Darf man sagen, dass man friert, wenn die Welt brennt?


Spoiler: Corona-Frust. Dieser Text enthält weder eine Pointe noch lustige Anekdoten und liefert keine neuen Erkenntnisse oder kreative Gedanken.

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Acht Wochen liegen die Sommerferien bereits zurück, davon fünf mit normalem Unterricht, also mit Schülern und so. Ich hingegen bin jetzt schon so müde und erschöpft wie sonst Ende Februar, wenn der lange Winter nicht aufhören mag und auch sonst nix Spannendes passiert, weil die lustigen Dinge beim Job vor allem in der Weihnachtszeit und ab April passieren. Ja, ich funktioniere so, dass mir mein Job dann am meisten Spaß macht, wenn er von der Routine abweicht. Wenn wir Konzerte, Probentage, Weihnachtsmarkt, Lucia, Reisen, Tag der offenen Tür, Marktsamstag, Tag der Musik, Oldtimerausstellung, Nationalfeiertag, Walpurgisnacht, Erster Mai, Schulabschlussfeiern oder sonst was mit unseren Schülern musikalisch unternehmen. Klar, all das ist mit extra Arbeit verbunden – oft am Wochenende und/oder abends –, macht aber auch, dass ich weiß, warum ich meinen Job mache, und dass ich meinen Job gerne mache. Die Hochzeiten (Hoch-Zeiten, nix mit heiraten) November/Dezember und April bis Juni, nenne ich daher auch gerne Erntezeit und komischerweise habe ich zu diesen Zeiten mehr Energie und Freude am Job als in Flautezeiten, wo ich jeden Tag Dienst nach Vorschrift mache und pünktlich nach Hause gehe.

2020-2021 ist eine einzige Flaute.

Mein Unterrichtsalltag läuft trotz Corona erstaunlich normal. Außer Händewaschen, Abstandhalten und Tastendesinfizieren haben wir in der Musikschule keine besonderen Coronaregeln. Im Klavierunterricht halte ich ohnehin meistens eine Klavierlänge Abstand, da ist die Umstellung nicht so groß. Und da selbst unserer Chef kommentarlos dabei sitzt, wenn wir unsere Arbeitsgruppenkonferenz mit acht Leuten um einen Tisch halten, der schon ohne Corona eigentlich nur für sechs Personen Platz bietet, dann fehlt mir persönlich auch die Energie, für mehr Schutzmaßnahmen zu argumentieren.

Was mir hingegen wirklich fehlt, sind Konzerte und Veranstaltungen mit unseren Schülern. Alles soll digital stattfinden oder in wirklich sehr kleinem Rahmen, Konzerte von 15 Minuten, mit 5 Schülern und 10 Zuhörern. (Wer findet, dass ich mir in diesem und im vorhergehenden Absatz selbst widerspreche, hat recht und kriegt einen Keks.)

Auch die Schulen machen wieder weitestgehend Normalbetrieb in allen Klassenstufen. Es ging auch erstaunlich lange erstaunlich gut – die Infektionszahlen waren von Juli bis Mitte September stabil niedrig, steigen aber jetzt auch wieder an, wie eigentlich überall in Europa. Aber wenn die Kinder in den Schulen und in den Bussen unvermindert miteinander knuddeln dürfen, dann sehe ich nicht den Witz, mir extra Steine in meinen Musikschulalltag zu legen, um die Schüler vor gegenseitiger Ansteckung zu schützen. Fatalistisch? Zynisch? Resigniert? Ja, alles auf einmal.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine große Debatte, warum der Kulturbetrieb anscheinend alleine die Verantwortung für den Ansteckungsschutz tragen soll. Während Restaurants und Einkaufszentren lediglich dazu angehalten sind, die Einhaltung der Abstandsregel zu gewährleisten (mit sehr wechselhaftem Erfolg, meiner Beobachtung nach), gilt nach wie vor ein striktes Verbot für Veranstaltungen mit über 50 Personen. Will heißen: Wenn in einem Restaurant 200 Leute mit angemessenem Abstand sitzen, ist das rechtlich in Ordnung. Wenn einer der 200 sich ans Klavier setzt, müssen 150 Leute nach Hause gehen, denn dann ist es ein Konzert.

Man kann tatsächlich darüber diskutieren, ob das Ansteckungsrisiko so viel größer ist, wenn ich mich in einen Konzertsaal setze, in dem nur jeder 3. Platz belegt ist im Vergleich zu einem Shoppingsamstag in Ullared (Skandinaviens größtem Shoppingcenter), wo mich Aufkleber auf dem Boden freundlich darauf aufmerksam machen, doch bitte Abstand zu halten. Fairerweise kann ich nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie es just in Ullared aussieht, aber ich war neulich mal versehentlich um die Mittagszeit in der Innenstadt von Borås und war hinterher einfach nur erschöpft und fertig, weil sich einfach keiner um irgendwelche Abstände zu kümmern schien.

