Archiv der Kategorie: Leva

Am Ende des Regenbogens gibt’s Eis mit Plätzchenteiggeschmack


Böse Zungen haben ja schon behauptet, Brevlåda gebe es nur, damit wir die Daheimgebliebenen in Deutschland neidisch machen könnten. Natürlich ist dem nicht so, aber ist der Ruf erst mal ruiniert… Deswegen wollen wir heute all denjenigen eine Freude machen, die ebenso wie wir finden, dass es eine großartige Idee ist, eine Eissorte in der Geschmacksrichtung „roher Plätzchenteig“ herzustellen. Dabei ist uns auch völlig gleichgültig, dass heute der Tag der Herbsttagundnachtgleiche und die Eissaison damit eigentlich vorüber ist.

Hier in unserem örtlichen Tante-Emma-Supermarkt gibt es vier Eistheken. Drei mit dem üblichen Vanille-Schoko-Erdbeer-Sortiment:

Und dann gibt es diese hier mit den ganz unanständigen Sorten :-D:

Und wenn wir gerade dabei sind: Haben wir schon erwähnt, dass wir am Ende des Regenbogens wohnen?

Na, neidisch geworden? Dann hilft nur eins: Kommt vorbei!

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Was die Schweden bewegt: Elche und Alkohol


Als ich es das erste Mal hörte, musste ich kurz schmunzeln, vergaß es aber bald wieder. Aber inzwischen wurde es mir von so vielen Menschen zugetragen – sogar meine Schwedischlehrerin erzählte die Geschichte im Kurs – dass ich mich langsam frage, ob ich die Wichtigkeit dieses Ereignisses nicht anfangs unterschätzt habe…

Was war passiert? Letzte Woche verirrte sich eine Elchkuh in einen Göteborger Villenvorort und fraß sich am Fallobst unter einem Apfelbaum satt. Leider hatten die Äpfel bereits einen gewissen Reifegrad überschritten und was die Elchkuh da fraß, hätte Medelsvensson teuer im staatlichen Alkoholmonopolgeschäft Systembolaget kaufen müssen. Und es zeigt sich, dass der schwedische Staat den Alkoholkonsum nicht zu unrecht so stark kontrolliert: Die schwergewichtige Dame war danach so betrunken, dass sie auf den Apfelbaum kletterte und nicht wieder herunterkam. Die Rettungsversuche der Anwohner scheiterten, es musste erst der Rettungsdienst mit einem Kran kommen.
Am nächsten Morgen hatte die Lady – allzumenschlich – einen Kater und war dementsprechend mies gelaunt…

Hier der Bericht aus den Abendnachrichten – zwar auf Schwedisch, aber die Bilder sprechen für sich:

Unnützes Partywissen über Schweden: Namen


Wie zu erwarten, haben wir in den letzten Wochen viele neue Menschen kennengelernt und uns natürlich auch vorgestellt. Dabei freut man sich immer wieder, dass wir so schwedische Vornamen haben: Das klingt ja fast wie Tommy und Annika!

Karl Magnus "Kalle" Ankas Stammbaum (Quelle: http://duckman.pettho.com/tree/v_swedish.html)

Erst seit dem späten 18. Jahrhundert ist es in Schweden üblich, einen Nachnamen zu tragen. Zuvor hatten sich lediglich Adelige, Priester und höhere Bürger mit einem solchen ausgestattet – wohl vor allem, um ihren Nachfahren bei der Ahnenforschung zu helfen, einem beliebten schwedischen Hobby. Um Verwechslungen unter der normalen Bevölkerung zu vermeiden, ergänzte man den Namen des Vaters der betreffenden Person, das sogenannte Patronym, wie zum Beispiel Holger, Nils Sohn oder Nils, Holgers Sohn usw. Trotz der nicht besonders großen Zahl schwedischer Vornamen reichte diese Angabe im dünn besiedelten Schweden völlig aus, um jemanden im Alltag eindeutig zu identifizieren.

