Das Badezimmer. Ein Drama in 3 Akten.


Ich stelle mir gerne vor, wie Mitte der 60er Jahre ein frisch vermähltes Paar durch die Badezimmerkataloge blätterte und die Badezimmereinrichtung für seinen Neubau auswählte. Wir sind in Schweden und man gibt sich modern und gleichberechtigt.

1. Akt:

Er: „Schatz, wollen wir lieber eine Dusche oder ein Bidet? Für beides zusammen ist kein Platz.“

Sie: „Was wollen wir denn mit einer Dusche? Wir baden doch jeden Samstag! Ein Bidet ist viel wichtiger, außerdem hat deine Schwester jetzt auch ein Bidet. Eine Dusche braucht doch kein Mensch. Wenn ich Regen will, gehe ich raus – wozu wohnen wir denn in Borås, Schwedens regenreichster Stadt?!“

Er: „Dachte ich mir schon, mit einem Bidet kann man sich ja dann auch unter der Woche mal schnell die Füße waschen, dann ist das nicht so eine Wasserverschwendung wie beim Baden. Und es sind ja eh nur 5 Minuten von unserem neuen Haus bis zum Badplatz, da können wir im Sommer richtig viel Geld sparen… Was findest du besser: die Badewanne längs oder quer einbauen?“

Sie: „Längs, unters Fenster. Dann kann man beim Baden rausgucken.“

Er: „Stimmt, das ist gut. Der Wasserdampf macht den Holzfensterrahmen auch bestimmt nichts aus, da kommt ja so moderne wasserabweisende Farbe drauf. ‚Hält ewig‘ schreiben die hier im Katalog. Außer beim Duschen, da würden die Fensterrahmen zuviel Wasser abbekommen. Aber wir baden ja nur. Und das bisschen Kondenswasser kann dann ja an den Wänden runterlaufen, schließlich ist rund um die Badewanne ein zwei Zentimeter breiter Spalt, das ist genug zum Ablaufen, aber klein genug, dass man nicht dahinter kommt zum Putzen. Dann hast du schon weniger Arbeit.“ Sieht seine Frau liebevoll an.

Sie: „Aber man muss doch unter der Wanne putzen können!“

Er: „Ja, kann man ja auch. Unter der Wanne ist ein Spalt von 7 cm, das reicht doch für deine kleinen Hände.“

Sie guckt skeptisch.

Er: „Und zur Not lassen wir das die Katze machen, die passt auf jeden Fall unter die Wanne und kann dort die Staubmäuse fangen.“ Lacht über seinen eigenen Witz.

2. Akt:

Er: „Du brauchst doch morgens immer so lange im Bad… Was hältst du davon, wenn wir eine Extrawand zwischen Toilette und Badezimmer einziehen, dann kann man Badezimmer und Toilette gleichzeitig benutzen.“

Sie: „Aber wir haben doch noch die Gästetoilette.“

Er: „Ja, aber… das ist so weit weg vom Schlafzimmer.“

Sie: „Aber das Bad ist doch nur 5 m2 groß; meinst du nicht, dass eine extra Trennwand das Ganze ein bisschen sehr eng macht?“

Er: „Nein, glaub mir, das ist eine echt knorke Idee!“

Sie: „Aber dann sitzt man doch völlig im Dunkeln!“

Er: „Kein Problem, dann machen wir halt noch ne extra Lampe rein. So eine hübsche, die so gemütliches gelbliches Licht macht, du weißt schon, so wie bei meiner Schwester…“

Sie: „Also ich weiß nicht… da bei der Toilette sind doch auch schon die beiden riesen Einbauschränke, das wird glaub ich wirklich sehr eng.“

Er: „Man könnte die Wand zu einer tragenden Wand machen, wenn dann die Russen kommen und ganz Schweden bombardieren, dann bleibt auf jeden Fall unser Badezimmer ganz.“

Sie: „Hm, das klingt natürlich vernünftig. Aber trotzdem, wird das nicht sehr eng und dunkel…? “

