Archiv der Kategorie: Byråkrati

Neue Herausforderungen (2/2)


Im Januar fand bei mir jobtechnisch eine strukturelle Umorganisation statt, die im Wesentlichen die Ursache für die längere Blogpause war…

(Edit: Ein guter Freund meinte, ich solle das was hier ursprünglich stand, nicht so stehen lessen, daher habe ich den ersten Absatz unter ein Passwort gestellt. Weiterlesen: Neue Herausforderungen (1/2). Das Passwort ist die Antwort auf die Frage: Wo haben wir geheiratet?)

Wirklich viel besser ist es auch jetzt nach einem dreiviertel Jahr nicht geworden, aber ich habe meine engsten Kollegen noch mehr schätzen gelernt, als ich es ohnehin schon vorher getan hatte. Das war einer der wichtigsten Punkte, um den wir in der Umstrukturierung gekämpft haben, nämlich unser Kollegium von sieben Fachlehrern zu erhalten und nicht beliebig Personen durch die Gegend zu tauschen, nur weil wir jetzt von einer größeren Organisation geschluckt wurden.

Der Lieblingskollege fragte mich in den Sommerferien, ob ich mir vorstellen könnte, in unserem Orchester mehr Aufgaben zu übernehmen, als „nur“ organisatorische. Bisher hatten wir die Arbeitsteilung „er steht vor dem Orchester, ich dahinter“. Will heißen: er ist der Dirigent, bestimmt die künstlerische und pädagogische Ausrichtung des Orchesters, zieht Konzerte und Gigs an Land und redet mit den wichtigen Leuten und ich wurschtel im Hintergrund, erstelle Teilnehmerlisten, kümmere mich um Werbung, Elterninformation, Flugbuchungen etc. pp. und bin natürlich auch einfaches Orchestermitglied, entweder im Schlagwerk an den Malletsinstrumenten (Xylophon, Marimbaphon, Röhrenglocken, Glockenspiel) oder an der Klarinette, je nach Bedarf. Und wenn er dann mal krank war oder sonstwie verhindert, habe ich schon auch mal dirigiert, aber das passierte höchstens ein-zweimal im Jahr. Nun also die Frage, ob ich mir ein „Upgrade“ zur zweiten Dirigentin vorstellen könnte.

Hier ein Video von 2015, mit einem Filmmusikmedley von John Williams.

Nun habe ich ja im Studium auch vier Jahre lang das Fach „Dirigieren“ belegt, aber nie wirklich Gelegenheit gehabt, praktische Erfahrung im Orchester zu sammeln, ich war immer mehr im Fach Chordirigieren verankert. Das klingt jetzt für Musiklaien vielleicht echt nerdig, zwischen Chor- und Orchesterdirigenten zu unterscheiden, aber es sind wirklich zwei Paar Schuhe. Insbesondere was die Probenmethodik angeht, kann man sich in einem Orchester echt unbeliebt machen, wenn man es wie einen Chor behandelt (und umgekehrt).

Aber vor dem Hintergrund, dass mir durch die Umstrukturierung beim Job einige liebgewonne Arbeitsfelder entzogen worden waren, war des Lieblingskollegen Idee goldrichtig um mir wieder neue Perspektiven zu geben und mein geknicktes Selbst zumindest ein bisschen wieder aufzurichten. Mit dem Wissen, dass er über 20 Jahre lang alleiniger Chef für das Orchester war, ehrte mich die Frage besonders, denn sowas gibt man nicht „mal eben so“ an jemand anderes ab, auch nicht teilweise.

Und so teilen wir uns seit diesem Schuljahr jeden Montagabend den Platz am Dirigentenpult. Für mich gerade eine echte neue Herausforderung. Während er natürlich nach 20 Jahren eine Probe auch ohne Vorbereitung locker aus dem Ärmel schüttelt, sitze ich in meinen Hohlstunden vor meinen Partituren und übe, so wie man ein Instrument übt und überlege mir die nächsten Probenschritte.

Gleichzeitig – auch das ist neu – spiele ich dieses Jahr Bassklarinette im Orchester, wenn der Lieblingskollege dirigiert. Unsere Schlagwerkssektion habe ich die letzten zwei Jahre so gut erzogen, dass ich dort gerade nicht gebraucht werde, gleichzeitig fiel dieses Jahr unsere Bassklarinettistin aus. Vom höchsten Melodieinstrument Glockenspiel ins Bassregister zu wechseln… auch spannend.

