die Andacht war mit rund 20 Senioren für den winzigen Ort relativ gut besucht und es war eine sehr angenehme Atmosphäre dort zu spielen.

Zwingender Bestandteil solcher Veranstaltungen ist immer ein anschließendes Kyrkfika, in diesem Fall organisiert von den Damen des Gemeindenähkränzchens. Neben Kaffee wurden natürlich auch Unmengen an selbstgebackenem Kuchen und liebevoll zubereiteten Schnittchen serviert. Fastenzeit auf schwedisch.

Und natürlich gab es eine Lotteri.
Irgendwie wusste ich schon, dass Loseziehen in Schweden Volkssport ist, aber ich bin ja nicht so der Draufgänger und hab mich daher noch nie sonderlich dafür interessiert. Aber in dieser Situation hätte es sich irgendwie falsch angefühlt, kein Los zu kaufen. Als die Dame mit den Losen also bei mir vorbeikam, hatte ich also schon 20 Kronen für zwei Lose parat. Die Papierröllchen hingen an einem Metallring und es gab ungefähr gleich viele lange und kurze Lose. Da ich nicht wusste, was es mit den langen und kurzen Losen auf sich hatte, dachte ich, ich ziehe mal ein langes und ein kurzes. Böööööser Fehler…

Lose ziehen auf Schwedisch
Lose ziehen auf Schwedisch (Bildquelle: skövdegravyr.se)

Die Dame reichte mir den Ring, damit ich mir zwei Lose abreißen konnte, aber die Lose waren unglaublich schwierig von diesem Metallring abzufriemeln, sodass es bei mir lotteriunerfahrenem Wesen eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis ich mein erstes – langes – Los in der Hand hielt. Als ich anfing, das zweite Los abzuknibbeln, schaute mir die Dame über die Schulter und fragte freundlich, ob die Lose denn heute besonders hartnäckig seien. Ich nickte leicht beschämt und deutete auf das erste – lange – Papierröllchen, das vor mir auf dem Tisch lag, während ich an einem kurzen Papierröllchen rumfummelte. Entsetzen machte sich im Gesicht der Dame breit: Nej men… vad göööööör du? (Aber… was machst du denn da?) rief sie laut. Alle Gespräche am Tisch erstarben und zwanzig weitere Augenpaare richteten sich auf mich, die ich mir in diesem Augenblick so unfassbar dumm vorkam und mir ein gnädiges Loch wünschte, das sich bitte unter mir auftun sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung was, aber irgendwas musste ich an diesem Loseziehen gerade gravierend falsch machen.

Selten war ich einem Pfarrer so dankbar wie in diesem Augenblick, denn… er lachte auf einmal schallend los und entspannte so erstmal die ganze Situation mit den 20 Senioren, die mich anstarrten, als ob ich gerade dabei wäre, den silbernen Kelch beim Abendmahl mitgehen zu lassen. Ni har väl inga lotterier i Tyskland, eller hur? (In Deutschland gibt’s wohl keine Lose, wie?) schmunzelte er, nahm mein langes Losröllchen vom Tisch und riss es in der Mitte durch. Die eine Hälfte gab er mir, die andere gab er der Dame mit den Losen. Dann nahm er den Ring und zeigte mir, dass die langen Lose alle in der Mitte perforiert waren und man nur den unteren Teil der Lose abreißen dürfe, denn die andere Hälfte diene später dazu, den Gewinner zu ziehen. Ich hatte also gerade mich selbst und beinahe auch noch jemand anderes um die Möglichkeit eines Gewinns gebracht. Peinlichpeinlichpeinlich…

Als alle ein paar Lose gekauft hatten, dachte ich, das wäre dann auch das Ende der Veranstaltung und hoffte, mich bald möglichst unauffällig aus dem Staub machen zu können. Die Ziehung der Lottozahlen würde wohl am Sonntag beim nächsten Kyrkfika stattfinden, dachte ich. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Dame mit den Losen gemacht, denn die begann jetzt ihre Runde wieder von vorn. Natürlich wollte ich nicht die erste sein, die ging und so blieb ich erstmal sitzen. Guuuute Entscheidung…

Der Pfarrer klärte mich nämlich jetzt auf, dass das Kaffekränzchen erst beendet sei, wenn alle 100 Lose am Ring verkauft seien, und alle Gewinne einen neuen Besitzer gefunden hätten. Die 1000 Kronen aus der Lotterie seien wichtiger Bestandteil der abendlichen Kollekte. In diesem Moment erschloss sich mir die Unmenge an Schnittchen und Kuchen, denn unter diesen Umständen schien das ein längerer Abend zu werden. Auf wundersame Weise reichten die Schnittchen genau so lange, bis das letzte Los verkauft war (ein bisschen wie bei der Sache mit Jesus und den Fischbrötchen).

In einer Ecke des Saals wurde nun ein Gabentisch aufgedeckt und die Dame mit den Losen holte sich noch eine Glücksfee hinzu. Meinetwegen mussten die beiden jetzt erst alle 100 halben Lose vom Ring pflücken und in eine Schüssel legen, denn sonst wären ja die Chancen ungleich verteilt gewesen. Mannmannmann, so ein Aufwand, nur weil ich zu blöde zum Lose ziehen bin.

Und dann begann die eigentliche Verlosung. Und jetzt ratet mal, wessen Los als erstes aus der Schüssel gezogen wurde?… Richtig. Meins. Ausgerechnet.
Und so hatte ich als Erste die Auswahl zwischen Duftkerzen, Duschgels, Kaffeepäckchen, Grünpflanzen, Topflappen und Selbstgebackenem. Weil ich meine Wertschätzung für die ehrenamtliche Arbeit der Damen vom Nähkränzchen irgendwie zum Ausdruck bringen wollte, entschied ich mich hierfür:

Rulltårta
Rulltårta – Irgendwer muss ja eine solche Bürde in der Fastenzeit auf sich nehmen, oder?

Natürlich bekam ich nicht nur ein Stück, sondern eine ganze Rulltårta, von der Jonas und ich uns den Rest der Woche lang ernähren konnten. Fastenzeit, wie gesagt.
Ein solches kuchengewordenes Fettnäpfchen werde ich jetzt wohl nie wieder essen können, ohne dabei an Papierlose denken zu müssen.

Zum Glück stellt diese Episode jedoch noch nicht das Ende meiner noch jungen Karriere als Aushilfskirchenmusikerin dar. An Karfreitag sind Jonas und ich bereits wieder gebucht. Und ich werde ihn vorher genauestens instruieren, wie das mit den Losen geht…

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2 Kommentare zu “Lotterie – Oder: Wie ich einmal ein Fettnäpfchen in eine Torte verwandelte”

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