Alle Beiträge von Jonas

22. Dezember – Nachtschicht


Es ist zwanzig nach zwei Uhr nachts am Samstagmorgen. Gerade habe ich den Pinsel aus der Hand gelegt. Nach sechs Stunden pausenlosem Malen ist der zweite Anstrich fertig. Pinsel und Rollen sind noch nicht ausgewaschen, nur in Plastik eingepackt, aber ich hoffe, dass ich sie morgen nicht noch einmal in den Farbeimer tunken muss; allerhöchstens für ein paar Ausbesserungen an den Kanten.

Nachdem Annika heute mit Fieber von der Arbeit kam und ich ihr damit nicht zumuten wollte, auch noch heimwerkerisch tätig zu werden, wollte ich wenigstens die Decke heute Abend noch fertig kriegen. Und vielleicht noch eine Wand – jetzt hab ich schon die eine Hälfte hintem Kamin, dann mach ich auch noch die andere – eigentlich ist es ja gar nicht mehr so viel…

Naja, es ist geschafft, abgehakt. Jetzt können wir es uns endlich im Wintergarten gemütlich und vielleicht sogar ein bisschen weihnachtlich machen.

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20. Dezember – Ein kurzer Besuch und ein unerwarteter Anruf


Pirrigt – nervös, aufgeregt, Bauchkribbeln haben. So habe ich mich heute morgen gefühlt, als um zehn Uhr der Mann vom Bauamt vorfuhr, um unseren Wintergarten abzusegnen; um zu prüfen, ob der Bau mit der Baugenehmigung übereinstimmt, ob alle Vorschriften eingehalten wurden und alle Installationen korrekt vorgenommen wurden. Ich hatte mir dafür bis zum Mittagessen frei genommen. Wer weiß schon, in welche Ecken so ein Baubeamter gucken will, wie lange genau er das Dach von oben begutachtet oder ob er auf den Zentimeter oder den Millimeter genau nachmisst.

Nach zehn Minuter war er dann wieder weg. Vielleicht waren es auch nur fünf. Kurzer Blick von außen: „Ach stimmt, ich erinnere mich, so sah das auf der Zeichnung aus. Passt ja.“ Blick von innen: „Das sieht ja gemütlich aus. Und mit dem Kamin… Schließt nur die Schiebetüren ab, bis die Grube aufgefüllt ist. Nicht das ein Besucher aus Versehen runter fällt.“ Kurzer Zwischenstopp in der Küche: „Ah, gut, die Betriebsgenehmigungen von Schornsteinfeger und Elektriker und der Kontrollplan. Dann noch frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!“ Und weg war er.

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Unser fertiger Wintergarten heute morgen – inklusive Weihnachtsbaum. Fehlt nur noch etwas Farbe an den Wänden.

Ich sah uns schon heute Abend putzen und die Möbel reintragen. Aber zuerst musste ich noch einmal in die Kulturschule, einer Kollegin mit einem Notensatzprogramm helfen und meinen Unterrichtsraum aufräumen. Dort angekommen klingelte mein Telefon: Der Maler fragte, ob er morgen bei uns weitermachen könnte, die grob gespachtelten Wände schleifen und einmal malen – Erste Reaktion: Na toll, dann wird das ja doch nichts mit Weihnachten im Wintergarten. Die decken den Boden wieder ab, stellen ein Gerüst auf, machen den Raum unbewohnbar. Nächster Gedanke: Obwohl, dann kann ich ja am Wochenende die Wände fertig malen. Dann können wir allen Baumüll wieder rechtzeitig rausschmeißen und die Möbel reinstellen. Weihnachten gerettet. Aber das Wochenende wird stressig… Hmm, ich hab ja morgen frei genommen, ich könnte beim Malen helfen, vielleicht schaffen wir dann doch alles… Ich könnte ja sogar schon heute Abend abkleben…

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Und die gleiche Perspektive heute Abend. Der Maler muss nur noch die Deckenleiste und die Oberlichter abkleben, auf dem Gerüst wollte ich heute um zehn nicht mehr herumturnen.

Ich bin ganz guter Dinge, dass wir morgen schon fertig werden. Die Farbe muss nur zwei Stunden trocknen; selbst wenn die Maler keine zwei Anstriche schaffen, kann ich abends noch einmal malen. Dann fehlen nur noch die Fensterrahmen und für die muss man den Wintergarten ja nicht komplett leer machen oder gar den Boden abdecken. Eigentlich gefällt mir diese Lösung jetzt viel besser, als nach Weihnachen noch einmal alles rauszuräumen. Ob das alles klappt? Det är pirrigt!

19. Dezember: Abgehakt!


Puh, geschafft, das war’s. Der Advent (von lat. advenus: Hauptkonzertsaison – oder so) ist für uns beide vorbei. Jetzt können wir uns endlich noch ein paar Tage auf Weihnachten und die Ferien vorbereiten und freuen. Dafür muss ich allerdings erst einmal den passenden Schalter finden um aus dem Abhak-Modus rauszukommen: Hier noch eine Probe, da noch eine Unterrichtsstunde, Konferenz fertig, Konzert gespielt. Deshalb kommt hier jetzt etwas Selbsttherapie, um die Zeit seit den Herbstferien zu sortieren und zu verarbeiten. Das soll jetzt weder nach Genörgel noch nach Angeberei klingen, ich muss einfach für mich zusammenfassen, was wir alles erlebt haben. Wer bei welchem Konzert eingespannt war, könnt ihr euch wahrscheinlich selbst ausrechnen:

