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Streamingtipp die zweite


Wenn wir schon dabei sind möchte ich auch auf mein Konzert hinweisen: Morgen um Viertel nach zwölf singe ich bei einigen wunderschönen Stücken mit, außerdem dirigiere ich eine eigene Komposition. Das Konzert ist Teil meines Chorleitungsstudiums und hätte schon im Frühjahr stattfinden sollen, aber dann kam Corona und jetzt holen wir es online nach.

Und wem mein Stück besonders gut gefällt, der kann die Noten über meinen neu gegründeten Verlag erwerben. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich irgendwann mal in aller Ausführlichkeit erzählen muss.

Corona-Wanderungen: Nach Gingri


Heute bin ich eine Runde gegangen, die früher zu unseren Lieblingsspaziergängen gehörte. Aus irgendeinem Grund haben wir sie allerdings gefühlt seit Jahren nicht mehr gemacht. Wir wohnen ja zwischen zwei Naturschutzgebieten, eins am See und eins, durch dass sich der Fluss Viskan schlängelt und dass sich dann an der recht steilen Talseite hochzieht. Oben angekommen kann man über die Höhe ins Dorf Gingri laufen und dann wieder zurück ins Tal zu unserer Hausbadestelle. Ein Großteil der Strecke führt durch lichte Wälder und Weideland und ist als Gingrileden (Gingriweg) orange gekennzeichnet, der Rest verläuft über andere Wege und Schotterstraßen vom einen Naturschutzgebiet ins andere.

Nach Gingri gehen wir nach wie vor recht häufig, zumal dort Freunde wohnen, die immer gerne einen Tee aufsetzen, wenn man spontan vorbeikommt. Aber just diese Variante haben wir lange nicht mehr gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird…

Hoj!


Jedes Jahr im Frühjahr stelle ich mir die gleiche Frage: Wäre es nicht ökonomisch, ökologisch und gesundheitlich sinnvoll, statt mit Bus und manchmal Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Fürs kulår, wo ich mehrere Kontrabässe brauche, gibt es kommunale Dienstwagen, die man sich an einigen zentralen Sammelstellen leihen kann und alle Schulen, an denen ich regelmäßig unterrichte – im Moment ist das sowieso nur eine –, kann man ohne Probleme auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß erreichen. Eigentlich der Umstieg aufs Rad also kein Problem. Wenn nicht:HöhenprofilZwölf Kilometer sind ja eigentlich eine ganz angenehme Distanz mit dem Fahrrad, in einer guten halben Stunde könnte man am Ziel sein. Wenn da nicht diese zwei Steigungen wären. Hundert Höhenmeter sind natürlich zu schaffen, aber die beiden „Berge“ sind ganz schön steil und bringen einen schon ins Schwitzen. Und dann sind da  noch die eigentlich wunderschönen Passagen direkt am See: wenn da der Wind gerade aus der falschen Richtung übers Wasser bläst, macht das radeln überhaupt keine Spaß mehr. Und überhaupt: mimimi. Extra früh aufzustehen, um dann beim Job zu duschen, geht übrigens definitiv zu weit…

Vor einigen Jahren habe ich es dann trotzdem mal probiert, nach den Sommerferien bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Zwei Wochen habe ich durchgehalten, dann kamen die Schüler, der Alltag, der Regen, und das war’s.

Die Lösung: Ein E-Bike. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Teuer, brauche ich nicht, zu stolz, nur was für Rentner. Dann doch lieber Bus. Aber den möchte ich zur Zeit gar nicht so gerne nehmen, zu bestimmten Zeiten ist er völlig überfüllt (heißt: man hat keinen Doppelsitz für sich alleine). Abstand halten ist da schwierig, weshalb die hiesigen Verkehrsbetriebe darum bitten, dass nur diejenigen den Bus nehmen, die keine andere Alternative haben. Als sich die Osterferien dem Ende näherten, sind wir dann kurzentschlossen in die Stadt gefahren, haben drei Fahrradläden abgeklappert und seit Ostersonntag (alle Geschäfte auf, auch an Ostern, nix Shutdown…) bin ich nun Besitzer eines Fahrrads mit Hilfsmotor.

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Vor einer Schule, an der ich einmal die Woche Geige unterrichte. Die Schule liegt auch auf einem fiesen Berg.

Zweimal bin ich damit bis jezt zur Kulturschule gefahren und es fühlt sich so an, als ob das mit dem E-Bike-Pendeln ein dauerhaftes Konzept sein kann. Irgendwie habe ich ja auch keine Wahl, denn ansonsten haben wir einen Haufen Geld aus dem Fenster geworfen. Der Härtetest kommt aber natürlich erst, wenn das Wetter nicht mehr so wunderbar frühlingshaft ist – am besten suche ich jetzt schon nach meiner Regenhose.

