„Komische Handlungsregularien“


Trotz unserer vielen schönen Wanderungen hier im Blog – es ist nicht so, dass uns Corona inzwischen kalt lässt. Und mit „uns“ meine ich Jonas und mich. In unserer Umgebung nimmt das Thema hingegen gefühlt mehr und mehr ab. Wir haben einen wundervollen Frühling (wenn auch zu trocken), die Menschen sind draußen, Restaurants, Cafés und Frisörsalons sind geöffnet. Lediglich Oberstufenschüler und Studenten müssen von zuhause aus lernen und studieren. Homeoffice ist inzwischen wieder eher ein nettes Gimmick für die, die das möchten und wo der Arbeitgeber mitmacht (erfreulicherweise ist die Arbeitswelt in Schweden im Allgemeinen sehr gut digitalisiert). Aber nach ein paar Wochen finden viele das jetzt auch nicht mehr so geil wie am Anfang, also geht man doch wieder zum Job.

In der Kulturschule hatten wir ja vor gut einem Monat immerhin die Direktive bekommen, Gruppenunterricht mit über 10 Schülern zu pausieren. Sogar das wurde jetzt nach Ostern wieder aufgehoben. Wir Lehrkräfte sollen jetzt nach eigener Fantasie den Gruppenunterricht so gestalten, dass wir dabei den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde nachkommen (die da im Wesentlichen nach wie vor unverändert sind: Hände waschen, in die Armbeuge husten, Abstand halten, bei Symptomen zuhause bleiben).

Ich habe losgeprustet vor Lachen (natürlich in die Armbeuge) über die Absurdität, als ich heute Abend den neuesten Drosten-Podcast hörte:

„Dann haben wir zusätzlich gerade diese vielen relativ freien Interpretationen von allen Seiten der Gesellschaft, die plötzlich kommen. […] ich sehe daran, wie viel Fantasie in allen Bereichen der Wirtschaft entsteht, wie man durch komische Handlungsregularien, die man sich selber auferlegt – mit Masken oder Händewaschen und so weiter – Situationen beeinflussen will, wo man offensichtlich sagen muss: Nein, das geht einfach nicht. Das nützt nichts, wenn man sich da ab und zu mal die Hände wäscht. Oder wenn man manchmal eine Maske aufsetzt. Es ist eine Situation, das ist eine Massenansammlungen von Menschen. Das kann man nicht machen, wenn man will, dass die R in Deutschland nicht wieder über eins kommt. Ich würde mich bei diesen vielen Einzelauslegungen dieser Maßnahme nicht wundern, wenn wir über den Mai und Ende Juni hinein plötzlich in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 34, 22.4.2020

Komische Handlungsregularien, das trifft den Nagel auf den Kopf. Es kleidet mein eigenes Unbehagen in Worte, wenn ich mit Zollstock bewaffnet 30 Stühle und Notenständer in die Wiese stelle, um in der Abendsonne zu proben. Blasorchester, ausgerechnet. Aber mit dem Wort Aerosol können hier nur wenige etwas anfangen. (Ja, ich habe überlegt, das Orchester ausfallen zu lassen, aber das wäre Arbeitsverweigerung und ein Kündigungsgrund. Das kann ich mir gerade nicht leisten. Der Arbeitsmarkt für freiberufliche Musiker, der ist nämlich gerade definitiv am Boden. Auch in Schweden.)

Oder wenn ich vor jeder neuen Unterrichtsstunde die Tasten meines Klavieres mit Fensterreiniger „desinfiziere“. Manchmal bekomme ich vom Arbeitgeber auch Desinfektionstücher.

Oder wenn ich meinen Chef frage, ob wir denn eigentlich gerade wirklich jede Woche eine Gesamtlehrerkonferenz in geschlossenen Räumen abhalten müssen, da wir doch definitiv die Strukturen für digitale Meetings hätten und ich zur Antwort bekomme, dass die Grenze für Versammlungen bei 50 Personen sei, unser Arbeitsplatz aber nur 48 Mitarbeiter habe und er jetzt meine Frage nicht verstehe, man folge ja schließlich den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde.

Apropos Gesundheitsbehörde, apropos Absurdität, apropos Unbehagen: Am Dienstag wartete die Gesundheitsbehörde mit Knüllerzahlen in der täglichen Presskonferenz auf. Meistens lese ich nur einmal am Tag die Zusammenfassung, just am Dienstag saß ich aber im Auto und hörte den größten Teil der Pressekonferenz. Da haben die doch tatsächlich verkündet, dass nach ihren Modellierungen auf jeden bestätigten Fall 1000 milde, nicht getestete Infektionen stattfinden würden. Schweden hatte an dem Tag knapp 16 000 bestätigte Fälle (und 10 Millionen Einwohner).

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Ich rechnete kurz im Kopf nach: 16 000 x 1000 = 16 000 000.
16 Millionen Infektionen und das bei nur 10 Millionen Einwohnern in Schweden, das ist eine beeindruckende Durchseuchungsrate von 160 Prozent. Klassenziel Herdenimmunität mit Bravour erreicht, würde ich sagen!

Ironiemodus wieder aus: Heute wurde die Zahl in der Modellierung auf 75 korrigiert, es war tatsächlich ein Eingabefehler, das gab man auch zu. Nun also pro 1 bestätigtem Fall 75 unentdeckte Fälle. Immerhin. Mit den heutigen (23. April) 16 755 Fällen wären das immer noch 1,25 Millionen Infektionen bei 10 Millionen Einwohnern. Für den 1. Mai erwartet man, dass 26 Prozent der Einwohner Stockholms infiziert sein werden.

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Was sagt Drosten eigentlich zum Thema Herdenimmunität?

