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Corona-Wanderungen: Nach Gingri


Heute bin ich eine Runde gegangen, die früher zu unseren Lieblingsspaziergängen gehörte. Aus irgendeinem Grund haben wir sie allerdings gefühlt seit Jahren nicht mehr gemacht. Wir wohnen ja zwischen zwei Naturschutzgebieten, eins am See und eins, durch dass sich der Fluss Viskan schlängelt und dass sich dann an der recht steilen Talseite hochzieht. Oben angekommen kann man über die Höhe ins Dorf Gingri laufen und dann wieder zurück ins Tal zu unserer Hausbadestelle. Ein Großteil der Strecke führt durch lichte Wälder und Weideland und ist als Gingrileden (Gingriweg) orange gekennzeichnet, der Rest verläuft über andere Wege und Schotterstraßen vom einen Naturschutzgebiet ins andere.

Nach Gingri gehen wir nach wie vor recht häufig, zumal dort Freunde wohnen, die immer gerne einen Tee aufsetzen, wenn man spontan vorbeikommt. Aber just diese Variante haben wir lange nicht mehr gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird…

Hoj!


Jedes Jahr im Frühjahr stelle ich mir die gleiche Frage: Wäre es nicht ökonomisch, ökologisch und gesundheitlich sinnvoll, statt mit Bus und manchmal Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Fürs kulår, wo ich mehrere Kontrabässe brauche, gibt es kommunale Dienstwagen, die man sich an einigen zentralen Sammelstellen leihen kann und alle Schulen, an denen ich regelmäßig unterrichte – im Moment ist das sowieso nur eine –, kann man ohne Probleme auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß erreichen. Eigentlich der Umstieg aufs Rad also kein Problem. Wenn nicht:HöhenprofilZwölf Kilometer sind ja eigentlich eine ganz angenehme Distanz mit dem Fahrrad, in einer guten halben Stunde könnte man am Ziel sein. Wenn da nicht diese zwei Steigungen wären. Hundert Höhenmeter sind natürlich zu schaffen, aber die beiden „Berge“ sind ganz schön steil und bringen einen schon ins Schwitzen. Und dann sind da  noch die eigentlich wunderschönen Passagen direkt am See: wenn da der Wind gerade aus der falschen Richtung übers Wasser bläst, macht das radeln überhaupt keine Spaß mehr. Und überhaupt: mimimi. Extra früh aufzustehen, um dann beim Job zu duschen, geht übrigens definitiv zu weit…

Vor einigen Jahren habe ich es dann trotzdem mal probiert, nach den Sommerferien bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Zwei Wochen habe ich durchgehalten, dann kamen die Schüler, der Alltag, der Regen, und das war’s.

Die Lösung: Ein E-Bike. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Teuer, brauche ich nicht, zu stolz, nur was für Rentner. Dann doch lieber Bus. Aber den möchte ich zur Zeit gar nicht so gerne nehmen, zu bestimmten Zeiten ist er völlig überfüllt (heißt: man hat keinen Doppelsitz für sich alleine). Abstand halten ist da schwierig, weshalb die hiesigen Verkehrsbetriebe darum bitten, dass nur diejenigen den Bus nehmen, die keine andere Alternative haben. Als sich die Osterferien dem Ende näherten, sind wir dann kurzentschlossen in die Stadt gefahren, haben drei Fahrradläden abgeklappert und seit Ostersonntag (alle Geschäfte auf, auch an Ostern, nix Shutdown…) bin ich nun Besitzer eines Fahrrads mit Hilfsmotor.

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Vor einer Schule, an der ich einmal die Woche Geige unterrichte. Die Schule liegt auch auf einem fiesen Berg.

Zweimal bin ich damit bis jezt zur Kulturschule gefahren und es fühlt sich so an, als ob das mit dem E-Bike-Pendeln ein dauerhaftes Konzept sein kann. Irgendwie habe ich ja auch keine Wahl, denn ansonsten haben wir einen Haufen Geld aus dem Fenster geworfen. Der Härtetest kommt aber natürlich erst, wenn das Wetter nicht mehr so wunderbar frühlingshaft ist – am besten suche ich jetzt schon nach meiner Regenhose.

Ein neues Wort habe ich übrigens auch gelernt. Hoj: heißt: Fahrrad.

