Und was macht Schweden?


Grob zusammengefasst: nichts. Oder besser gesagt: alles. Wir haben – Stand Dienstagmorgen 17. März – quasi überhaupt keine Einschränkungen durch das Corona-Virus, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Ja, wir haben Plakate aufgehängt, dass man Händewaschen soll, Veranstaltungen über 500 Personen sind verboten, ebenso Besuche in Altenheimen und Krankenhäusern. Schweden fährt eine komplett andere Strategie als der Rest Europas, der Rest der Welt. Wenn man es denn Strategie nennen will.

Mein besonderes Hassobjekt in diesem Zusammenhang ist Anders Tegnell, Schwedens Staatsepidemiologe, angestellt bei der schwedischen Gesundheitsbehörde folkhälsomyndigheten. Der Mann ist in den schwedischen Medien omnipräsent und ganz Schweden folgt seinem Wort.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Ich fühle mich gerade nicht kompetent, die komplette Nachrichtenlage in Schweden wiederzugeben, aber ein wenig möchte ich zusammenfassen, wie ich die letzten dreei Wochen erlebt habe.

25. Februar: zum ersten Mal darüber geredet.

Das erste Mal, dass in meiner Umgebung überhaupt von Corona geredet wurde, war auf einem Treffen mit dem Elternverein am 25. Februar. Da planten wir ausführlich unsere Orchesterreise im Juni an den Gardasee. Am Ende des Treffens dachte ich, ich stelle mal die Frage, ob jemand schon von dem Virus in Italien gehört habe, und äußerte leichte Bedenken, dass das eventuell unsere Reise beeinflussen könnte. Viele hatten noch nichts davon gehört. Allgemeines Achselzucken, mal abwarten, wird schon nicht so schlimm sein ist die Devise. In der Öffentlichkeit: nichts.

2. März: Wir planen eine Orchesterreise nach Italien

Am Dienstag 2. März hatten wir großen Elternabend wegen der Reise. Aufgaben werden verteilt, wer verkauft bei welchem Konzert im Frühjahr Kuchen, wer steht am Tag der Offenen Tür am Grill, etc pp. Ja, Corona taucht unter sonstigen Fragen auf, aber mehr als Kuriosum, der allgemeine Tenor ist: ist doch nur Panikmache. Wir fahren im Juni nach Norditalien!

In den folgenden Tagen beginnt man in den Medien die Berichterstattung über Italien. Es waren gerade Ferien, viele Schweden waren in Italien im Urlaub. Irgendwann da tauchen die ersten Fälle in Schweden auf, glaube ich. (Ich kann es gerade nicht recherchieren, die Seite der folkhälsomyndigheten scheint kollabiert zu sein.)

6. März: Mund-zu-Mund-Beatmung üben

Am Freitag, 6. März haben wir beim Job eine Fortbildung: ein Vormittag lang Herz-Lungen-Rettung (viele schwedische Arbeitgeber schicken ihre Angestellten im 2-Jahrestakt auf solche Fortbildungen). Die Beatmungspuppen reichen nicht für alle, zwei bis drei Leute üben an derselben Puppe Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Kursleiter stellt eine Flasche Desinfektionsmittel und Klopapier bereit, viele benutzen es, aber nicht alle. Beim Mittagessen mit dem Lieblingskollegen erreicht uns die Nachricht von schwedischen Auswärtigen Amt (UD – utrikesdepartement), dass von nicht notwendigen Reisen nach Norditalien bis auf Weiteres abgeraten wird. Am Nachmittag läuft die SMS-Gruppe des Vorstandes des Elternvereines heiß, ob wir die Italienreise absagen oder nicht. Wir einigen uns darauf, am Montag mal beim Reisebüro anzufragen, was für den Reiserücktritt gilt.

