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Erkenntnisse und Widersprüche


Ich lerne gerade viel. Über Schweden und die Welt. Über mich selbst. Wie tief es in meiner Erziehung sitzt, dem Staat ein gesundes Misstrauen entgegenzubringen (und ich bin ein vertrauensseliger Mensch…). Darüber, was es heißt, diametral anders zu denken, als die Menschen um einen herum.

Ich versuche, ein paar zugängliche Kollegen mit Argumenten zu erreichen, warum das Agieren unserer Regierung und der Folkhälsomyndighet problematisch ist: Dass hier Risiken eingegangen werden, die völlig unverantwortlich sind; dass es Experten gibt, die schon seit Wochen und Monaten vor Untätigkeit warnen; dass andere Länder uns warnen; dass es einen Unterschied gibt zwischen Facebook-Gerüchten und seriösen Wissenschaftlern, die in der Presse eine öffentliche Debatte zu führen versuchen. Die meisten gucken mich schief an, als ob ich ein Flat Earther wäre. Andere stimmen mir sofort zu und regen sich mit mir zusammen auf. Dabei mache ich immer wieder die gleiche Beobachtung: Fast alle, die das schwedische Agieren mit Sorge betrachten, haben irgendeinen familären Kontakt ins Ausland, sind dort geboren, haben Eltern oder Partner aus anderen Ländern, sind gut darüber informiert, wie man außerhalb Schwedens die Pandemie bewertet. Die „reinen“ Schweden vertrauen auf ihre Folkhälsomyndighet. Was soll man denn sonst machen?

Seit gestern abonniere ich das Svenska Dagbladet, eine der größten und seriösesten schwedischen Tageszeitungen. Ich glaube, dass diese zu mir ungefähr so gut passt wie die FAZ, aber im Moment bietet sie Forschern ein großartiges Forum für eine öffentliche Debatte. Beide Seiten werden gehört und publizieren Kommentare, Aufrufe und öffentliche Briefe. Das unterstütze ich. Gerade diese Debatte wird hier nämlich von Seiten der Folkhälsomyndighet unterdrückt, indem man andere Stimmen diskreditiert und vor allem die eigenen Daten nicht öffentlich macht – in Schweden, dem Land des Öffentlichkeitsprinzips. Daher fordert eine Gruppe von Forschern, die gerade gegen das Informationsmonopol der Folkhälsomyndighet ankämpft, dass eine Expertengruppe eingesetzt werden muss, die als zweite Stimme die Regierung berät, zusammen mit der öffentlichen Behörde.

Gerade habe ich diesen Artikel gelesen, der eine Beobachtung analysiert, die ich bisher nur in Teilen begriffen habe. Denn es ist faszinierend, wie weit ein guter Teil der Bevölkerung geht, um den Empfehlungen der Fölkhälsomyndighet zu folgen: Kratzen im Hals? Dann bleibe ich mal lieber zu Hause. Am morgen gehustet? Drei Tage nicht zur Schule gehen. Hände waschen? Bis die Haut weg ist. Vielleicht braucht es in Schweden keine ganz so drastischen Maßnahmen, weil man sich wirklich an die Vorgaben hält; weil man ja der Behörde vertraut. Zu einhundert Prozent.

Oder?

Die Folkhälsomyndighet rät bisher von kaum einer Einschränkung des öffentlichen Lebens ab. Trotzdem sind die Innenstädte deutlich leerer als sonst, die Kinos geschlossen, in den Restaurants sitzt fast niemand. Man geht kaum noch ins Fitnesstudio, arbeitet schon seit letzter Woche von zu Hause, obwohl die Empfehlung erst vor einigen Tagen kam. Manche Freischulen machen dicht. Natürlich gibt es auch die anderen, die nicht auf ihr Après-Ski halt nicht verzichten oder es als ältere Mitbürger alleine zu Hause einfach nicht aushalten.