TV-Tipp


Braucht ihr eine Pause vom Home-Office, den Kindern, der Corona-Berichterstattung? Wollt ihr einfach einmal entspannen? Oder müsst ihr etwas gegen die Schweden-Sehnsucht tun? Sveriges Television SVT, der schwedische öffentlich rechtliche Fernsehsender, hat die Lösung: Den stora älgvandringen, die große Elchwanderung. Erlebe live, wie tausende Elche den Ångermanälven überqueren. Über 25 Kameras halten dieses atemberaubende Spektakel fest, und ihr könnt live mit dabei sein – hoffe ich zumindest, wenn die Übertragung im Ausland nicht gesperrt ist.

https://www.svtplay.se/den-stora-algvandringen

Ein wenig Eile ist jedoch geboten, die Sendung läuft nur noch bis zum 4. Mai. Also ran an den Laptop und… entspannen. Neben Elchen kann man übrigens auch Ren- und andere Tiere beobachten. Die meiste Zeit sieht man allerdings nur Wald und Fluss, das aber rund um die Uhr.

Die Kameras stehen übrigens in Kullberg bei Junsele in Ångermanland

Corona-Wanderungen: Hundesitter


Am Dienstag brauchte eine Kollegin Hilfe bei der Hundebetreuung. Sie und ihr Mann waren den ganzen Tag außer Haus und die Kinder gehen nur kürzere Strecken mit dem Hund, aber Rossi benötigt etwas mehr Auslauf.

Zum Glück wohnt sie nur gute anderthalb Kilometer am anderen Ende des Ortes. Wir konnten direkt von zu Hause loslaufen und Rossi unterwegs einsammeln. Dann ging es steil bergauf, bis wir, an einen windgeschützten Felsen gelehnt, in der Frühlingssonne ganz dringend eine Pause einlegen mussten.

Ziel war die GIF-stuga, das Vereinsheim der Boråser gymnastik- och idrottsförening (Gymnastik- und Sportverein). Von hier gehen einige Jogging-, Langlauf-, und Mountainbikestrecken aus, die sich teilweise auch zum Wandern/Spazierengehen eignen. Der Rückweg führte über eine der Laufrouten zurück durch streckenweise sehr dichten Wald. Zum Teil ging es extrem steil abwärts und der Weg war voll mit Wurzeln und Steinen. Wie man hier rennen soll, ist mir etwas schleierhaft. Es gab aber auch ebene Passagen durch wunderschönen, lichten Wald.

Der größte Teil dieser Runde war komplett neu für uns. Es fasziniert mich immer wieder, dass wir auch ohne Auto immer wieder Stellen erreichen, an denen wir noch nie waren.

 

 

Corona-Wanderungen: Bamsestigen


Bamse, der stärkste Bär der Welt, ist eine beliebte schwedische Bilderbuch-, Comic- und Zeichentrickfigur für Kinder. Man könnte daher meinen, dass die nach Bamse benannte Runde eher kurz und damit besonders kinderfreundlich wäre. Der Heimatverein von Rångedala findet allerdings, dass der stärkste Bär der Welt auch die längste Wanderung schafft, und so wählte man den Namen für einen gut neun Kilometer langen Weg mit einem ordentlichen Berg in der Mitte.

Letzten Sonntag haben wir diese Strecke zusammen mit Annikas Lieblingskollegen und Frau ausprobiert. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer wunderschönen smultronställe (Stelle, an der man Walderdbeeren findet. Sprichwörtlich für versteckter Lieblingsort) vorbei. Eine Bank auf einer kleinen Insel in einem verzweigten Bachlauf, komplett mit alter Steinbrücke.

Der Weg führt nun über Schotterwege durch lichten Wald, bis man auf die alte Bahnlinie zwischen Borås und Ulricehamn trifft, die heute zum Fahrradweg ausgebaut ist. Nach einigen Minuten auf der ehemaligen Trasse geht es wieder auf gut ausgebaute Waldwege. Am Ende eines ziemlich langen Anstiegs biegt man auf einen kleinen Pfad ab, der wieder bergab führt. Die vor einigen Jahren gebaute Autobahn zwingt einen, parallel zur stark befahrenen Straße zu gehen, nicht gerade der Höhepunkt der Wanderung. Zum Glück ist dieses Stück nur kurz und zurück im Wald trifft man auf eine sehr alte Überlandstraße, auf der im 18. Jahrhundert ein Postraub stattgefunden haben soll. Das letzte Teilstück verläuft dann durch Kulturlandschaft mit offenen Wiesen und vielen alten Trockenmauern.