Am selben Tag erscheint in Dagens Nyheter, einer der großen Tageszeitungen Schwedens, ein Artikel, in dem Anders Tegnell verkündet, dass Schweden nun mit 96 Fällen den Peak erreicht habe, ab nun werden die Zahlen nicht mehr steigen. https://www.dn.se/nyheter/sverige/antalet-coronafall-i-sverige-kan-ha-natt-toppen-kommer-snart-att-klinga-av/

9. März: Wir hängen ein Plakat übers Händewaschen auf

Am Montag lautet die Antwort des Reisebüros: wartet mal ab mit dem Absagen der Reise, wir wissen ja nicht, ob das im Juni überhaupt noch aktuell ist und dann wäre es ja schade, wenn wir abgesagt hätten. Die Gesundheitsbehörde stuft das Risiko von 2 auf 3 auf einer Skala bis 5 hoch.
Unsere Chefin schickt eine Mail raus, wir sollen Plakate aufhängen über gute Handhygiene.

Am Dienstagabend ruft mein großer Bruder aus Deutschland an und füttert mich zwei Stunden lang mit Zahlen, Statistiken, Exponentialkurven, Logarithmuskurven und den neuesten Nachrichten aus Italien. Mein Kopf schwirrt und mir ist ein bisschen schlecht. Ich frage mich, ob wir in verschiedenen Welten leben, weil hier in Schweden nach wie vor wenig darüber geredet wird.

Am Mittwoch 11. März haben wir ein Konzert mit rund 80 Zuhörern. Als die Mitwirkenden am Schluss Blümchen kriegen, witzelt man darüber, dass es vielleicht nicht so gut wäre einander jetzt zu umarmen. Die meisten tun es trotzdem. Auf dem Heimweg höre ich im Auto in den Nachrichten, dass es den ersten Todesfall in Schweden gab und das Ansteckungsrisiko nun auf 5 erhöht wurde und frage mich kurz, ob ich jemanden umarmt habe. (Antwort: nein, ich bin introvertiert.) Veranstaltungen werden auf 500 Menschen begrenzt. Der erste bestätigte Fall in Borås.

12. März: „Bitte weiterarbeiten, trotz Erkältung“

Am Donnerstag 12. März wird der Karenztag bei Krankheit von staatlicher Seite aufgehoben. In Schweden kriegt man normalerweise am ersten Tag einer Krankschreibung kein Krankengehalt, erst ab Tag 2. Jetzt also Krankengehalt ab Tag 1., damit man auch bei leichter Krankheit zuhause bleibt.

In einer Mail informiert unsere Chefin:

„Det som är viktigt är att de som har hosta, feber eller andningssvårigheter stannar hemma och inte kommer till arbetet. Det är de tre faktorerna som gäller, inte om man känner sig lite förkyld. Denna information gäller tillsvidare inom Borås Stad.“ (Mail (Auszug) vom 12. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Es ist wichtig, dass man bei Husten, Fieber und Atembeschwerden zuhause bleibt und nicht zur Arbeit kommt. Es sind diese drei Faktoren, die gelten, nicht, wenn man sich etwas erkältet fühlt. Diese Information gilt bis auf weiteres in Borås Stad. (Borås Stad = Stadtverwaltung)

Hallo?! Erkältung gilt nicht??! Mein erster What-The-Fuck?!?-Moment. Weitere werden folgen.