Die Grenzen des Patronyms bei der Identifikation einzelner Personen zeigten sich ungefähr im 17. Jahrhundert im Militär: Hier stießen plötzlich größere Menschenmengen aufeinander und die Offiziere mussten einen Weg finden, die ganzen Anders Anderssons voneinander zu unterscheiden. Daher begann man, jedem Soldaten einen Zunamen zu geben, der beispielsweise an eine persönliche Eigenschaft geknüpft sein konnte  (Modig = mutig, Glad = glücklich, Trofast = fest im Glauben), dem Kriegswortschatz entnommen (Kämpe = Krieger, Skott = Schuss, Kanon = das übersetze ich jetzt nicht!) oder ein Begriff aus der Natur war (Björn = Bär, Ek = Eiche, Lilja = Lilie – mir drängt sich der Gedanke auf, dass diese Begriffe Stellvertreter für die direkte Benennung einer Eigenschaft waren: Björn = stark, Ek = standhaft und Lilja = schön?). Alternativ bot es sich auch an, die Soldaten nach geografischen Besonderheiten ihrer Herkunftsorte zu bennen: Holm (= Insel), Ström (= Fluss), Berg. So konnten im Kampfgetümmel individuelle Befehle gegeben werden, ohne dass sich gleich das halbe Regiment angesprochen fühlte. Schied ein Soldat jedoch aus der Armee aus, so gab er auch seinen Soldatennamen ab, vererbte ihn an seinen Nachfolger und benutzte fortan wieder seinen Vaternamen.

Erst 1901 wurde in Schweden eine Verordnung über das Führen von Nachnamen erlassen. Hatte man noch keinen vererbten Namen, so wählte man häufig einen Soldatennamen, den irgendein Vorfahr getragen hatte – daher begegnet man auch heute noch vielen Trägern solcher Namen wie Lindgren (= Lindenast). Aber es war auch weiterhin gestattet, ein Patronym zu wählen. Diese Möglichkeit wurde erst 1966 aufgehoben und seitdem erben alle Schweden den Nachnamen ihrer Eltern.

Diese kleine schwedische Namensgeschichte erklärt also die Tatsache, warum für einen Deutschen der ideale Schwede Sven Svensson heißt und warum sogar die Schweden genau diesen zu ihrem Max Mustermann erkoren haben und warum ihr Otto Normalverbraucher Medelsvensson* (= Mittelsvensson) genannt wird. Immerhin hat in Schweden jeder Dritte einen Nachnamen, der auf -son endet und knapp über 100.000 der 9,4 Millionen Schweden heißen tatsächlich Svensson. Dieser Name liegt aber gerade einmal auf Platz 9 der Statistik, die von Johansson (258.785) und Andersson (257.994) angeführt wird. Jeweils fast 3 % aller Schweden tragen also einen dieser Namen! Die deutschen Müllers hingegen bringen es gerade einmal auf 1,5 %. Lindberg, der erste Nicht-son, liegt in der schwedischen Rangliste der häufigsten Nachnamen dann erst auf Platz 17.

Und auch als Vorname ist Sven nicht so beliebt, wie man annehmen könnte. Zur Zeit tragen nur ca. 115.000 Schweden diesen Namen, womit er Platz 15 belegt. Angeführt wird die Namensliga nämlich vom urdeutschen Karl und von Erik, die Namen von jeweils ca. 7 % der männlichen Bevölkerung. Die Tatsache, dass immerhin ca. 2,5 Promille der Männer Karl Karlsson und 2,2 Promille Erik Eriksson heißen, ist somit nicht weiter verwunderlich. Und auch bei den Frauen gibt es eindeutige Favoriten: Fast jede zehnte Schwedin heißt Maria und beinahe 8% heißen Elisabeth.

Als letztes soll noch unsere eigene Einordnung in die schwedische Gesellschaft folgen: Sowohl Annika als auch Jonas liegen auf Platz 41 der häufigsten Vornamen in Schweden – ein Zeichen…?

* Nachtrag:

Heute morgen bin ich noch auf eine sehr lustige Broschüre über die Medelsvenssons gestoßen, herausgegeben vom Statistiska centralbyrå. Leider ist das pdf anscheinend nicht mehr direkt über die Website zu erreichen, weshalb ich sie jetzt hier unter Verweis auf die Quelle direkt zum Download bereitstelle. Was man aber über die Suchfunktion findet ist Tio-i-topp (= Top ten), 23 Seiten unterhaltsame Statistik über Schweden, in denen auch eine aktuelle Version über die Medelsvenssons zu finden ist.