 

Corona-Wanderungen: Autobahnraststätte Boråstorpet


Vor zwei Wochen mussten wir mit dem Wohnmobil zur besiktning, zum TÜV. Da wir wegen der Fahrzeughöhe damit in eine Werkstatt müssen, die ein Stück außerhalb von Borås liegt, mussten wir ein Stück Autobahn fahren. Wenn ihr mal die Autobahn „Riksväg 40“ von Göteborg Richtung Jönköping fahrt, empfehlen wir einen Stopp an der Raststätte „Boråstorpet“, die bereits mehrfach zu Schwedens schönster Raststätte gekürt wurde.

Raststätte Boråstorpet an der Autobahn R40 Göteborg-Jönköping. Bild: https://hemslojden.org/forening/borastorpet/

Während der Sommermonate wird in dem historischen Gebäude der Raststätte „hantverk“ verkauft: Geschnitztes, Geschmiedetes, Gestricktes, Genähtes und man kann sehr schön seinen Kaffee am See trinken. Es gibt auch ein paar kleinere Spazierwege. Einer davon führt einen Fußgängertunnel unter der Autobahn, durch einen Trollwald an einen See, den Stora Kolsjö, ca 1 km von der Raststätte. Hier könnte man im Sommer sogar baden, doch als wir Mitte März dort waren, war der See noch gefroren.

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Wenn es nicht so nahe an zuhause wäre, ich würde meine Reisen immer so planen, dass ich hier anhalten müsste!

Corona-Wanderungen: Um den Pickesjön


Es ist ja nicht so, dass wir hier in Schweden nach wie vor das ganz große Freizeitangebot hätten, auch wenn wir hier keinen Lockdown haben wie viele andere Länder. Gerade kulturmäßig geht hier in Schweden auch nichts mehr, jedenfalls nicht offline. Bleibt uns noch das andere: raus in die Natur. Und – ich weiß, das ist jetzt für viele von euch schwer zu hören – was das angeht, sind wir hier wirklich privilegiert. Nach über sieben Jahren am selben Ort sind Jonas und ich zwar auch schon etwas „hemmablind“ geworden – also blind für die Schönheit dessen, was vor der eigenen Haustür liegt – aber nach wie vor können wir hier immer noch neue Wege entdecken, ohne vorher weite Strecken mit dem Auto zurücklegen zu müssen. Und das Angebot ist groß, man tritt sich also nicht auf die Füße.

Weil wir unsere Hausstrecke – eine Runde ab Haustür von ca 60 Minuten durch überwiegend Naturschutzgebiet – aber gerade auch etwas satt haben, haben wir dieses Frühjahr sehr aktiv begonnen, neue Gebiete zu erkunden. Zusammen mit dem Lieblingskollegen und seiner Frau haben wir jetzt einen ganzen Stapel an Wanderungen vor uns, die wir dieses Jahr abarbeiten wollen.

Heute zum Beispiel haben wir den Pickesjön umrundet.

 

Vom Parkplatz am „Regementet“, der alten Kaserne, ging es am Schießübungsplatz vorbei (dort tummelten sich die Rentner), teils über geschotterte Waldwege, teils Wanderwege bis zum Wanderparkplatz Pickesjön. Ca 30 Autos, aber das verläuft sich dort. Um den See einige schöne Grillplätze und Aussichtsplätze. Leider hört man die Autobahn bei ungünstigem Wind ziemlich gut und der See ist relativ stadtnah, daher an Sommerabenden vermutlich alles andere als einsam…

Frühlingszeichen: Huflattich und Wildgänse. Wiederholenswert!

Erkenntnisse und Widersprüche


Ich lerne gerade viel. Über Schweden und die Welt. Über mich selbst. Wie tief es in meiner Erziehung sitzt, dem Staat ein gesundes Misstrauen entgegenzubringen (und ich bin ein vertrauensseliger Mensch…). Darüber, was es heißt, diametral anders zu denken, als die Menschen um einen herum.