Nun ist der Montag also mein persönlicher Höhepunkt der Woche. Heute war der Lieblingskollege verhindert und ich hatte erstmalig die zwei Stunden mit dem Orchester alleine. Und ich hab mich gefreut wie Bolle, als nach der Probe einer unserer Erwachsenen im Orchester, ungefähr gleichalt wie ich, der eigentlich nie was sagt, an mir vorbeilief, mir in den Oberarm boxte und rief „Bra jobbat!“ (Gut gemacht!)

Und ein Video vom letzten Herbstkonzert (2016).

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Svenskifiering


Ganz unspektakulär ist unser 5. Jahrestag in Schweden Mitte August an uns vorbeigezogen, denn er fiel gerade in die Woche vor dem Schulanfang, die bei uns traditionell mit Konferenzen und einem ersten Auftaktorchesterlager gefüllt ist. Nach viel zu vielen Telefonaten mit Schülern und Eltern stehen unsere Stundenpläne inzwischen zu 99%  (die alte 80:20-Regel hat sich auch dieses Jahr wieder bewahrheitet) und es ist schon fast wieder Alltag eingekehrt.
(Und irgendwann erzähl ich dann auch noch ein bisschen von unserem Sommer. Vielleicht.)

Aber zurück zu unserem 5. Jahrestag in Schweden: Dieser ist insofern besonders, als da man nach fünf Jahren die Mindestaufenthaltsdauer für die schwedische Staatsbürgerschaft erreicht hat. Weitere Voraussetzung für eine Einbürgerung ist „tadelloses Benehmen“ (skötsamhet), mit anderen Worten: keine Strafverfahren oder Schuldverfahren, auch diese Bedingung erfüllen wir. Da wir uns außerdem als EU-Bürger ausweisen können, steht einem Antrag auf Einbürgerung also nichts mehr im Wege.

Die vielen informellen Voraussetzungen, die an die Svenskifiering, Schwedifizierung, geknüpft sind, wie z.B. ein Mittsommerfest ausrichten, im Advent Lichterbögen ins Fenster stellen, in den Sommerferien am Haus renovieren oder Sonntags Rasen mähen, Bäume fällen und Terrasse kärchern, haben der Lieblingskollege und andere schwedische Freunde die letzten Jahre gut abgeprüft. Nur einen Volvo haben wir immer noch nicht…

Dass wir hier in Sachen Bürokratie echt verwöhnt sind, merkten wir heute an der Tatsache, dass wir nach dreieinhalb Jahren an unserem jetzigen Wohnort noch keinen neuen Briefkopf mit der aktuellen Adresse erstellt hatten…

Das Antragsformular für die schwedische Staatsbürgerschaft war dann auch eher easy auszufüllen (online natürlich) und die Anlagen hielten sich in überschaubaren Grenzen: Beschäftigungsnachweise für die letzten 5 Jahre (Jonas: 1 Zettel, Annika: 3 Zettel) und unsere deutschen Pässe.
Ganz billig war der Spaß übrigens nicht, 1500 Kronen Bearbeitungsgebühr nimmt die Einwanderungsbehörde migrationsverket für einen Einbürgerungsantrag, egal ob dieser am Ende positiv oder negativ ausfällt.

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Jetzt hoffen wir einfach mal, dass wir alles wirklich vollständig ausgefüllt und eingeschickt haben, dann sind wir laut aktuellen Angaben des migrationsverket in 2-6 Monaten schwedische Staatsbürger. Ansonsten kann es über ein Jahr dauern, wenn sie weitere Auskünfte von uns brauchen, das hoffen wir aber nicht.

Und wieder sind wir froh über die EU, denn wir werden dann die doppelte Staatsbürgerschaft haben, was – allen aktuellen Diskussionen zum Trotz – ein Privileg von EU-Bürgern ist, egal, was AfD, CSU und Konsorten dazu sagen.

Wenn es nach uns ginge, würden wir ohnehin am liebsten nur einen einzigen Pass haben: nämlich einen, der uns als EU-Bürger ausweist.

