Schüler in den Restaurants, Senioren in den Bibliotheken


Stand 25. März:

2510 bestätigte Fälle (aber getestet wird eh kaum noch), davon 144 auf den Intensivstationen, bisher 42 Todesfälle.  (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).
Allein die Region Stockholm hat über 1000 Fälle und die Hälfte der Todesfälle.

Mein Alltag: Ganz normal. In dem Maß, in dem die Supermarktregale wieder mit Klopapier aufgefüllt wurden, kommen die Schüler auch wieder zur Schule. Die Unruhe der letzten Woche hat sich wieder gelegt, scheint es. Es gibt wieder Klopapier, das heißt, die Welt muss wohl wieder in Ordnung sein.

Gestern wurden die Regeln für Restaurants und Cafés leicht verschärft: Die in Schweden übliche Selbstbedienung ist jetzt nicht mehr erlaubt, nur noch Bedienung am Tisch, die Tische müssen 1,5 Meter auseinander stehen. Die Skigebiete in Åre aber haben nach wie vor geöffnet und demnächst hat ganz Schweden Osterferien, da geht das halbe Land skifahren. Man könnte zynisch sagen: ein Skierlebnis wie in Ischgl…

Deutsche Welle: Schwedens Skilifte laufen weiter
Süddeutsche: Das nächste Ischgl

Man rät zwar einerseits von Reisen innerhalb des Landes ab, andererseits spricht man eine ausdrückliche Empfehlung für Training an der frischen Luft aus, gerne auch in (Kinder-)Gruppen.

Die Oberstufenschüler (16-19 Jahre) im ganzen Land wurden ja letzte Woche in den Heimunterricht geschickt. Heute hat man in Borås im Gemeinderat einen Beschluss gefasst, dass alle Oberstufenschüler ab sofort gratis in den Restaurants der Stadt essen können, die Kommune steht für die Kosten. Damit sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: einerseits die Restaurants vor der Insolvenz retten, andererseits das Recht der Schüler auf eine kostenfreie warme Mahlzeit während der Schulzeit sichern.

Bebildert wurde Artikel in Borås Tidning folgendermaßen – finde den Fehler:

Skärmavbild 2020-03-25 kl. 21.50.39
Quelle: https://www.bt.se/boras/elever-glads-at-fria-luncher-pa-restaurang-underlattar/

Nun ist glaube ich, für viele Familien das kostenfreie Mittagessen in der Schule tatsächlich ein wichtiger Anker, sowohl finanziell wie auch organisatorisch. Ich will das gar nicht kleinreden. In Stockholm hat man es wohl so gelöst, dass die Schüler (wir reden hier immer noch von Oberstufenschülern, 16-19 Jahre) 25 Kronen pro Tag ausbezahlt kriegen, um sich davon Zutaten kaufen zu können um selbst zu kochen. Das ist sicherlich auch nicht optimal, aber was ist in diesen Zeiten schon optimal… Immerhin besser, als zwischen 12-14 Uhr alle Schüler in die Stadt zu locken, die man vorher zwecks Social distancing an den heimischen Schreibtisch geschickt hatte. Gerechter ist dieses Boråsmodell auch nicht, schließlich ist Borås eine recht weitläufige Kommune und diejenigen Schüler, die draußen in den Käffern wohnen, haben von dieser Regelung nichts – außer einem Anreiz, sich in den öffentlichen Nah(kontakt)verkehr zu setzen.

Heute hatte ich ein Gespräch mit einer Schülermutter, die in der Hauptstelle der Bibliothek arbeitet – wie auch die Kulturschule, so sollen auch die Bibliotheken so lange wie möglich geöffnet bleiben – und sie erzählte mir, dass die Bibliotheken deutlich weniger besucht seien. Nur eine Besuchergruppe sei quasi unvermindert vertreten: Senioren. Ähnliches erzählte mir eine Schülerin, die im Supermarkt jobbt.