Von Imkern, Abstinenzlern und Sindibads Frauen – Vereinsleben in Ale


Nein, das sind nicht unsere Mülltonnen! Der 5. Briefkasten von links ist unserer...

In unserem Brevlåda – also dem echten, offline – landen immer wieder ein paar unterhaltsame, schöne, spannende, nützliche oder auch völlig unnütze Dinge. Zu den nützlichen Dingen gehören Briefe wie z.B. der von der Telia, dass wir ab heute einen Festnetzanschluss und superschnelles und stabiles Internet haben. Spannender ist es aber, wenn Post von irgendwelchen Kreditupplysningsfirmen (wörtl.: Kreditbeleuchtung) kommt, weil mal wieder jemand unsere Kreditwürdigkeit überprüft hat, denn dadurch erfahren wir dann auch mal selbst, was diese Firmen eigentlich über uns wissen. (Ich habe keine Ahnung, welche Daten die Schufa in Deutschland über mich gespeichert hat.) Zu den schönen Dingen gehören Geburtstags- und Carepakete aus Deutschland mit Eszet-Schnitten. Zu den unnützen gehören die Werbezeitungen von den umliegenden Bau- und Supermärkten, die wir hier kiloweise kriegen. Und zu den unterhaltsamen Dingen gehören die Gemeindeinformationen wie z.B. der Alekurir oder der aktuelle Auszug aus dem Vereinsregister.

Nicht, dass es das Vereinsregister nicht auch online gäbe und die Schweden nicht ohnehin viel sparsamer wären, was Snailmail angeht, wenn man etwas auch per Email erledigen kann; aber das Vereinsregister scheint etwas wirklich Wichtiges zu sein. Als achtseitige Hochglanzbroschüre im Vierfarbdruck kommt dieser Fritidsguide (Freizeitguide) daher. Im Vorwort bezeichnet man Schweden stolz als das Land der Vereine, danach folgen über 200 Vereine samt Kontaktadressen. Nutzerfreundlich alphabetisch nach Themen sortiert, findet man unter der Rubrik Sport die Klassiker Fußball, Basketball, Handball, Karate, Reiten, Golf, Schach, Armbrustschießen, Innebandy und noch einiges mehr. Das Fischen ist eine eigene Rubrik und listet unter anderem Sportfischer, Fliegenfischer, Fischzüchter und Lachsfischer auf. Wenn man dann vom Angeln in der Kälte Rheuma bekommt oder erst gar keinen Fisch isst, weil man allergisch ist, so bieten sich der örtliche Rheumatiker- oder Allergikerclub an. Vielleicht bewahrt einen das Angeln ja aber auch vor einer Mitgliedschaft im Herz-Lungenkranken- oder dem Diabetikerverein. Und möglicherweise befruchten sich die Anglervereine und die drei Nachtwanderclubs gegenseitig in ihrer Arbeit, weil nachts die Fische besser beißen.

Nach der Rubrik Idrott (Sport) folgt Kultur. Auch hier gibt es Bekanntes wie Theatergruppe, Bibliotheksfreunde und Heimat- und Gesangsverein, aber auch Ahnenforscher, diverse Volkstanzgruppen, einen Patchwork- und Quiltclub, das Blasorchester „Lärm“ (ob das die Jugendabteilung des Vereins der Hörgeschädigten ist?) und einen nicht weiter definierten Club namens „Surte Swingers“ (Surte ist ein Ort hier in der Nähe).

Weiter gehts im Alphabet, wir sind inzwischen bei N wie Nykterhetsföreningar („Nüchternheitsvereine“) angelangt. Die Abstinenzbewegung scheint hier noch sehr aktiv zu sein, wenn die Nykterhetsföreningar sogar eine eigene Rubrik bekommen. Puuuh… schnell weiter…

P wie Pensionärsföreningar, Rentnerclubs also. Wenn jeder Mensch nur in einem Club Mitglied sein dürfte, dann gäbe es in Ale mehr Rentner als Nüchterne, aber wahrscheinlich gibts da eine ziemlich große Schnittmenge. Keine Schnittmenge dürfte es hingegen zwischen Rentnern und dem einzigen politischen Verein, dem Christdemokratischen Jugendclub geben. Wie? Nur ein politischer Verein? Vielleicht werden die politischen Ortsvereine hier nicht im Vereinsregister geführt, anders kann ich mir das nicht erklären.