12. März: Blasinstrumente ausprobieren und rumreichen ist schon ok

In einer Konferenz mit Chefs und 7 Kollegen kommt am Rande die Frage auf, ob wir eigentlich nach wie vor Kulår wie gewohnt machen soll. Kulår heißt, man besucht eine erste Klasse, hat 3-4 Instrumente dabei und lässt die Kinder ausprobieren. Nach langem Hin und Her einigen wir uns schließlich darauf, dass die Lehrer, die ein Blasinstrument unterrichten und sich nicht dabei wohlfühlen, mehrere Kinder nacheinander in dasselbe Instrument blasen zu lassen, andere Sachen im Unterricht machen dürfen. Einige (Bläser!)Kollegen regen sich tierisch darüber auf, dass manche so übervorsichtig sind und damit nur Panik verbreiten würden. Ich denke: gut, dass ich kein Blasinstrument unterrichte. Für den Abend ist eine Pressekonferenz mit unter anderem dem Schulministerium anberaumt, die mit Spannung erwartet wird. Während des Nachmittags scheint sich die Stimmung im Kollegium etwas zu wandeln, manche erhoffen sich jetzt eine Schulschließung.
Das Ergebnis der Pressekonferenz: „Wir machen gar nichts, die Schule geht ganz normal weiter. Wir hören darauf was die Gesundheitsbehörde (Anders Tegnell) sagt und der sagt, Schulschließungen seien kontraproduktiv.“ Außerdem: es werden ab sofort nur noch ältere Menschen und Angestellte in den Krankenhäusern getestet.

Weiterhin verkündet die folkhälsomyndigheten (Anders Tegnell) in völligem Widerspruch zu dem, was zu diesem Zeitpunkt im Rest der Welt passiert:

„In der Inkubationszeit sei man nicht ansteckend. Nur Menschen mit Symptomen seien ansteckend. Kinder kriegen fast keine Symptome und würden daher kein Risiko darstellen. Ein Krankheitsfall in der Familie ist kein Grund, zuhause zu bleiben.“

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

(Ich weiß gar nicht, wieviel Konjunktive ich hier schreiben soll, damit ich nicht bei Google Treffer zu diesen Fakenews produziere.) Ich würde es screenshotten, aber die Seite der folkhälsomyndigheten liegt immer noch brach. Wahrscheinlich ein Virus.

Freitag bis Sonntag: Eigentlich sollte ich übers Wochenende für eine Fortbildung nach Arvika fahren (4 Stunden Autofahrt von hier). Die eine Dozentin, sowie die Hälfte der Teilnehmer, die aus Norwegen kommen, haben jedoch Reiseverbot. Morgens kommt die Nachricht, das Seminar werde ins Netz verlegt. Das ganze Wochenende sitze ich am Rechner und videokonferiere mit meinen 7 Kurskollegen und 2 Dozenten. Ohne Ironie: Es war großartig! Ich würde sagen, 90% des Unterrichtsstoffes kam unbeeinflusst an, auch die Kaffeepausen dazwischen. Lediglich das gemeinsame Musizieren war so naja, was vor allem daran lag, dass zwei Kursteilnehmer eine langsamare Internetverbindung hatten als der Rest. Ansonsten hätte das vielleicht auch funktioniert.

13. März: Es gibt noch Klopapier

Freitag der 13. März. Vormittags machen Jonas und ich unseren normalen Wocheneinkauf. Es gibt noch Klopapier. Freitagnachmittag Gesamtlehrerkonferenz beim Job (wie jede Woche): Eine ganz normale Konferenz, wir planen Konzerte, Tag der offenen Tür etc. 15 Minuten widmen wir Corona. Die Parole ist: „Wir folgen den Anweisungen der Behörden. Wascht euch die Hände.“

WTF.

Der Lieblingskollege fragt, was für die Blasorchesterproben gelte, da fliegen schon mal Speicheltropfen durch die Luft, wir sitzen auf engem Raum, schlechte Ventilation. Chefin: „Ich komme später auf die Frage zurück.“

Sonntagabend, Pressekonferenz. Man verkündet, dass ab Mitte der Woche Triageregeln „von ethischer Dimension“ veröffentlicht werden. Schluck.