Warum gehen nun trotz aller Vertrauensbekundungen so viele Schweden viel weiter in ihren Taten, als es die Folkhälsomyndghet ihnen empfiehlt? Weil man mehr Rücksicht auf die Schwachen in der Gesellschaft nimmt als anderswo? Oder hat man vielleicht doch mehr Angst vor der Krankheit, als man es zugeben möchte? Auf jeden Fall spricht das Verhalten vieler Schweden nicht gerade dafür, dass man der Folkhälsomyndighet wirklich zu einhundert Prozent vertraut. Es klingt eher so, als ob man durchaus auch auf andere Stimmen aus den In- und Ausland hört, die zu größerer Vorsicht mahnen. Aber warum fällt dann wiederum kaum jemandem dieser Widerspruch auf?

Ich weiß nicht, was ich mit diesen Erkenntnissen machen soll und welche Bedeutung sie haben. Wie gesagt, ich lerne. Und was ich auch lerne, ist dass das viele Lernen unglaublich müde macht. Zum Glück ist jetzt erst einmal Wochenende und die Osterferien sind nicht mehr weit. Ich brauche jetzt schon eine Coronapause und denke an die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die wohl noch einige Monate auf die nächste Auszeit warten müssen.

Bevor wir die Schulen schließen, entscheiden wir, wen wir sterben lassen.


Stand 19. März:

11 Tote in Schweden, 35 Coronafälle auf den Intensivstationen, davon der/die Jüngste 27 Jahre alt. Über 1400 bestätigte Fälle, aber man testet ja auch nur noch neue Patienten im Krankenhaus und das Pflegepersonal – in Stockholm und weiteren 4 Regionen nicht mal mehr das.

Neues Gesetz ermöglicht Schulschließungen

Heute wurde ein neues Gesetz erlassen, das der Regierung die Möglichkeit gibt, bei Bedarf alle Schulen des Landets zu schließen. Man betont gleichzeitig, dass Schulschließungen bis Klasse 9 im Moment keine aktuelle Frage sei. Gleichzeitig arbeitet man an Triageregeln: Alter, Geschlecht und soziale Stellung sollen keine Rolle spielen, wenn man entscheiden muss, wenn man an die zu knappen Beatmungsmaschinen legt. Ausschlaggebend sollen sein das biologische Alter und der allgemeine Gesundheitszustand. Man entscheidet schonmal, wen man sterben lässt, bevor man die Schulen schließt.

Ansonsten das übliche: Keine Schutzausrüstung in den Krankenhäusern, das was es noch gibt, wird im Narkotikaschrank weggeschlossen, hoher Krankenstand in allen Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, die Krankenhausleitungen warnen, dass es katastrophal werden wird und holt pensioniertes Personal aus dem Ruhestand zurück. Oh the irony.

Schweden und der Chefideologeepidemiologe Anders Tegnell setzen weiter auf die Strategie Herdenimmunität. Er lehnte sich heute sogar so weit aus dem Fenster zu behaupten, in Schweden seien bereits über 100.000 Menschen infiziert – woher der alte weiße Mann diese Zahl hat, wenn doch kaum noch getestet wird, ist schwer nachzuvollziehen. Nur die Alten, bestätigte Fälle und wer sonstwie krank ist, sollen zuhause bleiben. Wir anderen sollen unsere Hände waschen und in die Armbeuge husten. Immerhin rät man jetzt auch von Reisen innerhalb Schwedens ab, insbesondere in und aus den Großstadtregionen.

Herdenimmunität, ich kanns nicht mehr hören

Anders Tegnell wird zwar immer lauter von anderen Wissenschaftlern kritisiert (SVT, Svenska Dagbladet), aber dieser Mann ist solch ein Narzisst, der ist vollkommen immun (höhö) gegen jede Form von Kritik. Stattdessen nutzt er die Aufmerksamkeit, die ihm die Kritik einbringt, um weiter seine Parolen zu verbreiten: Kinder würden nicht erkranken und seien keine ernstzunehmende Ansteckungsquelle, wir flachen die Kurve durch Händewaschen ab, niemand wisse, ob die krassen Maßnahmen im Rest von Europa überhaupt etwas bringen würden, blablabla. Es ist UN. ER. TRÄG. LICH.