Ich habs ja wirklich versucht: ich habe mir die tollen Streamingangebote größerer oder kleinerer Musikbetriebe gegeben, war sogar zum ersten Mal in meinem Leben bei den Salzburger Festspielen, aber inzwischen bin ich sowas von digitalmüde, ich mag einfach nicht mehr, auch wenn das Angebot noch so toll ist. (…sagte sie und setzte sich an den Rechner um einen Blogartikel zu schreiben…)

Mir fehlt gerade jobmäßig echt eine Perspektive und ich frage mich täglich, warum ich das hier eigentlich mache, ergibt doch alles keinen Sinn. Jaja, ich weiß, ich muss dankbar sein, dass ich überhaupt als Kulturarbeiter trotz Corona ein festes Einkommen habe, Klagen auf hohem Niveau, First-World-Problems etc pp. Alles richtig. Darf man trotzdem sagen, dass man friert, obwohl anderswo die Welt brennt?

Zu der ganzen Coronaschei*e kommt, dass es mehreren Menschen in unserem engsten Umfeld gerade gar nicht gut geht, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Ohne in die Details zu gehen, könnte man es jedoch übergreifend als Corona-Kollateralschäden bezeichnen. Gesundheitlich, mental, sozial – auch wenn Schweden keinen Lockdown hatte (und wahrscheinlich auch nicht haben wird, selbst wenn die Zahlen wieder hochgehen), spurlos geht das auch an uns nicht vorüber.

Ich würde jetzt gerne in Winterschlaf gehen. Weckt mich, wenn ein Impfstoff da ist.

4 Kommentare zu „Darf man sagen, dass man friert, wenn die Welt brennt?“

  1. Liebe Annika, jetzt weiss ich, warum ich öfters ini Eurem Blog vorbeischauen sollte: Denn besser kann man es nicht beschreiben. Der Gedanke, dass dann, wenn sich einer ans Klavier setzt, 150 Leute nach Hause gehen müssten, ist nobelpreisverdächtig.. Die Preise werden überhaupt grade vergeben: in innovativen Digitalveranstaltungen, versteht sich. Tja,, diese ganze aufgeregte und geschäftige Zwangsdigitalisierung – von Schule über Universität bis hin zum Arbeitsleben, die in Deutschland grad im Tonfall der moralischen Absolut-, Notwendig-, und Unausweichlichkeit zelebriert wird – sie macht mich auch müde, erstaunlich aggressiv gar, bisweilen. Scheint, als ob es einfach keine guten Zeiten sind für den Menschen als bekennend sozialem und analogen Wesen. Aber immerhin: So manches kulturelles Pflänzchen (kleine, aber feine Kammermusikabende etc.) wächst hier schon wieder. Und auch der Tee, den wir jetzt zum Abwarten brauchen, der schmeckt analog immer noch am Besten.

    Und so sende ich Dir einen kleinen Tassengruss aus Karlsruhe nach Schweden, in Erinnerung an chorische Stunden, und noch immer stolz, einst dein pianistischer Meisterschüler gewesen zu sein (weisst Du noch?).
    Grüß mir Jonas – der hoffentlich komponiert, was Schönes, mit neuen Akkorden (gern ohne Zeitbezug)..

    Kommt gut durch die nächste Zeit (ich hoffe, wir hören uns mal..)

    Liebe Grüße, von Stefan, der musikwissenschaftlich beflissen und (dankbar) unverdrossen über Werke schreibt, die grade nicht erklingen dürfen.. (das ist jetzt ein First-World-Problem hoch zwei, ich weiß).

    1. Lieber Stefan,
      wie schön, dass du dich hierher verirrt hast. Wie oft habe ich die letzten Tage Deinen Kommentar gelesen und jedesmal aufs Neue traurig geschmunzelt.
      Der Zwangsdigitalisierung von Undigitalisierbarem kann man sich ja kaum entziehen – jedenfalls nicht, solange man weiter jeden Monat sein Gehalt sehen möchte.
      Um so schöner, wenn sich dann nach vielen Jahren analoge Freunde digital in Erinnerung bringen.
      Fühl dich weiterhin hier willkommen.

      Was Jonas betrifft, so komponiert er inzwischen nicht mehr nur, sondern hat jüngst seinen Wirkungskreis vergrößert: http://www.new-music.se
      Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, mitten in einer Zeit, in der anscheinend das Chorsingen zu den schlimmsten Dingen gehört, die man sich und seinen Mitmenschen antun kann, einen Verlag für Chormusik zu gründen…

      Bleib mir gesund, ich hoffe wir hören uns bald mal wieder.

  2. Den Nagel auf den Kopf getroffen, danke! Ganz genau so empfinde ich es leider auch.
    Ist aber doch ein neuer Gedanke (vs. Einleitung), denn die ganze erste Zeit haben wir ziemlich positiv denken können und ständig eine Perspektive entwickelt: Es wird besser, wenn…, die Natur beschert uns täglich Fortschritte im Jahresverlauf und sie darf sogar aufatmen, weil wir die Umwelt mal nicht mehr so verpesten, wir werden unglaublich kreativ, dankbar und vor allem nett zueinander, wir sind kritisch und engagiert.
    Leider kann man dies nicht hamstern wie Klopapier.

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