Vorletzte Rubrik: Religiöse Vereine. Hier findet man jede Menge freikirchliche und/oder Erweckungsgemeinden (wir erinnern uns an die Abstinenzler…), Bibelkreise und einen religiösen Studienverbund (was auch immer das sein mag), aber auch einen Islamisch-bosniakischen Verein.

Der letzte Buchstabe im schwedischen Alphabet ist Ö wie Övriga föreningar. Hier wird’s nochmal bunt: Jagdpfleger, Modellbauflieger, Schäferhundzüchter, Pfadfinder, Raketenbauer, Hundesportler und Imker sind ebenso vertreten wie das Frauenhaus, Heimwerker, Jugoslaven, Hobbyweber, Fotografen, Bootseigner, Rotes Kreuz, Naturschützer und „Sindibads Frauen“. Fragt mich nicht, was die machen. Ich kann mir unter diesem Namen ja viel vorstellen, aber nichts davon will so richtig in mein Bild von der schwedischen Gesellschaft passen…

Und wo passen wir dazu? Letzten Sonntag haben wir uns eine der Volkstanzgruppen angeschaut, weil mich das interessiert hat. Hatte aber eher was von Seniorentanztee und obwohl alle furchtbar nett zu uns waren, gehen wir da wohl nicht wieder hin. Was wir im Vereinsregister unserer Kommune wirklich vermissen, ist ein ordentlicher Kammerchor, der etwas anderes als Gottesdienste oder Gospel/Pop macht, aber das ist eine andere Geschichte.

Ulkig ist übrigens das Titelblatt des Ale fritidsguide: eine der wenigen Tätigkeiten, die man in Schweden ja wirklich gut ohne Vereinszugehörigkeit ausüben kann, ist, an den nächsten See zu gehen und die Seele baumeln zu lassen. Und was zeigt die Titelseite…?

Wie man in Schweden ein Konto eröffnet


Digipass

1. Man suche im WWW nach der Bank mit den günstigsten Konditionen und den niedrigsten Kontoführungsgebühren (für uns war das die SEB).

2. Man gehe am Freitagnachmittag in eine Filiale, ziehe eine Nummer, gehe an einen der beiden Schalter, nenne sein Anliegen und seine Personnummer und weise sich aus.

3. Man lasse die Bankangestellte* 20 Minuten mit ihrem Vorgesetzten telefonieren und blockiere dadurch 50% der Service-Kapazität der Filiale (keine Sorge, alle Beteiligten nehmen das mit sehr viel Ruhe hin).

4. Man erkläre, dass man Student oder arbeitssuchend ist und (noch) kein festes Einkommen hat.

5. Man unterschreibe den Vertrag.

Ergebnis: Innerhalb einer Woche werden Bankcard, PIN-Nummer und ein Digipass fürs Onlinebanking zugeschickt. Easy, oder?

PS: Wichtig: Schritt 4 nach Schritt 3!

*Achtung, Bassistenwitz: Bank-Angestellte auf Schwedisch? Öre-Göre…

Sfi – Svenska för invandrare


Als Einwanderer in Deutschland kann man ziemlich viel Geld für Sprachkurse lassen, wenn man ihn bei einer privaten Sprachschule macht. (Das meiste Geld dabei verdient die Sprachschule, nicht der Sprachlehrer, denn der wird üblicherweise nur auf Honorarbasis bezahlt und das Einstiegsniveau liegt bei 11-12€/45 min für jemanden der sein Fach studiert hat und frisch von der Uni kommt.) Wenn man nicht gerade mit einem dicken Geldbeutel gesegnet ist und sich Einzel- oder Kleingruppenunterricht leisten kann, sitzen in diesem Sprachkurs Menschen mit riesigen Bildungsunterschieden nebeneinander. Die iranische Ärztin neben dem kasachischen Gebrauchtwagenhändler, der chinesische Ingenieur neben der chilenischen Reinigungskraft, der Arabisch-Englisch-Dolmetscher neben dem Flüchtling aus Somalia, der gerade den Alfabetisierungskurs abgeschlossen hat. Die Aufzählung mag klischeehaft klingen, habe ich aber tatsächlich mal so in einem Sprachkurs gehabt. Und weitere 19 Schüler.