Hochzeitskutsche


Schon seit einiger Zeit wollten wir unser Auto in Schweden anmelden, aber leider mussten wir es bisher immer wieder aufschieben. Nach unserem Umzug aus Deutschland hatten wir natürlich zunächst einmal anderes zu tun und waren dankbar, dass wir noch das aus Studienzeiten bewährte Über-die-Eltern-anmelden-weil-die-den-besseren-Versicherungstarif-kriegen-Modell beibehalten konnten. Eigentlich muss man ein Auto zwar spätestens zu einem gewissen Zeitpunkt nach dem Umzug in Schweden anmelden, da unseres aber auf dem Papier gar nicht uns gehörte, sondern gewissermaßen eine Leihgabe war, gab es auch keinen akuten Handlungsbedarf.

Dennoch wollten wir das Auto auf lange Sicht natürlich ummelden, aber seitdem wir beide Vollzeit beschäftigt waren, ergab sich ein neues Problem: Wenn man nicht auf eine unheimlich teure Übergangsversicherung angewiesen sein will, darf man das Auto ab dem Zeitpunkt des Antrags auf Ummeldung nur noch eine Woche lang bewegen. Alleine die Bearbeitung des Antrags dauert aber mindestens zwei Wochen, und erst dann kann man einen Termin für die registreringsbesiktning (= Registrierungskontrolle) beim schwedischen TÜV machen, der dann durchaus auch mal erst einen Monat später sein kann. Aber Annika braucht ja das Auto regelmäßig, um  damit in ihre Dorfschulen zu fahren. Jetzt ist es aber endlich geschafft – die Ferien sind lang genug und da brauchten wir den Twingo nicht.

Das Kennzeichen behält ein Fahrzeug in Schweden übrigens sein ganzes Autoleben lang, auch wenn der Besitzer wechselt. Die Nummer wird per Zufallsgenerator erstellt. Zwar gibt es die Möglichkeit eines persönlichen Nummernschildes, auf das man alles schreiben kann (den Namen der Firma, des Kindes, des Dackels oder der Lieblingsbrauerei – oder auch die ersten sieben Ziffern der Zahl Pi) aber ein solches Kennzeichen gilt dann nur für zehn Jahre und kostet stolze 6000 Kronen (ca. 680 €) – und das Huhn, das goldene Eier legt, tut dies leider nicht in unserem Garten.

Wir ließen also den Zufall entscheiden, und der wollte es, dass wir seit neuestem in einer echten Hochzeitskutsche herumfahren:

(…und das ganz ohne Trauschein!)

Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen…


… obwohl ich nichts Verbotenes getan habe. Ich habe eigentlich noch nicht einmal etwas Ungewöhnliches getan und ich kann mich an Zeiten erinnern, als ich noch viel weiter gegangen wäre. Aber der schwedische Staat hat es geschafft, dass ich mich schuldig fühle.

Das fing schon an, als ich den Laden betrat, den ich bisher vermieden habe, wie in Karlsruhe die Sex-Shops: Man weiß genau, wo sie liegen, irgendwie ist man ja schon neugierig, wie es drinnen aussieht, aber es ist doch zu verrucht, als dass man hinein gehen würde – es könnte einen ja jemand sehen. Und statt in unauffälligen braunen Tüten müssen die Kunden ihre Waren auch noch in ziemlich auffälligen lila Tüten heraustragen, die förmlich schreien: »Schaut her, ich werde mich gleich dem Exzess hingeben!«

Richtig schlimm wurde es dann, als ich hinter mir eine bekannte Stimme hörte: Oh mein Gott, ein Kollege! Gut, dass ich meine feuerrote Dienstjacke im Auto gelassen hatte: Die Kulturschule darf mit diesem Milieu natürlich unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden!

Als ich dann endlich meine Einkaufsliste abgehakt hatte, wuchs die Scham in mir: Mein putziges Einkaufswägelchen quoll über von der verruchten Ware und ich konnte immer nur kleinste Mengen auf das winzige Förderbandbändchen an der Kasse legen. Die angebotenen Tüten waren ebenfalls lächerlich klein, so dass ich mit gleich drei davon den Laden verlassen musste – wie peinlich. Noch schlimmer war allerdings, dass ich zwei der Produkte offen und für alle sichtbar zum Auto bringen musste, da sie nicht in die Tüten passten.