Ein neues Wort habe ich übrigens auch gelernt. Hoj: heißt: Fahrrad.

TV-Tipp


Braucht ihr eine Pause vom Home-Office, den Kindern, der Corona-Berichterstattung? Wollt ihr einfach einmal entspannen? Oder müsst ihr etwas gegen die Schweden-Sehnsucht tun? Sveriges Television SVT, der schwedische öffentlich rechtliche Fernsehsender, hat die Lösung: Den stora älgvandringen, die große Elchwanderung. Erlebe live, wie tausende Elche den Ångermanälven überqueren. Über 25 Kameras halten dieses atemberaubende Spektakel fest, und ihr könnt live mit dabei sein – hoffe ich zumindest, wenn die Übertragung im Ausland nicht gesperrt ist.

https://www.svtplay.se/den-stora-algvandringen

Ein wenig Eile ist jedoch geboten, die Sendung läuft nur noch bis zum 4. Mai. Also ran an den Laptop und… entspannen. Neben Elchen kann man übrigens auch Ren- und andere Tiere beobachten. Die meiste Zeit sieht man allerdings nur Wald und Fluss, das aber rund um die Uhr.

Die Kameras stehen übrigens in Kullberg bei Junsele in Ångermanland

Corona-Wanderungen: Hundesitter


Am Dienstag brauchte eine Kollegin Hilfe bei der Hundebetreuung. Sie und ihr Mann waren den ganzen Tag außer Haus und die Kinder gehen nur kürzere Strecken mit dem Hund, aber Rossi benötigt etwas mehr Auslauf.

Zum Glück wohnt sie nur gute anderthalb Kilometer am anderen Ende des Ortes. Wir konnten direkt von zu Hause loslaufen und Rossi unterwegs einsammeln. Dann ging es steil bergauf, bis wir, an einen windgeschützten Felsen gelehnt, in der Frühlingssonne ganz dringend eine Pause einlegen mussten.

Ziel war die GIF-stuga, das Vereinsheim der Boråser gymnastik- och idrottsförening (Gymnastik- und Sportverein). Von hier gehen einige Jogging-, Langlauf-, und Mountainbikestrecken aus, die sich teilweise auch zum Wandern/Spazierengehen eignen. Der Rückweg führte über eine der Laufrouten zurück durch streckenweise sehr dichten Wald. Zum Teil ging es extrem steil abwärts und der Weg war voll mit Wurzeln und Steinen. Wie man hier rennen soll, ist mir etwas schleierhaft. Es gab aber auch ebene Passagen durch wunderschönen, lichten Wald.

Der größte Teil dieser Runde war komplett neu für uns. Es fasziniert mich immer wieder, dass wir auch ohne Auto immer wieder Stellen erreichen, an denen wir noch nie waren.

 

 

Corona-Wanderungen: Bamsestigen


Bamse, der stärkste Bär der Welt, ist eine beliebte schwedische Bilderbuch-, Comic- und Zeichentrickfigur für Kinder. Man könnte daher meinen, dass die nach Bamse benannte Runde eher kurz und damit besonders kinderfreundlich wäre. Der Heimatverein von Rångedala findet allerdings, dass der stärkste Bär der Welt auch die längste Wanderung schafft, und so wählte man den Namen für einen gut neun Kilometer langen Weg mit einem ordentlichen Berg in der Mitte.

Letzten Sonntag haben wir diese Strecke zusammen mit Annikas Lieblingskollegen und Frau ausprobiert. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer wunderschönen smultronställe (Stelle, an der man Walderdbeeren findet. Sprichwörtlich für versteckter Lieblingsort) vorbei. Eine Bank auf einer kleinen Insel in einem verzweigten Bachlauf, komplett mit alter Steinbrücke.

Der Weg führt nun über Schotterwege durch lichten Wald, bis man auf die alte Bahnlinie zwischen Borås und Ulricehamn trifft, die heute zum Fahrradweg ausgebaut ist. Nach einigen Minuten auf der ehemaligen Trasse geht es wieder auf gut ausgebaute Waldwege. Am Ende eines ziemlich langen Anstiegs biegt man auf einen kleinen Pfad ab, der wieder bergab führt. Die vor einigen Jahren gebaute Autobahn zwingt einen, parallel zur stark befahrenen Straße zu gehen, nicht gerade der Höhepunkt der Wanderung. Zum Glück ist dieses Stück nur kurz und zurück im Wald trifft man auf eine sehr alte Überlandstraße, auf der im 18. Jahrhundert ein Postraub stattgefunden haben soll. Das letzte Teilstück verläuft dann durch Kulturlandschaft mit offenen Wiesen und vielen alten Trockenmauern.

