Archiv der Kategorie: Äventyr

22. Dezember – Nachtschicht


Es ist zwanzig nach zwei Uhr nachts am Samstagmorgen. Gerade habe ich den Pinsel aus der Hand gelegt. Nach sechs Stunden pausenlosem Malen ist der zweite Anstrich fertig. Pinsel und Rollen sind noch nicht ausgewaschen, nur in Plastik eingepackt, aber ich hoffe, dass ich sie morgen nicht noch einmal in den Farbeimer tunken muss; allerhöchstens für ein paar Ausbesserungen an den Kanten.

Nachdem Annika heute mit Fieber von der Arbeit kam und ich ihr damit nicht zumuten wollte, auch noch heimwerkerisch tätig zu werden, wollte ich wenigstens die Decke heute Abend noch fertig kriegen. Und vielleicht noch eine Wand – jetzt hab ich schon die eine Hälfte hintem Kamin, dann mach ich auch noch die andere – eigentlich ist es ja gar nicht mehr so viel…

Naja, es ist geschafft, abgehakt. Jetzt können wir es uns endlich im Wintergarten gemütlich und vielleicht sogar ein bisschen weihnachtlich machen.

20. Dezember – Ein kurzer Besuch und ein unerwarteter Anruf


Pirrigt – nervös, aufgeregt, Bauchkribbeln haben. So habe ich mich heute morgen gefühlt, als um zehn Uhr der Mann vom Bauamt vorfuhr, um unseren Wintergarten abzusegnen; um zu prüfen, ob der Bau mit der Baugenehmigung übereinstimmt, ob alle Vorschriften eingehalten wurden und alle Installationen korrekt vorgenommen wurden. Ich hatte mir dafür bis zum Mittagessen frei genommen. Wer weiß schon, in welche Ecken so ein Baubeamter gucken will, wie lange genau er das Dach von oben begutachtet oder ob er auf den Zentimeter oder den Millimeter genau nachmisst.

Nach zehn Minuter war er dann wieder weg. Vielleicht waren es auch nur fünf. Kurzer Blick von außen: „Ach stimmt, ich erinnere mich, so sah das auf der Zeichnung aus. Passt ja.“ Blick von innen: „Das sieht ja gemütlich aus. Und mit dem Kamin… Schließt nur die Schiebetüren ab, bis die Grube aufgefüllt ist. Nicht das ein Besucher aus Versehen runter fällt.“ Kurzer Zwischenstopp in der Küche: „Ah, gut, die Betriebsgenehmigungen von Schornsteinfeger und Elektriker und der Kontrollplan. Dann noch frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!“ Und weg war er.

img_20181220_1032461558005249105849644.jpg
Unser fertiger Wintergarten heute morgen – inklusive Weihnachtsbaum. Fehlt nur noch etwas Farbe an den Wänden.

Ich sah uns schon heute Abend putzen und die Möbel reintragen. Aber zuerst musste ich noch einmal in die Kulturschule, einer Kollegin mit einem Notensatzprogramm helfen und meinen Unterrichtsraum aufräumen. Dort angekommen klingelte mein Telefon: Der Maler fragte, ob er morgen bei uns weitermachen könnte, die grob gespachtelten Wände schleifen und einmal malen – Erste Reaktion: Na toll, dann wird das ja doch nichts mit Weihnachten im Wintergarten. Die decken den Boden wieder ab, stellen ein Gerüst auf, machen den Raum unbewohnbar. Nächster Gedanke: Obwohl, dann kann ich ja am Wochenende die Wände fertig malen. Dann können wir allen Baumüll wieder rechtzeitig rausschmeißen und die Möbel reinstellen. Weihnachten gerettet. Aber das Wochenende wird stressig… Hmm, ich hab ja morgen frei genommen, ich könnte beim Malen helfen, vielleicht schaffen wir dann doch alles… Ich könnte ja sogar schon heute Abend abkleben…

img_20181220_2201324567462950093674726.jpg
Und die gleiche Perspektive heute Abend. Der Maler muss nur noch die Deckenleiste und die Oberlichter abkleben, auf dem Gerüst wollte ich heute um zehn nicht mehr herumturnen.

