Nazivergleiche und ein Brief


Gestern wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben als Nazi beschimpft. Weil ich in einem informellen Gespräch mit ein paar Kollegen feststellte, dass alle Länder in Europa deutlich anders mit dem Virus umgehen und ich skeptisch gegenüber der Folkhälsomyndigheten und insbesondere Anders Tegnell sei, fühlte sich ein Kollege bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass ich und alle anderen Deutschen genauso argumentieren würden wie Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechten „Sverigedemokraten“. Nun ja, Jimmie Åkesson hat tatsächlich das Vorgehen der Gesundheitsbehörde kritisiert, die zur Zeit politische Entscheidungen trifft, anstatt der Regierung beratend zur Seite zu stehen und der Politik die Entscheidungen zu überlassen. Åkesson kritiserte auch, dass Schweden mit seinem Nichtstun gerade ein hochriskables Spiel mit Menschenleben betreibe, während alle anderen europäischen Länder deutlich stärkere Maßnahmen ergreifen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einer Sache mit Schwedens oberstem Rechten einer Meinung sein würde. Nun ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, oder, wie man auf schwedisch sagt: „da hatte er mal Glück beim Denken“. Aber daran sieht man auch, wie politisch explosiv der schwedische Kurs gerade ist: wenn wir in ein paar Monaten Zehntausende Leichen vergraben müssen, können sich die Rechten auf die Schulter klopfen und „Siehste!“ sagen. Und was das für die nächste Wahl 2022 heißt, das will ich mir gar nicht ausmalen…

Ich merke, wie mich das permanente Gegen-die-Wand-Argumentieren in meinem Umfeld mich unglaublich erschöpft. Aber was klage ich über Erschöpfung… wenn ich da an die Ärzte, Krankenschwestern, und alle anderen denke, die bereits jetzt und in den kommenden Wochen und Monaten an vorderster Front kämpfen…

Jonas schrieb gestern eine Email an Joacim Rocklöv. Rocklöv ist Professor für Epidemiologie an der Universität Umeå und argumentiert hartnäckig für einen Strategiewechsel: weg von Herdenimmunität hin zu social distancing*, wie es alle anderen in Europa machen, um den R0-Wert unter 1 zu drücken.

„Wenn mir schon keiner zuhört, weil ich kein Experte bin, dann will ich wenigstens die Experten unterstützen, die dafür kämpfen, dass Schweden umdenkt“ sagte Jonas und schrieb gestern Abend an Joacim Rocklöv: (Übersetzung weiter unten)

20 mars 2020 kl. 21:44 skrev Jonas:

Hej Joacim!

Jag läste återigen en av dina informativa debattartiklar i SvD och jag vill tacka dig och dina kollegor för er insats. Som tysk och svensk medborgare följer jag utvecklingen i båda länderna väldigt intensivt och jag tycker att Sveriges hantering av situationen är förfärlig – inte bara hur man väljer att inte bekämpa viruset tillräckligt mycket, men även hur Folkhälsomyndigheten försöker att trycka ner varje kritisk röst.

Jag behöver inte förklara alla fel som Folkhälsomyndigheten gör just nu. Vetenskapliga fel kan jag som lekman inte bedöma och alla de brister i kommunikationen är ju uppenbara. Jag är inte heller rädd för att bli sjuk. Jag är ung och hyfsat frisk. Resten av min familj är i Tyskland och Schweiz och inte utsatt för vår situation. Men jag är rädd för vad som kommer att hända i vårt samhälle om några veckor om det visar sig att Folkhälsomyndighetens optimism var felaktig och konsekvenserna av regeringens (icke)-agerande kommer att visa sig. Jag är också rädd för ett samhälle som kallar sig för demokratiskt och samtidigt tystar ner en debatt kring ett ämne som kräver drastiska politiska beslut. Hur annorlunda är situationen i Tyskland där media i lugna toner ger medborgarna möjlighet att hänga med i utvecklingen och forskningen så att alla kan bilda sig en uppfattning om situationen istället för att blind tro på en myndighet.

Det är farligt när ett samhälle bara tillåter en enda röst, även och framförallt i en krissituation. Därför ber jag dig och er att inte ge upp debatten, att kämpa vidare för en öppen kommunikation från myndigheten och i media och att regeringen tar ansvar genom att rådfråga den expertisen som finns i Sverige och utomlands.

Jag vet att du måste ägna dig åt annat än att läsa oviktiga mejl, så jag förväntar mig inget svar. Men jag vill säga tack och håll ut!

Med vänliga hälsningar,
Jonas

Übersetzung:

Hej Joacim!