 

Post von Notposten


Diese Woche kam ein langersehntes Päckchen. Dass es irgendwann kommen würde, wusste ich eigentlich schon seit über einem Jahr, aber der Weg dorthin war ziemlich lang.

Die Geschichte beginnt 2016, als die Kulturschule einen Ausflug mit ungefähr 150 Schülern der zweiten bis vierten Klasse nach Varberg plante. Mitfahren sollten Kinder, die auf eine der acht Schulen gehen, an denen wir nachmittags kostenlosen Tanz-, Zirkus-, Kinderchor- und Orchester-Instrumentalunterricht anbieten. Geplanter Höhepunkt der Reise war ein Open-Air-Konzert mit allen Teilnehmern. Und als Höhepunkt des Konzerts wünschte sich unser Chef ein Orchester aus allen gut einhundert Instrumentalisten.

Die Musiker unter unseren Lesern wissen sicherlich, wie schwierig es ist, Neuanfänger auf Streich- und Blasinstrumenten unter einen Hut zu bringen. Tonarten, Tonräume, Rhythmen… jedes Instrument benötigt seinen ganz eigenen allerersten Anfang. Die Begeisterung über die Idee unseres Chefs, alle Schüler gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, hielt sich im Kollegium daher eher in Grenzen.

Nach einigem Überlegen begann jedoch mein Komponisten-Gehirn zu rattern. Einschränkung ist ja bekanntlich einer der größten Motoren für Kreativität. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen; fragte, wie sie den Unterricht im ersten Jahr gestalten, was man den Schülern so zutrauen könnte, was im Orchester funktionieren würde. Und dann machte ich mich an die Arbeit. Nach ein paar Stunden standen die ersten Skizzen, nach einigen Tagen waren ganze zehn Stücke fertig. Mit einigen musikalischen Kniffen im kompositorischen Werkzeugkasten war es letzten Endes gar nicht so schwierig, musikalisch sinnvolle Orchestersätze zu schreiben, die Rücksicht auf die methodischen Anforderungen der einzelnen Instrumente nehmen.

Drei Stücke wurden ausgewählt und alle übten fleißig mit ihren Schülern. Dann kam die Reise, das Projekt glückte (halbwegs, denn auch das beste Material scheitert an mangelnder gemeinsamer Probezeit…) und die Noten verschwanden in einer dunklen Ecke meiner Festplatte…

…bis Anfang 2019, als ich auf einem Kongress für Streichinstrumentlehrer war. Neben Workshops, Kursen und vielen Gesprächen mit Kollegen gab es dort auch einige Instrumentenbauer und Verlage, die ihr Angebot der versammelten Streicherpädagogenschar Schwedens präsentierten. Ich kam mit einem Verleger ins Gespräch und fragte ihn, ob er an meinem Material für Anfänger-Sinfonieorchester interessiert wäre.

Er war. Sehr sogar.

Wieder zu Hause machte ich mich direkt an die Arbeit, die Noten verlagsfertig aufzubereiten. Zunächst einmal fehlten viele Blasinstrumente; am ursprünglichen Projekt waren nur Klarinetten, Flöten, Trompeten und Posaunen beteiligt. Es fehlten Horn, Oboe, Fagott, Quintfagott (eine Art Mini-Fagott für Kinder) und Saxofon, außerdem eine Klavierstimme, Mallets (auch Stabspiele genannt), Percussionstimmen, E-Bass (für alle unterpriviligierten Kulturschulen, die keine Kontrabassisten ausbilden) und, wie sich später heraustellen sollte, auch noch einige Blechbläserstimmen für Kinder in Brass-Bands, da diese ihre Instrumente speziell notieren.

Nachdem mir dann eine ganze Stunde wertvoller Lehrerkonferenzzeit gewährt wurde, um das komplette Material mit meinen Kollegen durchzuspielen, zu diskutieren und Korrektur zu lesen, mussten noch einige Änderungen eingearbeitet sowie ein Stück quasi komplett neu geschrieben werden.

