Archiv der Kategorie: Leva

Kletterkatze


Advertisements

Zwischen Nazis und Hochkultur


Während wir uns am Samstag im Konzerthaus in einer rosa Wolke mit Kindern und klassischer Musik befanden, zeigte sich zeitgleich nur ein Häuserblock weiter Schweden von seiner weniger schönen Seite. Nachdem bereits letztes Wochenende ein illegaler Naziaufmarsch in Göteborg stattgefunden hatte, den die Polizei nicht verhindert, sondern nur eingegrenzt hatte, hatte für dieses Wochenende die nationalsozialistische Nordiska Motståndsrörelse NMR (Nordische Widerstandsbewegung) eine große Demonstration gegen Schwedens Einwanderungspolitik angemeldet. Vermutlich kein Zufall, dass die Demonstration am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur stattfinden und an der Göteborger Synagoge vorbeiführen sollte. Gleichzeitig die Schwedische Buchmesse mit 20 000 Besuchern in der Innenstadt sowie erfreulicherweise eine Gegendemonstration, die weitaus mehr Teilnehmer zählte als der Nazihaufen. Ach ja, und ein Fußballspiel. Alle Zutaten also, um die die Stadt in einen Hexenkessel zu verwandeln.

Für die Polizei war der Tag landesweit zur höchsten Einsatzstufe klassifiziert worden, was hieß, dass aus ganz Schweden Hundertschaften von Polizisten nach Göteborg verlegt wurden. Schon am Freitag kamen uns auf der Autobahn nach Borås endlose Kolonnen mit Einsatzfahrzeugen entgegen.

Nachdem die Marschroute der Neonazis bereits im Vorfeld durch die Behörden verlegt und verkürzt worden war, brachten die enormen Menschenmassen der Gegendemonstration schließlich den Zug der Nazis nach wenigen 100 Metern zum Stehen, noch bevor sie den eigentlichen Startpunkt ihrer Demonstration erreicht hatten. Just in der Gegend um Korsvägen, einer von Göteborgs größten Verkehrsknotenpunkten, wo sich auch der Haupteingang zum Messegelände und zum Vergnügungspark Liseberg befinden. Über mehrere Stunden hielt die Polizei die Nazis dort eingekesselt, nach anderen Quellen wollten die Nazis sich dort nicht wegbewegen. Obwohl ich mich durchaus der Gegendemo angeschlossen hätte, entschieden wir uns schließlich doch dafür, um die Ereignisse einen großen Bogen zu machen. Als wir im Konzerthaus fertig waren, war die friedliche Gegendemonstration bereits beendet und übrig waren noch die eingekesselten Nazis, die Polizei und linksautonome Steinewerfer. Nichts, wo man ein gesteigertes Bedürfnis hätte, sich einzumischen.

Das Thema war das Topthema in den Nachrichten, doch am Ende des Tages war das Fazit recht eindeutig: Die Gegendemonstranten haben aus dem geplanten Naziaufmarsch einen lauwarmen Spaziergang gemacht und das enorme Polizeiaufgebot hat größeren Schaden abgewendet. Mehrere Dutzend Nazis wurden verhaftet, darunter der Anführer der NMR und einige Krawalltouristen aus dem Ausland, die bereits am Freitag am Flughafen abgefangen wurden.

Einige der Konzertbesucher waren offenbar mit ihren Kindern direkt von der Demo ins Konzerthaus gegangen, eine sehr gelungene Wochenendgestaltung, wie ich finde.

Am Abend entschlossen Jonas und ich uns dann noch recht spontan, auch dem anderen großen Akteur in Sachen klassischer Musik in Göteborg einen Besuch abzustatten, dem Opernhaus. Wenn man schonmal da ist…

Das Problem war der Kontrabass, den möchte man in Göteborg nicht im Auto liegen lassen, aber ihn in den Zuschauerraum in der Oper mitnehmen ist auch nur so mittel… Also rief Jonas einen Bekannten an, Kontrabassist im Opernorchester, und fragte, ob wir den Bass irgendwo Backstage deponieren könnten. – Klar, kein Problem. Ob wir schon Tickets hätten? – Nein, die wollten wir direkt vor Ort kaufen. – Bäuchten wir nicht, wir könnten Personaltickets von ihm haben.

Zuschauerraum der Göteborger Oper

So saßen wir also beinahe für Umme in der teuersten Kategorie und genossen sozusagen im Vorbeigehen noch einen Ballettabend mit Stravinskis Sacre de Printemps und einer Uraufführung der Tanzkompanie. Kein klassischer Ballettabend, sondern ausschließlich Modern Dance.

Klassik für Kinder mit den Göteborger Symphonikern, Nazis und eine stark homoerotisch geprägte großartige Neuinszenierung einer der umstrittensten und skandalträchtigsten Ballette der Musikgeschichte. Alles an einem Tag. Seltsam.