Im Spiegel lese ich, dass sowohl Großbritannien und die Niederlande von ihrer Herdenimmunität-Strategie ablassen, nur Schweden führt dieses Experiment weiter. Ein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Versuchskaninchen.

Jetzt kommen die Rechten…

Am ekelhaftesten ist, dass jetzt Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) vor die Presse geht und das Vorgehen der schwedischen Gesundheitsbehörden kritisiert und Schulschließungen fordert. Es ist einfach nur bizarr.

Ein ganz normaler Arbeitstag, irgendwie.

An meinem Arbeitsplats waren wir heute nach wie vor zu zweit. Morgens hatten wir unsere normale Donnerstagskonferenz mit einem unserer Chefs, da waren wir noch drei. Der eine Kollege war aber – nach eigenen Angaben wegen Heuschnupfen – dermaßen am rumschniefen und -rotzen, dass der Chef ihn heimschickte. (Soviel zu: wer irgedwelche Symptome hat, bleibt bitte daheim…) 7 von 10 Schülern kamen heute zum Klavierunterricht, viele erzählen, dass man sich in den Schulen darauf vorbereitet auf Distanzunterricht umzusteigen. Ich hatte heute meine erste Unterrichtsstunde per Videokonferenz mit einer Zweitklässlerin. Es war so naja, wir müssen da alle noch viel lernen, was geht und was nicht.

Ein kurzes Gespräch mit einer Kollegin von der Kulturschule, die es ganz fantastisch findet, dass Schweden so mutig ist, einen anderen Weg zu gehen als der Rest der Welt. Herdenimmunität sei ja sowas tolles, das hätte die Natur ja so vorgesehen. Ich entgegnete, dass die Natur auch vorgesehen hätte, dass jetzt mal ein paar Tausend oder Zehntausend Menschen an diesem Virus sterben werden und der Mensch und die Wissenschaft seit Jahrhunderten daran arbeiten, dass genau das nicht passiert. Beliebt macht man sich so auch nicht bei seinen Kollegen.

Abends ging ich noch bei unserer 86jährigen Nachbarin vorbei und fragte – mit 2 Metern Sicherheitsabstand – ob sie noch was aus dem Supermarkt brauche. Brauchte sie. Klopapier. Wenns geht, gerne das mit den Eichhörnchen drauf. Ich war zunächst besorgt, dass ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, aber es gab alle Sorten Klopapier: 2lagig, 3lagig, 4er-Pack, 10er-Pack, 20er-Pack, mit Bären, mit Lämmern, mit Eichhörnchen und Unmengen von Schmirgelpapier.

Es gibt wieder Klopapier

Im gleichen Takt wie das Klopapier wieder zunimmt, nimmt die Berichterstattung ab. Die Nachrichtenseiten und Fernsehnachrichten sind nicht mehr ausschließlich monothematisch Corona, sondern nach drei, vier, fünf Corona-Nachrichten kommen wieder Nicht-Corona-Nachrichten. Der Einzelhandel verlegt jetzt mit dem einziehenden Frühling seine Geschäfte auf die Straße, um mehr Leute in die Innenstädte zu locken. Hurra.

What. The. Fuck.

Und was macht Schweden?


Grob zusammengefasst: nichts. Oder besser gesagt: alles. Wir haben – Stand Dienstagmorgen 17. März – quasi überhaupt keine Einschränkungen durch das Corona-Virus, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Ja, wir haben Plakate aufgehängt, dass man Händewaschen soll, Veranstaltungen über 500 Personen sind verboten, ebenso Besuche in Altenheimen und Krankenhäusern. Schweden fährt eine komplett andere Strategie als der Rest Europas, der Rest der Welt. Wenn man es denn Strategie nennen will.

