Mein Lucia


Heute feiert man in Schweden Lucia, den Höhepunkt der Vorweihnachtszeit. Für mich war es das erste Mal, dass ich selbst in einer solchen Feier involviert war, die letzten zwei Jahre hatte ich Lucia nur als Zuschauer erlebt.

Als ich heute nacht früh zu einer meiner Dorfschulen fuhr, war es extrem neblig, Sichtweite gefühlt 10 m. Leider ist der halbe Meter Schnee, den wir Anfang der Woche noch hatten, inzwischen wieder verschwunden, dem anhaltenden Nieselregen sei „Dank“. Mööörp…

Endlich angekommen, warteten schon 15 Viertklässler mit weißen Nachthemden Luciagewändern vor der Turnhalle auf mich. In einer Mischung aus Schönheitswettbewerb, Song Contest und Klassensprecherwahl war vor einiger Zeit das blondeste Mädchen mit der schönsten Stimme und den meisten besten Freundinnen zur Lucia gewählt worden und durfte heute die batteriebetriebene Lichterkrone und einen knöchellangen roten Gürtel tragen, die anderen Mädchen hatten Lametta im Haar, eine Kerze mit Pappteller in der Hand und einen blauen Gürtel.

Die Jungen trugen als Stjärngossar – Sternknaben – ebenfalls weiße Nachthemden, als Kopfbedeckung weiße Schultüten Spitzhüte mit Sternen, ein paar gingen als Lebkuchen Pepparkaksgubbar, Pfefferkuchenmännchen. Während ein paar Sechstklässler mir halfen, das olle Keyboard, bei dem das eingestrichene d klemmt, Lautsprecher, Verstärker und Kabelkiste vom Musiksaal in die 200m entfernte Turnhalle zu tragen, bestuhlten die Fünftklässler die Turnhalle für die Eltern. Die Viertklässler durftenkonntenwollten nichts tragen, sonst wären die Nachthemden kaum weiß geblieben.

Während ich noch versuchte, Steckdose, Keyboard, Lautsprecher und Verstärker sinnvoll miteinander zu verkabeln, und zweimal zurück in den Musiksaal lief, um nach einem fehlenden Kabel zu suchen, trudelten die ersten Eltern ein, kurz danach kamen auch die anderen Klassen. Alle Lichter wurden ausgeschaltet und ich fummelte im Dunkeln inzwischen leicht gestresst an meinem Kabelsalat herum, als eine Lehrerin vorbeikam:

– Ach herrje, wir haben ganz vergessen, dir zu sagen, dass wir uns die Anlage beim Herbstfest ausgeliehen haben. Dabei war irgendwie ein Kabel in der Tür eingeklemmt und ist kaputtgegangen. Wir wollten eigentlich ein Neues besorgen, aber das haben wir jetzt irgendwie vergessen. Das geht doch bestimmt auch so?

Ähm… Danke dafür. Inzwischen war es dann auch zu spät, noch schnell in die Musikschule zu fahren und ein Ersatzkabel zu holen.

Das olle Keyboard mit dem kaputten d‘ hat zwar eingebaute Lautsprecher, aber jedes Handy klingt nach mehr. Ich stimmte die Viertklässler also darauf ein, dass sie vermutlich nichts vom Keyboard hören würden, was kurzzeitig eine leichte Panik auslöste. Auch mir war nicht richtig wohl bei dem Gedanken, 20 Minuten quasi unbegleiteten Viertklässlergesang zu präsentieren. Ohne Begleitung trauen die sich ja nicht. Aberwaswillstemachendamusstejetztdurch.

Nun ja, die Dunkelheit und das Kerzenlicht, die Nachthemden und quäkende Kleinkinder im Publikum verschleierten so manches und eine sehr engagiert singende Mädchengruppe verhinderte eine größere Peinlichkeit.

Hinterher hörte ich eine Mutter zu einer anderen sagen: „Es ist total egal, wie es klingt, ich muss jedes Jahr heulen, wenn die Kinder mit den Kerzen reinkommen.“ Na danke… (Notiz an mich selbst: nächstes Jahr nicht vier Wochen für Lucia proben, der Gesang interessiert eh keinen.)

Zum heulen war mir allerdings auch, als ich entdeckte, dass die Kolleginnen fix alle ihre Klassen eingesammelt hatten und verschwunden waren und ich allein mit der nutzlosen Musikanlage in der Turnhalle stand. „Kinder beeilt euch, nächsten Freitag ist die große Weihnachtsabschlussfeier und wir müssen noch ganz viel vorbereiten!“

Erwähnte ich schon, dass ich seit Dienstag mit Fieber zuhause lag und mich heute trotz Nasennebenhöhlenentzündung und mit Paracetamol gedopt zu dieser Veranstaltung geschleppt habe, weil natürlich sämtliche Musikkollegen gleichzeitig bei Luciafeiern an anderen Schulen waren und es schlicht keinen anderen Lehrer an dieser Schule gab, der die Kinder am Klavier hätte begleiten können der gerne völlig sinnfrei tonnenweise Lautsprecher, Verstärker, Keyboards und Kabelkisten spazieren trägt?

Kurz hatte ich den Reflex, alles stehen und liegen zu lassen und nach Hause zu fahren, aber für solche Aktionen bin ich zu gewissenhaft und zu harmoniebedürftig. Die Sechser haben sich jedenfalls gefreut, als ich sie aus dem Unterricht holte, um mir beim Tragen zu helfen.

Als ich wieder zuhause war, um den den Rest des Tages schniefend unter einem Bettenberg zu verbringen und mich sinnfrei vom Fernseher berieseln zu lassen, flimmerten weißgekleidete Gestalten mit Kerzen über den Bildschirm und sangen Sankta Lucia

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Für alle, die trotzdem noch mehr Lust auf Lucia haben:

Wissenswertes über Lucia

Rezept für Lussebullar, das traditionelle Luciagebäck
Lied von den Pfefferkuchenmännchen

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6 Kommentare zu „Mein Lucia“

  1. Musste sehr grinsen als ich deine Geschichte las. Du musst dir einfach die schwedische „Det löser sig!“ Mentalität aneignen. Dann wirst auch du merken? Egal wie sch***limm was ist, es ist immer noch lagom gut. ;-)
    Kopf hoch und gute Besserung!

    1. Wie wahr, wie wahr… Leider kommt gerade in Stresssituationen eher mein deutsches Perfektionistengemüt durch. Und wenn ich dann noch nur halbfit bin, bin ich eh dünnhäutig…
      Aber wenn’s sich hinterher zu nem Blogartikel verwursten lässt, der ein paar Leuten da draußen ein Lächeln bringt, dann war’s ja zu irgendwas gut ;-)
      Danke für Deine guten Wünsche und dir eine frohe Adventszeit!

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