Archiv der Kategorie: Flytta och anlända

Morgenstimmung


image

5:15: Noch ist alles ruhig da draußen auf dem norwegischen Schulhof, aber in einer Dreiviertelstunde wird die Flagge gehisst und wir werden mit unserem Orchester die norwegische Nationalhymne spielen.
Anschließend wird mehrere Stunden lang marschiert und paradiert…

Die Sonne scheint, der Wetterbericht verspricht angenehmes Marschwetter.
Und zum ersten Mal seit 2003 werde ich heute in der Öffentlichkeit Klarinette spielen, und das auch noch auf einem für mich neuen System denn in Schweden, wie im Rest der Welt außer Deutschland und Österreich auch, spielt man Boehmklarinette.

Was wäre das Leben ohne neue Herausforderungen?

Wie ich einmal den norwegischen Nationalfeiertag rettete


Tagesaktuell ein Reblog von 2013…

Brevlåda

Hätte mich vor zwei Jahren, wenige Monate vor unserem Umzug nach Schweden bei der Europa-Arbeitsberatung jemand gefragt, wo ich mich in zwei Jahren sehe, hätte ich wohl eine Sache niemals geantwortet: Ich marschiere in Uniform einer Fahne hinterher und spiele eine Nationalhymne. Doch manchmal geht das Leben eben krumme Wege und dann marschiert man eben auch mal hinterher. Dem Leben. Oder auch einer Flagge.


Die Vorgeschichte

Aber von vorne. Meine Musikschule verfügt über ein gut gebuchtes sinfonisches Blasorchester, das bei Bedarf auch paradiert. Als Klavierlehrer hatte ich bisher mit dem Orchester nur marginal zu tun, aber mein Kollege, der das Orchester leitet, hat mich im Hinblick auf die bevorstehende Deutschlandreise des Orchesters überredet mitzuspielen. Eingeweihte wissen vielleicht, dass ich vor vielen Jahren mal Klarinette gespielt habe, aber leider leidet unser Orchester nicht an Klarinettenmangel, im Gegenteil. Wie also einen Pianisten sinnvoll in ein Blasorchester integrieren? Als Fahnenträger? Notenständer? Nein. Mein…

Ursprünglichen Post anzeigen 809 weitere Wörter

Happy birthday, Brevlåda!


Heute genau vor fünf Jahren (es ist schon spät abends, daher: vor fünf Jahren und einem Tag) haben wir diesen kleinen Blog gestartet. Damals wohnten wir noch in Karlsruhe und steckten mitten in den Vorbereitungen für unseren Umzug nach Schweden und dachten, dass es vielleicht ganz nett sein könnte, unsere Erfahrungen und Erlebnisse in dieser Form festzuhalten – auch, um mit unseren Freunden in Deutschland in unaufdringlichem Kontakt zu bleiben. Viel ist seither passiert, und da war es langsam an der Zeit für ein neues Layout. Es wird die nächsten Tage sicherlich noch die eine oder andere Kleinigkeit im Layout passieren, aber falls ihr irgendetwas vermisst oder etwas gar nicht funktioniert, freuen wir uns über einen Hinweis in den Kommentaren.

Das Badezimmer. Ein Drama in 3 Akten.


Ich stelle mir gerne vor, wie Mitte der 60er Jahre ein frisch vermähltes Paar durch die Badezimmerkataloge blätterte und die Badezimmereinrichtung für seinen Neubau auswählte. Wir sind in Schweden und man gibt sich modern und gleichberechtigt.

1. Akt:

Er: „Schatz, wollen wir lieber eine Dusche oder ein Bidet? Für beides zusammen ist kein Platz.“

Sie: „Was wollen wir denn mit einer Dusche? Wir baden doch jeden Samstag! Ein Bidet ist viel wichtiger, außerdem hat deine Schwester jetzt auch ein Bidet. Eine Dusche braucht doch kein Mensch. Wenn ich Regen will, gehe ich raus – wozu wohnen wir denn in Borås, Schwedens regenreichster Stadt?!“

Er: „Dachte ich mir schon, mit einem Bidet kann man sich ja dann auch unter der Woche mal schnell die Füße waschen, dann ist das nicht so eine Wasserverschwendung wie beim Baden. Und es sind ja eh nur 5 Minuten von unserem neuen Haus bis zum Badplatz, da können wir im Sommer richtig viel Geld sparen… Was findest du besser: die Badewanne längs oder quer einbauen?“