Mein besonderes Hassobjekt in diesem Zusammenhang ist Anders Tegnell, Schwedens Staatsepidemiologe, angestellt bei der schwedischen Gesundheitsbehörde folkhälsomyndigheten. Der Mann ist in den schwedischen Medien omnipräsent und ganz Schweden folgt seinem Wort.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Ich fühle mich gerade nicht kompetent, die komplette Nachrichtenlage in Schweden wiederzugeben, aber ein wenig möchte ich zusammenfassen, wie ich die letzten dreei Wochen erlebt habe.

25. Februar: zum ersten Mal darüber geredet.

Das erste Mal, dass in meiner Umgebung überhaupt von Corona geredet wurde, war auf einem Treffen mit dem Elternverein am 25. Februar. Da planten wir ausführlich unsere Orchesterreise im Juni an den Gardasee. Am Ende des Treffens dachte ich, ich stelle mal die Frage, ob jemand schon von dem Virus in Italien gehört habe, und äußerte leichte Bedenken, dass das eventuell unsere Reise beeinflussen könnte. Viele hatten noch nichts davon gehört. Allgemeines Achselzucken, mal abwarten, wird schon nicht so schlimm sein ist die Devise. In der Öffentlichkeit: nichts.

2. März: Wir planen eine Orchesterreise nach Italien

Am Dienstag 2. März hatten wir großen Elternabend wegen der Reise. Aufgaben werden verteilt, wer verkauft bei welchem Konzert im Frühjahr Kuchen, wer steht am Tag der Offenen Tür am Grill, etc pp. Ja, Corona taucht unter sonstigen Fragen auf, aber mehr als Kuriosum, der allgemeine Tenor ist: ist doch nur Panikmache. Wir fahren im Juni nach Norditalien!

In den folgenden Tagen beginnt man in den Medien die Berichterstattung über Italien. Es waren gerade Ferien, viele Schweden waren in Italien im Urlaub. Irgendwann da tauchen die ersten Fälle in Schweden auf, glaube ich. (Ich kann es gerade nicht recherchieren, die Seite der folkhälsomyndigheten scheint kollabiert zu sein.)

6. März: Mund-zu-Mund-Beatmung üben

Am Freitag, 6. März haben wir beim Job eine Fortbildung: ein Vormittag lang Herz-Lungen-Rettung (viele schwedische Arbeitgeber schicken ihre Angestellten im 2-Jahrestakt auf solche Fortbildungen). Die Beatmungspuppen reichen nicht für alle, zwei bis drei Leute üben an derselben Puppe Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Kursleiter stellt eine Flasche Desinfektionsmittel und Klopapier bereit, viele benutzen es, aber nicht alle. Beim Mittagessen mit dem Lieblingskollegen erreicht uns die Nachricht von schwedischen Auswärtigen Amt (UD – utrikesdepartement), dass von nicht notwendigen Reisen nach Norditalien bis auf Weiteres abgeraten wird. Am Nachmittag läuft die SMS-Gruppe des Vorstandes des Elternvereines heiß, ob wir die Italienreise absagen oder nicht. Wir einigen uns darauf, am Montag mal beim Reisebüro anzufragen, was für den Reiserücktritt gilt.

Am selben Tag erscheint in Dagens Nyheter, einer der großen Tageszeitungen Schwedens, ein Artikel, in dem Anders Tegnell verkündet, dass Schweden nun mit 96 Fällen den Peak erreicht habe, ab nun werden die Zahlen nicht mehr steigen. https://www.dn.se/nyheter/sverige/antalet-coronafall-i-sverige-kan-ha-natt-toppen-kommer-snart-att-klinga-av/

9. März: Wir hängen ein Plakat übers Händewaschen auf

Am Montag lautet die Antwort des Reisebüros: wartet mal ab mit dem Absagen der Reise, wir wissen ja nicht, ob das im Juni überhaupt noch aktuell ist und dann wäre es ja schade, wenn wir abgesagt hätten. Die Gesundheitsbehörde stuft das Risiko von 2 auf 3 auf einer Skala bis 5 hoch.
Unsere Chefin schickt eine Mail raus, wir sollen Plakate aufhängen über gute Handhygiene.