Sfi-Schema (Quelle: skolverket.se)

Der schwedische Staat verpflichtet seine Kommunen, jedem Einwanderer kostenlosen Sprachunterricht, sogenannte Sfi-Kurse zu gewähren. Dabei gibt es drei Schienen (Sfi 1/2/3), die das Lernvermögen nach Grad des Schulabschlusses der Schüler berücksichtigen. Sfi 1 ist für Menschen mit wenig bis gar keiner Schulbildung und Analphabeten, Sfi 3 für Menschen mit 12 oder mehr Jahren Schulbildung. Jede Kursschiene ist wiederum in zwei Teilkurse aufgeteilt, jeweils in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs. Aber auch, wenn man als Analphabet mit Kurs A anfängt, darf man bis Kurs D weiterlernen, dauert dann eben länger, aber das ist den Schweden egal.

Für Sfi kann man sich anmelden, sobald man eine Personnummer hat. Also war ich gleich noch letzten Freitag bei Komvux, so heißt hier in Ale die kommunale Einrichtung für Erwachsenenbildung. Weil gerade Semesterstart ist, war am Montag direkt die Info-Veranstaltung dazu. Zusammen mit etwa 25 anderen Menschen, die überwiegend aus Asien und arabischen Ländern stammten, soweit ich das von Aussehen und Namen her beurteilen konnte, ließ ich mich also von Anna, der Schwedischlehrerin belehren, dass ich Wörterbuch, Stift und Papier im Kurs brauche und erhielt mein Kursbuch. Die letzte Lektion darin behandelte die Wochentage. Ich sah mich schon im falschen Film, weil ich doch schon eine Weile über dieses Stadium raus bin, da beendete Anna die Veranstaltung auch schon wieder, bat aber mich und fünf andere, noch zu bleiben. Bei uns war sie sich nicht sicher, ob wir in diesem Kurs richtig seien. Sie fragte dann jeden von uns, ob und wo wir schon Schwedisch gelernt hatten und nachdem ich dann meine Schwedischbiografie aufgesagt hatte, schaute sie mich bestürzt an und meinte, ich dürfe gar nicht an Sfi teilnehmen. Mir sank das Herz in die Hose – kein Schwedischkurs? Dann bat sie mich, mich etwas abseits zu setzen und einen ausformulierten Lebenslauf zu schreiben, während sie die anderen Fälle durchging. Als die anderen dann alle schon weg waren, las sie sich mein Geschreibsel durch und schüttelte den Kopf: „Kein Sfi… du gehst direkt in Schwedisch als Zweitsprache.“

Svenska som andraspråk – Schwedisch als Zweitsprache

Svenska som andraspråk (SAS) besteht aus drei Stufen (Grund, A und B) und soll drei Jahre dauern, wobei eine bestandene Prüfung in SAS Grund dem schwedischen Grundschulabschluss nach der 9. Klasse entspricht und SAS B gleichbedeutend mit der schwedischen Abiturprüfung oder TISUS ist. Grund und B werden jeweils mit einer nationalen Zentralprüfung abgeschlossen. Ich war ein bisschen stolz, direkt so hoch eingestuft zu werden, gleichzeitig heißt es aber auch, dass ich weniger Unterricht bekomme und mehr zuhause machen muss. Wie es aussieht, habe ich zweimal die Woche 100 Minuten Unterricht und es werden zusätzlich 2-3 Stunden tägliches Selbststudium vorausgesetzt. Und wenn man ganz besonders fleißig ist, darf man die Prüfung für Grund auch schon nach einem halben Jahr machen, also im Februar. Dann muss man sich allerdings die Inhalte des zweiten Halbjahres selbstständig aneignen. Ist ja klar, was jetzt mein Ziel ist…

Ein schönes Fleckchen zum Lesen...
Ein schönes Fleckchen zum Lesen...

