Bevor wir die Schulen schließen, entscheiden wir, wen wir sterben lassen.


Stand 19. März:

11 Tote in Schweden, 35 Coronafälle auf den Intensivstationen, davon der/die Jüngste 27 Jahre alt. Über 1400 bestätigte Fälle, aber man testet ja auch nur noch neue Patienten im Krankenhaus und das Pflegepersonal – in Stockholm und weiteren 4 Regionen nicht mal mehr das.

Neues Gesetz ermöglicht Schulschließungen

Heute wurde ein neues Gesetz erlassen, das der Regierung die Möglichkeit gibt, bei Bedarf alle Schulen des Landets zu schließen. Man betont gleichzeitig, dass Schulschließungen bis Klasse 9 im Moment keine aktuelle Frage sei. Gleichzeitig arbeitet man an Triageregeln: Alter, Geschlecht und soziale Stellung sollen keine Rolle spielen, wenn man entscheiden muss, wenn man an die zu knappen Beatmungsmaschinen legt. Ausschlaggebend sollen sein das biologische Alter und der allgemeine Gesundheitszustand. Man entscheidet schonmal, wen man sterben lässt, bevor man die Schulen schließt.

Ansonsten das übliche: Keine Schutzausrüstung in den Krankenhäusern, das was es noch gibt, wird im Narkotikaschrank weggeschlossen, hoher Krankenstand in allen Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, die Krankenhausleitungen warnen, dass es katastrophal werden wird und holt pensioniertes Personal aus dem Ruhestand zurück. Oh the irony.

Schweden und der Chefideologeepidemiologe Anders Tegnell setzen weiter auf die Strategie Herdenimmunität. Er lehnte sich heute sogar so weit aus dem Fenster zu behaupten, in Schweden seien bereits über 100.000 Menschen infiziert – woher der alte weiße Mann diese Zahl hat, wenn doch kaum noch getestet wird, ist schwer nachzuvollziehen. Nur die Alten, bestätigte Fälle und wer sonstwie krank ist, sollen zuhause bleiben. Wir anderen sollen unsere Hände waschen und in die Armbeuge husten. Immerhin rät man jetzt auch von Reisen innerhalb Schwedens ab, insbesondere in und aus den Großstadtregionen.

Herdenimmunität, ich kanns nicht mehr hören

Anders Tegnell wird zwar immer lauter von anderen Wissenschaftlern kritisiert (SVT, Svenska Dagbladet), aber dieser Mann ist solch ein Narzisst, der ist vollkommen immun (höhö) gegen jede Form von Kritik. Stattdessen nutzt er die Aufmerksamkeit, die ihm die Kritik einbringt, um weiter seine Parolen zu verbreiten: Kinder würden nicht erkranken und seien keine ernstzunehmende Ansteckungsquelle, wir flachen die Kurve durch Händewaschen ab, niemand wisse, ob die krassen Maßnahmen im Rest von Europa überhaupt etwas bringen würden, blablabla. Es ist UN. ER. TRÄG. LICH.

Im Spiegel lese ich, dass sowohl Großbritannien und die Niederlande von ihrer Herdenimmunität-Strategie ablassen, nur Schweden führt dieses Experiment weiter. Ein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Versuchskaninchen.

Jetzt kommen die Rechten…

Am ekelhaftesten ist, dass jetzt Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) vor die Presse geht und das Vorgehen der schwedischen Gesundheitsbehörden kritisiert und Schulschließungen fordert. Es ist einfach nur bizarr.

Ein ganz normaler Arbeitstag, irgendwie.

