Falu Gruva – eine Reise in die Tiefe der Geschichte


Eine meiner allerfrühesten Kindheitserinnerungen ist schwarz. Dunkelschwarz.

Wir waren mit einer Besuchergruppe in der Kupfermine von Falun. Anders als heute war die Grube damals, Ende der 1980er, noch in Betrieb und man fuhr mit einem Fahrstuhl etwa 200 Meter unter die Erde. Neben dem orangen Gummicape und dem Helm, den man dort unten tragen musste, hat sich mir jedoch vor allem die Dunkelheit eingeprägt. Natürlich ist es in einem Bergwerk dunkel, aber das an sich war nicht das Besondere. Besonders war, dass, während wir dort unten durch lehmige Gänge patschten, oben ein Gewitter tobte, welches vorübergehend die komplette Stromversorgung unter der Erde lahmlegte. Das meine ich mit dunkelschwarz.

Natürlich hatte unser Guide eine Taschenlampe dabei, aber ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie kurzzeitig leichte Panik in unserer Gruppe aufkam, auch wenn ich damals noch nicht wusste, was das Wort Panik bedeutete. Neben der Beleuchtung war natürlich auch die künstliche Ventilation ausgefallen, aber zum Glück sind die alten Stollen ja so gebaut, dass immer irgendwo ein Lüftchen weht. Dennoch war der Rückweg über schier endlose Treppen – der Fahrstuhl funktionierte ja auch nicht mehr – extrem anstrengend. Vor allem für meine Eltern, die mich den kompletten Aufstieg trugen.

Fast 25 Jahre nach diesem Erlebnis war es Zeit für einen Jubiläumsbesuch. Nach rund 1200 Jahren Bergbau war 1992 buchstäblich Schicht im Schacht und heute zählt die Mine zum Unesco-Weltkulturerbe.

Das erste, was man als Besucher sieht, ist Schwedens tiefstes Loch. Nach Jahrhunderten planlosen Grabens kreuz und quer durch die Erde stürzte ein Großteil der Grube Ende des 17. Jahrhunderts ein. Die Zahl der Opfer dieses Unglücks ist unvorstellbar: Null. Das Unglück geschah an einem Mittsommertag.

Es war nicht ganz leicht, die beeindruckenden Dimensionen dieses Loches im Bild festzuhalten, aber es geht hier rund 100 Meter in die Tiefe. Die riesigen Bagger am Grund geben vielleicht ein Vorstellung von der Größe des Loches.

Heute kommt man übrigens nicht mehr so tief in die Grube wie damals, als ich das erste Mal dort war. Stattdessen steigt man heute ein hölzernes Treppenhaus am Rand des Lochs hinab und gelangt so in einen waagrechten Schacht und in das unterdische Labyrinth. (Die Bilder kann man wie immer durch Anklicken vergrößern.)

Nicht zufällig lag in unmittelbarer Nähe zu Falu Gruva Schwedens erste Notaufnahme. Die zeitgenössischen Darstellungen von Amputationen waren… aufschlussreich:

Amputation

Bildunterschrift:

Betäubung war bis Mitte des 19. Jahrhunderts unbekannt
Manchmal war der Feldscher zu schnellen Amputationen gezwungen. Der Patient musste während der Operation gefesselt oder festgehalten werden. Die wichtigste Fähigkeit des Chirurgen war seine Schnelligkeit. Schwere Bauchverletzungen waren für gewöhnlich tödlich.
John Woodall, einer der berühmtesten Barbiere Englands, rät in seinem Lehrbuch „The Surgions Mate“ (1617) folgendes:
– Niemals amputieren ohne ein zweite Meinung gehört zu haben.
– Niemals zu lange warten.
– Das Einverständnis des Patienten einholen.
– Nicht operieren, ohne die nötige Erfahrung als Assistent gesammelt zu haben.
– Mit allem vorbereitet sein, was benötigt werden könnte.
– Gott um seinen Segen bitten.

Angesichts solcher Gefahren war unser Stromausfall von damals dann doch eher harmlos.

Wer jetzt noch wissen möchte, warum die typischen schwedischen Häuser falurot sind, was der Fette Mats in den 200 Jahren zwischen seinem Tod und seiner Beerdigung so alles erlebt hat und weshalb in der ausgedienten Grube immer noch Bagger stehen, dem empfehle ich diesen Kurzfilm des SWR:

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