Er: „Also gut, wie wäre es mit einem Kompromiss: wir ziehen die extra Wand zwischen Toilette und Badezimmer ein und überlegen uns dann später, ob wir da eine Tür einsetzen oder ob wir die Tür weglassen.“

Sie: „Na gut, aber die Lampe mit dem gelblichen Licht will ich in jedem Fall!“

3. Akt

Sie: „Liebling, wir haben noch gar nicht über die Wände und den Boden gesprochen. Da gibt es jetzt dieses ganz moderne Zeug, plastmatta heißt das, das ist viel besser als diese ollen Kacheln. Das dichtet ganz toll ab und man kann es ganz einfach verlegen, wie Teppichboden. Und hält ewig, schreiben die hier. Gibts auch für die Wände.“

Er: „Das klingt gut. Wenn das ewig hält, dann sollten wir aber auch was nehmen, was wirklich zeitlos modern ist. Gibt es diese schicke Plastikmatte nicht sogar in verschiedenen Farben?“

Er nimmt den Katalog, blättert zu den Farbkarten und studiert die daumennagelgroßen Farbproben.

„Die Bodenplastikmatte gibt es in vier Farben: senfgelb, moosgrün, kotzbeige und kackbraun.“

Sie: „Und die Wände?“

Er: „Das sind so Plastikpanele, 2×1 m, die werden dann mit andersfarbigen Plastikleisten zusammengesteckt. Blättert. Gibts in matschschneeweiß, kotzbeige, schlachthofrosa und seekrankgrün. Optional auch mit eingearbeiteten Zahnpastaspritzern.“

Sie: „Moosgrüne Plastikmatte am Boden find ich schick, das ist modern, aber trotzdem noch so naturnah. Und an den Wänden was helles…“

Er: „Auf keinen Fall weiß, das hatten meine Eltern, das sah furchtbar aus. So steril. Wie wärs mit schlachthofrosa? Das hat sowas deftiges.“

Sie sieht unentschlossen aus. „Meinst du nicht, das beißt sich? Was hältst du denn von kotzbeige? Beige ist jetzt supermodern!“

Er: „Nein, beige ist doch keine Farbe, beige wirds von allein.“

Sie: „Dann doch dieses Matschweiß, das sieht dann trotzdem ganz anders aus als bei deinen Eltern, schon allein durch dieses moderne Plastik und die eingearbeiteten Zahnpastaspritzer. Das wird dufte, glaub mir!“

Er: „Stimmt, dann brauchen wir nur noch die Plastikleisten für die Panele. Gibts in nachtschwarz und reinweiß.“

Sie: „Schwarz ist jetzt total in, das gibt so eine schöne Struktur.“

Er: „Nee, das sieht doch aus wie Gitterstäbe, ich will mir doch nicht im Gefängnis die Zähne putzen. Neinnein, wir nehmen die reinweißen Leisten, das fällt auch bestimmt gar nicht auf zwischen den schneematschweißen Panelen.“

Sie: „Ok, Liebling, da hast du bestimmt recht! Zu sich selbst: Und beige wirds dann ja von ganz allein…“

Vorhang.

________

Nachspiel:

IMGP988550 Jahre später:

Badezimmer und Haus haben den Kalten Krieg nicht zuletzt dank der zusätzlichen tragenden Trennwand im Bad überstanden, das Badezimmer ist nahezu unverändert, das Bidet unbenutzt und quasi wie neu. Wie der Katalog versprochen hatte, hält die Plastikmatte ewig und die Hoffnung auf beige Wände hat sich mehr als erfüllt, auch dank der gelben Lampen. Die eingearbeiteten Zahnpastaspritzer verbergen notdürftig, dass die Plastikpanele nicht sauber zu kriegen sind. Unter der Badewanne ist putzen quasi unmöglich, die neuen Besitzer nehmen dazu die Katze.

Das (fast noch) frisch vermählte Paar, das das Haus gerade gekauft hat, wälzt Onlinekataloge mit Badezimmermöbeln, kämpft sich durch Badezimmerausstellungen und Fliesenstudios. Die Geschichte wiederholt sich…

 

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3 Kommentare zu “Das Badezimmer. Ein Drama in 3 Akten.”

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