Im Kurs arbeiten wir natürlich an Grammatik und Wortschatz, aber wir werden auch mehrere Bücher lesen und vorstellen, die wir aus einer Liste auswählen dürfen. Ich war gestern gleich in der Bibliothek und habe meinen ersten schwedischen Henning Mankell auch schon halb durch. Wenn Annas Unterricht so ist, wie ihre Erwartungen, die sie uns schriftlich mitgegeben hat, dann wird das nächste halbe Jahr super. Und super anstrengend. Wir sollen natürlich ganz viel lesen, aber auch viel fernsehen und Radio hören. Damit kann ich leben… Deswegen habe ich auch den gestrigen Nachmittag in der Sonne am Göta Älv gesessen und – gelesen.

Mein gestriger Besuch bei der Arbeitsvermittlung war auch ganz erfreulich. Noch kein Job, aber Perspektiven. Zumindest  war der Arbeitsvermittler einigermaßen entsetzt, als ich gesagt habe, zur Not würde ich auch Burger bei McDoof einpacken oder Briefe austragen. „Aber warum denn, du hast doch studiert! Da nimmst du doch anderen den Job weg, die wirklich nichts anderes machen können.“ Das find ich gut, das seh ich nämlich eigentlich auch so.

Zum Schluss: das Wetter.

...und ein anderes zum Reinspringen!

Als Einwanderer in Schweden hat man aber nicht nur Anrecht auf Sprachkurse, sondern auch die Möglichkeit, abends in einen schönen See zu springen. Auch wenn sich die Anzeichen des nahenden Herbstes langsam nicht mehr ignorieren lassen, machen wir davon nach wie vor Gebrauch. Tagsüber ist es zwar noch wunderbar warm, aber nachts wird es doch empfindlich kalt, deshalb ist unser See inzwischen auf 16°C abgekühlt. Egal, damit war er gestern Abend immer noch vier Grad wärmer als die Luft… :-)

Maestro – Schweden sucht den Superdirigenten


Vor ein paar Tagen haben wir mal spaßeshalber unseren Fernseher in die vorhandenen Steckdosen eingestöpselt, uns aber eigentlich nicht viel davon versprochen. Doch siehe da, wir haben tatsächlich ein paar Programme, welche die Telia, das schwedische Pendant zur Telekom, uns anscheinend kostenlos zur Verfügung stellt. Dazu zählen SVT 1 und SVT 2, die als staatliche Sender vom Status her vergleichbar sind mit ARD und ZDF. Außerdem gibt es einen Sender, der den ganzen Tag ausschließlich Opern- und Konzertmitschnitte zeigt, einen Kinderkanal und zwei oder drei weitere Sender, deren Programmschwerpunkte sich uns noch nicht vollständig offenbart haben, weil jeder einzelne sich irgendwo zwischen Pro 7, Discovery Channel und arte bewegt. Ach ja, und wir haben Eurosport. Danke dafür…

Die Öffentlich-Rechtlichen: Nachrichten und Dokus

Auffällig ist, dass es auf allen diesen Sendern kaum Spielfilme gibt, weder schwedische noch internationale, die scheinen auf anderen Programmen zu laufen. Dafür gibt es gefühlt 30 Minuten pro Stunde irgendwelche Nachrichten: lokale, regionale, nationale, Wetter-, Sport-, Promi- und Kulturnachrichten. Wenig Börse, wenig Internationales. Auch amerikanische Serien, Seifenopern, oder Talkshows (sowohl „Anne Will“ als auch Krawalltalk) muss man auf unseren Sendern lange suchen. Dafür gibt es „Wer weiß am meisten?“, das Sendungskonzept wird im Untertitel mit frågesport umschrieben.
(Klammer auf: Bevor hier ein falscher Verdacht aufkommt: nein, wir sitzen nicht den ganzen Tag vor der Kiste, sondern ich beziehe mein wohlrecherchiertes Halbwissen gerade überwiegend aus dem Studium der Homepage von SVT :-) Klammer zu.)

Und es gibt Unmengen von schwedischen, englischen und amerikanischen Reportagen über menschliche Einzelschicksale, schwedische Geschichte, fremde Landschaften, Länder, Kulturen und Tierwelten sowie massenweise Magazine zu den Themen Gartenpflege, Inneneinrichtung und Essenszubereitung. Und: Maestro.

