Archiv der Kategorie: Flytta och anlända

Kein Witz.


Das Diensttelefon der Kollegin klingelt.

„Hallo, hier ist Eva-Lotta, die Mutter von Linus. Linus hat ja morgen seine erste Cellostunde nachmittags um halb fünf, ich wollte nur kurz nachfragen, wann da das Taxi kommt und ihn abholt.“

Das. Ist. Kein. Witz.

So absurd es klingen mag, die Nachfrage hat einen berechtigten Hintergrund: In Schweden sind die Schulbusse gratis und jedes Kind hat ein Anrecht darauf, nicht weiter als ein paar hundert Meter zur Schule bzw. zur Bushaltestelle zu laufen. Wohnt man aber einsam im tiefen Wald, wo ein Bus nicht hinkommt und sich auch gar nicht lohnen würde, dann kommt anstelle des Busses eben morgens ein Taxi und holt das Kind ab und bringt es nach der Schule auch wieder nach Hause.

Nicht allen Eltern ist jedoch bewusst, dass Instrumentalunterricht nicht von der Schulbehörde vorgeschrieben ist, und sie daher auch kein Anrecht auf einen kostenlosen Taxichauffeur zum (freiwilligen) Cellounterricht haben.

Auch nach inzwischen vier Jahren in Schweden finde ich solche Anfragen im ersten Moment immer noch befremdlich – dieses selbstverständliche Vertrauen in den allumsorgenden Vater Staat… schon krass.

(Nicht, dass ich nicht auch schonmal Schüler nach der letzten Stunde abends nach Hause gefahren hätte, aber das nur, weil das Kind meinetwegen den letzten Bus verpasst hat.)

Tschaikowski


Seit gut einer Woche sind wir aus unserem Sommerurlaub zurück und fast ebensolange wohnt jetzt auch Tschaikowski bei uns. Die ersten Tage hat er eigentlich nur auf meinem Schoß gelegen und gepennt, aber inzwischen ist er sehr munter und entdeckungsfreudig. Kratzbaum, Bücherregale, Klavier… kein Ort ist vor ihm sicher, auch wenn wir streng versuchen, ihn vom Esstisch fern zu halten. (Mit welchem Erfolg, das sehen wir dann morgens, wenn wir die Esssets vom Boden aufsammeln…)

Stubenrein war er vom ersten Tag, obwohl es in dem Pferdestall, in dem er seine ersten 15 Wochen verbracht hat, kein Katzenklo gab. Den ersten Besuch beim Tierarzt mit Impfung und „chippen“ hat er gut verkraftet – auch Katzen kriegen in Schweden eine Personennummer und die kann man jetzt mit einem Scanner an der Supermarktkasse auslesen. Naja, jedenfalls fast.

Hier ein paar Impressionen aus der ersten Woche:

 

Einmal Oslo und zurück in 16 Stunden


Nachdem wir am Dienstag und am Mittwoch noch schnell alle unsere Schulabschlussfeiern durchgezockt hatten, machten der Kollege und ich uns mit zwei aufgeregten Teenagern auf der Rückbank auf den Weg nach Oslo. Geheimtipp: Wer mal ein ganzes schwedisches Möbelhaus zum Kaffetrinken für sich allein haben will, dem empfehle ich den letzten Schultag vor den Sommerferien bei strahlendem Sonnenschein.

Nachdem wir uns einmal quer durch den Osloer Feierabendverkehr und gefühlte 500 Baustellen gekämpft und seinen Sohn und dessen Freund vor der Telenor-Arena mit den Foo Fighters abgesetzt hatten, machten wir uns direkt auf den Weg zum Holmenkollen, der großen Skisprungschanze etwas außerhalb von Oslo. Vom Stadtzentrum fährt eine Tunnelbane direkt zum Holmenkollen, wobei die U-Bahn genau drei Stationen lang unterirdisch fuhr und sich dann in eine Bergbahn verwandelte, die sich durchaus mit Schweizer Alpenpanoramen messen kann. Nur mit Meerblick.

Wäre ich allein gewesen, hätte ich vermutlich die ganze Fahrt durch fotografiert, aber man will ja nicht asozial sein…

Kurz bevor die Skisprungschanze zumachte, kamen wir dort an und durften noch zehn Minuten die Aussicht vom höchsten Punkt der Schanze Oslos genießen:

(Zum Vergrößern aufs Bild klicken.)