Ich bin ganz guter Dinge, dass wir morgen schon fertig werden. Die Farbe muss nur zwei Stunden trocknen; selbst wenn die Maler keine zwei Anstriche schaffen, kann ich abends noch einmal malen. Dann fehlen nur noch die Fensterrahmen und für die muss man den Wintergarten ja nicht komplett leer machen oder gar den Boden abdecken. Eigentlich gefällt mir diese Lösung jetzt viel besser, als nach Weihnachen noch einmal alles rauszuräumen. Ob das alles klappt? Det är pirrigt!

19. Dezember: Abgehakt!


Puh, geschafft, das war’s. Der Advent (von lat. advenus: Hauptkonzertsaison – oder so) ist für uns beide vorbei. Jetzt können wir uns endlich noch ein paar Tage auf Weihnachten und die Ferien vorbereiten und freuen. Dafür muss ich allerdings erst einmal den passenden Schalter finden um aus dem Abhak-Modus rauszukommen: Hier noch eine Probe, da noch eine Unterrichtsstunde, Konferenz fertig, Konzert gespielt. Deshalb kommt hier jetzt etwas Selbsttherapie, um die Zeit seit den Herbstferien zu sortieren und zu verarbeiten. Das soll jetzt weder nach Genörgel noch nach Angeberei klingen, ich muss einfach für mich zusammenfassen, was wir alles erlebt haben. Wer bei welchem Konzert eingespannt war, könnt ihr euch wahrscheinlich selbst ausrechnen:

  • Mozart-Requiem an Allerheiligen
  • Konzertreise nach Oldenburg
  • eine Vormittagstourné mit unserem kleinen Streichorchester und zwei Schulkonzerten
  • Schulfest an einer der Schulen, an der die Kinder während der Hortbetreuung Geigenunterricht bekommen können
  • Foyerkonzert mit dem älteren Orchester als Auftakt eines Konzerts von Schwedens einzigem professionellen Streichorchester und Benjamin Schmid
  • Platzkonzert mit Anknipsen der Weihnachtsbeleuchtung in Fristad
  • Bachs Weihnachtsoratorium zum 1. Advent
  • großes Abschlusskonzert aller Streicher
  • feierliches Adventskonzert der Kulturschule in der größten Kirche von Borås
  • großes Weihnachtskonzert der Musikschule in Fristad
  • Abschlussveranstaltung mit Schülern von drei Schulen im Osten der Stadt
  • Lucia
  • Lucia
  • Lucia
  • Händels Messias in der etwas skurrilen Bearbeitung von Mozart
  • mein (Jonas) Debut als Korrepetitor beim Solistenkonzert einer Geigenkollegin
  • festliches Weihnachtskonzert mit Fristads Ungdomsorkester
  • zwei Konzerte mit kleineren und größeren Streichersolisten.

Außerdem:

  • 400 Seiten Kursliteratur lesen
  • 4-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen von zwei 4-Seiten-Aufsätzen von Kurskameraden und Verfassen einer einseitigen Kritik
  • 15-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen eines 15-Seiten-Aufsatzes eines Kurskameraden und Verfassen einer 5-seitigen Kritik
  • 1-seitiges Exposé zu einem 15-Seiten-Aufsatz schreiben, der bis Anfang Januar fertig sein muss

Außerdem:

Zimmermänner, Schreiner, Elektriker, Maler, Kamininstallatöre, Kaminkehrer und kommunale Bauaufsicht miteinander jonglieren.

So, das hat gut getan. Zeit, diesen Advent abzuhaken… Morgen dann nur noch das Unterrichtszimmer aufräumen und schonmal Noten kopieren für das nächste Halbjahr, dann kann man das auch schon wieder abhaken. Und am Freitag julfika mit den Kollegen. Uff.

Oh nein, ich will doch nichts mehr abhaken!

Orchesterreise nach Oldenburg in Holstein


Normalerweise legen wir unsere Konzertreisen ans Schuljahresende, denn bis dahin hat man die Jüngsten (bei uns ca. 11-12 Jahre) soweit ins Orchester integriert, dass eine Reise machbar und das Orchester auf einem gut spielbaren Niveau ist. Doch die Einladung aus Oldenburg in Holstein zu einem Festival im November, die wir im Februar bekommen hatten, war zu verlockend, sodass wir trotz des frühen Termins im Schuljahr nicht nein sagen konnten und wollten.