Ich habe gerade wieder einen deiner interessanten Kommentare in SvD [Svenska Dagbladet] gelesen und ich will dir und deinen Kollegen für euren Einsatz danken. Als deutscher und schwedischer Staatsbürger verfolge ich die Entwicklungen in beiden Ländern sehr intensiv und ich finde, dass Schwedens Umgang mit der Situation erschreckend ist – nicht nur wie man entscheidet, das Virus nicht ausreichend zu bekämpfen, sondern auch, wie die Folkhälsomyndigheten versucht, kritische Stimmen unter den Teppich zu kehren.

Ich brauche nicht alle Fehler aufzählen, die die Folkhälsomyndigheten gerade macht. Wissenschaftliche Fehler kann ich als Laie nicht beurteilen und die Mängel in der Kommunikation sind offensichtlich. Ich habe auch keine Angst, krank zu werden. Ich bin jung und einigermaßen gesund. Meine restliche Familie befindet sich in Deutschland und der Schweiz und ist nicht unserer Situation ausgesetzt. Aber ich habe Angst vor dem, was in unserer Gesellschaft in einigen Wochen geschehen wird, wenn sich zeigen wird, dass der Optimismus der Folkhälsomyndighet falsch war und sich die Konsequenzen des (Nicht-)Agierens der Regierung zeigen werden. Ich habe auch Angst vor einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt und gleichzeitig eine Debatte um einen drastischen politischen Beschluss  zum Schweigen bringt. Wie anders ist die Situation in Deutschland, wo die Medien in ruhigem Ton den Bürgern die Möglichkeit geben, die Entwicklungen und den Forschungsstand nachzuvollziehen, so dass jeder sich ein eigenes Bild von der Situation machen kann, anstatt blind einer Behörde zu glauben.

Es ist gefährlich, wenn eine Gesellschaft nur eine einzelne Stimme zulässt, auch und vor allem in einer Krisensituation. Daher will ich dich und euch bitten, die Debatte nicht aufzugeben, weiter zu kämpfen für eine offene Kommunikation durch die Behörden und Medien und dafür, dass die Regierung ihre Verantwortung wahrnimmt und die Expertise zur Kenntnis gibt, die es in Schweden und im Ausland gibt.

Ich weiß, dass du gerade besseres zu tun hast als unwichtige Mails zu lesen und erwarte mir keine Antwort. Aber ich will danke sagen und halte durch!

Mit freundlichen Grüßen,
Jonas

Keine 30 Minuten später kam eine Antwort:

Von: Joacim Rocklöv
Betreff: Aw: Tack!
Datum: 20. März 2020 um 22:12:17 MEZ
An: Jonas
Tack Jonas! Det hjälper.
//

Joacim Rocklöv
Professor of Epidemiology
Umeå University
Nicht schwer zu übersetzen:
Danke Jonas! Das hilft.

*Eine Freundin – ebenfalls Ärztin – wies mich darauf hin, dass physical distancing eigentlich der bessere Begriff sei. Soziale Nähe brauchen wir gerade mehr denn je, auf allen denkbaren Kanälen, nur eben keinen physischen Kontakt.

8 Kommentare zu „Nazivergleiche und ein Brief“

  1. Liebe Annika,
    gerade bin ich auf einen Zeit-Artikel zum Umgang mit Corona in Schweden gestoßen und hab an euch gedacht. Die ganze Corona-Pandemie macht mir an sich schon Angst, aber eher wie die Menschen damit umgehen, als das Virus an sich. Was unheimlich ist, ist wie die Menschen damit umgehen – das Horten, aber auch, dass Kunden Verkäufer für die Regulierung von Abgaben in übermäßig großen Mengen ins Gesicht husten. Ich arbeite seit einer Woche ausschließlich von zuhause in meiner nordhessischen Kleinstadt und bin froh, dass ich das so für mich entscheiden kann. Schule und KiGa sind zu, sodass ich meine Stiefkinder auch bei mir hab. Soziales Miteinander mit Freunden und Nachbarn fehlt, aber es fühlt sich aktuell absolut besser so an, schaut man nach Italien und zu den vielen Menschen, die dort vor den Krankenhäusern in Zelten sterben, weil es keinen Platz und kein medizinisches Fachpersonal mit Kapazitäten für sie gibt.
    Der Nazivergleich ist echt übel und dermaßen am Thema vorbei. In Wolfhagen hat man dank Bertelsmann-Studie das voll funktionsfähige aber zu kleine Krankenhaus geschlossen, auch ich bin das erste mal erschreckender Weise einer Meinung mit der AFD (weil die ja ländliche Regionen stärken will) und fürchte auch schon kommende Wahlen.
    Ich wünsche euch gutes Durchhalten und den Schweden mehr Vernunft!
    Tabea

    1. Vielleicht habt ihr dies gelesen, aber ich schicke den Link trotzdem: Schweden, das einzige Land, das nichts tut!
      https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben
      Ich wünsche euch viel Glück. Langsam driftet dagegen allerdings der Diskurs auch hier in Hamburg, in Deutschland teilweise in Merkwürdigkeiten ab und mir graust es. Wir haben in Hamburg noch lange nicht den Berg überwunden und jetzt einen 52Jährigen Toten, dem man nicht nachsagen kann, dass er seine Zeit eh bald rum hätte.
      Bleibt gesund und munter!
      Gabi

      1. Hallo Gabi!
        Danke für den Link, den habe ich zufälligerweise gerade auch in meinem heutigen Artikel erwähnt. Genau so fühl es sich an: Die Welt steht still, nur in Schweden nicht.