Sie: „Längs, unters Fenster. Dann kann man beim Baden rausgucken.“

Er: „Stimmt, das ist gut. Der Wasserdampf macht den Holzfensterrahmen auch bestimmt nichts aus, da kommt ja so moderne wasserabweisende Farbe drauf. ‚Hält ewig‘ schreiben die hier im Katalog. Außer beim Duschen, da würden die Fensterrahmen zuviel Wasser abbekommen. Aber wir baden ja nur. Und das bisschen Kondenswasser kann dann ja an den Wänden runterlaufen, schließlich ist rund um die Badewanne ein zwei Zentimeter breiter Spalt, das ist genug zum Ablaufen, aber klein genug, dass man nicht dahinter kommt zum Putzen. Dann hast du schon weniger Arbeit.“ Sieht seine Frau liebevoll an.

Sie: „Aber man muss doch unter der Wanne putzen können!“

Er: „Ja, kann man ja auch. Unter der Wanne ist ein Spalt von 7 cm, das reicht doch für deine kleinen Hände.“

Sie guckt skeptisch.

Er: „Und zur Not lassen wir das die Katze machen, die passt auf jeden Fall unter die Wanne und kann dort die Staubmäuse fangen.“ Lacht über seinen eigenen Witz.

2. Akt:

Er: „Du brauchst doch morgens immer so lange im Bad… Was hältst du davon, wenn wir eine Extrawand zwischen Toilette und Badezimmer einziehen, dann kann man Badezimmer und Toilette gleichzeitig benutzen.“

Sie: „Aber wir haben doch noch die Gästetoilette.“

Er: „Ja, aber… das ist so weit weg vom Schlafzimmer.“

Sie: „Aber das Bad ist doch nur 5 m2 groß; meinst du nicht, dass eine extra Trennwand das Ganze ein bisschen sehr eng macht?“

Er: „Nein, glaub mir, das ist eine echt knorke Idee!“

Sie: „Aber dann sitzt man doch völlig im Dunkeln!“

Er: „Kein Problem, dann machen wir halt noch ne extra Lampe rein. So eine hübsche, die so gemütliches gelbliches Licht macht, du weißt schon, so wie bei meiner Schwester…“

Sie: „Also ich weiß nicht… da bei der Toilette sind doch auch schon die beiden riesen Einbauschränke, das wird glaub ich wirklich sehr eng.“

Er: „Man könnte die Wand zu einer tragenden Wand machen, wenn dann die Russen kommen und ganz Schweden bombardieren, dann bleibt auf jeden Fall unser Badezimmer ganz.“

Sie: „Hm, das klingt natürlich vernünftig. Aber trotzdem, wird das nicht sehr eng und dunkel…? “

Er: „Also gut, wie wäre es mit einem Kompromiss: wir ziehen die extra Wand zwischen Toilette und Badezimmer ein und überlegen uns dann später, ob wir da eine Tür einsetzen oder ob wir die Tür weglassen.“

Sie: „Na gut, aber die Lampe mit dem gelblichen Licht will ich in jedem Fall!“

3. Akt

Sie: „Liebling, wir haben noch gar nicht über die Wände und den Boden gesprochen. Da gibt es jetzt dieses ganz moderne Zeug, plastmatta heißt das, das ist viel besser als diese ollen Kacheln. Das dichtet ganz toll ab und man kann es ganz einfach verlegen, wie Teppichboden. Und hält ewig, schreiben die hier. Gibts auch für die Wände.“

Er: „Das klingt gut. Wenn das ewig hält, dann sollten wir aber auch was nehmen, was wirklich zeitlos modern ist. Gibt es diese schicke Plastikmatte nicht sogar in verschiedenen Farben?“

Er nimmt den Katalog, blättert zu den Farbkarten und studiert die daumennagelgroßen Farbproben.