„Aus all diesen Gründen will ich hier keine exakten Zahlen rechnen, sondern ich will nur sagen, die Botschaft aus dieser Studie ist, die können wir auch für uns annehmen: Wir haben im ganz niedrig einstelligen Bereich die Antikörper-Prävalenz. Und das ist das, was man auch aus anderen Ländern im Moment hört, in anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland gibt es erste Kollegen im Labormedizinbereich, die sagen, wie ihre Zahlen aussehen, und wir selber betreiben auch ein großes Labor. Wir haben einige Tausend ELISA-Teste gemacht. Das ist auch der Eindruck, den ich hier nennen kann, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. Wir bewegen uns in all diesen Situationen, nicht nur in Deutschland, immer dort, wo Labore sind, die schon viel getestet haben, in diesem Bereich bei zwei Prozent, vielleicht mal drei Prozent. Aber dann muss man dazusagen, eigentlich sind bestimmte Sachen, die man abziehen muss, noch nicht abgezogen. Also wir haben keine Situation, wo man sagen könnte, hier besteht schon eine nennenswerte Herdenimmunität. Wir sind überhaupt nicht in der Nähe einer Herdenimmunität.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 33, 20.4.2020

Ich bin keine Virologin, keine Ärztin, keine Wissenschaftlerin. Ich bin nur neugierig. Ich lese viel, ich konsumiere viel (zu viele) Nachrichten, deutsche wie schwedische, und ich beobachte, was um mich herum geschieht. Und ich kriegs im Kopf nicht überein. Ich kann nicht beurteilen, wer da recht hat, aber „26 Prozent“ vs „ganz niedrig einstelliger Bereich“, das ist schon ein ziemlicher Unterschied.

Ich höre auf der Pressekonferenz Menschen fragen, wann denn in Schweden der Lockdown gelockert werde, die anderen Länder in Europa würden ja jetzt auch ihre Restriktionen lockern und denke: welcher Lockdown??? Das bisschen Abstand halten und Händewaschen?

Ich sehe beim Joggen eine Traube von 25, vielleicht 30 Senioren auf dem Wanderparkplatz stehen. Sollen sie wandern wenn ihnen gut tut, es gibt nichts Schöneres gerade und es gibt soooo viele Flecken wo man dabei niemandem auf die Füße tritt. Aber dafür extra ein Treffen mit 25 anderen organisieren?

Gleichzeitig hört man aus den Krankenhäusern nichts Gutes. Ja, Intensivbetten und Respiratoren gibt es noch, wenn auch zum Teil aus den 80ern vom Krankenhausdachboden runtergeholt. Aber kaum Schutzausrüstung, Beatmungsschläuche, Betäubungsmittel und vor allem intensivmedizinisch ausgebildetes Pflegepersonal. Und Menschen über 80 werden einfach mal gar nicht intensivmedizinisch versorgt.

Bei Markus Lanz war gestern ein deutscher Arzt aus Nordschweden zugeschaltet, der die Lage sehr anschaulich beschreibt (ab 54:48). (Lanz‘ Geplapper hingegen finde ich unerträglich, die Überleitung „Weil Sie sagen ‚Gastronomie‘, ich habe da einen interessanten Gesprächspartner für Sie, einen Arzt aus Lappland“ war ööööh… ja.)

Wie kann man nach einer noch weiteren Lockerung der Maßnahmen fragen, wenn die Kurve der Todesfälle pro Einwohner steil nach oben geht?

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3 Kommentare zu „„Komische Handlungsregularien““

  1. Hej, jetzt offenbart sich grad einiges unverblümt und ich fange deshalb schon mit Sarkasmus an, obwohl ich das eigentlich nicht will. Nächste Woche werde ich unverdientermaßen 70 – oha.

    Focus ist zwar kein tolles Blatt, aber man liest ja alles, was zu Schweden erscheint – habt ihr das auch gelesen?

    https://www.focus.de/finanzen/boerse/konjunktur/kein-shutdown-schweden-waehlt-in-corona-krise-sonderweg-die-wirtschaft-bricht-trotzdem-ein_id_11928570.html
    „Wir haben die Entwicklung der Todeszahlen unterschätzt. Trotzdem…“ Zitat A.T. Tja, man kann sich ja mal verschätzen, war keine Absicht?

    Dazu passt auch dieser Artikel, der mich richtig, richtig geschockt hat, nach dem dritten Abschnitt musste ich eine Pause einlegen und weinen:

    https://www.zeit.de/kultur/2020-04/corona-pandemie-kapitalismus-oekonomie-menschenleben/komplettansicht?print
    Corona-Pandemie: Menschenopfer für den Kapitalismus

    Survival of the fittest – die Welt (und somit auch Schweden) schrumpft sich effektiver – nix mit Kant und so (war wohl nur Theorie in der Schule). Man versucht mich zu beruhigen, das wäre hauptsächlich amerikanisches Denken, aber ich höre Ähnliches im Vorbeigehen oder in Gesprächen, die ich kurz bleiben lasse, und vermute das auch bei A.T.

    Bleibt bitte munter und gesund! Herzliche Grüße!

    1. Liebe Gabi,
      ich verstehe Deine düsteren Gedanken. Zu der Wirtschaftsfrage und ob es in Schweden ähnlich schlimm ist wie in Deutschland… ich weiß es nicht. Man hört auf beiden Seiten, dass es „ganz ganz schlimm“ sei, aber was „ganz ganz schlimm“ konkret heißt und wo am Ende mehr Arbeitslose oder die schlimmere Rezession stehen… keine Ahnung.
      Natürlich muss es in dieser Situation Idioten geben, die sagen „Lasst doch die Ollen sterben, Hauptsache der Wirtschaft geht es gut.“ Aber es tut auch gut zu sehen, wie viele Menschen gerade nicht so denken.
      Pass auf dich auf!

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