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Sfi – Svenska för invandrare


Als Einwanderer in Deutschland kann man ziemlich viel Geld für Sprachkurse lassen, wenn man ihn bei einer privaten Sprachschule macht. (Das meiste Geld dabei verdient die Sprachschule, nicht der Sprachlehrer, denn der wird üblicherweise nur auf Honorarbasis bezahlt und das Einstiegsniveau liegt bei 11-12€/45 min für jemanden der sein Fach studiert hat und frisch von der Uni kommt.) Wenn man nicht gerade mit einem dicken Geldbeutel gesegnet ist und sich Einzel- oder Kleingruppenunterricht leisten kann, sitzen in diesem Sprachkurs Menschen mit riesigen Bildungsunterschieden nebeneinander. Die iranische Ärztin neben dem kasachischen Gebrauchtwagenhändler, der chinesische Ingenieur neben der chilenischen Reinigungskraft, der Arabisch-Englisch-Dolmetscher neben dem Flüchtling aus Somalia, der gerade den Alfabetisierungskurs abgeschlossen hat. Die Aufzählung mag klischeehaft klingen, habe ich aber tatsächlich mal so in einem Sprachkurs gehabt. Und weitere 19 Schüler.

Sfi-Schema (Quelle: skolverket.se)

Der schwedische Staat verpflichtet seine Kommunen, jedem Einwanderer kostenlosen Sprachunterricht, sogenannte Sfi-Kurse zu gewähren. Dabei gibt es drei Schienen (Sfi 1/2/3), die das Lernvermögen nach Grad des Schulabschlusses der Schüler berücksichtigen. Sfi 1 ist für Menschen mit wenig bis gar keiner Schulbildung und Analphabeten, Sfi 3 für Menschen mit 12 oder mehr Jahren Schulbildung. Jede Kursschiene ist wiederum in zwei Teilkurse aufgeteilt, jeweils in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs. Aber auch, wenn man als Analphabet mit Kurs A anfängt, darf man bis Kurs D weiterlernen, dauert dann eben länger, aber das ist den Schweden egal.

Für Sfi kann man sich anmelden, sobald man eine Personnummer hat. Also war ich gleich noch letzten Freitag bei Komvux, so heißt hier in Ale die kommunale Einrichtung für Erwachsenenbildung. Weil gerade Semesterstart ist, war am Montag direkt die Info-Veranstaltung dazu. Zusammen mit etwa 25 anderen Menschen, die überwiegend aus Asien und arabischen Ländern stammten, soweit ich das von Aussehen und Namen her beurteilen konnte, ließ ich mich also von Anna, der Schwedischlehrerin belehren, dass ich Wörterbuch, Stift und Papier im Kurs brauche und erhielt mein Kursbuch. Die letzte Lektion darin behandelte die Wochentage. Ich sah mich schon im falschen Film, weil ich doch schon eine Weile über dieses Stadium raus bin, da beendete Anna die Veranstaltung auch schon wieder, bat aber mich und fünf andere, noch zu bleiben. Bei uns war sie sich nicht sicher, ob wir in diesem Kurs richtig seien. Sie fragte dann jeden von uns, ob und wo wir schon Schwedisch gelernt hatten und nachdem ich dann meine Schwedischbiografie aufgesagt hatte, schaute sie mich bestürzt an und meinte, ich dürfe gar nicht an Sfi teilnehmen. Mir sank das Herz in die Hose – kein Schwedischkurs? Dann bat sie mich, mich etwas abseits zu setzen und einen ausformulierten Lebenslauf zu schreiben, während sie die anderen Fälle durchging. Als die anderen dann alle schon weg waren, las sie sich mein Geschreibsel durch und schüttelte den Kopf: „Kein Sfi… du gehst direkt in Schwedisch als Zweitsprache.“

Svenska som andraspråk – Schwedisch als Zweitsprache

Svenska som andraspråk (SAS) besteht aus drei Stufen (Grund, A und B) und soll drei Jahre dauern, wobei eine bestandene Prüfung in SAS Grund dem schwedischen Grundschulabschluss nach der 9. Klasse entspricht und SAS B gleichbedeutend mit der schwedischen Abiturprüfung oder TISUS ist. Grund und B werden jeweils mit einer nationalen Zentralprüfung abgeschlossen. Ich war ein bisschen stolz, direkt so hoch eingestuft zu werden, gleichzeitig heißt es aber auch, dass ich weniger Unterricht bekomme und mehr zuhause machen muss. Wie es aussieht, habe ich zweimal die Woche 100 Minuten Unterricht und es werden zusätzlich 2-3 Stunden tägliches Selbststudium vorausgesetzt. Und wenn man ganz besonders fleißig ist, darf man die Prüfung für Grund auch schon nach einem halben Jahr machen, also im Februar. Dann muss man sich allerdings die Inhalte des zweiten Halbjahres selbstständig aneignen. Ist ja klar, was jetzt mein Ziel ist…

Ein schönes Fleckchen zum Lesen...
Ein schönes Fleckchen zum Lesen...