Erfreulicherweise war es aber nur der eigentliche Sprungturm, der um acht Uhr schloss, die restliche Anlage war weiterhin zugänglich. Der Landebereich unterhalb des Schanzentisches war nämlich mindestens ebenso beeindruckend, ebenso wie die Unmenge an Biathleten auf Rollskiern und Mountainbikern, die sich in den Sportanlagen rund um den Turm tummelten:

Nach der langen Fahrt war uns nach etwas Bewegung und so gingen wir drei Haltestellen weit den Berg hinab durch Osloer Edelwohngebiete. Keine Bilder hiervon, ich war ja nicht allein. Aber natürlich spekulierten wir, welchen Beruf man haben muss, um sich in dieser Lage eine Villa leisten zu können… Schmieriger Politiker? Hart arbeitender Zuhälter? Erfolgreicher Skispringer? Der Kollege befand jedenfalls nur lakonisch, dass schwedische Gärten besser gepflegt seien…

Wieder in der Innenstadt angekommen, kamen wir genau rechtzeitig, um den Sonnenuntergang vom Dach des Opernhauses zu erleben, das wie ein Eisberg aus weißem Marmor direkt am Fjord liegt. Gegen viertel nach zehn verschwand die Sonne hinter dem Holmenkollen, aber dunkel würde es in dieser Nacht ohnehin nicht mehr werden.

 

Auf Karl Johan, der Paradestraße zum Schloss, tummelten sich zur fortgeschrittenen Stunde die Menschenmassen in Straßencafés, Straßenkünstler unterhielten an jeder Ecke und es hätte genauso gut vier Uhr nachmittags statt elf Uhr abends sein können. (Ich glaube, ich habe mich inzwischen sehr an unser Kleinstadtleben gewöhnt, denn wenn ich mal kurz nachdenke, war es an lauen Sommerabenden in Karlsruhe nicht anders… oder doch – dunkel.)

Gegen Mitternacht holten wir dann die Jungs von der Telenor-Arena ab und während es auf der Rückbank leise zu schnarchen begann, noch bevor wir Oslo verlassen hatten, hielten wir uns gegenseitig am Steuer wach. Ab zwei Uhr wurde es wieder richtig hell und als wir gegen halb fünf morgens wieder an unserer Schule vorbeifuhren, wäre ich beinahe routinemäßig auf den Schulparkplatz gefahren, gefühlt war es mitten am Tag.

Mit Blick auf unsere Orchesterreise nach Süddeutschland, die wir am morgigen Freitag antreten, haben wir uns dann doch noch für ein paar Stunden Schlaf entschieden.

Tack U. för den härliga resan!

Sköna maj, välkommen! oder: Dienstkleidung, die Zweite


Am 30. April feiert man in Schweden valborgsmässoafton. Als uns das Wort vor vier Jahren das erste Mal im Schwedischkurs in Karlsruhe begegnete, haben wir uns beinahe die Zunge gebrochen: Wahl-borjschs-mässou-afton im hiesigen Dialekt (Västgötska), Walpurgisnacht. Inzwischen ist valborg – kein Mensch hier sagt valborgsmässoafton – ein fester Bestandteil unseres (Berufs-)Lebens.

Der Tarifvertrag, den die Lehrergewerkschaft für uns ausgehandelt hat, sieht eigentlich vor, dass an Vortagen von Feiertagen wie z.B. dem 1. Mai, nur bis 16.00 Uhr gearbeitet wird, danach gilt bereits der Feiertagsaufschlag, den kein Arbeitgeber gerne zahlen möchte. Für uns an der Musikschule ist Valborg hingegen ebenso wie Advent, Weihnachten, Schuljahresabschluss und Mittsommer eine besonders arbeitsintensive Zeit.

Bereits vor zwei Monaten trudelten die ersten Anfragen von Kirchen und Heimatvereinen bei uns ein, welche Orchester, Chöre und und Ensembles wir in den verschiedenen umliegenden Orten zu den jeweiligen Walpurgisfeierlichkeiten schicken könnten. Oft beginnt der Abend mit einem Gottesdienst, danach wird vor der Kirche oder einem Festplatz ein großes Feuer entfacht, Reden geschwungen, gesungen und musiziert und sich bei Kaffee und labberiger Grillwurst den Allerwertesten abgefroren. (Den Maibaum spart man sich hier, der kommt erst an Mittsommer zum Einsatz.) Im weiteren Verlauf des Abends beginnt es traditionsgemäß zu regnen oder zu schneien und die Feier wird ins Private verlegt.

Ich hätte diesen Abend locker an drei Stellen gleichzeitig arbeiten können, aber da meine Fähigkeit zur Bi- bzw. Trilokation nach wie vor unterentwickelt ist, habe ich einen Musikgottesdienst an drei konzerterfahrene, selbstständige Siebtklässler übertragen, das Mittelstufenorchester zwei Kollegen überlassen und bin selbst mit dem großen Orchester um die Häuser gezogen. Und letzteres meine ich sehr wörtlich.

Nach der Aufstellung vor der Kirche hieß es Orkester: marsch! und der Lieblingskollege, der früher im Paradeorchester der königlichen Garde gedient hat, wedelte munter mit seinem Tambourmajorsstab.