Klassik, Kinder und Camping


Das Grundkonzept war recht einfach.

Schritt 1: 8 Kinder treffen einen Musiker.
Schritt 2: 800 Kinder treffen ein Orchester.

20170930_154515-1

Kom in! ist eine Initiative der Göteborger Symphoniker, Kinder im Grundschulalter für klassische Musik zu begeistern und Berührungsängste abzubauen. Weil noch nicht mal das Konzerthaus genügend Probenräume für alle Musiker hat, hat man für die ganze Woche in einer logistischen Großaktion ca. 30 Mietwohnwagen auf dem Götaplatz, dem großen Platz am Ende der Prachtstraße Avenyn aufgestellt und in jeden Wohnwagen einen Musiker gesetzt. Musiker und Camping – ich wusste schon immer, dass es da eine natürliche Verbindung gibt!

20170929_110143
Links das Konzerthaus, in der Mitte der Poseidon. Und in jedem Wohnwagen sitzt ein Musiker mit acht Kindern und erklärt sein Instrument.

Jonas und ich waren wie bereits berichtet als Aushilfen mit dabei, wegen unserer eher großformatigen Instrumente allerdings nicht in Wohnwagen, sondern in Probenräumen.

20170929_095529
Mein Arbeitsplatz für zwei Tage…

Selbstverständlich haben wir uns auch das Kinderkonzert angehört, das jeweils im Anschluss an die Treffen mit den Kindern stattfand. Auf dem Programm stand unter anderem Stravinskys Feuervogel, Weberns Orkesterstück op. 10/3, Griegs Morgenstimmung, Vivaldis Sommer, Strauss‘ Also sprach Zarathustra… Jeweils natürlich nur kurze Ausschnitte, an die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern im Alter von 5-9 Jahren angepasst. Total süß fand ich, wie die Musiker, als sie die Bühne betraten, alle erstmal Ausschau hielten nach „ihren“ Kindern und Musiker und Publikum einander gegenseitig zuwinkten.

Während Dienstag bis Freitag die Kinder mit ihren (Vor-)Schulklassen kamen, war die Aktion am Samstag offen für Kinder mit Eltern oder Großeltern. Spannend zu sehen, wie viele Eltern mindestens genauso neugierig waren wie ihre Kinder. Eine Großmutter fragte mich im Rausgehen, was das denn für ein Instrument sei, das sie da kürzlich im Orchester gesehen habe, so ein braunes Ofenrohr, das sei doch nicht immer dabei? Ich war mir nicht ganz sicher, welches sie meinte und ließ mir von ihr auf einem Orchesterbild zeigen, wo ungefähr dieses Instrument saß und als ich ihr dann erklärte, dass das ein Kontrafagott gewesen sein müsse, war sie ganz glücklich und meinte, alleine für diese Information habe sich der Ausflug gelohnt. Und auch sonst, sooo toll, dass man mal mit den Kindern hinter die Kulissen schauen dürfe!
Manchmal reicht so wenig, um Menschen glücklich zu machen…

Hier ein kurzer Film mit englischen Untertiteln zu der ganzen Aktion:

Wen’s interessiert…


Heute, also Dienstag, irgendwann zwischen 11:30 und 12:30 auf Radio P4 Sjuhärad.
Kann man live streamen, ich glaube auch in Deutschland. Die sind den ganzen Vormittag bei uns im Ort, und irgendwann um die Mittagszeit sollen wir, will heißen: meine 6 Kollegen und ich da aufkreuzen.

Was? Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau, was da zu hören sein wird, Interview oder Musik oder beides, aber wenn da ein Glockenspiel plingelt, dann bin ich das. :-) Das Ganze ist live, aber ich werde mich von den Mikrofonen schön fern halten…

Neue Herausforderungen (2/2)


Im Januar fand bei mir jobtechnisch eine strukturelle Umorganisation statt, die im Wesentlichen die Ursache für die längere Blogpause war…

(Edit: Ein guter Freund meinte, ich solle das was hier ursprünglich stand, nicht so stehen lessen, daher habe ich den ersten Absatz unter ein Passwort gestellt. Weiterlesen: Neue Herausforderungen (1/2). Das Passwort ist die Antwort auf die Frage: Wo haben wir geheiratet?)

Wirklich viel besser ist es auch jetzt nach einem dreiviertel Jahr nicht geworden, aber ich habe meine engsten Kollegen noch mehr schätzen gelernt, als ich es ohnehin schon vorher getan hatte. Das war einer der wichtigsten Punkte, um den wir in der Umstrukturierung gekämpft haben, nämlich unser Kollegium von sieben Fachlehrern zu erhalten und nicht beliebig Personen durch die Gegend zu tauschen, nur weil wir jetzt von einer größeren Organisation geschluckt wurden.