Im Kurs arbeiten wir natürlich an Grammatik und Wortschatz, aber wir werden auch mehrere Bücher lesen und vorstellen, die wir aus einer Liste auswählen dürfen. Ich war gestern gleich in der Bibliothek und habe meinen ersten schwedischen Henning Mankell auch schon halb durch. Wenn Annas Unterricht so ist, wie ihre Erwartungen, die sie uns schriftlich mitgegeben hat, dann wird das nächste halbe Jahr super. Und super anstrengend. Wir sollen natürlich ganz viel lesen, aber auch viel fernsehen und Radio hören. Damit kann ich leben… Deswegen habe ich auch den gestrigen Nachmittag in der Sonne am Göta Älv gesessen und – gelesen.

Mein gestriger Besuch bei der Arbeitsvermittlung war auch ganz erfreulich. Noch kein Job, aber Perspektiven. Zumindest  war der Arbeitsvermittler einigermaßen entsetzt, als ich gesagt habe, zur Not würde ich auch Burger bei McDoof einpacken oder Briefe austragen. „Aber warum denn, du hast doch studiert! Da nimmst du doch anderen den Job weg, die wirklich nichts anderes machen können.“ Das find ich gut, das seh ich nämlich eigentlich auch so.

Zum Schluss: das Wetter.

...und ein anderes zum Reinspringen!

Als Einwanderer in Schweden hat man aber nicht nur Anrecht auf Sprachkurse, sondern auch die Möglichkeit, abends in einen schönen See zu springen. Auch wenn sich die Anzeichen des nahenden Herbstes langsam nicht mehr ignorieren lassen, machen wir davon nach wie vor Gebrauch. Tagsüber ist es zwar noch wunderbar warm, aber nachts wird es doch empfindlich kalt, deshalb ist unser See inzwischen auf 16°C abgekühlt. Egal, damit war er gestern Abend immer noch vier Grad wärmer als die Luft… :-)

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Maestro – Schweden sucht den Superdirigenten


Vor ein paar Tagen haben wir mal spaßeshalber unseren Fernseher in die vorhandenen Steckdosen eingestöpselt, uns aber eigentlich nicht viel davon versprochen. Doch siehe da, wir haben tatsächlich ein paar Programme, welche die Telia, das schwedische Pendant zur Telekom, uns anscheinend kostenlos zur Verfügung stellt. Dazu zählen SVT 1 und SVT 2, die als staatliche Sender vom Status her vergleichbar sind mit ARD und ZDF. Außerdem gibt es einen Sender, der den ganzen Tag ausschließlich Opern- und Konzertmitschnitte zeigt, einen Kinderkanal und zwei oder drei weitere Sender, deren Programmschwerpunkte sich uns noch nicht vollständig offenbart haben, weil jeder einzelne sich irgendwo zwischen Pro 7, Discovery Channel und arte bewegt. Ach ja, und wir haben Eurosport. Danke dafür…

Die Öffentlich-Rechtlichen: Nachrichten und Dokus

Auffällig ist, dass es auf allen diesen Sendern kaum Spielfilme gibt, weder schwedische noch internationale, die scheinen auf anderen Programmen zu laufen. Dafür gibt es gefühlt 30 Minuten pro Stunde irgendwelche Nachrichten: lokale, regionale, nationale, Wetter-, Sport-, Promi- und Kulturnachrichten. Wenig Börse, wenig Internationales. Auch amerikanische Serien, Seifenopern, oder Talkshows (sowohl „Anne Will“ als auch Krawalltalk) muss man auf unseren Sendern lange suchen. Dafür gibt es „Wer weiß am meisten?“, das Sendungskonzept wird im Untertitel mit frågesport umschrieben.
(Klammer auf: Bevor hier ein falscher Verdacht aufkommt: nein, wir sitzen nicht den ganzen Tag vor der Kiste, sondern ich beziehe mein wohlrecherchiertes Halbwissen gerade überwiegend aus dem Studium der Homepage von SVT :-) Klammer zu.)

Und es gibt Unmengen von schwedischen, englischen und amerikanischen Reportagen über menschliche Einzelschicksale, schwedische Geschichte, fremde Landschaften, Länder, Kulturen und Tierwelten sowie massenweise Magazine zu den Themen Gartenpflege, Inneneinrichtung und Essenszubereitung. Und: Maestro.

Chorleitungsunterricht als Bildungsfernsehen für die breite Masse

Maestro ist irgendwas zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ für Promis und meinen ersten Semestern Dirigierunterricht. Das Konzept ist schlicht: sechs schwedische Prominente – eine Comedienne, eine Popsängerin, eine Kinderbuchautorin, ein Nachrichtensprecher vom Typ „Ulrich Wickert“, ein Kampfsportler und ein Schauspieler (ich kannte sie allesamt nicht) – werden innerhalb von sechs Wochen zu Dirigenten „ausgebildet“ und am Ende jeder Woche schickt eine Jury den oder die Schlechteste nach Hause. Vom ersten Teil haben wir nur die letzten Minuten gesehen, aber uns schon köstlich amüsiert. Heute war Teil 2: Chorleitung. Die komplette Folge kann man sich auf SVT.se drei Wochen lang online anschauen (ist auch ohne Schwedischkenntnisse über weite Strecken unterhaltsam).