„Die Bodenplastikmatte gibt es in vier Farben: senfgelb, moosgrün, kotzbeige und kackbraun.“

Sie: „Und die Wände?“

Er: „Das sind so Plastikpanele, 2×1 m, die werden dann mit andersfarbigen Plastikleisten zusammengesteckt. Blättert. Gibts in matschschneeweiß, kotzbeige, schlachthofrosa und seekrankgrün. Optional auch mit eingearbeiteten Zahnpastaspritzern.“

Sie: „Moosgrüne Plastikmatte am Boden find ich schick, das ist modern, aber trotzdem noch so naturnah. Und an den Wänden was helles…“

Er: „Auf keinen Fall weiß, das hatten meine Eltern, das sah furchtbar aus. So steril. Wie wärs mit schlachthofrosa? Das hat sowas deftiges.“

Sie sieht unentschlossen aus. „Meinst du nicht, das beißt sich? Was hältst du denn von kotzbeige? Beige ist jetzt supermodern!“

Er: „Nein, beige ist doch keine Farbe, beige wirds von allein.“

Sie: „Dann doch dieses Matschweiß, das sieht dann trotzdem ganz anders aus als bei deinen Eltern, schon allein durch dieses moderne Plastik und die eingearbeiteten Zahnpastaspritzer. Das wird dufte, glaub mir!“

Er: „Stimmt, dann brauchen wir nur noch die Plastikleisten für die Panele. Gibts in nachtschwarz und reinweiß.“

Sie: „Schwarz ist jetzt total in, das gibt so eine schöne Struktur.“

Er: „Nee, das sieht doch aus wie Gitterstäbe, ich will mir doch nicht im Gefängnis die Zähne putzen. Neinnein, wir nehmen die reinweißen Leisten, das fällt auch bestimmt gar nicht auf zwischen den schneematschweißen Panelen.“

Sie: „Ok, Liebling, da hast du bestimmt recht! Zu sich selbst: Und beige wirds dann ja von ganz allein…“

Vorhang.

________

Nachspiel:

IMGP988550 Jahre später:

Badezimmer und Haus haben den Kalten Krieg nicht zuletzt dank der zusätzlichen tragenden Trennwand im Bad überstanden, das Badezimmer ist nahezu unverändert, das Bidet unbenutzt und quasi wie neu. Wie der Katalog versprochen hatte, hält die Plastikmatte ewig und die Hoffnung auf beige Wände hat sich mehr als erfüllt, auch dank der gelben Lampen. Die eingearbeiteten Zahnpastaspritzer verbergen notdürftig, dass die Plastikpanele nicht sauber zu kriegen sind. Unter der Badewanne ist putzen quasi unmöglich, die neuen Besitzer nehmen dazu die Katze.

Das (fast noch) frisch vermählte Paar, das das Haus gerade gekauft hat, wälzt Onlinekataloge mit Badezimmermöbeln, kämpft sich durch Badezimmerausstellungen und Fliesenstudios. Die Geschichte wiederholt sich…

 

18. Dezember 2015 – Schwedische Weihnachtstraditionen


Die äußere Sicht auf die eigenen Weihnachtstraditionen hatten wir ja schon, aber was passiert eigentlich, wenn man dann wirklich Weihanchten in einem anderen Land feiern soll/darf/muss… ? Der Schauspieler Will Ferrell ist mit der schwedischen Schauspielerin Viveca Paulin verheiratet und hat wahrscheinlich schon so manchen 24. Dezember in Schweden verbracht. Dabei hat er den Kern des hiesigen Weihnachtsfests durchaus verstanden (Schnapslieder singen und Aquavit trinken), andere Traditionen sind ihm aber offenbar noch nicht so vertraut. Wobei die den Fragen zugrunde liegende Recherche wirklich nicht die beste war: Nein, Schweden stellen keine Kerzen in die Fenster sondern ljusstakar, denn Kerzen könnten ja brennen; ja, in Schweden findet die Bescherung wie in Deutschland am Heiligabend statt; nein, in Lauge gewässerter Stockfisch ist nicht das typsiche Weihnachtsessen, das ist eine norwegische Tradition, Schweden halten sich lieber an Gegrillten Schinken und Janssons (auch wenn im Supermarkt im Moment durchaus einige wenige Pakete lutfisk rumliegen); nein, Gänseblutsuppe (svartsoppa) gehört nicht zu Weihnachten, sondern zu Sankt Martin und ist die logische Vorspeise zu einem Gänsebraten.

