Vom Zusammenhang zwischen Klopapier und Anwesenheit beim Klavierunterricht und andere (Nicht-)Neuigkeiten


Stand 31. März:

4435 bestätigte Fälle, davon 358 auf den Intensivstationen. Bisher 180 Todesfälle. Allein die Region Stockholm hat rund 2000 Fälle und 103 Todesfälle. (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).

Das Leben für uns geht im Wesentlichen unverändert weiter. (Was für ein unglaublich mitreißender Einleitungssatz!)

Die Nachrichtenlage

Am Freitag wurden Versammlungen über 50 Personen verboten. Die Nachricht kam nachmittags, während ich mit knapp 50 Kollegen in der wöchentlichen Konferenz saß. Die Nachricht wurde mit allgemeinem Schmunzeln aufgenommen, Konsequenzen hatte sie bis heute nicht.

Auf Landesebene wurde heute ein generelles Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime ausgesprochen. Von Reisen in den Osterferien wird abgeraten, verboten sind sie aber nicht.

Erfreulicherweise kam heute die Nachricht, dass die Skigebiete jetzt doch vor Ostern geschlossen werden – ab dem 6. April, man kann also übers Wochenende noch hochfahren…

Ansonsten beginnen die Nachrichten inzwischen nicht mehr mit den aktuellen Corona-Zahlen, sondern mit der neuesten Arbeitslosenstatistik. Natürlich sind auch in Schweden die Reise-, die Gastronomie- und die Kulturbranche am stärksten betroffen. Auch die Autobranche, aber da versucht man gerade die Produktion umzustellen – auf Respiratoren. Absolut Vodka hingegen stellt auf Desinfektionsmittel um.

Für Ärzte und Pflegepersonal wurden kürzlich die Hygienerichtlinien in Sachen Schutzkleidung „dem neuesten Forschungsstand angepasst“. Es wurde als „sicher“ deklariert, Patienten mit Covid-19 mit kurzen Ärmeln und ohne Mundschutz zu versorgen. Und nein, das habe angeblich nichts mit fehlender Schutzausrüstung zu tun, sondern damit, dass die Behörden eine neue „Beurteilung“ vorgenommen haben, welche Schutzausrüstung wirklich im Umgang mit Coronapatienten benötigt werde. Ein anonymer Arzt beschrieb es mit den Worten: „wie Feuerwehrleute in Badehose“. In Stockholm, zur Zeit dem schwedischen Zentrum der Epidemie, werden bereits zwei Krankenschwestern und drei Ärzte intensivmedizinisch versorgt. Natürlich können die sich alle auch privat angesteckt haben, sagen die Behörden.

Der Alltag

In dem Maß, in dem das Klopapier in die Supermärkte zurückkehrt, kommen auch meine Schüler wieder zum Unterricht. Vorletzte Woche war die Klopapierpanik recht groß und rund die Hälfte der Schüler blieb zuhause. Letzte Woche gab es wieder Klopapier und die Schüler kamen wieder zum Unterricht. Ich sehe da eine deutliche Korrelation…

Jonas und ich haben uns letzten Donnerstag Auffrischimpfungen gegen Tetanus und FSME gegönnt. Beides vermeidbare Dinge, für die man dieses Jahr definitiv nicht ins Krankenhaus möchte. Die Impfung hat uns beide etwas ausgeknockt, Jonas lag bereits am Wochenende platt, ich blieb heute zuhause.

Ob es die Impfung war oder die Gesamtsituation – ich weiß es nicht, aber wir beide sind gerade total erschöpft. Ich merke, wie mein Grundstresslevel ein paar Umdrehungen hochfährt, sobald ich das Haus verlasse. Obwohl ich mich – die wöchentlichen Gesamtlehrerkonferenzen ausgenommen – im Alltag ohnehin selten in Räumen mit mehr als 5 Leuten aufhalte, stresst mich der normale Schüler-, Eltern- und Kollegenkontakt gerade deutlich mehr als sonst. Ich singe alle 20 Minuten mit meinen Schülern am Waschbecken Bruder Jakob im Kanon und fahre zum Mittagessen nach Hause. Und mein Orchester – jobtechnisch mein wöchentliches Highlight – fehlt mir, obwohl es natürlich vernünftig ist, gerade nicht zu proben. Ab und an habe ich einzelne Schüler per Videokonferenz, aber mir fehlt die Zeit, um konkrete Konzepte für Online-Unterricht für einzelne Schüler zu entwickeln, was meinen Videounterricht nur dröge macht – für mich und  für den Schüler vermutlich auch.

Vernünftigerweise haben wir alle Veranstaltungen bis zu den Sommerferien abgesagt. April, Mai und Juni sind in der Musikschulzeitrechnung die „Erntezeit“, wo eigentlich alle Wochenenden mit Konzerten und Auftritten gespickt sind. Jetzt haben wir zwar weiterhin Unterricht, aber überhaupt kein Ziel mehr. Natürlich sollte ich als Lehrer jetzt erst recht mit Ideen und Motivation um mich werfen, um meine Schüler bei der Stange zu halten, obwohl die Konzerte, auf die sie sich wochen- oder monatelang vorbereitet haben, plötzlich ausfallen. Schwierig, wenn man selber auf dem Zahnfleisch geht.

Auch das Leben in zwei Welten schlaucht. Einerseits verfolge ich regelmäßig die Nachrichtenlage in Deutschland und habe gerade mehr Kontakt als die letzten 8 Jahre mit Freunden und Familie in Deutschland. Andererseits habe ich hier meinen ganz normalen Alltag und bin von Berufs wegen dazu angehalten, das zu sagen, was alle Schweden gerade sagen: „Wir vertrauen unseren Behörden und folgen deren Empfehlungen“.

Noch drei Arbeitstage bis zu den Osterferien, dann dürfen wir endlich auch zu Hause bleiben, wenigstens für eine Woche.

Ein Gedanke zu „Vom Zusammenhang zwischen Klopapier und Anwesenheit beim Klavierunterricht und andere (Nicht-)Neuigkeiten“

  1. Hier kommt es näher. Wir treffen nun auch positive Ärzte und Schwestern, und ich hoffe still, dass ich vor dem Umzug damit durch bin. Und bevor sie mich vielleicht wirklich auf die IVA holen.
    Die Busse sind voll, das Krankenhaus leer. Die „myskatastrof“, wie sie mein Kollege nennt, geht ihren Gang. Ich gebe uns noch ca. zwei Wochen.
    Aber Tegnell hat jetzt den Auftrag bekommen, mehr zu testen und findet das TOTAL sinnvoll! Nanu? Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

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