Der Lieblingskollege fragte mich in den Sommerferien, ob ich mir vorstellen könnte, in unserem Orchester mehr Aufgaben zu übernehmen, als „nur“ organisatorische. Bisher hatten wir die Arbeitsteilung „er steht vor dem Orchester, ich dahinter“. Will heißen: er ist der Dirigent, bestimmt die künstlerische und pädagogische Ausrichtung des Orchesters, zieht Konzerte und Gigs an Land und redet mit den wichtigen Leuten und ich wurschtel im Hintergrund, erstelle Teilnehmerlisten, kümmere mich um Werbung, Elterninformation, Flugbuchungen etc. pp. und bin natürlich auch einfaches Orchestermitglied, entweder im Schlagwerk an den Malletsinstrumenten (Xylophon, Marimbaphon, Röhrenglocken, Glockenspiel) oder an der Klarinette, je nach Bedarf. Und wenn er dann mal krank war oder sonstwie verhindert, habe ich schon auch mal dirigiert, aber das passierte höchstens ein-zweimal im Jahr. Nun also die Frage, ob ich mir ein „Upgrade“ zur zweiten Dirigentin vorstellen könnte.

Hier ein Video von 2015, mit einem Filmmusikmedley von John Williams.

Nun habe ich ja im Studium auch vier Jahre lang das Fach „Dirigieren“ belegt, aber nie wirklich Gelegenheit gehabt, praktische Erfahrung im Orchester zu sammeln, ich war immer mehr im Fach Chordirigieren verankert. Das klingt jetzt für Musiklaien vielleicht echt nerdig, zwischen Chor- und Orchesterdirigenten zu unterscheiden, aber es sind wirklich zwei Paar Schuhe. Insbesondere was die Probenmethodik angeht, kann man sich in einem Orchester echt unbeliebt machen, wenn man es wie einen Chor behandelt (und umgekehrt).

Aber vor dem Hintergrund, dass mir durch die Umstrukturierung beim Job einige liebgewonne Arbeitsfelder entzogen worden waren, war des Lieblingskollegen Idee goldrichtig um mir wieder neue Perspektiven zu geben und mein geknicktes Selbst zumindest ein bisschen wieder aufzurichten. Mit dem Wissen, dass er über 20 Jahre lang alleiniger Chef für das Orchester war, ehrte mich die Frage besonders, denn sowas gibt man nicht „mal eben so“ an jemand anderes ab, auch nicht teilweise.

Und so teilen wir uns seit diesem Schuljahr jeden Montagabend den Platz am Dirigentenpult. Für mich gerade eine echte neue Herausforderung. Während er natürlich nach 20 Jahren eine Probe auch ohne Vorbereitung locker aus dem Ärmel schüttelt, sitze ich in meinen Hohlstunden vor meinen Partituren und übe, so wie man ein Instrument übt und überlege mir die nächsten Probenschritte.

Gleichzeitig – auch das ist neu – spiele ich dieses Jahr Bassklarinette im Orchester, wenn der Lieblingskollege dirigiert. Unsere Schlagwerkssektion habe ich die letzten zwei Jahre so gut erzogen, dass ich dort gerade nicht gebraucht werde, gleichzeitig fiel dieses Jahr unsere Bassklarinettistin aus. Vom höchsten Melodieinstrument Glockenspiel ins Bassregister zu wechseln… auch spannend.

Nun ist der Montag also mein persönlicher Höhepunkt der Woche. Heute war der Lieblingskollege verhindert und ich hatte erstmalig die zwei Stunden mit dem Orchester alleine. Und ich hab mich gefreut wie Bolle, als nach der Probe einer unserer Erwachsenen im Orchester, ungefähr gleichalt wie ich, der eigentlich nie was sagt, an mir vorbeilief, mir in den Oberarm boxte und rief „Bra jobbat!“ (Gut gemacht!)

Und ein Video vom letzten Herbstkonzert (2016).

Nu isser wech…


Campingplatz in Hjo

Fast ein halbes Jahr lang hatten wir die Annonce im größten schwedischen Kleinanzeigenmarkt Blocket drin und in Deutschland bei Mobile.de und heute Abend ist er das letzte Mal vom Hof gerollt. Jetzt fühlt es sich an, als ob er in die richtigen Hände gekommen ist, ein alleinerziehender Vater, der bei einem großen schwedischen Autohersteller arbeitet.