So waren wir im Juni mit unserem Orchester eine Woche in Heidenheim, aber leider hatten wir dieses Jahr ungewöhnlich viele Abiturienten, die uns nach den Sommerferien verließen. An sich kein Problem, denn an Nachwuchs mangelt es uns derzeit auch nicht, aber es braucht immer eine Weile, bis ein Orchester nach so einem Generationenwechsel wieder neu zusammengewachsen und man wieder auf dem alten Niveau ist. Wir hatten also seit den Sommerferien knapp drei Monate, um ein neues Programm zu erarbeiten.

Eigentlich spielen wir hauptsächlich symphonische Blasmusik und eher wenig „Uff-da-da“, aber das Festival in Oldenburg erforderte ein etwas anderes Auftreten. Insbesondere, was das figurative Marschieren angeht, war unser Orchester gänzlich unerfahren. Aber mein Lieblingskollege hat seinen Militärdienst seinerzeit im königlichen Musikcorps geleistet und war guter Dinge, dass das Orchester ein paar einfachere Figuren hinkriegen würde.

Neu war auch, dass wir erstmalig eine Zusammenarbeit mit der Kulturschule und deren Tanzkompanie anstrebten, was die Logistik hinter der ganzen Reise nicht unbedingt erleichterte.

Das figurative Marschieren konnten wir natürlich nicht in unserem Orchestersaal proben und eine freie Turnhalle zu unserer üblichen Probenzeit am Montagabend zu kriegen, war unmöglich. Daher probten wir im September noch auf dem Bolzplatz der benachbarten Grundschule, aber irgendwann war der Boden dort so aufgeweicht, dass an Marschieren nicht mehr zu denken war. Kurzzeitig wichen wir dann auf den Schulhof der Mittelschule aus, aber dann rückten dort die Bagger zwecks Schulhofumgestaltung an. Schließlich landeten wir auf dem Parkplatz des Schulzentrums, den wir immer nach Schulschluss am frühen Nachmittag heimlich und nur so halb legal mit Baustellenband absperrten, damit bis abends keine neuen Autos dort standen.

Die Beleuchtung dort war nur spärlich, sodass wir ab Oktober in nahezu völliger Dunkelheit und bei jedem Wetter draußen probten. Aus gruppendynamischer Perspektive jedoch eine großartige Maßnahme – nichts schweißt so sehr zusammen, wie jeden Montag im Dunkeln bei Regen und Schneefall singend (denn die Instrumente wollten wir dann nicht so sehr strapazieren wie unsere Orchestermitglieder) über einen leeren Parkplatz auf und ab zu marschieren…

Doch die Mühe zahlte sich aus und so erlebten wir letztes Wochenende eine sehr gelungene Reise zum Festival „Faszination Musik“ in Oldenburg (in Holstein, nicht in Niedersachsen). Tolle Organisation, großartige Stimmung… Viele Grüße an dieser Stelle an die Veranstalter!

Kostprobe gefällig?

 

Sehr süßer Vorfall auf der Reise: Als wir auf dem Hinweg am Freitagabend unsere Fähre von Rødby nach Puttgarden knapp verpassten und 35 Minuten warten mussten, stellte sich unser Orchester quasi von alleine am Fähranleger auf. Schließlich war da eine große asphaltierte Fläche MIT Beleuchtung! Eine Mutter hat das gefilmt und auf Facebook gestellt (öffentlich, man braucht kein FB-Konto). Die anderen Autofahrer am Anleger haben nicht schlecht gestaunt…

Jetzt haben wir immerhin 2 Wochen, um neues Repertoire bis zur ersten Adventsmucke einzustudieren und 5 Wochen bis zum großen Weihnachtskonzert…

 

Projekt: Mehr Licht


Der schwedische Sommer ist kurz (gut, vielleicht nicht 2018 aber so grundsätzlich), und auf einen warmen Sommertag können ganz schön kalte Nächte folgen. Das ist für den Schweden an sich ein Problem, denn nach einem langen Winter, während dem man sich in seinem Haus eingeigelt hat, möchte man im Sommer am liebsten immer draußen sein. Nach einem gemütlichen Abendessen auf der Terrasse ins Wohnzimmer zu gehen, nur weil es draußen zu kalt wird, kommt da gar nicht in Frage. Erste Abhilfe schaffen Fleecedecken, von denen jeder Haushalt mindestens ein Dutzend hat, aber bei einem leichten Schauer oder Wind helfen die auch nicht weiter. Daher hat gefühlt jedes zweite Haus in Schweden einen uterum, einen Draußenraum.