  • Mozart-Requiem an Allerheiligen
  • Konzertreise nach Oldenburg
  • eine Vormittagstourné mit unserem kleinen Streichorchester und zwei Schulkonzerten
  • Schulfest an einer der Schulen, an der die Kinder während der Hortbetreuung Geigenunterricht bekommen können
  • Foyerkonzert mit dem älteren Orchester als Auftakt eines Konzerts von Schwedens einzigem professionellen Streichorchester und Benjamin Schmid
  • Platzkonzert mit Anknipsen der Weihnachtsbeleuchtung in Fristad
  • Bachs Weihnachtsoratorium zum 1. Advent
  • großes Abschlusskonzert aller Streicher
  • feierliches Adventskonzert der Kulturschule in der größten Kirche von Borås
  • großes Weihnachtskonzert der Musikschule in Fristad
  • Abschlussveranstaltung mit Schülern von drei Schulen im Osten der Stadt
  • Lucia
  • Lucia
  • Lucia
  • Händels Messias in der etwas skurrilen Bearbeitung von Mozart
  • mein (Jonas) Debut als Korrepetitor beim Solistenkonzert einer Geigenkollegin
  • festliches Weihnachtskonzert mit Fristads Ungdomsorkester
  • zwei Konzerte mit kleineren und größeren Streichersolisten.

Außerdem:

  • 400 Seiten Kursliteratur lesen
  • 4-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen von zwei 4-Seiten-Aufsätzen von Kurskameraden und Verfassen einer einseitigen Kritik
  • 15-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen eines 15-Seiten-Aufsatzes eines Kurskameraden und Verfassen einer 5-seitigen Kritik
  • 1-seitiges Exposé zu einem 15-Seiten-Aufsatz schreiben, der bis Anfang Januar fertig sein muss

Außerdem:

Zimmermänner, Schreiner, Elektriker, Maler, Kamininstallatöre, Kaminkehrer und kommunale Bauaufsicht miteinander jonglieren.

So, das hat gut getan. Zeit, diesen Advent abzuhaken… Morgen dann nur noch das Unterrichtszimmer aufräumen und schonmal Noten kopieren für das nächste Halbjahr, dann kann man das auch schon wieder abhaken. Und am Freitag julfika mit den Kollegen. Uff.

Oh nein, ich will doch nichts mehr abhaken!

18. Dezember: In der Weihnachtsbäckerei


Als ich Kind war, wurde bei uns zu Hause nicht viel gebacken. Angeblich weil wir Kinder nicht so auf Kuchen standen und meine Mutter einen ganzen Kuchen nicht alleine aufessen wollte. Da staut sich dann natürlich eine ganze Menge Backenergie auf, die irgendwann abgelassen werden muss. Das geschah jedes Jahr in einer der ersten Adventswochen. Da wurde dann die Küche, das Esszimmer und der Wintergarten in eine Konditorei umgewandelt und der Ofen stand die komplette Woche über quasi niemals still. Zwanzig unterschiedliche Plätzchensorten und mehr waren Standard und das Gebäck stand dabei den besten Konditorplätzchen in nichts nach, weder geschmacklich noch optisch. Es wurden Nüsse gemahlen, Teig geknetet, ausgerollt, ausgestochen, gebacken, gefüllt und verziert. Bis heute freue ich mich jedes Jahr auf das Care-Paket im Advent, auch wenn die Anzahl der Sorten mittlerweile deutlich zurückgegangen ist – oder so. „Ich mach dieses Jahr nicht so viele“ heißt nur, dass bei den Sorten die Zwanzigermarke knapp verfehlt wird.

Den perfektionistischen Ehrgeiz meiner Mutter, wenn es um Kochen und Backen geht, habe ich zwar nicht geerbt, aber ich koche und backe gerne und angeblich auch nicht ganz schlecht. In der Adventszeit bleibt für Extravaganzen wie Sonntagsbraten oder Kuchen allerdings wenig Zeit. Trotzdem haben wir es in den letzten Jahren eigentlich immer geschafft, wenigstens zwei oder drei Plätzchensorten zu backen. Dieses Jahr war an solcherlei Zeitverschwendung allerdings überhaupt so gar nicht zu denken. Immerhin, gestern Abend haben wir ein paar Äpfel geschält und mit Zucker, getrockneten Früchten, Nüssen und Mandeln über Nacht ziehen lassen. Heute morgen ist daraus ein sehr leckeres Früchtebrot entstanden. Leider keine Plätzchen, aber heutzutage habe ich auch nichts mehr gegen Kuchen; und das Care-Paket aus Deutschland ist auch noch nicht ganz leer.

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Die Äpfel haben Saft gezogen und werden jetzt mit Mehl zu einem Teig vermischt.

 


EDIT: Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht aufgefallen, dass dieser Artikel ursprünglich unter Annikas Namen veröffentlicht wurde, was natürlich Blödsinn war. Spätestens beim Satz „Ich backe und koche gerne“ dürfte allen, die uns kennen, aufgefallen sein, dass hier definitiv nicht Annika, sondern Jonas am Schreiben war…

12. Dezember: Endspurt


Nicht nur das Halbjahr, auch unser uterum liegt in den letzten Zügen. Während ich dies schreibe, ist ein Maler dabei, die Fugen zwischen den Gipsplatten an den Wänden zu spachteln, während gleichzeitig die Fliesen gelegt werden, auf denen der Ofen stehen soll. Bis Dienstag müssen Schornstein und Ofen installiert sein, denn da kommt der Schornsteinfeger; und am Donnerstag kommt wer vom Bauamt und nimmt den ganzen Bau ab – dann muss auch der Elektriker alle Steckdosen und Lampen angeschlossen haben. Das wird alles sehr eng, aber toi toi toi, wenn nichts mehr schief läuft, kommt der Weihnachtsbaum dieses Jahr in unserern Wintergarten. Das ist dann wahrscheinlich das größte Weihnachtsgeschenk meines Lebens.

9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!