Advent, Advent. Ein Wort zum Totensonntag.


Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.
Und wenn das fünfte Lichtlein brennt,
dann hast du Weihnachten verpennt.

Die tiefe Weisheit, die aus den letzten zwei Zeilen dieses Verschens meiner Kindergartenzeit spricht, hat sich mir damals nie so recht erschließen wollen, denn ein Adventskranz hatte doch nur vier Kerzen und ein Weihnachtsbaum wiederum deutlich mehr als fünf Lichter. Und überhaupt, es gab doch auch nur vier Adventssonntage, und für jeden eine Kerze am Adventskranz, das verstand sogar ich als kirchenfern erzogenes Heidenkind im erzkatholischen Bayern. Was sollte das also mit dem fünften Licht? Wo war der fünfte Adventssonntag?

Im Musikstudium näherte ich mich dem Kirchenjahr von der professionellen Seite an: Weihnachtsoratorien werden zwischen dem ersten Advent und dem 6. Januar aufgeführt, Passionen gehören in die Karwoche oder in die Fastenzeit, wenn es der lokale Veranstaltungskalender bzw. die Schulferien so gebieten und Requiems haben zum Ende des Kirchenjahres in der Zeit um Allerheiligen bis Totensonntag Hochkonjunktur, sind aber auch in der Fastenzeit nicht fehl am Platz. Soweit so verständlich. Auch wenn aus mir noch immer keine gläubige Christin geworden war, diese Einteilung des Kirchenjahres erschloss sich auch mir.

Musikalisch betrachtet fand ich Requiems immer am spannendsten, sei es wegen dramatischer Dies-irae-Vertonungen wie in Antonín Dvořaks Requiem

oder wegen ätherisch-mediantenschwangerer Lux-aeterna-Klänge wie bei Fauré:

Durch diesen musikalischen Zugang begann ich auch die menschlich-existenzielle Dimension der „dunklen“ Jahreszeit im Kirchenjahr zu erahnen. Während die dunkelste Zeit des Jahres, der Dezember, nach lichterfüllten freudigen Klängen verlangt und Woche für Woche mehr Lichtlein („erst eins, dann zwei,…“) der Dunkelheit die Stirn bieten, so eröffnet der Spätherbst – auch musikalisch – einen seelsorgerischen Raum für die düsteren Klänge des Daseins, für Trauer und Wut, aber eben auch für stillen Trost, wie bei Brahms. Oder wie es Simon Rattle ausdrückt (ab 5:14):

„…I think at the end of it all it is very private and very personal and strangely not particularly religious… very much to do with humans and what they need and how they get through life. And that I find particulary touching.“

Dass dieses zutiefst menschliche Bedürfnis nach Melancholie nicht unbedingt allzu großen Raum in einer weltlichen, extrovertierten Umwelt einnimmt, einnehmen darf, habe ich längst begriffen und akzeptiert. Eine kultivierte Herbstdepression ist ja auch nicht jedermanns Sache und geschäftsschädigend allemal, das merke ich jedes Jahr, wenn pünktlich zu Jonas Geburtstag Schokonikoläuse und Weihnachtsgebäck im Supermarkt auftauchen. Anfang September also. Kann ich mit leben, muss wohl so sein.

Nachdenklich stimmt mich hingegen, dass hier in Schweden sogar die Schulen und Kirchen bei diesem verfrühten Weihnachtsgeklingel mitmachen. Und damit sind wir wieder beim fünften Adventssonntag: Heute war Totensonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres, auf schwedisch Domsöndagen, der Sonntag, an welchem des jüngsten Gerichtes gedacht wird.

Gestern, am Samstag, hatte Jonas Weihnachtsshow (sic!) mit der Kulturschule in einem der größten Konzertsäle von Borås mit rund 150 Mitwirkenden auf der Bühne. Ich hatte frei und war zusammen mit dem Lieblingskollegen in einem Kirchenkonzert: Uraufführung einer Weihnachtsmesse für Chor und Blechbläserensemble mit dem in Schweden üblichen Allsång, bei dem die Zuhörer in der proppevollen Kirche gemeinsam mit Chor und Orchester Weihnachtslieder aus dem schwedischen Gesangbuch singen dürfen: Nun freut euch ihr Christen, Nu tändas tusen juleljus und andere musikalische Schwergewichte der schwedischen (Vor-)Weihnachtszeit.

Weihnachtslieder? Am Vorabend des Totensonntag?? Mit dem Segen der Pfarrerin (und das meine ich jetzt wörtlich!)??? Das fühlt sich für mich als Atheistin mit großem Respekt für den seelsorgerischen Auftrag der Kirche falsch an. Gleichzeitig komme ich mir fast wie ein christlicher Fundamentalist vor, wenn ich dieses Unbehagen in Worte fasse. Der Lieblingskollege, mit dem ich solche Fragen durchaus diskutieren kann, grinste auf der Heimfahrt vom Konzert nur und meinte: Jaja, ni tyskar. Det måste alltid vara Orrrdnung, Orrrdnung, Orrrdnung, eller hur? (Jaja ihr Deutschen, bei euch muss immer Ordnung, Ordnung, Ordnung herrschen, stimmts?)

Mir ging in dem Moment ein Licht auf (und ich glaube, das war das fünfte Lichtlein, welches ich in meiner Kindergartenzeit vergeblich gesucht habe!): Die schwedische Adventszeit hat fünf Adventswochenenden. Mindestens.

Nicht aus Trotz, sondern aus musikalischer Liebe zu Brahms und für alle, die noch nicht in Jingle-Bells-Laune sind und die Muße dazu haben, daher jetzt zum Ende meines Wortes zum Totensonntag das gesamte Requiem von Johannes Brahms. Man darf auch ein Lichtlein dazu anzünden.

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