Danach ging es ans Layout, was am Ende wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nahm als alle anderen Arbeiten zusammen; schließlich muss nicht nur die Partitur, sondern auch sämtliche Einzelstimmen zurechtgerückt und leserlich gestaltet werden. Insbesondere pädagogisches Material erfordert hier höchste Sorgfalt, damit die Schüler nicht von schlecht platzierten Zeilenumbrüchen, überflüssigen Seitenwechseln oder einem unnötig überladenen Notenbild völlig überfordert werden.

Gleichzeitig wollte der Verlag Druckkosten sparen. Zehn Stücke waren zu viel, sonst hätte jede Stimme zwei A3-Bögen gebraucht. Wir einigten uns auf sieben Stücke, das ließ sich auf einen A3-Bogen pro Instrument drucken, ohne auf ein pädagogisch geeignetes Notenbild zu verzichten. Die Seitenränder mussten dem Verlagsstandart angepasst werden, ebenso der Abstand zwischen den Notensystemen, Überschriften, Stücken, Fußzeilen, Kopfzeilen… Hätte ich all diese Informationen von Anfang an gehabt, hätte ich mir einiges an doppelter Arbeit sparen können. Aber für den zweiten Band weiß ich es jetzt. Denn das war dem Verleger auch noch wichtig, dass auf der Titelseite Teil 1 stehen sollte… Drei Stücke für Teil zwei habe ich ja schon.

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Verlagsreklame

Am Donnerstag kamen nun endlich meine zwei Referenzexemplare. Der Verlag (Notposten) macht immer im April eine große Werbekampagne mit den Neuheiten des Jahres, daher dauerte es so lange von den ersten Gesprächen bis zur Herausgabe. Von meiner Seite hätten die Noten auch schon im Sommer 2019 fertig sein können, aber gedruckt wird nur im März, damit alles gleichzeitig und mit viel Aufmerksamkeit auf den Markt kommen kann.

Jetzt heißt es wieder warten und Daumen drücken. Mal schauen, wie viele Exemplare am Ende verkauft werden. Bestellen kann man die Noten übrigens hier.

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Erkenntnisse und Widersprüche


Ich lerne gerade viel. Über Schweden und die Welt. Über mich selbst. Wie tief es in meiner Erziehung sitzt, dem Staat ein gesundes Misstrauen entgegenzubringen (und ich bin ein vertrauensseliger Mensch…). Darüber, was es heißt, diametral anders zu denken, als die Menschen um einen herum.

Ich versuche, ein paar zugängliche Kollegen mit Argumenten zu erreichen, warum das Agieren unserer Regierung und der Folkhälsomyndighet problematisch ist: Dass hier Risiken eingegangen werden, die völlig unverantwortlich sind; dass es Experten gibt, die schon seit Wochen und Monaten vor Untätigkeit warnen; dass andere Länder uns warnen; dass es einen Unterschied gibt zwischen Facebook-Gerüchten und seriösen Wissenschaftlern, die in der Presse eine öffentliche Debatte zu führen versuchen. Die meisten gucken mich schief an, als ob ich ein Flat Earther wäre. Andere stimmen mir sofort zu und regen sich mit mir zusammen auf. Dabei mache ich immer wieder die gleiche Beobachtung: Fast alle, die das schwedische Agieren mit Sorge betrachten, haben irgendeinen familären Kontakt ins Ausland, sind dort geboren, haben Eltern oder Partner aus anderen Ländern, sind gut darüber informiert, wie man außerhalb Schwedens die Pandemie bewertet. Die „reinen“ Schweden vertrauen auf ihre Folkhälsomyndighet. Was soll man denn sonst machen?

Seit gestern abonniere ich das Svenska Dagbladet, eine der größten und seriösesten schwedischen Tageszeitungen. Ich glaube, dass diese zu mir ungefähr so gut passt wie die FAZ, aber im Moment bietet sie Forschern ein großartiges Forum für eine öffentliche Debatte. Beide Seiten werden gehört und publizieren Kommentare, Aufrufe und öffentliche Briefe. Das unterstütze ich. Gerade diese Debatte wird hier nämlich von Seiten der Folkhälsomyndighet unterdrückt, indem man andere Stimmen diskreditiert und vor allem die eigenen Daten nicht öffentlich macht – in Schweden, dem Land des Öffentlichkeitsprinzips. Daher fordert eine Gruppe von Forschern, die gerade gegen das Informationsmonopol der Folkhälsomyndighet ankämpft, dass eine Expertengruppe eingesetzt werden muss, die als zweite Stimme die Regierung berät, zusammen mit der öffentlichen Behörde.