14. Dezember 2015 – Behave like a Swede


Seit wir in Schweden leben, passen wir uns immer mehr den lokalen Bräuchen an. Irgendwann fing es ganz harmlos an, zum Beispiel damit, dass wir statt eines Butterbrotes eine matlåda mit Resten vom Essen vom Vortag mit zur Arbeit nahmen. Oder dass wir nie Bargeld dabei hatten und deshalb auch jeden Kaffee oder Schokoriegel mit Karte zahlen mussten. Neulich sind wir wieder einen Schritt weiter gegangen: Seit neuestem habe ich eine Kundenkarte von unserem lokalen Supermarkt. Nicht etwa, um Rabatte zu kassieren – die sind nämlich eher lächerlich –, sondern um die Waren selber zu scannen und so die Kassenschlange zu umgehen. Dafür ziehe ich vorm Einkauf meine Karte durch ein Terminal, welches dann einen Scanner freigibt, den ich mit durch den Supermarkt nehme. Damit scanne ich dann alle Waren, die ich haben will und am Ende muss ich nur wieder den Scanner zurückbringen, bezahlen und kann dann mit fertig gepackten Einkaufstaschen einfach gehen.

wp-1450025548407.jpg

Wem dieser Schritt jetzt zu radikal ist, aber trotzdem den Schweden in sich entdecken will, der kann es auch zunächst mit diesen einfachen, zehn ersten Schritten versuchen:

Dezembernachmittag


Noch gut eine Woche bis zum kürzesten Tag des Jahres und bis jetzt hat uns der Winter weitgehend in Ruhe gelassen, wenn man von zwei heftigen Stürmen und Unmengen an Regen mal absieht. Unsere Standardroute zum Vogelturm ist ordentlich überschwemmt und wären die Pfeiler, auf denen der Bohlenweg steht, nicht gut anderhalb Meter hoch, wäre der Turm gerade unerreichbar. Wir waren zwischen zwei und drei heute nachmittag draußen, länger darf man auch gerade nicht mehr warten, wenn man ein paar Sonnenstrahlen erwischen möchte.

2. Dezember 2015 – Christmas [Surviving Germany]


Wie feiert man in anderen Ländern Weihnachten? Schon innerhalb eines Landes können die Traditionen erheblich variieren und obwohl eigentlich das gleiche Ereignis gefeiert wird, sieht das Fest von Land zu Land sehr unterschiedlich aus. Umso spannender, einmal einen Blick von außen zu bekommen, von jemandem, der nicht mit den gleichen Bräuchen aufgewachsen ist.

Wir finden zum Beispiel das obligatorische julbord, das traditionelle schwedische Weihnachtsessen bestehend aus einem Buffet mit eingelegtem Hering, Schinken und köttbullar etwas… sagen wir… überbewertet. Zumal das Ganze mit nur leichten Abwandlungen auch an Ostern (mit bunten Eiern) und Midsommar (mit frischen Erdbeeren) serviert wird. Aber es geht hier immerhin um Traditionen, und deshalb reagierte Annikas Lieblingskollege auch ziemlich empört als Annika Janssons frestelse einmal respektlos als Kartoffelauflauf mit Fisch bezeichnete, es ging hier immerhin um Janssons!, den heiligen… äääh… Kartoffelauflauf mit Anchovis, den die Schweden als Pflichtprogramm jedes Weihnachtsbuffets vergöttern. Dafür können die Schweden unsere Begeisterung für Lebkuchen mit Oblaten nicht ganz nachvollziehen…

Auch anderen kulinarischen Genüsse können wir nicht den gleichen Enthusiasmus entgegenbringen wie unsere schwedischen Freunde, zum Beispiel julmust, eine Art zu Limonade verdünntem Malzbier, das den Verkauf von Coca Cola in Schweden jedes Jahr im Dezember um die Hälfte einbrechen lässt, pepparkakor als einzige Form von Weihnachtsplätzchen oder die Angewohnheit, Rosinen und Mandeln in den völlig überzuckerten Glühwein (glögg) zu geben.

Und wie sieht nun deutsches Weihnachten von außen betrachtet aus? Fragen wir doch einmal einen Engländer, der schon eine ganze Zeit in Deutschland lebt:

Wie geht’s?