Ich versuche, ein paar zugängliche Kollegen mit Argumenten zu erreichen, warum das Agieren unserer Regierung und der Folkhälsomyndighet problematisch ist: Dass hier Risiken eingegangen werden, die völlig unverantwortlich sind; dass es Experten gibt, die schon seit Wochen und Monaten vor Untätigkeit warnen; dass andere Länder uns warnen; dass es einen Unterschied gibt zwischen Facebook-Gerüchten und seriösen Wissenschaftlern, die in der Presse eine öffentliche Debatte zu führen versuchen. Die meisten gucken mich schief an, als ob ich ein Flat Earther wäre. Andere stimmen mir sofort zu und regen sich mit mir zusammen auf. Dabei mache ich immer wieder die gleiche Beobachtung: Fast alle, die das schwedische Agieren mit Sorge betrachten, haben irgendeinen familären Kontakt ins Ausland, sind dort geboren, haben Eltern oder Partner aus anderen Ländern, sind gut darüber informiert, wie man außerhalb Schwedens die Pandemie bewertet. Die „reinen“ Schweden vertrauen auf ihre Folkhälsomyndighet. Was soll man denn sonst machen?

Seit gestern abonniere ich das Svenska Dagbladet, eine der größten und seriösesten schwedischen Tageszeitungen. Ich glaube, dass diese zu mir ungefähr so gut passt wie die FAZ, aber im Moment bietet sie Forschern ein großartiges Forum für eine öffentliche Debatte. Beide Seiten werden gehört und publizieren Kommentare, Aufrufe und öffentliche Briefe. Das unterstütze ich. Gerade diese Debatte wird hier nämlich von Seiten der Folkhälsomyndighet unterdrückt, indem man andere Stimmen diskreditiert und vor allem die eigenen Daten nicht öffentlich macht – in Schweden, dem Land des Öffentlichkeitsprinzips. Daher fordert eine Gruppe von Forschern, die gerade gegen das Informationsmonopol der Folkhälsomyndighet ankämpft, dass eine Expertengruppe eingesetzt werden muss, die als zweite Stimme die Regierung berät, zusammen mit der öffentlichen Behörde.

Gerade habe ich diesen Artikel gelesen, der eine Beobachtung analysiert, die ich bisher nur in Teilen begriffen habe. Denn es ist faszinierend, wie weit ein guter Teil der Bevölkerung geht, um den Empfehlungen der Fölkhälsomyndighet zu folgen: Kratzen im Hals? Dann bleibe ich mal lieber zu Hause. Am morgen gehustet? Drei Tage nicht zur Schule gehen. Hände waschen? Bis die Haut weg ist. Vielleicht braucht es in Schweden keine ganz so drastischen Maßnahmen, weil man sich wirklich an die Vorgaben hält; weil man ja der Behörde vertraut. Zu einhundert Prozent.

Oder?

Die Folkhälsomyndighet rät bisher von kaum einer Einschränkung des öffentlichen Lebens ab. Trotzdem sind die Innenstädte deutlich leerer als sonst, die Kinos geschlossen, in den Restaurants sitzt fast niemand. Man geht kaum noch ins Fitnesstudio, arbeitet schon seit letzter Woche von zu Hause, obwohl die Empfehlung erst vor einigen Tagen kam. Manche Freischulen machen dicht. Natürlich gibt es auch die anderen, die nicht auf ihr Après-Ski halt nicht verzichten oder es als ältere Mitbürger alleine zu Hause einfach nicht aushalten.

Warum gehen nun trotz aller Vertrauensbekundungen so viele Schweden viel weiter in ihren Taten, als es die Folkhälsomyndghet ihnen empfiehlt? Weil man mehr Rücksicht auf die Schwachen in der Gesellschaft nimmt als anderswo? Oder hat man vielleicht doch mehr Angst vor der Krankheit, als man es zugeben möchte? Auf jeden Fall spricht das Verhalten vieler Schweden nicht gerade dafür, dass man der Folkhälsomyndighet wirklich zu einhundert Prozent vertraut. Es klingt eher so, als ob man durchaus auch auf andere Stimmen aus den In- und Ausland hört, die zu größerer Vorsicht mahnen. Aber warum fällt dann wiederum kaum jemandem dieser Widerspruch auf?

Ich weiß nicht, was ich mit diesen Erkenntnissen machen soll und welche Bedeutung sie haben. Wie gesagt, ich lerne. Und was ich auch lerne, ist dass das viele Lernen unglaublich müde macht. Zum Glück ist jetzt erst einmal Wochenende und die Osterferien sind nicht mehr weit. Ich brauche jetzt schon eine Coronapause und denke an die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die wohl noch einige Monate auf die nächste Auszeit warten müssen.