Wegen des Filmmusikkonzerts am letzten Wochenende hatten wir bisher erst eine einzige Marschprobe und die Wechsel zwischen fünf- und dreireihiger Marschformation müssen wir noch ein bisschen üben, ebenso das Kurvenlaufen und die 180°-Wende, bevor wir in zwei Wochen mit dem Orchester wieder zum norwegischen Nationalfeiertag fahren.

Nach fünf Minuten Marsch, vorbei an Zahnarztpraxis, Supermarkt und Thaimassage kamen wir am Bahnhof mit nebenliegendem Festplatz an, wo wir die Marschformation auflösten und Konzertaufstellung einnahmen. Ich war froh, mein Geschirr mit Glockenspiel in die Ecke stellen zu können, das Ding ist nicht ganz leicht. Stattdessen übernahm ich von Jonas die Kamera und Jonas mischte sich als Bassist unter unser Orchester. Treue Leser wissen sicherlich, dass Jonas nicht mein Kollege im engeren Sinne ist, sondern für die Konkurrenz in der großen Stadt arbeitet. Deswegen musste er sich natürlich als „einer von uns“ verkleiden, damit er nicht sofort als Gastmusiker erkannt wurde. Hat natürlich den ganzen Abend für Heiterkeit im Freundeskreis gesorgt: „Jonas, duck dich, da kommt dein Chef!“

Als sich gegen neun das Thermometer dann langsam der 0°-Grenze näherte, verlagerte sich die Gesellschaft ins Gemeindehaus, wo die Bigband Himlaväsen den Abend lang spielte.

Mein Kollege und ich hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen zwölfstündigen Arbeitstag in den Knochen und eigentlich stand keinem von uns mehr so richtig der Sinn nach Musik, aber heimgehen wollte auch noch keiner. Hätten wir im Ort eine gemütliche Kneipe, wären wir wohl dorthin gegangen, aber in Ermangelung einer solchen (Pizzeria/Thai/Sushi wollten wir nicht), setzten wir uns in ein Nebenzimmer des Gemeindehauses und ließen den Abend in mittelgroßer Runde mit ein paar Schülereltern und Himlaväsen als Hintergrundbeschallung gemütlich ausklingen.

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Auf dem Heimweg beglückwünschten Jonas und ich uns nicht zum ersten Mal dazu, wie gut wir es hier getroffen haben und dass wir so wunderbare Freunde gefunden haben. Vor vier Jahren haben wir uns im Sprachkurs in Karlsruhe noch die Zunge verrenkt bei valborgsmässoafton.

Aufm Dorf


Der örtliche Tankstellenbesitzer, der in seiner Tankstelle auch eine kleine Postfiliale hat und den hier alle nur „den Sheriff“ nennen (fragt mich nicht warum, vielleicht die Lederstiefel?), begrüßt mich seit Dezember immer mit „Aaah, där kommer kapellmästaren!“

Ich rufe einen Schülervater an, den mir mein Lieblingskollege als Inhaber einer Baumfällfirma empfohlen hat. (Wir wollen etwas mehr Licht in unserem Garten bringen und dafür müssen ein paar große Bäume dran glauben). Ich schildere dem Schülervater am Telefon mein Anliegen und frage, ob er sich das irgendwann dieses Frühjahr mal anschauen könnte. Seine Antwort: „Klar, passt es Dir in 10 Minuten?“ Es war Freitagnachmittag fünf Uhr und ich war gerade nach Hause gekommen.

Ich erzähle dem Lieblingskollegen beim Fika, dass ich neuerdings regelmäßig mit einer Kollegin von Jonas, die vor ein paar Wochen in unsere Nachbarschaft gezogen ist, Kammermusik spiele. Seine Antwort ist ein trockenes „Ich weiß.“- „Äääh, woher? Du bist der erste, dem ich das erzähle.“ – „Annika, du wohnst hier aufm Dorf, noch nicht gemerkt?“

In der Mittagspause klingelt mein Diensthandy. Es ist einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter der örtlichen Missionskirche. „Annika, wir haben in drei Wochen Musikcafé im Gemeindehaus, ich hab gehört, du hast neuerdings ein eigenes Ensemble, wollt ihr da nicht spielen?“

Als der baumfällende Schülervater und ich mit der Gartenbesichtigung fertig sind – er verspricht mir, dass die größten Bäume bis Ostern weg sind – meint er noch: „Ach ja, meine Frau hat erzählt, du hast neulich ganz viele Briefe zum Sheriff gebracht – ihr habt wohl bald was zu feiern? Herzlichen Glückwunsch!“

Im Theater


Jetzt wohnen wir schon seit fast zwei Jahren in Borås, aber bisher hatten wir es noch nie ins hiesige Stadtthater geschafft – dabei darf ich als Kulturverwaltungsangestellter alle Vorstellungen gratis besuchen. Aber am Samstag haben wir uns dann endlich einmal mit Freunden verabredet, um uns die Oper das Singspiel das Musical das Dreigroschenoper-ähnliche Theaterstück „Ingvar! – En musikalisk möbelsaga“ für sieben singende Schauspieler, Harmonium/Klavier und Geige anzuschauen.