Chorleitungsunterricht als Bildungsfernsehen für die breite Masse

Maestro ist irgendwas zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ für Promis und meinen ersten Semestern Dirigierunterricht. Das Konzept ist schlicht: sechs schwedische Prominente – eine Comedienne, eine Popsängerin, eine Kinderbuchautorin, ein Nachrichtensprecher vom Typ „Ulrich Wickert“, ein Kampfsportler und ein Schauspieler (ich kannte sie allesamt nicht) – werden innerhalb von sechs Wochen zu Dirigenten „ausgebildet“ und am Ende jeder Woche schickt eine Jury den oder die Schlechteste nach Hause. Vom ersten Teil haben wir nur die letzten Minuten gesehen, aber uns schon köstlich amüsiert. Heute war Teil 2: Chorleitung. Die komplette Folge kann man sich auf SVT.se drei Wochen lang online anschauen (ist auch ohne Schwedischkenntnisse über weite Strecken unterhaltsam).

Zu Beginn der Woche erhielt jeder Kandidat ein anspruchsvolles Chorstück, welches am Ende der Woche mit dem Schwedischen Rundfunkchor aufgeführt werden sollte. Dazu der Moderator: „Ich will euch nicht nervös machen, aber das ist der beste Chor der Welt.“ (Das ist tatsächlich keine Übertreibung, der Chor wurde über 30 Jahre lang von Eric Ericson, dem Chorleiter schlechthin geleitet.) Die Kamera begleitete die Kandidaten dann die Woche über, wie sie Unterricht in Schlagtechnik, Stimmbildung, Körperschulung und Rhythmik bei Professoren an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm erhielten. Und ich war ernsthaft überrascht, wieviele Elemente daraus ich in meinem Studium tatsächlich auch so erlebt habe. Zum Beispiel im Wasser zu dirigieren, um das „Wedeln“ zu verlieren und ein Gefühl für Klanggewicht zu bekommen. (Auch wenn ich manchmal dachte „gut, dass jetzt kein Außenstehender zuschaut“, wenn ich in chorischer Stimmbildung mit der Zunge am linken oberen Backenzahn auf einem Bein stehend mit den Armen fuchtelnd Vibratoübungen gemacht habe). Als „Probenopfer“ wurden Schul- und Kirchenchöre herangezogen, die die Stücke ohne störenden Möchtegern-Dirigenten wahrscheinlich genauso oder besser gesungen hätten. Aber egal. Großartig war dann die zweite Hälfte dieser Doku (ab Min. 34:30), als schließlich der Rundfunkchor dirigiert wurde. Gnadenlos ehrlich hat dieser Chor jeden Wedler der Kandidaten 1:1 umgesetzt, einschließlich unfreiwilliger Crescendi, Tempo- und Taktwechsel. So gelacht haben wir selten.

In der Jury saßen eine Chorleitungsprofessorin, der königliche Hoforganist sowie ein weiterer Chorleiter. Die Beurteilungen fielen – wie nicht anders zu erwarten – bei allen Kandidaten freundlich und zurückhaltend aus: „Ich glaube, sie hatte ein wenig Schwierigkeiten, das Tempo zu halten“, so eine Sängerin über die Kandidatin ab 37:15. Und den Profis hat man den Drang, während des Stücks zu lachen, wirklich fast nicht angesehen.

Singender Thaiboxer mit Fremdschämfaktor – aber kein Dieter Bohlen

Insgesamt fand ich diese Sendung jedoch trotz des hochtrabenden Titels erfreulich realitätsnah. Man hätte auch ein „Best of“ der peinlichsten Augenblicke der Woche daraus machen können (z.B. den singenden Thaiboxer in Endlosschleife) und eine misanthropische Jury hinsetzen können, die sich am liebsten selbst im Mittelpunkt sieht. Aber gar nicht. Vielmehr hat das schwedische Fernsehen hier auf eine unterhaltsame Weise gezeigt, wie an Musikhochschulen tatsächlich unterrichtet wird – zumindest manchmal. Auch wenn es natürlich lächerlich ist, dass in der Mensa eine Orgel steht, bzw. im Orgelsaal das Mittagessen serviert wird (ca. Min. 13:00). Das gibts noch nicht mal in Schweden…