16. Januar: „Wenn jeder in seine eigene Trompete sabbert, ist das kein Problem“

Montag 16. Januar. Das Wort des Tages in den Medien ist: Herdenimmunität. Anders Tegnell sagt, Schweden strebe eine Herdenimmunität an, deswegen solle das öffentliche Leben weiterhin so gut es geht aufrecht erhalten werden. Nur die Alten sollten isoliert werden, dann sei das alles gar nicht so schlimm.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Die Krankenhäuser warnen vor fehlender Schutzausrüstung.
Die Ansteckungszahlen gehen zurück (klar, es wird kaum noch getestet.)
Wir sagen eigenmächtig unsere Orchesterprobe für den Abend ein, weil wir immer noch keine Antwort von der Chefin haben. Später am Tag eine Email von ihr:

„Fråga: Hur gör vi med våra orkestrar, eleverna sitter tätt tillsammans samt att det läcker luft och saliv från blåsinstrumenten? Föräldrar hör av sig och undrar om eleverna skall komma på orkestern?
Svar: Vi fick till oss att om eleverna har egna instrument med sig så borde det inte vara någon fara. Och samma gäller ju här, är jag sjuk så kommer jag inte till orkestern.“ (Mail (Auszug) vom 16. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Frage: Wie machen wir das mit den Orchestern? Die Schüler sitzen eng zusammen, aus den Instrumenten strömt Luft und Speicheltropfen. Die Eltern rufen an und fragen, ob die Kinder zum Orchester kommen sollen.
Antwort: Wir gehen davon aus, dass wenn die Schüler eigene Instrumente haben, das keine Gefahr darstellen sollte. Das gleiche gilt auch hier: Bin ich krank, komme ich nicht zum Orchester.

Außerdem in dieser Mail: Wir halten uns streng an die Vorgaben der Behörden.

WTF.

Die Folkhälsomyndigheten revidiert ihren Bullshit immer noch nicht, Anders Tegnell hält nach wie vor seine Nase in jede Kamera und erzählt seinen Bullshit, dass wenn wir nur Menschen über 70 ordentlich isolieren, dann können alle anderen mit leichten Einschränkungen normal weitermachen. Leute in Stockholm könnten ja mal überlegen, ob sie Homeoffice machen.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Eine Freundin, Ärztin im Krankenhaus in Borås, ruft an und sagt, im Krankenhaus mache man sich auf das Schlimmste gefasst, OP-Säle werden zu Intensivstationen umgewidmet.

Abends nach Mitternacht kommt auf SVT eine Talkshow mit Anders Tegnell und Joacim Rocklöv, Epidemiologe an der Uni Umeå, der diametral andere Ansichten vertritt als Tegnell und dazu rät, wie der Rest der Weltbevölkerung auch, seine sozialen Kontakte drastisch einzuschränken. Eine Ärztin aus Stockholm verkündet stolz, dass man die Intensivplätze in der Region Stockholm leicht von 100 auf 150 erweitern könne. Rocklöv entgegnet, dass man Mitte Mai voraussichtlich 500-1000 Plätze in Stockholm brauchen werde. Tegnell sagt: „das wissen wir alles noch nicht.“

WTF.

17. März: „Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“

Heute morgen, 17. März, die Schlagzeile: „Tegnell sagt: Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“.

WTF! WTF!! WTF!!!

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Jetzt habe ich hier zwei Stunden geschrieben, und versucht, mich nur darauf zu konzentrieren, keine Nachrichten, keine Mails, keine SMS, kein Whatsapp nebenher. Währenddessen hat sich die Welt draußen bestimmt ein paar Umdrehungen weiter gedreht. Ich muss jetzt aufhören, obwohl ich noch lange nicht fertig bin. Ich hab nämlich gleich Unterricht… Yay.

Bei Gelegenheit mehr.

(Ach ja, hier ein Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

 

5 Kommentare zu „Und was macht Schweden?“

  1. Wahnsinn! Bei uns in Bayern sind alle Schulen und Musikschulen zu. Chöre und Kirchen geschlossen. Ich unterrichte meine Gesangsschüler online.
    Dabei haben wir wenn man die Zahlen pro Kopf der Bevölkerung sieht, weniger Fälle als Schweden.
    Passt auf euch auf!

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