Die beste deutsche Übersetzung wäre eigentlich Wintergarten, aber das trifft es irgendwie nicht richtig. Der uterum dient nämlich nicht als Überwinterungsort für empfindliche Pflanzen, sondern der Verlängerung des Sommers. Hier will man vor allem am Abend noch quasi-draußen sitzen, geschützt vor Wind, Regen und Mücken, und die Sommersaison etwas nach vorne und hinten verlängern. Viele der Anbauten sind auch gar nicht wärmeisoliert, stehen auf einer einfachen Bretterkonstruktion, werden mit Infrarotstrahlern beheizt und sind im Winter überhaupt nicht nutzbar. Natürlich gibt es auch avanciertere Modelle bis hin zum richtigen Wintergarten, aber der durchschnittliche uterum ist eher eine verglaste Terrasse.

Heutzutage gibt es diese Anbauten als fertige Bausätze für wenige tausend Euro, bestehend aus einem einfachen Holzrahmen, in den große Schiebefensterpartien eingesetzt werden und der mit einem isolierten, transparenten Kunststoffdach gedeckt wird. Ältere Modelle dagegen haben oft ziemlich grobschlächtig zusammengezimmerte halbhohe Wände mit durchgehenden, nicht zu öffnenden Fenstern und obendrauf ein Dach aus gewelltem Plastik. So ungefähr sah auch der uterum an unserem Haus aus. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Fenster fehlten. Zugegeben, es gab Fenster, zwei nach Westen und zwei nach Norden, dazu eins in der Tür. Aber eine durchgehende Fensterfront? Fehlanzeige. Und die riesige Südwand, auf die quasi den ganzen Tag die Sonne schien? Fensterlos. Kein einziges Guckloch – abgesehen von den Ritzen zwischen den Brettern…

IMGP6396.jpg
Blick nach Süden in unserem alten uterum: Wie Sie sehen, sehen Sie – nichts

Ein richtiges drinnen-fast-wie-draußen-Gefühl stellte sich da natürlich nicht ein. Zusätzlich zu dem fehlenden Lichteinfall waren die Wände auch noch allesamt in einem depressiven Dunkelbraun gestrichen, damit es auch ja nicht zu hell werden konnte. Und zu guter Letzt sorgte die sorgfältige Platzierung vor den drei großen Fenstern zum Wohnzimmer und südlich der Terrasse dafür, dass sich auch im Haus ja kein Sonnenstrahl zuviel zeigen konnte.

IMGP6393.jpg
Unser Haus von Südwesten gesehen

Gebaut hatte dieses Ungetüm übrigens unser Vorvorbesitzer. Der mochte anscheinend keine Sonne, dafür aber Wärme. Nach Erzählungen unseres Nachbarn saß er am liebsten im Hochsommer in seinem dunkelbraunen „Wintergarten“ – der sich durchaus ziemlich aufheizen konnte – am offenen Kamin und heizte drauflos.

Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass ich von unserem uterum im Imperfekt schreibe und hat daraus vielleicht schon die richtige Schlussfolgerung gezogen: Die braune Bausünde steht nicht mehr. Schon als wir unser Haus gekauft haben, wussten wir, dass der Bretterverschlag weg sollte. Zum einen, weil er uns deutlich mehr störte als nutzte – die Male, die wir ihn genutzt haben, lassen sich wahrscheinlich an zwei Händen abzählen –, zum anderen war die Drainage darunter nicht mehr in Ordnung, die Kellerwand an dieser Stelle feucht.

Was also tun? Einfach nur abreißen? Oder stattdessen einen neuen uterum bauen? Und falls ja: wohin? Und wie gut soll der isoliert sein? Nach langem Hin und Her haben wir uns für einen richtigen Wintergarten mit isolierter Betonplatte entschieden, der dort gebaut werden sollte, wo bisher die Terasse war. Noch länger als diese Überlegungen dauerten dann meine vielen verschiedenen 3D-Zeichnungen von unterschiedlichen Wintergärten.