An meinem Arbeitsplats waren wir heute nach wie vor zu zweit. Morgens hatten wir unsere normale Donnerstagskonferenz mit einem unserer Chefs, da waren wir noch drei. Der eine Kollege war aber – nach eigenen Angaben wegen Heuschnupfen – dermaßen am rumschniefen und -rotzen, dass der Chef ihn heimschickte. (Soviel zu: wer irgedwelche Symptome hat, bleibt bitte daheim…) 7 von 10 Schülern kamen heute zum Klavierunterricht, viele erzählen, dass man sich in den Schulen darauf vorbereitet auf Distanzunterricht umzusteigen. Ich hatte heute meine erste Unterrichtsstunde per Videokonferenz mit einer Zweitklässlerin. Es war so naja, wir müssen da alle noch viel lernen, was geht und was nicht.

Ein kurzes Gespräch mit einer Kollegin von der Kulturschule, die es ganz fantastisch findet, dass Schweden so mutig ist, einen anderen Weg zu gehen als der Rest der Welt. Herdenimmunität sei ja sowas tolles, das hätte die Natur ja so vorgesehen. Ich entgegnete, dass die Natur auch vorgesehen hätte, dass jetzt mal ein paar Tausend oder Zehntausend Menschen an diesem Virus sterben werden und der Mensch und die Wissenschaft seit Jahrhunderten daran arbeiten, dass genau das nicht passiert. Beliebt macht man sich so auch nicht bei seinen Kollegen.

Abends ging ich noch bei unserer 86jährigen Nachbarin vorbei und fragte – mit 2 Metern Sicherheitsabstand – ob sie noch was aus dem Supermarkt brauche. Brauchte sie. Klopapier. Wenns geht, gerne das mit den Eichhörnchen drauf. Ich war zunächst besorgt, dass ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, aber es gab alle Sorten Klopapier: 2lagig, 3lagig, 4er-Pack, 10er-Pack, 20er-Pack, mit Bären, mit Lämmern, mit Eichhörnchen und Unmengen von Schmirgelpapier.

Es gibt wieder Klopapier

Im gleichen Takt wie das Klopapier wieder zunimmt, nimmt die Berichterstattung ab. Die Nachrichtenseiten und Fernsehnachrichten sind nicht mehr ausschließlich monothematisch Corona, sondern nach drei, vier, fünf Corona-Nachrichten kommen wieder Nicht-Corona-Nachrichten. Der Einzelhandel verlegt jetzt mit dem einziehenden Frühling seine Geschäfte auf die Straße, um mehr Leute in die Innenstädte zu locken. Hurra.

What. The. Fuck.

4 Kommentare zu „Bevor wir die Schulen schließen, entscheiden wir, wen wir sterben lassen.“

  1. Mein letzter Kommentar könnte missverständlich sein. Aber das war ein Versuch, dem Abwarten und Teetrinken (sprich Nichtstun, was natürlich nicht meiner Meinung entspricht) ironisch beizukommen.

    1. Danke für Deine Beiträge. Nein, nein, wir hatten das schon so verstanden, wie es gemeint war :-)

      Persönlich erwarten wir die Krise, wenn uns der im letzten Urlaub in Deutschland gehamsterte Ostfriesentee ausgeht… ;-)

  2. In Hamburg gibt es dieses „überlebensnotwendige“ Klopapier auch hauptsächlich in Vorratslagern merkwürdiger Menschen und ebenso hört man eine 1 :1 -Tegnell- Argumentation ungeschminkt von solchen, die Coronapartys veranstalten. Damit hat’s sich dann wohl.
    Alles im Darwinschen Sinne?
    Wohl nicht jede(r) hat so viel Glück wie ich mit einer kreativen Hausgemeinschaft („distanzierte“ Teekränzchen im Treppenhaus und viel Solidarität und Nähe – Chancen für ein gutes Leben).
    Übrigens zu eurem Trost: Hier klappt der Distanzunterricht schon mal grottenschlecht wegen mangelhafter IT-Ausstattung (Schlusslicht Hamburg!). Hatte bisher bloß tatsächlich noch niemand gemerkt… O hauahaua ha.
    Seid also nicht zu enttäuscht über die menschlichen Unzulänglichkeiten und haltet gut durch. Was hilft da besser als Musik, Musik, Musik?

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