Wenn ich eines niemals im Leben werden möchte, dann Gebrauchtwagenverkäufer. Für uns war es das erste Mal, dass wir ein Auto privat verkauft haben, ja, eigentlich das erste Mal überhaupt, dass wir was bei Blocket verkauft haben. Wir hatten die Hoffnung ja schon fast aufgegeben, dass sich noch ein Käufer finden würde, der das Auto und dessen Wert zu schätzen weiß und uns selbst eine Frist bis Anfang Oktober gegeben, wo wir das Auto beim Wohnmobilhändler Borås in Kommission gegeben hätten, natürlich weit unter dem Preis, den wir eigentlich dafür haben wollten.

Unglaublich, was wir in der Zeit für Leute kennengelernt haben… Anfangs waren wir noch sehr enthusiastisch und haben uns für jeden Interessenten fast zwei Stunden Zeit genommen, um das Wohnmobil in all seinen Details zu präsentieren, hatten alle Unterlagen parat, haben eine lange Probefahrt unternommen… Mit der Zeit wurden wir dann etwas weniger kundenorientiert, als wir langsam einsahen, dass eine Wohnmobilbesichtigung für viele eine ganz normale Wochenendbeschäftigung zu sein scheint, ohne auch nur im Entferntesten eine Kaufabsicht zu haben. Wenn man sich über eine Stunde lang den Mund fusselig geredet hat und am Ende sagt der Interessent „ja, ist ja ganz nett, aber eigentlich suchen wir ja was mit fest eingebautem Längsbett, Alkoven, nicht älter als drei Jahre und bitte für die Hälfte des Preises“, dann fragt man sich schon, warum man man eigentlich eine Annonce mit 6 Bildern und langer Ausrüstungsliste für einen 22 Jahre alten VW-Bus Carthago geschaltet hat. Und warum man sich von solchen Idioten Touristen den halben Sonntag kaputtmachen lässt.

Zeiten… auch so ein Thema. Es gibt Leute, die Mitte der Woche anrufen, sich erkundigen und dann einen Besichtigungstermin fürs Wochenende ausmachen. Dann fragt man Freitagabend nochmal nach ob es bei der Zeit am Samstagvormittag bleibt, Antwort: jein, man würde lieber am Nachmittag kommen. Na gut, plant man halt seinen Tag etwas um, steht am Nachmittag bereit. Eine halbe Stunde nach vereinbarter Uhrzeit: keiner kommt. Anruf: „ja, wir sind schon fast unterwegs, es wird ein bisschen später“. Hmpf. Nagut, also weiter warten, man möchte das Auto ja gerne verkaufen. Ein Stunde später immer noch nix, erneuter Anruf. Keiner geht ran. SMS. Keine Antwort. Eine halbe Stunde später: Erneuter Anruf. Antwort: „Ja, nee, wir habens uns jetzt doch anders überlegt und sind stattdessen nach Ullared gefahren.“ Achso, ja danke auch, und wann wolltet ihr uns das mitteilen? Das denkt man natürlich nur, man pöbelt ja nicht wildfremde Leute an, Karma und so. Aber der Samstag ist dann trotzdem irgendwie am Arsch gelaufen.

Leider mussten wir diese Erfahrung häufiger machen, manche Leute sind da echt völlig schmerzbefreit, was das Verschwenden anderer Leute Wochenende angeht. Aus der Annonce und den Bildern ging natürlich sehr klar hervor, dass wir das Auto privat verkaufen.

Eine dritte Sorte Interessent haben wir zum Glück immer direkt per Mail abwimmeln können: unseriöse Idioten Leute, die uns ein „schnelles Geschäft“ anbieten und dann einen Preis nennen, der nicht mal die Hälfte unseres erhofften Zielpreises betrug. Auf schwedisch gibt es dafür das schöne Wort skambud, Schamgebot. Und natürlich Leute, die uns anbieten, dass sie das Auto kostenlos bei uns abholen und dann in Stockholm verkaufen. Das Geld würden wir dann kriegen, sobald das Auto verkauft sei. Ja, nee, is klar ne?!

Nun gut, Ende gut, alles gut. Schließlich kam dann doch der richtige Interessent und wir wurden uns auch recht schnell über einen Preis einig, mit dem wir gut leben können. Und jetzt? Machen wir nur noch Flugreisen nach Mallorca statt Womo-Urlaub?

IMGP3509

Kaum. Im Gegenteil. Die Jungfernreise mit unserem Neuen im Sommer ging nach Norwegen. Mit uns war auch… nein, leider nicht Tschaikowski. Das war eine andere Geschichte, die so traurig war, dass ich sie nicht hier im Blog erzählen will. Aber frei nach Loriot: Ein Leben ohne Katze ist ist möglich, aber sinnlos lebt seit Mai Pulcinella bei und mit uns. Eine vornehme kleine Dame mit starkem eigenem Willen, die sich sehr schnell im Wohnmobil heimisch gefühlt hat.