Und was wird jetzt gebaut? Ein schlichtes Pultdach, quer ans Haus gesetzt, dass eine große Glasfassade nach Süden ermöglicht. Der ungewöhnlich Anschluss der eigentlich einfachen Form und die Aussicht auf viel Glas in Richtung Sonne überzeugten uns.

uterum pulpet kurz 2.jpg

In diesem Frühjahr waren wir dann soweit: Wir hatten eine Zeichnung, die uns gefiel, eine Baufirma und ein ungefähres Startdatum. Zeit, um eine Baugenehmigung zu beantragen. Dieser Prozess war erstaunlich unkompliziert, dauerte nur ein paar Wochen, lief (fast) vollständig digital und komplikationslos, so dass Ende August alles bereit für das Abrisskommando war. Mit etwas Glück könnte der Wintergarten bis Weihnachten stehen.

IMGP6408.jpg
27. August 2018: Dem Bretterverschlag gehts an den Kragen, Dach und Fenster sind schon weg

Die Operation „Mehr Licht“ dauerte nur wenige Stunden, an einem Vormittag war der komplette Bretterverschlag abgerissen und zu einem kleinen Häuflein auf unserem Rasen zusammengeschrumpft. Und in unserem Wohnzimmer hatte man plötzlich das Gefühl, jemand hätte das Licht angeknipst.

IMGP6419.jpg
Die sterblichen ûberreste der Bretterbude – wir trauern ihr nicht nach

Noch am selben Tag erschien dann auch der etwas-größer-als-erwartet Bagger, der der Terrasse und der alten Fundamentmauer im Eiltempo den Garaus machte und wenig später war das komplette Loch für das neue Fundament und die Dränage ausgehoben.

 

In deutlich geringerem Tempo ging es weiter: Kies einfüllen, verdichten, Drainagerohre legen, mehr Kies einfüllen, verdichten, Holzrahmen für Sockel bauen, Armierungsstahl einsetzen, Sockel gießen, Mauer mauern, Kies und Sand auffüllen, Isoliermaterial auflegen, Armierungsgitter einsetzen, Betonplatte gießen, Betonplatte gegen Regen abdecken. Und dann: Warten, bis die Platte ausgehärtet war (ging schnell) und ein Zimmermannteam Zeit hatte (dauerte deutlich länger).

 

Die Zimmerleute kamen, sahen und… diskutierten: „Hmm, der Dachüberhang da, da war ja ne Säule, die Last müssten wir dann über einen Balken abführen… das könnte man so machen… wie dick muss der denn sein… wir müssen mal mit unserem Statiker reden, den Balken berechnen… und bestellt werden muss der dann wohl auch, glaub nicht, dass das Lagerware ist…“ Sagten’s, und verschwanden wieder. Und tauchten nicht wieder auf. Wusste ja vorher keiner, dass man da einen Balken eniziehen muss. Hatte ich vorher auch nicht erwähnt, nein nein. (Ironiemodus aus.) „Das gucken wir uns dann an, wenn es so weit ist.“ Zwei Wochen Pause – doof für uns, denn die Glaspartien können erst bestellt werden, wenn der Rohbau steht und genau Maß genommen wurde; Lieferzeit: sechs Wochen. Langsam wurde es eng mit unserem Traum vom Wintergarten als Weihnachtsgeschenk.

Der Vorteil an Holzbauten: Die Wände stehen innerhalb kürzester Zeit. Natürlich ohne Fassade, Innenleben und Verkleidung, aber das braucht man alles auch nicht für die Vermessung der Fenster. Zwei Tage brauchten die Zimmerleute für das Ständerwerk, davon einen für das Diskutieren der besten Methode und einen für den eigentlichen Aufbau. Dann wurde das Glas bestellt, und mit dem Liefertermin Ende November könnte es doch noch alles klappen.

 

Mittlerweile hat der Anbau ein fertiges Dach, eine wetterdichte Membran, eine Fassade, ist schon teilweise isoliert und das alte Dach, das jetzt ja nicht mehr gebraucht wird, ist auch verschwunden. Ein Kamin ist bestellt, der Laminatboden wartet im Keller auf seinen Einsatz und hoffentlich, hoffentlich klappt das noch mit dem Weihnachtsbaum im Wintergarten. Dann können wir den Sommer nicht nur ein bisschen verlängern, sondern das ganze Jahr draußen sitzen.