Gerade habe ich diesen Artikel gelesen, der eine Beobachtung analysiert, die ich bisher nur in Teilen begriffen habe. Denn es ist faszinierend, wie weit ein guter Teil der Bevölkerung geht, um den Empfehlungen der Fölkhälsomyndighet zu folgen: Kratzen im Hals? Dann bleibe ich mal lieber zu Hause. Am morgen gehustet? Drei Tage nicht zur Schule gehen. Hände waschen? Bis die Haut weg ist. Vielleicht braucht es in Schweden keine ganz so drastischen Maßnahmen, weil man sich wirklich an die Vorgaben hält; weil man ja der Behörde vertraut. Zu einhundert Prozent.

Oder?

Die Folkhälsomyndighet rät bisher von kaum einer Einschränkung des öffentlichen Lebens ab. Trotzdem sind die Innenstädte deutlich leerer als sonst, die Kinos geschlossen, in den Restaurants sitzt fast niemand. Man geht kaum noch ins Fitnesstudio, arbeitet schon seit letzter Woche von zu Hause, obwohl die Empfehlung erst vor einigen Tagen kam. Manche Freischulen machen dicht. Natürlich gibt es auch die anderen, die nicht auf ihr Après-Ski halt nicht verzichten oder es als ältere Mitbürger alleine zu Hause einfach nicht aushalten.

Warum gehen nun trotz aller Vertrauensbekundungen so viele Schweden viel weiter in ihren Taten, als es die Folkhälsomyndghet ihnen empfiehlt? Weil man mehr Rücksicht auf die Schwachen in der Gesellschaft nimmt als anderswo? Oder hat man vielleicht doch mehr Angst vor der Krankheit, als man es zugeben möchte? Auf jeden Fall spricht das Verhalten vieler Schweden nicht gerade dafür, dass man der Folkhälsomyndighet wirklich zu einhundert Prozent vertraut. Es klingt eher so, als ob man durchaus auch auf andere Stimmen aus den In- und Ausland hört, die zu größerer Vorsicht mahnen. Aber warum fällt dann wiederum kaum jemandem dieser Widerspruch auf?

Ich weiß nicht, was ich mit diesen Erkenntnissen machen soll und welche Bedeutung sie haben. Wie gesagt, ich lerne. Und was ich auch lerne, ist dass das viele Lernen unglaublich müde macht. Zum Glück ist jetzt erst einmal Wochenende und die Osterferien sind nicht mehr weit. Ich brauche jetzt schon eine Coronapause und denke an die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die wohl noch einige Monate auf die nächste Auszeit warten müssen.

Nebel über Borås


Gut, das ist eigentlich nichts besonderes, immerhin ist Borås in ganz Schweden als Regen- und Nebelloch bekannt. Normalerweise legt sich allerdings eine dicke weiße Suppe über die Stadt. Heute war das anders: Kurz nachdem ich von zu Hause losgefahren war, wurde es diesig und die Sonne bekam einen gelb-bräunlichen Halo. Als ich dann auf die Haupt-Einfallsstraße einbog, konnte ich eine große Rauchsäule sehen und viel weiter kam ich auch nicht auf meiner gewohnten Route. Stattdessen wurde der Verkehr auf zwei kleinen Nebenstraßen um das große Gewerbegebiet Knalleland umgeleitet. Der Grund? Ein Großbrand, der es heute bis zur Schlagzeile in den nationalen Nachrichten gebracht hat.

In einem ehemaligen Industriekomplex, der heute von diversen Firmen und Vereinen genutzt wird, war in einem Stofflager ein Gabelstapler in Brand geraten. Um 9 Uhr ging der Alarm bei der Feuerwehr ein, die nur eine Autominute von dem Gebäude entfernt liegt. Allerdings konnte man lange nicht wirklich löschen, da sich Gasflaschen beim Brandherd befanden, und so stand bald ein Drittel des Komplexes in Flammen. Erst am späten Nachmittag war der Brand unter Kontrolle. Bis dahin hatte man nur versucht zu verhindern, dass das Feuer auf weitere Bereiche überspringt.

Die Fahrt zum Job dauerte doppelt so lange, zumal die Kulturschule nur wenige hundert Meter vom Großeinsatz entfernt liegt. Einige Schüler kamen nicht oder zu spät und als ich um 19 Uhr nach Hause fuhr, gab es immer noch eine großräumige Umleitung. Während ich dies hier um kurz vor Mitternacht schreibe, laufen die Löscharbeiten laut Zeitungsangaben weiter, viele Einsatzkräfte sind vor Ort.

Wer sich ein Bild machen möchte, hier ein kurzes Video:
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/vast/svt-s-reporter-rapporterar-fran-storbranden