Gestern war ich zusammen mit dem Lieblingskollegen auf einer Fortbildung, eine gute Autostunde von hier entfernt. Auf der Fahrt entwickelte sich unser Gespräch (wie so oft mit jenem Kollegen) in Richtung „Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Schweden“.

Nun sind wir uns einig, dass wir beide vermutlich keine standardtypischen Vertreter unserer jeweiligen Nationen sind (und auch nicht sein wollen) und sich viele unserer Beobachtungen und eigenen Verhaltensmustern nicht auf „typisch deutsch“ bzw. „typisch schwedisch“ herunterbrechen lassen.

Gleichzeitig wohnen Jonas und ich jetzt seit über vier Jahren in Schweden und oft werde ich inzwischen selbst unsicher, wie man bestimmte Situationen in Deutschland hantieren würde und ob meine Erfahrungen, die ich zuletzt im großstädtischen Studenten-und-junge-Akademiker-Milieu gemacht habe, so repräsentativ für „die deutsche Mentalität“ (was auch immer das sein mag) sind.

Gestern landeten der Kollege und ich also bei der Frage, was man bei einer Begrüßung nach dem ersten „Hallo“ oder „Guten Morgen“ sagt und, vor allem, wie man darauf antwortet. Ich erlebe eine schwedische Begrüßung immer als sehr floskelhaft und ritualisiert. Wenn zum Beispiel Person A morgens in den Personalraum kommt und dort sitzt Person B, trinkt Kaffee und blättert gelangweilt in einer Zeitschrift…

[Thema]
A: Hej!
B: Hej!
A: Hur är läget? (Wörtl: Wie ist die Lage?)
B: Bara bra, tack! Själv då? (Wörtl.: Nur gut, danke. Und selbst?)
A: Bra, tack. (Gut, danke.)

An diesem Punkt ist die Konversation entweder beendet, weil A sich ebenfalls mit einem Kaffee und einer Zeitschrift hinsetzt und dann jeder schweigend seinen eigenen Gedanken nachhängt oder einer der beiden führt das Gespräch mit einem belanglosen Thema fort. Mit 98%iger Wahrscheinlichkeit würde es sich dann um die aktuelle Großwetterlage drehen.

Was ich mich jetzt frage: Wie würde sich die gleiche Situation in Deutschland abspielen? A betritt den Raum…

[Variation 1]
A: Hallo!
B: Hallo!
A: Wie geht’s?
B: Gut und selbst?
A: Auch gut, danke.

Hand aufs Herz: Wie oft habt ihr in den letzten 30 Tagen tatsächlich ein solches Gespräch geführt? Und wie oft lief es eher folgendermaßen:

[Variation 2]
A: Hallo!
B: Hallo!
A: Wie geht’s?
B: Och, ich hab ein bisschen Kopfschmerzen und es ist gerade recht viel zu tun. Und heute morgen ist die Spülmaschine kaputt gegangen. Aber sonst ganz gut. Und selbst?
A: So lala… Meine Tochter hat seit gestern Fieber und ausgerechnet heute musste ich morgens das Auto in die Werkstatt bringen, und dann war der Bus auch noch so voll. Und gefrühstückt hab ich auch noch nicht. Aber ansonsten läuft alles.

Dieser Gesprächsverlauf setzt zwei halbwegs kommunikationsfreudige Individuen voraus. Natürlich gibt es auch maulfaule Zeitgenossen:

[Variation 3]
A: Hallo!
B: Hallo!
A: Wie geht’s? (Oder noch kürzer: Und?)
B: Danke. Selbst? (Lies: „Das geht dich gar nichts an.“/ „Ich habe jetzt keine Lust zu reden.“)
A: Auch. (Lies: „Ich habe verstanden, dass du gerade nicht kommunizieren möchtest und respektiere das.“)

Jonas und ich waren uns einig, dass es unter anderem davon abhängt, wie gut man den Gesprächspartner kennt und wie oft man sich trifft, ob das Gespräch eher wie Variation 2 oder eher wie Variation 3 abläuft. Variation 2 spielt sich eher auf der Inhaltsebene ab, Variation 3 eher auf der Beziehungsebene, man ist ein kooperativer Gesprächspartner und passt sich dem Kommunikationsstil des Gegenübers an.