Sommer 2018: Mit Katze im Wohnmobil nach Ostfriesland


Siebeneinhalb Wochen Sommerferien neigen sich dem Ende zu, morgen ist unser erster Arbeitstag. Die Schulkinder hier haben sogar noch zwei Wochen länger frei, da wir Lehrer im Juni und im August jeweils eine Woche Planungs- und Konferenzzeit haben.

Orchesterreise nach Heidenheim

Die Planungswoche im Juni (will heißen: die erste Ferienwoche der Schüler) habe ich auf Orchesterreise in meine alte Heimat Heidenheim auf der Ostalb verbracht. Bereits zum 5. Mal hat dieses Jahr die Jugendbegegnung zwischen den beiden Musikschulen stattgefunden. Und es wird nicht langweilig, weder den Erwachsenen noch den Jugendlichen. Zum einen, weil ja in einem Jugendorchester immer eine natürliche Fluktuation herrscht, zum anderen, weil für die Älteren, die schon ein paar Mal dabei waren, die Vorfreude fast noch größer ist, alte Bekannte wiederzutreffen.

P1090514.jpeg
Drei Dirigenten, zwei Orchester beim Konzert in meinem ehemaligen Gymnasium.

Weil wir seit 2011 alle Sommer bis auf einen in Skandinavien verbracht haben, war uns dieses Jahr mal danach, mal wieder etwas Neues zu entdecken. Zusammen mit dem Lieblingskollegen und seiner Frau war der Plan, gemeinsam mit Wohnmobil und Zelt nach Holland und Amsterdam – was wegen eines vollgelaufenen Kellers leider kurzfristig nicht zustande kam. Aber Jonas und ich hatten uns schon so auf Holland gefreut, dass wir nach langem Hin und Her schließlich alleine fuhren.

Bei Orchesterkollegen in Rendsburg und Schleswig-Holstein Musikfestival

Nach einer Nacht am menschenleeren Strand von Ängelholm

20180707_180517.jpg
5 Kilometer Sand – (fast) ganz für uns alleine

war die erste Station in Deutschland Rendsburg, wo Jonas im Juni mit seinem Orchester zu Besuch gewesen war – und dem Schleswig-Holstein Musikfestival. Großartig das Festivalorchester unter Christoph Eschenbach mit Mahlers „Erster“ – die Konzerte waren schon seit Monaten ausverkauft, aber dank Jonas‘ Kontakten kamen wir in den Genuss einer dreistündigen Probe mit Partitur im Schoß, das war eigentlich noch besser als Konzert.

Weiter via Ratzeburg, Glückstadt (beides sehr hübsche Städtchen) und Bremerhaven (Auswandererhaus unbedingt lohnenswert) und Cuxhaven (urx…) Richtung (Ost)friesland.

Zwei Nächte in den Dünen bei Hooksiel, sich über skurrile deutsche Campingplätze wundern:

Hübsch wars trotzdem, vor allem deshalb:

Nach einer Nacht auf dem grausigen Wohnmobilstellplatz von Cuxhaven (zu unserer Entschuldigung: es war spät und wir waren sehr müde, aber nie wieder im Sommer nach Cuxhaven. Ich wollte das betonierte Elend – auch „die Platte“ genannt – noch nicht mal fotografieren. Googelt selber.) fühlte sich Hooksiel beinahe leer an.

20180716_214221.jpg
„Hunde sind an der Leine zu führen“ – wenn sie das Rätsel Sphinx lösen können…

Pulcinella war natürlich auch mit. Wir sind uns inzwischen nicht mehr sicher, ob sie wirklich eine Katze ist, oder nicht doch ein Hund, so brav, wie sie an der Leine mit uns überall hintapst und unser Wohnmobil bewacht – wir haben uns schließlich auf Hutze geeinigt.

