Hurra, Sommerferien!


Fester Bestandteil und unangefochtener Höhepunkt des schwedischen Schuljahres sind die Abschlussfeiern, mit denen die Schüler in die Sommerferien entlassen werden. Es ist ein bisschen wie eine Kreuzung aus Mittsommerfest, Luciafeier und Nationalfeiertag und mit nichts zu vergleichen, was ich jemals an einer deutschen Schule erlebt habe, weder als Schüler noch als Lehrer.

Die letzten zwei Tage fanden hier an den sechs Schulen, die zum Einzugsgebiet meiner Musikschule gehören, zehn solcher Feiern statt, ich konnte jedoch wegen meiner unterentwickelten Fähigkeit zur Polypräsenz nur die Hälfte davon miterleben.

In den letzten Jahren wurde das schwedische Schulgesetz in manchen Punkten geschärft, unter anderem auch in Sachen Religionsfreiheit. In den Schulen herrscht seither absolute Religionsfreiheit. Und das bedeutet hier nicht Freiheit zur Religion, sondern Freiheit von Religion. Also keine Gottesdienste zu Weihnachten, Schulbeginn oder eben zum Schuljahresabschluss. Besuche in Gotteshäusern jeglicher Art dürfen ausschließlich zu Studienzwecken, nicht jedoch zur Glaubensausübung stattfinden.

Schulgesetz vs. Tradition

Und an diesem Punkt kollidieren Schulgesetz einerseits und Tradition und Praxis andererseits, denn die Abschlussfeiern finden traditionell in der Kirche statt, unter anderem auch deshalb, weil die Kirche meist der einzige Raum am Ort ist, der ansatzweise dem Besucherstrom bei diesen Veranstaltungen gerecht wird. (Man geht hier im Ort von einer Besucherzahl von [Zahl der anwesenden Schüler] x 5 aus, daher werden auch selten mehr als drei Klassenstufen auf einmal verabschiedet.)

Auch gibt es ein paar Sommerchoräle, die den Schweden so lieb und teuer sind, dass sie einfach nicht fehlen dürfen. Der Klassiker schlechthin ist Den Blomstertid nu kommer:

Der deutsche Text der ersten beiden Strophen lautet gemäß Google Translate:

Die blomstertid jetzt
mit großer Freude und Schönheit.
Sie nähern, Süßigkeit, Sommer,
wenn Gras und Getreide keimt.
Mit sanften und lebendige Wärme
an alle, die gestorben sind,
die Sonnenstrahlen Ansatz,
und alles wird neu geboren zu werden.

Die beizulegenden Blumenwiesen
und Ackerland edlen Körner,
die Reichen Kraut Betten
und Hain grünen Bäumen,
Sie werden uns daran erinnern,
Gottes Güte Reichtum,
Wir erwägen die Gnade
das dauert das ganze Jahr.

(Das reicht in etwa für den Inhalt, oder? :-))

Eine Segnung durch den Pfarrer oder gar ein Gebet ist natürlich bei einer solchen Schulveranstaltung ausgeschlossen. All das führt zu einer höchst wackeligen Gratwanderung mit vielen Kompromissen: Kirche – ja, aber ohne Pfarrer, bzw. der Pfarrer nur als Gastgeber, der ein paar wenige – höchst weltliche – Begrüßungsworte sprechen darf. Sommerchoräle – ja, aber nur die Strophen, die von Blümchen und Sonnenschein handeln.

Da die Schulleitungen Anzeigen an die Schulbehörde riskieren, wenn diese Gratwanderung missglückt, gibt man sich oft besonders große Mühe, die weltlichen Aspekte der Veranstaltung zu betonen, indem die schwedische Flagge einen nicht unbedeutenden Raum einnimmt und die Nationalhymne die Choräle ergänzt oder auch ersetzt. (Ich verkneife mir an dieser Stelle einen Kommentar und stelle lediglich völlig wertneutral fest, dass aus musikalischer Sicht Religion ergiebiger ist als Patriotismus.)

Die Musik steht im Mittelpunkt

Dennoch erfreulich ist das Gewicht der musikalischen Beiträge, die sich dann letztlich weltanschaulich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen – Hurra, die Sonne scheint! bzw. Hurra, Sommerferien! Den Löwenanteil der hiesigen Skolavslutningar machen die musikalischen Beiträge aus, die die mal mehr, mal weniger erbaulichen Worte der Schulleiter umrahmen. Diese können von einem kurzen, aber herzlichen Dank an Personal, Schüler- und Elternbeirat bis hin zur viertelstündigen Selbstbeweihräucherung reichen.

In den kleineren Schulen ist es üblich, dass alle Klassen mit ihrem Musiklehrer einen Beitrag vorbereiten, an den größeren Schulen sind es meist nur die Ensembles, ausgewählte Solisten und die jeweilige Abschlussklasse, die sich musikalisch verausgaben dürfen.

Damit es für die Zuhörer nicht langweilig wird, ist auch ein Allsång obligatorischer Bestandteil der Veranstaltung. Neben der Nationalhymne und Den blomstertid nu kommer ist das oft Idas Sommarvisa aus einem der Michel-Filme, die inzwischen als weltlicher Sommerchoral gehandelt wird:

Impressionen

Hier ein paar Impressionen einer Abschlussfeier von Vorschulklasse bis 3. Klasse, bei der ich selbst nicht aktiv war und mich daher auf der Empore drängeln durfte.

Einzug mit Flagge
Die vordere Hälfte des Kirchenschiffes ist für die Schüler und Lehrer reserviert, die mit viel Tamtam – das Orchester sitzt bereits – hinter der Flagge in die Kirche einmarschieren. Die Kirche hat rund 450 Sitzplätze und man tritt sich in den Seitengängen und auf der Empore auf die Füße.
Einzug in die Kirche
Vorschüler und Erstklässler tragen Blumenkränze im Haar, wie an Mittsommer.
Erstklässler und Vorschüler
Das Heer der stolzen Eltern liegt den Kindern zu Füßen, während die Fahnenträger unbeirrt in die Ferne starren.
Ausbeute
Meine Ausbeute am Ende des Tages – deswegen heißt es „Den blomstertid nu kommer“

Dem euphorischen Titel zum Trotz sei übrigens gesagt, dass die Sommerferien für die Lehrer erst in einer Woche beginnen. Bis dahin werden noch alle Spuren des vergangenen Schuljahres beseitigt und konferenzt, was das Zeug hält. Ich kann’s verschmerzen.

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Ein Kommentar zu “Hurra, Sommerferien!”

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