Après-Ski und Distanzunterricht


Jeder Tag beginnt gerade mit einem WTF-Moment, wenn man das erste Mal die Seite von SVT (vergleichbar mit ARD/ZDF) aufmacht. Die erste Schlagzeile, die ich heute (18. März) las, war folgende:

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„Trysil geschlossen – Sälen macht Après-ski mit bis zu 499 Gästen“. Trysil ist ein Skigebiet in Norwegen, Sälen ist Schwedens zweitgrößtes Skigebiet, wo sich ganz Schweden während Februar bis April, Mai tummelt. Apropos regionale Begrenzung…

Anderswo fehlt Klopapier, mir gehen langsam die Tischplatten aus, auf die ich meinen Kopf hauen möchte.

Man befolgt also auch in Sälen die Empfehlungen der Folkhälsomyndigheten. Schön. Nur dass die ja im Wesentlichen immer noch nix anderes sagen als Händewaschen und bei Krankheit zuhause bleiben.

Christian Drosten: „Das kann man vergessen“

Gerade höre ich den sehr empfehlenswerten Podcast von Christian Drosten im NDR (Danke an A. in Umeå für den Tipp!). In der heutigen Folge (Folge 16) zerpflückt er zwischen Minute 24:00-27:00 die Herdenimmunität-Strategie, von der England sich ja am Wochenende verabschiedet hat. Schweden macht weiterhin exakt das, was er in seinem Podcast beschreibt – die Generation 70+, sowie einzelne, bestätigte Fälle isolieren. Nach Drostens Berechnungen kann das bis zu einer achtfachen Überbelegung der Beatmungsgeräte führen. In Deutschland, wohlgemerkt, wo man pro 100.000 Einwohner 29 Intensivbetten hat. In Schweden sind es 5,8 (Quelle). Huiiiii…

Die Situation in den Krankenhäusern

Das Schutzmaterial hier wird knapp, man sucht händeringend nach Desinfektionsmittel und nach allem anderen. Die häusliche Pflege in Borås schickte gestern einen verzweifelten Aufruf an alle Verwaltungen, ob es in irgendwelchen Vorräten noch Desinfektionsmittel gibt. Im Keller vom Kunstmuseum fand sich eine Kiste. Durch Krankheitsausfälle arbeiten gerade sehr viele Vertretungskräfte in der häuslichen Pflege und manche Ältere kriegen innerhalb einer Woche Besuch von 10-15 verschiedenen Pflegepersonen. Apropos die Generation 70+ isolieren…

Meine Freunde, die hier in den Krankenhäusern arbeiten, haben teilweise richtig Angst vor dem, was sie in 2-3 Wochen erwarten wird.

Man warnt davor, dass Blutkonserven knapp werden (nicht wegen des Virus, sondern weil die Leute gerade an anderes denken als ans Blutspenden) und sucht nach Spendern. Ich habe mich heute morgen mal als Blutspender registriert, vielleicht kann ich ja noch spenden gehen, bevor es mich erwischt.

Der Alltag in den Schulen

Rund 50% der Schüler sind im Moment zuhause, immer mehr Klassen werden zusammengelegt, weil auch etwa ein Drittel der Lehrer fehlen. Für mich, die ich hauptsächlich Einzelunterricht betreibe, sind das viiiiiele abgesessene Hohlstunden. Laut Chefs sollen wir in dieser Zeit Konzepte zum Distanzunterricht entwickeln, es herrscht weiterhin physische Anwesenheitspflicht am Arbeitsort für alle Gesunden, unser Einsatz sei ja so wahnsinnig wichtig für die Gesellschaft. Heute nachmittag waren nur der Lieblingskollege und ich in der Musikschule, die anderen 5 Kollegen, die im selben Haus arbeiten, blieben zuhause. Über den Tag verteilt hatte ich heute 4 Schüler. Ich sach mal so: das ist auch ne Art von Quarantäne.

Stichwort Distanzunterricht: Ich experimentiere nach wie vor mit Zoom und Skype und habe heute mit Freunden in Deutschland zusammen über Skype musiziert. Jaahaa, es ist nicht optimal, aber ich denke immer, es ist ja nicht für immer und besser, als meine Schüler jetzt auf unbestimmte Zeit gar nicht treffen, ist es allemal. Es scheint viel am richtigen Equipment – Lautsprecher, Mikrofon, schnelles Internet – zu liegen, ob man miteinander musizieren kann oder nicht. Alles was sprachbasiert ist, funktioniert super, jedenfalls mit Zoom. Spontan denke ich, ich möchte lieber „live“ vor der Kamera unterrichten als Videos für Youtube (oder eine beliebige andere Plattform) zu produzieren, da mein Unterricht sehr stark individualisiert ist. Meinungen dazu?

Ideen sammeln

Man wird ja kirre, wenn man den ganzen Tag Nachrichten liest und so saßen der Lieblingskollege und ich heute in unseren Hohlstunden bei selbstverordneter Medienabstinenz und überlegten ganz pflichttreu, wie man die Zeit mit den Schülern, die kommen, sinnvoll füllen könnte. Minikonzerte ohne Publikum war eine Idee, die wir in unser örtliches Altenheim streamen. Grundsätzlich ermuntere ich gerade alle meine Schüler dazu, sich aufzunehmen und die Filmchen an Oma und Opa zu schicken, die gerade nicht raus dürfen.

Eine weitere Idee war, mit kleineren Gruppen auf dem Hof vor unserem Altenheim zu spielen. So ein Saxofonquartett tönt ja auch unter freiem Himmel recht ordentlich, vielleicht reicht es, dass man einfach das Fenster aufmacht. Wettertechnisch ist das aber sowieso erst nach Ostern aktuell und wer weiß, was bis dahin so los ist.

Selbst gedachten wir, mit unserem Duo Clariano mal bei der Kirche anzufragen, ob es da Interesse für ein gestreamtes Konzert gibt.

Habt ihr weitere Ideen für Distanzunterricht in der Musikschule? Tipps für datenschutzkonforme Streaminglösungen?

Ein Gedanke zu „Après-Ski und Distanzunterricht“

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