IMG-20180709-WA0009.jpg
Lieblingsplatz mit Katzenfernseher (aka Fenster)
Im Herzen des Deutschland-Tourismus: Ostfriesland

Weiter über Norddeich (die Seehunde waren niedlich und die Drachen am Strand beeindruckend, aber auch wieder viiiiel zu viele Menschen),

20180717_175335.jpg
Drachen am Strand von Norddeich

Aurich (hübsch!), Greetsiel (auch ganz nett), die Knock (herrlich, weil fast keine Sau)

20180718_204802.jpg
Camperidyll: Komponist und Katze auf Kuhweide an der Knock

in die Heimatstadt meiner Mutter, Emden. Konnte ja keiner ahnen, dass ausgerechnet, wenn wir da sind, Otto dort seinen 70. feiern muss und die halbe Bundesrepublik vor dem Ottohaus für ein Selfie Schlange steht. Dafür hatten wir die Duckomenta quasi für uns allein.

Jetzt waren wir also endlich an der holländischen Grenze angelangt. Wegen der Hitze waren wir träger als geplant und wir hatten von anderen Wohnmobilisten Horrorstories von überfüllten holländischen Campingplätzen und drakonischen Strafen fürs Freistehen gehört, dass uns irgendwie die Lust auf Holland vergangen war. Und eigentlich wollten wir nichts lieber als an einen ruhigen, kalten, schwedischen Süßwassersee.

Der Rückweg

Also traten wir die Heimreise an, ohne auch nur einen Fuß auf holländischen Boden gesetzt zu haben. Via Leer, wo wir beinahe in einem Secondhandladen ein ostfriesisches Teeservice erstanden hätten, Bremen (nur durchgefahren, dafür brauchen wir mehr Zeit und einen ortskundigen Führer…), das Teufelsmoor bei Worpswede und Hamburg

IMG-20180722-WA0000.jpg
Familienfoto mit Katze

(Gruß an meine liebe Tante I. und Onkel W., die ich dort zum ersten mal seit 15 Jahren wieder besucht habe!) gings nach Plön. Nicht Schweden, dafür wenigstens ein See. Und das Schleswig-Holsteinische Binnenland war zwar auch voll, aber nicht so schlimm wie die niedersächsische Nordseeküste. Dass wir uns im Plöner See Zerkarien einfangen würden, konnte man ja auch nicht ahnen. Wieder was gelernt. Es juckt mich schon, wenn ich das Wort Zerkarien nur schreibe.

Via Kiel (ein Gewitterschauer! Herrlich! Und ein Teeservice!) fuhren wir weiter nach Dänemark, wo wir dachten, wir würden am Ar* Ende der Welt ein wenig ruhiger als in Deutschland stehen,

img-20180726-wa0000.jpeg
Eine Stunde südlich von Grenå am Strand

aber prompt in ein Oldtimertreffen hinein stolperten,

20180725_205131.jpg
Zum Glück nur am Abend mit Oldtimern, nach Sonnenuntergang wurde es schnell ruhig.

ging es dann zügig wieder Richtung Heimat. Die Fähre Grenå-Varberg hätte ohne den grölenden Junggesellenabschied auch ganz nett sein können.

Wieder daheim…

Endlich wieder in Schweden, steuerten wir schnurstrax den erstbesten abgelegensten Badeplatz an, der sich zwischen Varberg und Borås anbot. In Schweden war der Sommer ja auch keinen Deut kühler als in Deutschland und obwohl wir die heißesten Tage immer am Wasser mit ein wenig Wind verbracht haben, so half an diesem Tag nur noch baden. Und wer nicht baden mochte, verbrachte den Tag unter einem nassen Handtuch.

20180727_155820.jpg
Wegen Hitze: Hutze mit Handtuch (nass!)

Ich glaube, ich bin echt nicht mehr kompatibel mit Deutschland und seinen Menschenmassen. Wobei… Nordseeküste im Juli ist ja eigentlich auch ein bisschen behämmert, wenn man mal drüber nachdenkt.

img-20180717-wa0001.jpeg

Seis drum. Wir haben auch viel Schönes erlebt, Neues gesehen, nette Menschen getroffen, alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue Bekanntschaften geschlossen, gut gegessen, exzellente (und bezahlbare!) Cocktails geschlüft, ein echtes ostfriesisches Teeservice erstanden, uns durch deutsche Konditoreien gefuttert, uns über vieles gewundert,

img-20180715-wa0000.jpeg
In Bremerhaven am Hafen

eine Gratisgarantiereparatur an unserem Wohnmobil machen lassen, einen Vormittag lang Mahler live gehört, uns viele hübsche norddeutsche Städtchen erlaufen, zwei große Brücken überfahren,

riesige Eisbecher gelöffelt, wie es sie in Schweden nicht gibt, und viele Menschen durch den Anblick unserer Wohnmobilhutze erfreut.