        Bleibt ihr auch gesund!

    2. Hallo Tabea!

      Wie schön von dir zu hören! Den Artikel in der Zeit habe ich gerade in meinem heutigen Blogbeitrag erwähnt, bevor ich Deinen Kommentar sah.
      Was die versehentliche Übereinstimmung mit rechten Parteien angeht, dazu kann man nur sagen: auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an.
      Halt die Ohren steif und die Armbeuge vors Gesicht!

  2. Mein ganz großes Mitgefühl angesichts solcher „Kritik“ an euch und mein ganz großer Respekt vor eurem Mut, eine Debatte zu entwickeln!

    Alles, was Carsten schrieb, kann ich nur voll bestätigen und ich wünsche euch, dass ihr doch noch mehr positives Feedback bekommt und gut durchhalten könnt. Und vor allem natürlich, dass die schwedische Politik einsichtig wird und handelt.

    Alles, alles Gute – bleibt gesund und munter –
    Gabi

  3. Liebe Annika, lieber Jonas,

    ich verfolge euren Blog seit Jahren und nie habe ich euch so desillusioniert von Schweden erlebt. Traurig, aber ihr habt so recht. Gestern, nach dem Lesen von Jonas‘ Post habe ich tatsächlich darüber sinniert, wie gut es uns in Deutschland geht – obwohl immer Schweden mein Musterbeispiel für ein politisches und soziales Traumland war.

    Was mich irritiert, ist dass alles an dieser einen Person Anders Tegnell zu hängen scheint. Gibt es denn gar keine innerparteilichen Auseinandersetzungen? Sind alle Regierungsmitglieder stumpfe Follower, ohne eigene Meinung und eigene Haltung?

    Wir haben hier in unserer Kleinstadt den ersten Samstag mit Einschränkungen erlebt. Alle sind vernünftig, die verbliebenen Geschäfte (u.a. auch Baumärkte – kurios, aber irgendwie beruhigend, dass man z.B. Gartenklamotten kaufen kann, um dann etwas zu tun zu haben zu Hause) sind gut vorbereitet – sowohl beim Schutz der Kunden wie auch der Mitarbeiter. Mit einfachen Mitteln wie Plexiglasscheiben und Klebeband am Fußboden wird halt genau das erzielt was hilft: physical distancing. Interessanterweise hatte ich heute in den drei Locations, wo ich war (Getränkemarkt, Baumarkt und Apotheke), sogar das Gefühl, dass die Menschen einander SOZIAL näher gekommen sind – man begegnet sich, weicht sich aus und lächelt dabei. Das macht Mut für die nächsten Wochen…

    Ich wünsche euch, dass der Unsinn bald ein Ende hat und auch bei euch die sicher zielführenderen Maßnahmen Resteuropas eingeführt werden.
    Bleibt dran, ich finde euer Speak-Up richtig gut!

    Bye

    Carsten

    1. Hallo Carsten!
      Vielen Dank für Deine aufbauenden Worte. Was die Person Tegnell angeht: die gesamte schwedische Politik versteckt sich gerade hinter den (oder sollte ich sagen: „dem“?) Experten der Folkhälsomyndighet. Wo in anderen Ländern die Despoten Morgenluft wittern und das Virus für ihre eigene politische Agenda missbrauchen, passiert in Schweden gerade genau das Gegenteil: die Politik macht sich unsichtbar und überlässt den Technokraten das Regieren. Da ist es dann umso gefährlicher, wenn man nur auf eine einzige Person hört, die andere – wissenschaftliche – Stimmen nur arrogant wegwedelt wie eine lästige Fliege. Es gibt diese kritischen Stimmen durchaus, inzwischen auch mit einer gewissen medialen Reichweite, aber bis in die Politik dringen sie nicht vor, die Mehrheit der Schweden findet die Situation gerade okay so wie sie ist. Bloß nicht mehr Einschränkungen, die arme Wirtschaft…

      Und politisch steigt gerade die Zustimmung für die Sozialdemokraten, während die Schweden“demokraten“ verlieren – soll mir recht sein. Ich kann nur hoffen, dass das auch so bleibt, wenn auch in Schweden die LKW des Militärs die Särge abtransportieren…

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