Am Dienstagabend ruft mein großer Bruder aus Deutschland an und füttert mich zwei Stunden lang mit Zahlen, Statistiken, Exponentialkurven, Logarithmuskurven und den neuesten Nachrichten aus Italien. Mein Kopf schwirrt und mir ist ein bisschen schlecht. Ich frage mich, ob wir in verschiedenen Welten leben, weil hier in Schweden nach wie vor wenig darüber geredet wird.

Am Mittwoch 11. März haben wir ein Konzert mit rund 80 Zuhörern. Als die Mitwirkenden am Schluss Blümchen kriegen, witzelt man darüber, dass es vielleicht nicht so gut wäre einander jetzt zu umarmen. Die meisten tun es trotzdem. Auf dem Heimweg höre ich im Auto in den Nachrichten, dass es den ersten Todesfall in Schweden gab und das Ansteckungsrisiko nun auf 5 erhöht wurde und frage mich kurz, ob ich jemanden umarmt habe. (Antwort: nein, ich bin introvertiert.) Veranstaltungen werden auf 500 Menschen begrenzt. Der erste bestätigte Fall in Borås.

12. März: „Bitte weiterarbeiten, trotz Erkältung“

Am Donnerstag 12. März wird der Karenztag bei Krankheit von staatlicher Seite aufgehoben. In Schweden kriegt man normalerweise am ersten Tag einer Krankschreibung kein Krankengehalt, erst ab Tag 2. Jetzt also Krankengehalt ab Tag 1., damit man auch bei leichter Krankheit zuhause bleibt.

In einer Mail informiert unsere Chefin:

„Det som är viktigt är att de som har hosta, feber eller andningssvårigheter stannar hemma och inte kommer till arbetet. Det är de tre faktorerna som gäller, inte om man känner sig lite förkyld. Denna information gäller tillsvidare inom Borås Stad.“ (Mail (Auszug) vom 12. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Es ist wichtig, dass man bei Husten, Fieber und Atembeschwerden zuhause bleibt und nicht zur Arbeit kommt. Es sind diese drei Faktoren, die gelten, nicht, wenn man sich etwas erkältet fühlt. Diese Information gilt bis auf weiteres in Borås Stad. (Borås Stad = Stadtverwaltung)

Hallo?! Erkältung gilt nicht??! Mein erster What-The-Fuck?!?-Moment. Weitere werden folgen.

12. März: Blasinstrumente ausprobieren und rumreichen ist schon ok

In einer Konferenz mit Chefs und 7 Kollegen kommt am Rande die Frage auf, ob wir eigentlich nach wie vor Kulår wie gewohnt machen soll. Kulår heißt, man besucht eine erste Klasse, hat 3-4 Instrumente dabei und lässt die Kinder ausprobieren. Nach langem Hin und Her einigen wir uns schließlich darauf, dass die Lehrer, die ein Blasinstrument unterrichten und sich nicht dabei wohlfühlen, mehrere Kinder nacheinander in dasselbe Instrument blasen zu lassen, andere Sachen im Unterricht machen dürfen. Einige (Bläser!)Kollegen regen sich tierisch darüber auf, dass manche so übervorsichtig sind und damit nur Panik verbreiten würden. Ich denke: gut, dass ich kein Blasinstrument unterrichte. Für den Abend ist eine Pressekonferenz mit unter anderem dem Schulministerium anberaumt, die mit Spannung erwartet wird. Während des Nachmittags scheint sich die Stimmung im Kollegium etwas zu wandeln, manche erhoffen sich jetzt eine Schulschließung.
Das Ergebnis der Pressekonferenz: „Wir machen gar nichts, die Schule geht ganz normal weiter. Wir hören darauf was die Gesundheitsbehörde (Anders Tegnell) sagt und der sagt, Schulschließungen seien kontraproduktiv.“ Außerdem: es werden ab sofort nur noch ältere Menschen und Angestellte in den Krankenhäusern getestet.