Einig waren wir uns in unserem kleinen Exil-Mikrokosmos aber auch, dass man die Frage „Wie geht’s?“ eigentlich gar nicht unbedingt stellt, wenn man nicht an einer ehrlichen und unter Umständen auch ausführlichen Antwort interessiert ist. Oder?

Zu unterscheiden, ob es sich bei der Frage „Wie geht’s?“ um eine Begrüßungsformel handelt [Variation 3], die ebenso formelhaft weitergeführt wird oder um aufrichtiges Interesse an der Befindlichkeit des Gesprächspartners [Variation 2], dazu gehört schon in vertrauter Umgebung und in der Muttersprache ein gewisses Fingerspitzengefühl.

Eröffnet man ein Gespräch mit einem interesseinduzierten „wie gehts?“ und erhält als Antwort ein knappes „Danke“, dann kann man sich durchaus mal vor den Kopf gestoßen fühlen. Andersherum will man auch nicht immer gleich mit dem gesamten Weltschmerz des Gesprächspartners konfrontiert werden, nur weil man ein flüchtiges „wie geht’s?“ ausgespuckt hat.

Und so vertraut wir inzwischen mit schwedisch als Zweitsprache sind, an solchen Situationen merkt man selbst dann eben doch den Unterschied zur Muttersprache. Gefährlich, denn meistens merken uns die Leute den ausländischen Akzent frühestens nach einigen Sätzen an. Dadurch besteht die Gefahr, wie ein ungehobelter Trampel zu wirken, wenn man die feinen Nuancen der Alltagskommunikation nicht versteht.

Die phrasenhafte Begrüßung, das beherrschen auch schon Kinder. Für gewöhnlich frage ich jeden Schüler zu Beginn einer Unterrichtsstunde, wie „die Lage ist“. Und ich kommuniziere da definitiv auf der Inhaltsebene, denn ich möchte wirklich gerne erfahren, ob der Schüler gerade einen anstrengenden Tag hinter sich hat, ob er die letzten fünf Tage mit Grippe im Bett gelegen hat, oder ob der Hamster gestorben ist, damit ich meine Unterrichtsstunde dementsprechend anpassen kann. Aber meine Schüler beantworten meine Frage zu 99% auf der Beziehungsebene mit „bra, tack“, auch wenn sich dann im Laufe der Stunde herausstellt, dass man sich am Wochenende das Handgelenk verstaucht hat, die Eltern sich gerade scheiden lassen und die letzte Mathearbeit voll in die Hose gegangen ist.

Wenn vom Schüler die Gegenfrage „und selbst?“ kommt, bin ich manchmal versucht, eine Antwort auf der Inhaltsebene zu geben – natürlich auf einem Niveau, das den Schüler nicht überfordert („gut, aber die Heizung in meinem Unterrichtsraum ist heute kaputt, ich friere schon den ganzen Tag“) – einfach um zu signalisieren, dass er mir gegenüber durchaus offen antworten darf. Andererseits frage ich mich, ob das für den Schüler nicht ganz unbehaglich ist, wenn ich aus der ritualisierten Begrüßung ausbreche und ihn mit TMI, too much information konfrontiere. Oder ob das am Ende nicht ganz furchtbar typisch deutsch ist, immer etwas zu meckern zu haben: „Ganz gut, aber…“

Der Lieblingskollege bestand übrigens am Ende unserer metakommunikativen Autofahrt darauf, dass er definitiv eine ehrliche Antwort möchte, wenn er mich morgens fragt, wie’s mir geht. Und ich glaube, das war keine Floskel.


Wie ist das jetzt mit dem „Wie gehts?“ in Deutschland? Je länger ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich, wie man da in Deutschland kommuniziert. Und ihr, die ihr in Schweden oder auch anderswo im Ausland lebt oder gelebt habt, wie empfindet ihr das? Ich freue mich auf Kommentare!

Regimentsmarsch


Dritter Oktober. Der Morgennebel hat sich schon fast aufgelöst, als wir in der Ferne die ersten Töne der Militärblaskapelle hören. Als wir näherkommen, sehen wir auf der großen Wiese Männer und Frauen in Tarnfleckuniform mit großen Marschrucksäcken und einige Einsatzhunde. Dahinter nimmt die berittene Truppe in historischen Uniformen Aufstellung, daneben das Jugendbataillon, ebenfalls in Tarnfleck. Der Oberstleutnant steht alleine in der Mitte der Wiese und brüllt Befehle. Die Fahnenträger hinter ihm starren regungslos geradeaus.