Und was hatte ich nun erstanden? Zwölf Flaschen Bier, acht Fläschchen Cider und zwei Bag-In-Box-Weine für Annikas Geburtstagsfeier. Wenn ich bedenke, welche Türme von Bierkästen ich schon ohne jegliche Schuldgefühle aus Getränkemärkten herausrangiert habe, finde ich es spannend, wie es der staatliche Alkoholmonopolist Systembolaget schafft, den Kunden Gewissensbisse zu bereiten – während gleichzeitig eine Kaufberatung angeboten wird, die Ihresgleichen sucht. Inklusive der kostenlosen Beratung für Suchtkranke und deren Angehörige.

Steuererklärung auf Schwedisch


Diese Woche hatte ich einen blauen Umschlag vom Skatteverket im Briefkasten: meine Einkommenssteuererklärung. Inhalt des Umschlages:

  • 1 Zusammenfassung aller Auskünfte, die 2012 von Arbeitgebern über mich ans Skatteverket übermittelt wurden. Insgesamt sieben für mich relevante Zeilen.
  • 1 doppelseitig bedrucktes, bereits ausgefülltes DIN-A 4 Formular zum Kontrollieren, Unterschreiben und Zurücksenden. Insgesamt fünf für mich relevante Felder, wenn man das Unterschriftenfeld mitzählt.
  • 1 vorläufiger Steuerbescheid mit der voraussichtlichen Steuerrückzahlung für den Fall, dass ich keine Korrekturen an o.g. Formular vornehme.
  • eine 32-seitige Bedienungsanleitung mit vielen bunten Bildern
Bedienungsanleitung zur Steuererklärung - wer digital erklärt, kriegt die Steuerrückzahlung noch vor Mittsommer
Bedienungsanleitung zur Steuererklärung – wer digital erklärt, kriegt die Steuerrückzahlung noch vor Mittsommer

Schweden wäre jedoch nicht Schweden, wenn das Finanzamt ernsthaft wollte, dass man die fertig ausgefüllte und gegebenfalls korrigierte Steuererklärung wirklich per Post zurückschickt. Auf 18 der 32 Seiten der Bedienungsanleitung findet sich der Hinweis, wie einfach und schnell es ist, die Steuererklärung auf nicht-postalischem Weg zu bestätigen.
Der geneigte Steuerzahler darf dabei zwischen Telefonanruf, SMS, Homepage und App wählen.

Leider musste ich tatsächlich Änderungen an dem Formular vornehmen, sodass die Varianten Anruf und SMS für mich wegfielen. Ich hatte nämlich im letzten Jahr Fahrtkosten in einer Höhe, die die Grenze von 10000 Kronen deutlich überschritten und damit kann ich jede weitere Krone von der Steuer absetzen.

Also loggte ich mich mit meiner Personennummer und einer achtstelligen Kontrollnummer, die auf einem der Formulare abgedruckt war, auf der Homepage des Skatteverkets ein. Ich habe es gestoppt: ab diesem Punkt dauerte die Steuererklärung genauso lang wie das wahrscheinlich berühmteste Musikstück von John Cage: Einkommenszahlen kontrollieren (dafür habe von jedem meiner Arbeitgeber im letzten Jahr ein Kontrollblatt bekommen), Fahrtkosten, Kontonummer und Emailadresse eintragen, sich über die geänderte Zahl bei der zu erwartenden Steuerrückzahlung freuen, alles nochmal kontrollieren, einen achtstelligen Unterschriftencode eingeben, abschicken, zur Sicherheit alles nochmal ausdrucken (ja, ich bin so altmodisch und hefte diese eine Seite noch ab), ausloggen. Fertig.

Bedienungsanleitung, Steuerformular, Kontrollangaben - der Papierkrieg hält sich in Grenzen
Bedienungsanleitung, Steuerformular, Kontrollangaben – der Papierkrieg hält sich in Grenzen

Wenn ich daran denke, dass meine Eltern früher regelmäßig an einem mittelgroßen Tapeziertisch eine ganze Ferienwoche der Steuererklärung geopfert haben, alle Familienmitglieder zum Sammeln von Bleistiftquittungen angehalten wurden und jedes Jahr neue Steuererklärungssoftware notwendig war, bin ich ziemlich froh, dass ich jetzt in einem Land lebe, in dem Vater Staat zwar alles über Otto Normalverbraucher Sven Svensson weiß, dafür aber die Steuerklärung schneller erledigt ist als der Blogartikel über dieselbige.