Wir erinnern uns: die Strategie der Schwedischen Gesundheitsbehörde ist: die Senioren und andere Risikogruppen isolieren, damit im nahezu uneingeschränkten Alltag alle anderen einander fröhlich anstecken herdenimmunisieren können. Funktioniert ja anscheinend prima. Mannomann.

Die Zeit: Die Welt steht still. Nur in Schweden nicht

Gleichzeitig liest man die ersten Berichte, dass in Stockholm Krebsoperationen und Kaiserschnitte nicht mehr durchgeführt werden können, weil Personal und Ausrüstung fehlen. Eine befreundete Gynäkologin sagte neulich zu mir: „die Behörden müssten eigentlich viel deutlicher damit rausgehen, dass man jetzt bloß nicht schwanger werden soll. Wir haben zur Zeit keine Ressourcen, eine vernünftige Schwangerschaftsüberwachung durchzuführen.“

Die täglichen Pressekonferenzen geben eigentlich auch nichts Neues mehr… oder doch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell schickt seit Freitag seinen Chef vor, um dem Volke zu verkünden, man möge bitte in die Armbeuge husten und zuhause bleiben, wenn man krank ist. Er selbst möchte nicht mehr vor die Kameras, weil er ja soooo böse kritisiert wurde für sein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Menschen und alles was von außen käme, seien doch „nur Dummheiten“.

Dummheiten, wie zum Beispiel die Aufforderung einer Reihe Virologen, Epidemiologen, Statistiker etc., einen unabhängigen Expertenrat einzusetzen, der die Politik beraten solle, anstatt weiterhin nur auf die Meinung Anders Tegnells zu hören. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Und so lauschen wir weiterhin den frommen Ermahnungen der Folkhälsomyndigheten, uns die Hände zu waschen und nach dem Arbeitstag die Frühlingssonne draußen bei gemeinsamem Picknick mit Freunden im Grünen zu genießen…

Ein Gedanke zu „Schüler in den Restaurants, Senioren in den Bibliotheken“

  1. Liebe Annika, lieber Jonas,

    ich zittere etwas.
    Früher, vor mehr als 30 Jahren, als uns mal die Machtübernahme durch F.J. Strauß drohte, sagten meine dann leider viel zu früh verstorbene beste Freundin, ihr Mann, mein auch zu früh verstorbener Mann und ich: „Dann gehen wir in unser Schweden!“ – nach schwierigen Diskussionen mit großem Unwohlgefühl von Feigheit.

    Vor vielen Jahren sagte meine Tochter (Tschernobyl und Golfkriege verstanden ) vor ihrem zweiten langen Auslandsaufenthalt „Mama, wenn uns allen auf der Welt etwas Schlimmes droht: Wir (sie, ihr Bruder und ich) treffen uns immer auf jeden Fall in Schweden, abgemacht?“

    Was ist davon geblieben? Eine unserer schwedischen Nachbarinnen postet jeden Tag ihre Blumen-, Pferde- und Sonstwasbilder auf Instagram – kein einziges X-Wort. Auch von allen anderen Nachbar*innen, Freund*innen: Schweigen. Nur mein dänischer Nachbar (wir sind in Skane ;-) weiß, was Sache ist.

    Wir verlieren die Orientierung, denn hier in D (zumindest in Hamburg sehe ich es) scheint sich plötzlich auch alles zersplittern zu wollen (nach nur einer Woche Ausgangsbeschränkungen und anfänglicher trügerischer Abenteuer-/Lagerfeuerstimmung!), weil die bisherigen Maßnahmen ja die Konjunktur und die Bürgerrechte gefährden würden – und darüber hinaus wird der Ruf „Verschwörung!“ laut…
    Uns steht noch einiges bevor, was die Gesellschaft noch mehr entzweien könnte. Wir leben in einem Experiment, das jeden herausfordert.

    Trotzdem wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben!
    Alles Gute für euch!
    Kram fr. Gabi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s