Der Plot: Pünktlich zur Weltwirtschaftskrise entsendet der gütige Kapitalismus seinen eingeborenen Sohn, den Erlöser von allem Bösen – Ingvar Kamprad – auf die Welt. Dieser vollbringt das Wunder IKEA, bis er auf Grund seiner zweifelhaften Doppelmoral von seinen Jüngern verraten und hingerichtet wird, aber schlussendlich wieder aufersteht, da sich ein echter Småländer, geizig und gewitzt, nicht so leicht unterkriegen lässt. Vertont ist das Ganze als eine herrlich ironische Mischung aus schwedischer Volksmusik, barockem Oratorium und kapitalistischem Jazz.

Auf YouTube gibt es das ganze Stück in einer Inszenierung aus Malmö. Besonders sehenswert – auch ohne allzuviel Textverständnis – finde ich die Szene, in der Ingvar die göttliche Eingebung bekommt, dass man für ordentlichen Profit einfach nur alle schwedischen Klischees – Elche, Dynamit und politische Neutralität – richtig vermarkten muss.

Den Schluss versteht man auch völlig ohne Text:

Ein großartiger Abend. Sollte das Stück in eurer Nähe irgendwann einmal gespielt werden: unbedingt anschauen!


Im Original ist das Stück auf deutsch geschrieben, und zwar 2009 unter dem Titel „Das Wunder von Schweden – Eine musikalische Möbelsaga“ von Erik Gedeon und Klas Abrahamsson. Einen kleinen Trailer von der Uraufführung gibt es hier.

Einwanderer unter sich


Neulich hatte ich ein lustiges Gespräch mit zwei ungefähr zehn Jahre alten Schülerinnen, die eine stammt aus Vietnam, die andere aus dem Iran und beide sprechen völlig akzentfrei Schwedisch.

– Bist du eigentlich Schwede?
– Ne, ich komme aus Deutschland.
– Echt? Das haben wir gar nicht gemerkt. Wie lange wohnst du denn schon in Schweden?
– Seit gut drei Jahren.
– Wie lustig, genau so lange wie wir. Aber sag mal, warum sprichst du denn dann so gut Schwedisch, man hört ja kaum, dass du nicht aus Schweden bist.
– Und euch hört man es überhaupt nicht an…
– Ja, aber…

Kurztrip: midsommar in Schweden


Der Schlussspurt vor den Sommerferien war dieses Jahr besonders intensiv, weil mein Kollege, der unser Orchester leitet und ich irgendwann letzten Herbst beschlossen hatten, einen Jugendorchesteraustausch mit meiner früheren Musikschule, an der ich selbst Schülerin war, anzuleiern. Es war eine wahnsinnig intensive Woche und es hat unglaublich viel Spaß gemacht, als Reiseleiterin durch meine neue Heimat zu führen. Meine Mutter hatte sich als Betreuerin unter das deutsche Orchester gemischt und einen Reisebericht auf ihrem Blog veröffentlicht, den ich hier mit freundlicher Genehmigung reblogge. Danke, Mama!

bonjourelfie

Ich war zwar erst eine Woche daheim, aber diese Gelegenheit musste ich nutzen. Das  Jugendblasorchester der Musikschule Heidenheim hatte eine Einladung von der Musikschule Fristad in Schweden und im Bus war noch ein Platz frei für mich.

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Während der 18stündigen Fahrt über weitgehend leere Autobahnen und zwei Fähren wurde es kaum dunkel, bereits um 2:30 Uhr ging die Sonne wieder auf.

P1060934Irgendwann am Vormittag kamen wir endlich an,

P1060937und nachdem die Zimmer verteilt waren, ging es gleich los. Erst einmal zum badplats, das schöne warme Wetter war verlockend,

P1060942und schon hupften die ersten ins Wasser.

P1060940Die nächsten folgten,

P1060941und bald waren fast alle im Wasser.

P1060947Am nächsten Tag stand die Musik im Vordergrund. Auf dem zentralen Platz in Borås vor dem Landgericht wurde zur Mittagszeit aufgebaut

P1060963P1060967und schon legten die Heidenheimer los.

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Viele Passanten blieben stehen, einige ließen sich von der schwungvollen Musik mitreißen

P1070018und auch unser Busfahrer riskierte einen…

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