Weiterhin verkündet die folkhälsomyndigheten (Anders Tegnell) in völligem Widerspruch zu dem, was zu diesem Zeitpunkt im Rest der Welt passiert:

„In der Inkubationszeit sei man nicht ansteckend. Nur Menschen mit Symptomen seien ansteckend. Kinder kriegen fast keine Symptome und würden daher kein Risiko darstellen. Ein Krankheitsfall in der Familie ist kein Grund, zuhause zu bleiben.“

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

(Ich weiß gar nicht, wieviel Konjunktive ich hier schreiben soll, damit ich nicht bei Google Treffer zu diesen Fakenews produziere.) Ich würde es screenshotten, aber die Seite der folkhälsomyndigheten liegt immer noch brach. Wahrscheinlich ein Virus.

Freitag bis Sonntag: Eigentlich sollte ich übers Wochenende für eine Fortbildung nach Arvika fahren (4 Stunden Autofahrt von hier). Die eine Dozentin, sowie die Hälfte der Teilnehmer, die aus Norwegen kommen, haben jedoch Reiseverbot. Morgens kommt die Nachricht, das Seminar werde ins Netz verlegt. Das ganze Wochenende sitze ich am Rechner und videokonferiere mit meinen 7 Kurskollegen und 2 Dozenten. Ohne Ironie: Es war großartig! Ich würde sagen, 90% des Unterrichtsstoffes kam unbeeinflusst an, auch die Kaffeepausen dazwischen. Lediglich das gemeinsame Musizieren war so naja, was vor allem daran lag, dass zwei Kursteilnehmer eine langsamare Internetverbindung hatten als der Rest. Ansonsten hätte das vielleicht auch funktioniert.

13. März: Es gibt noch Klopapier

Freitag der 13. März. Vormittags machen Jonas und ich unseren normalen Wocheneinkauf. Es gibt noch Klopapier. Freitagnachmittag Gesamtlehrerkonferenz beim Job (wie jede Woche): Eine ganz normale Konferenz, wir planen Konzerte, Tag der offenen Tür etc. 15 Minuten widmen wir Corona. Die Parole ist: „Wir folgen den Anweisungen der Behörden. Wascht euch die Hände.“

WTF.

Der Lieblingskollege fragt, was für die Blasorchesterproben gelte, da fliegen schon mal Speicheltropfen durch die Luft, wir sitzen auf engem Raum, schlechte Ventilation. Chefin: „Ich komme später auf die Frage zurück.“

Sonntagabend, Pressekonferenz. Man verkündet, dass ab Mitte der Woche Triageregeln „von ethischer Dimension“ veröffentlicht werden. Schluck.

16. Januar: „Wenn jeder in seine eigene Trompete sabbert, ist das kein Problem“

Montag 16. Januar. Das Wort des Tages in den Medien ist: Herdenimmunität. Anders Tegnell sagt, Schweden strebe eine Herdenimmunität an, deswegen solle das öffentliche Leben weiterhin so gut es geht aufrecht erhalten werden. Nur die Alten sollten isoliert werden, dann sei das alles gar nicht so schlimm.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Die Krankenhäuser warnen vor fehlender Schutzausrüstung.
Die Ansteckungszahlen gehen zurück (klar, es wird kaum noch getestet.)
Wir sagen eigenmächtig unsere Orchesterprobe für den Abend ein, weil wir immer noch keine Antwort von der Chefin haben. Später am Tag eine Email von ihr:

„Fråga: Hur gör vi med våra orkestrar, eleverna sitter tätt tillsammans samt att det läcker luft och saliv från blåsinstrumenten? Föräldrar hör av sig och undrar om eleverna skall komma på orkestern?
Svar: Vi fick till oss att om eleverna har egna instrument med sig så borde det inte vara någon fara. Och samma gäller ju här, är jag sjuk så kommer jag inte till orkestern.“ (Mail (Auszug) vom 16. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Frage: Wie machen wir das mit den Orchestern? Die Schüler sitzen eng zusammen, aus den Instrumenten strömt Luft und Speicheltropfen. Die Eltern rufen an und fragen, ob die Kinder zum Orchester kommen sollen.
Antwort: Wir gehen davon aus, dass wenn die Schüler eigene Instrumente haben, das keine Gefahr darstellen sollte. Das gleiche gilt auch hier: Bin ich krank, komme ich nicht zum Orchester.