20180713_100322.jpg
Im Rucksack nehmen wir Pulcinella nur ausnahmsweise mit – wie hier, als unser Wohnmobil gerade in der Werkstatt steht.

Das waren also unsere Sommerreisen 2018: dreimal nach Deutschland. Jeweils eine Dienstreise mit Orchester und einmal mit Katze statt Kindern.

Die letzten zwei Ferienwochen waren wir zuhause und haben mit lieben Gästen aus Deutschland hier mit sportlichem Ehrgeiz mindestens einmal täglich in den Seen der Umgebung geplanscht. Das war fast noch schöner.

Wieder in Göteborg


Während unseres Engagements bei den Göteborger Symfonikern hatten wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt und uns gleich für ein weiteres Projekt buchen lassen. Diese Aktion unter dem Titel „Kreatives Zusammenspiel“ ist deutlich kleiner angelegt als „Komm herein„. Nur ungefähr dreißig bis vierzig Kinder im Grundschulalter kommen gleichzeitig ins Konzerthaus, um an zwei Workshops teilzunehmen. Ein Teil der Gruppe bewegt sich angeleitet von einer Rythmik-Pädagogin und begleitet von einem Holzbläserquintett zu Musik; unsere Aufgabe ist es, einen einen Kompositions-Crashkurs zu betreuen, in dem jede Klasse mit Hilfe einfacher grafischer Notation ein eigenes Stück schreibt, dass dann von einem Trompeter, einer Cellistin und einem Schlagwerker aufgeführt wird. Danach dürfen die Gruppen natürlich tauschen und auch den jeweils anderen Workshop erleben.

Eigentlich hätte Annika schon vorige Woche zwei Vormittage übernehmen sollen, aber auf Grund des EU-Gipfels in Göteborg am letzten Freitag (hat man davon eigentlich irgendetwas mitbekommen neben Jamaika-Verhandlungen und Klima-Konferenz?) war die gesamte Stadt seit Mittwoch wie eingefroren – wichtige Durchgangsstraßen waren gesperrt, Busse fuhren nur sporadisch und ganze Innenstadtbereiche schienen hermetisch abgeriegelt worden zu sein – und deshalb musste das Projekt für vorige Woche abgesagt werden. Diese Woche, in der ich Dienst habe, findet aber alles wie geplant statt (abgesehen von extremen Verspätungen von Schülern, Musikern und auch mir, verursacht durch einen Schneesturm heute Nacht).

Neben meinem Workshop habe ich auch die Verantwortung für die erste Begrüßung der Klassen. Dabei muss man natürlich erklären, in was für einem Haus sie sich eigentlich befinden. Vom Projektleiter, der diesen ganzen Tag konzeptioniert hat, hatte ich den Tipp bekommen, vom alten Göteborger Konzerthaus von 1905 zu erzählen, dass 1928 fast vollständig abbrannte. Eigentlich fand ich die Geschichte gar nicht so interessant für Kinder dieser Altersgruppe, aber auf diese Weise ergibt sich ein schöner Ausgangspunkt, um später im Kompositionsworkshop ein paar ganz besondere Noten herzuzeigen: Während der Südflügel des alten Gebäudes schon lichterloh brannte, waren ganze Menschenmassen damit beschäftigt, Noten und Instrumente zu retten. Einige der Noten hatten allerdings schon Brandschäden wie Rauchflecken und angesengte Ecken erlitten, und eine solche Partitur mit dazugehörigen Stimmen konnte ich heute den Kindern präsentieren, sozusagen als Beweis, dass das mit dem Brand wirklich passiert ist. Dass die Stimmen alle wunderschön von Hand kopiert waren, das erfreute allerdings vor allem mich.

img_20171122_0931371770631490.jpg
Angesengte und von Rauch beschädigte Noten von Haydns „Die [sieben letzten] Worte des Erlösers am Kreuze“ aus der Bibliothek der Göteborger Symfoniker.
P.s.: Wer mehr über das alte Konzerthaus und dessen Brand erfahren möchte, findet auf dieser Seite einige Informationen und Bilder (auf Schwedisch), unter anderem einen Augenzeugenbericht (auf veraltetem Schwedisch).