IMGP8762
Schwarz-gelb, die Farben des Älvsborg-Regimentes

Beim nächsten Marsch paradieren die Fahnenträger um das Denkmal und machen sich dann zum Abmarsch bereit. Oberstleutnant, berittene Truppe und die Tarnfleckuniformierten nehmen ebenfalls Aufstellung an…

IMGP8768
Links der Gedenkstein anlässlich der Niederlegung der hiesigen Garnison.

Nein, wir haben am Samstag nicht den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Vor 101 Jahren wurde der Regimentsstandort in unserem Ort aufgelöst und 20 km weiter südlich nach Borås versetzt. Einige betrauern das offenbar noch heute und daher findet einmal jährlich ein Gedenkmarsch statt, der von der Hemvärnet organisiert wird.

Hemvärnet, das ist etwas, wofür ich keinen deutschen Begriff habe, was entweder an mangelnden Sprachkenntnissen liegen mag oder an meinem grundsätzlichen Desinteresse für militärische Organisationen. Aber mein Lieblingskollege U., selbst ein ehemaliger Militärmusiker, hat am Wochenende einiges an Aufklärungsarbeit und Heimatkundeunterricht geleistet. Die Hemvärnet ist eine militärische Freiwilligenorganisation, die der schwedischen Armee unterstellt ist und im Besatzungsfall wichtige zivile Einrichtungen verteidigen soll, aber auch bei Naturkatastrophen eingesetzt wird (in dem Punkt ähnelt es dem deutschen THW). Jeder Hemvärnssoldat verwahrt seine militärische Ausrüstung zuhause, manche Bataillone haben sogar ihre Waffen in privater Aufbewahrung.

Hätte U. uns nicht auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht, wir hätten uns nie dafür interessiert, geschweige denn daran teilgenommen. Zuviel Militär, zuviel (Lokal)Patriotismus und zuviele alte Männer, die Krieg spielen, so meine Vorurteile. Ich, die ich in einem Pazifistenhaushalt aufgewachsen bin, bekomme irgendwie immer sofort gewisse Assoziationen, wenn ich Militärparaden sehe und nicht gerade ein Verteidigungsminister verabschiedet wird. Aber man hat mir versichert, dass die Hemvärnet kein Sammelbecken für Menschen mit brauner Gesinnung sei, im Gegenteil.

Vom Morgenappell mal abgesehen, war es dann aber ein weitgehend ziviler Tag – und ein sehr schöner noch dazu. Die 20 km lange Wanderung – neben den Uniformierten nahmen auch noch 50-60 Zivilisten an dem Marsch teil, darunter eben auch U., seine Frau I., Jonas und ich – führte über lange Strecken durch bunte Herbstwälder an unserem „Haussee“ entlang, bei schönem Sonnenschein und angenehmen 15 Grad. Entlang der Strecke gab es dann noch zwei Verpflegungsstationen mit Zuckerwasser und Zuckerbrötchen. (Unangepasst und deutsch wie wir sind, hatten wir auch unser eigenes Picknick dabei, worüber ich angesichts des labberigen Zuckerwassers ganz froh war.)

IMGP8771
Die meiste Zeit führte der Weg durch den Wald, auf angenehmen Wanderwegen, nur das letzte Stück war asphaltiert.

Als wir nach vier Stunden am Ziel ankamen, erwartete uns an der Kaserne stilecht eine Gulaschkanone mit deftigem Mittagessen. Und – typisch schwedisch – jeder Teilnehmer, der die volle Strecke gegangen war, erhielt eine Goldmedaille (oder welches Metall das nun sein mag). Hurra, hurra.

IMGP8826
Jeder Teilnehmer, der die 20 km gewandert ist, hat „etwas geleistet“ und sich eine Medaille mit dem Wappen des Älvsborgsregimentes verdient.

Die alte Garnison bei uns im Ort beherbergt übrigens heute die Volkshochschule und einen unserer schönsten Konzertsäle im Jugendstil mit ordentlichem Flügel. Insofern bin ich persönlich gar nicht so unglücklich, dass wir kein Regiment mehr am Ort haben…