Außerdem in dieser Mail: Wir halten uns streng an die Vorgaben der Behörden.

WTF.

Die Folkhälsomyndigheten revidiert ihren Bullshit immer noch nicht, Anders Tegnell hält nach wie vor seine Nase in jede Kamera und erzählt seinen Bullshit, dass wenn wir nur Menschen über 70 ordentlich isolieren, dann können alle anderen mit leichten Einschränkungen normal weitermachen. Leute in Stockholm könnten ja mal überlegen, ob sie Homeoffice machen.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Eine Freundin, Ärztin im Krankenhaus in Borås, ruft an und sagt, im Krankenhaus mache man sich auf das Schlimmste gefasst, OP-Säle werden zu Intensivstationen umgewidmet.

Abends nach Mitternacht kommt auf SVT eine Talkshow mit Anders Tegnell und Joacim Rocklöv, Epidemiologe an der Uni Umeå, der diametral andere Ansichten vertritt als Tegnell und dazu rät, wie der Rest der Weltbevölkerung auch, seine sozialen Kontakte drastisch einzuschränken. Eine Ärztin aus Stockholm verkündet stolz, dass man die Intensivplätze in der Region Stockholm leicht von 100 auf 150 erweitern könne. Rocklöv entgegnet, dass man Mitte Mai voraussichtlich 500-1000 Plätze in Stockholm brauchen werde. Tegnell sagt: „das wissen wir alles noch nicht.“

WTF.

17. März: „Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“

Heute morgen, 17. März, die Schlagzeile: „Tegnell sagt: Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“.

WTF! WTF!! WTF!!!

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Jetzt habe ich hier zwei Stunden geschrieben, und versucht, mich nur darauf zu konzentrieren, keine Nachrichten, keine Mails, keine SMS, kein Whatsapp nebenher. Währenddessen hat sich die Welt draußen bestimmt ein paar Umdrehungen weiter gedreht. Ich muss jetzt aufhören, obwohl ich noch lange nicht fertig bin. Ich hab nämlich gleich Unterricht… Yay.

Bei Gelegenheit mehr.

(Ach ja, hier ein Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

 

Nebel über Borås


Gut, das ist eigentlich nichts besonderes, immerhin ist Borås in ganz Schweden als Regen- und Nebelloch bekannt. Normalerweise legt sich allerdings eine dicke weiße Suppe über die Stadt. Heute war das anders: Kurz nachdem ich von zu Hause losgefahren war, wurde es diesig und die Sonne bekam einen gelb-bräunlichen Halo. Als ich dann auf die Haupt-Einfallsstraße einbog, konnte ich eine große Rauchsäule sehen und viel weiter kam ich auch nicht auf meiner gewohnten Route. Stattdessen wurde der Verkehr auf zwei kleinen Nebenstraßen um das große Gewerbegebiet Knalleland umgeleitet. Der Grund? Ein Großbrand, der es heute bis zur Schlagzeile in den nationalen Nachrichten gebracht hat.

In einem ehemaligen Industriekomplex, der heute von diversen Firmen und Vereinen genutzt wird, war in einem Stofflager ein Gabelstapler in Brand geraten. Um 9 Uhr ging der Alarm bei der Feuerwehr ein, die nur eine Autominute von dem Gebäude entfernt liegt. Allerdings konnte man lange nicht wirklich löschen, da sich Gasflaschen beim Brandherd befanden, und so stand bald ein Drittel des Komplexes in Flammen. Erst am späten Nachmittag war der Brand unter Kontrolle. Bis dahin hatte man nur versucht zu verhindern, dass das Feuer auf weitere Bereiche überspringt.

Die Fahrt zum Job dauerte doppelt so lange, zumal die Kulturschule nur wenige hundert Meter vom Großeinsatz entfernt liegt. Einige Schüler kamen nicht oder zu spät und als ich um 19 Uhr nach Hause fuhr, gab es immer noch eine großräumige Umleitung. Während ich dies hier um kurz vor Mitternacht schreibe, laufen die Löscharbeiten laut Zeitungsangaben weiter, viele Einsatzkräfte sind vor Ort.

Wer sich ein Bild machen möchte, hier ein kurzes Video:
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/vast/svt-s-reporter-rapporterar-fran-storbranden

Erster (richtiger) Arbeitstag


Nachdem ich mich den größten Teil des Dezembers mit Grippeschnupfenfiebermeeeh zur Arbeit geschleppt und mit Paracetamol vollgepumpt hatte, kam’s dann in den Weihnachtsferien so richtig. Verantwortungsvolle Lehrer werden schließlich nur in den Ferien krank. Die erste Januarwoche war ich dann zwar wieder so ein bisschen auf den Beinen, aber selten länger als zwei Stunden am Stück, bevor das Sofa wieder lockender war als alles andere.

Am 7. Januar ging dann eigentlich die Schule wieder los, aber weil ich immer noch so matschig war, habe ich für die ganze erste Woche meinen Schülern abgesagt und bin nur jeden Tag ein paar Stunden hingefahren um leichtere Tätigkeiten zu verrichten. Emails schreiben, Noten kopieren, Unterricht planen. Den Rest der Zeit hab ich Überstunden abgefeiert.

In meiner freien Zeit habe ich dann auch noch zwei Seminararbeiten à 15 Seiten fertiggeschrieben, die ich spätestens heute einreichen musste. Damit ist mein Semester als Teilzeitstudentin (50%) jetzt auch abgeschlossen. Fazit: Joa. Ein Fernstudium ist sicher recht effektiv. Wenn man darauf aus ist, Scheine zu sammeln, ist der absolute Zeitaufwand für ein Fernstudium vermutlich geringer als bei einem Präsenzstudium, wenn mans richtig anstellt und vermeidet, Seminaraufsätze in Gruppenarbeit zu schreiben, was bei mir in einem der beiden Kurse der Fall war. Auch wenn meine Dreiergruppe wirklich sehr engagiert, war, schneller geht es definitiv nicht, eine Hausarbeit durch 3 zu teilen.

Gleichzeitig fällt aber auch alles weg, was ein Studium interessant macht. Und damit meine ich nicht Studentenpartys, sondern die Begegnung und der Austausch mit Kommilitonen, Dozenten und anderen interessanten Menschen. Das kann auch die beste Onlineplattform mit moderierten Forumsdiskussionen nicht ersetzen. Und wieviel man letztlich über gute Personalführung und Organisationsmanagement lernt, wenn man ein paar Bücher dazu liest, sei mal dahingestellt. Aber jetzt habe ich auf jeden Fall einen Zettel, auf dem steht, dass ich das studiert habe. Wer weiß, wofür es irgendwann mal gut ist…

Für das kommende Semester bin ich tatsächlich in allen vier Kursen angenommen worden, für die ich mich beworben habe, d.h. ich könnte jetzt meinen Job an den Nagel hängen und Vollzeit studieren. Ich glaube aber, ich bin gerade erst mal „satt“, was das Schreiben von Hausarbeiten angeht und werde meine Anmeldung zurückziehen und meinen Platz Nachrückern überlassen. Ich hab schon eine andere Fortbildung dieses Semester ins Auge gefasst. Aber dazu wann anders mehr.

Heute also der erste „richtige“ Arbeitstag nach den Ferien und gleich ein 10-Stunden-Tag mit Konferenz, 10 Klavierschülern und Orchesterprobe. Nichts davon wirklich schlimm, aber kann ich jetzt bitte wieder Ferien haben, danke?