Zu Beginn der Woche erhielt jeder Kandidat ein anspruchsvolles Chorstück, welches am Ende der Woche mit dem Schwedischen Rundfunkchor aufgeführt werden sollte. Dazu der Moderator: „Ich will euch nicht nervös machen, aber das ist der beste Chor der Welt.“ (Das ist tatsächlich keine Übertreibung, der Chor wurde über 30 Jahre lang von Eric Ericson, dem Chorleiter schlechthin geleitet.) Die Kamera begleitete die Kandidaten dann die Woche über, wie sie Unterricht in Schlagtechnik, Stimmbildung, Körperschulung und Rhythmik bei Professoren an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm erhielten. Und ich war ernsthaft überrascht, wieviele Elemente daraus ich in meinem Studium tatsächlich auch so erlebt habe. Zum Beispiel im Wasser zu dirigieren, um das „Wedeln“ zu verlieren und ein Gefühl für Klanggewicht zu bekommen. (Auch wenn ich manchmal dachte „gut, dass jetzt kein Außenstehender zuschaut“, wenn ich in chorischer Stimmbildung mit der Zunge am linken oberen Backenzahn auf einem Bein stehend mit den Armen fuchtelnd Vibratoübungen gemacht habe). Als „Probenopfer“ wurden Schul- und Kirchenchöre herangezogen, die die Stücke ohne störenden Möchtegern-Dirigenten wahrscheinlich genauso oder besser gesungen hätten. Aber egal. Großartig war dann die zweite Hälfte dieser Doku (ab Min. 34:30), als schließlich der Rundfunkchor dirigiert wurde. Gnadenlos ehrlich hat dieser Chor jeden Wedler der Kandidaten 1:1 umgesetzt, einschließlich unfreiwilliger Crescendi, Tempo- und Taktwechsel. So gelacht haben wir selten.

In der Jury saßen eine Chorleitungsprofessorin, der königliche Hoforganist sowie ein weiterer Chorleiter. Die Beurteilungen fielen – wie nicht anders zu erwarten – bei allen Kandidaten freundlich und zurückhaltend aus: „Ich glaube, sie hatte ein wenig Schwierigkeiten, das Tempo zu halten“, so eine Sängerin über die Kandidatin ab 37:15. Und den Profis hat man den Drang, während des Stücks zu lachen, wirklich fast nicht angesehen.

Singender Thaiboxer mit Fremdschämfaktor – aber kein Dieter Bohlen

Insgesamt fand ich diese Sendung jedoch trotz des hochtrabenden Titels erfreulich realitätsnah. Man hätte auch ein „Best of“ der peinlichsten Augenblicke der Woche daraus machen können (z.B. den singenden Thaiboxer in Endlosschleife) und eine misanthropische Jury hinsetzen können, die sich am liebsten selbst im Mittelpunkt sieht. Aber gar nicht. Vielmehr hat das schwedische Fernsehen hier auf eine unterhaltsame Weise gezeigt, wie an Musikhochschulen tatsächlich unterrichtet wird – zumindest manchmal. Auch wenn es natürlich lächerlich ist, dass in der Mensa eine Orgel steht, bzw. im Orgelsaal das Mittagessen serviert wird (ca. Min. 13:00). Das gibts noch nicht mal in Schweden…

Der hellerleuchtete Bürger


Mein Elternhaus steht in einem kleinen Dorf in Bayerisch-Schwaben. Meine Eltern, beide von der „Waterkant“ „Roig’schmeggde“ oder „Zuag’roisde“ (Reingeschmeckte oder Hinzugereiste) hatten – im Gegensatz zu unserer Nachbarschaft – nicht die Angewohnheit, abends nach Einbruch der Dunkelheit sofort die Jalousien zuzuziehen. In unserem Vierpersonenhaushalt führte das manchmal dazu, dass vier unserer Zimmer, die alle zur Straße hin ausgerichtet waren, gleichzeitig beleuchtet waren. Einmal kam abends Besuch, der im Dorf nach dem Weg fragte. Die Antwort lautete: „den Berg rauf, dann das hellerleuchtete Haus, können Sie gar nicht übersehen.“ Dazu muss man sagen, dass die Beschreibung „den Berg rauf“ auf mindestens 50 Häuser zutraf.

Geht man abends im Dunkeln durch unser Viertel hier, so gibt es eigentlich nur zwei Gründe, warum ein Fenster nicht erleuchtet ist: 1. dahinter ist die Waschküche und der Raum damit völlig uninteressant, weil die Einrichtung der Vermietungsfirma ohnehin überall die gleiche ist oder 2. es ist keiner zuhause – wobei letzteres nicht zwingend zu einem dunklen Fenster führt. Und Gardinen gibt es wenige, jedenfalls nicht vor, sondern allenfalls zur Deko neben den Fenstern. Im Gegenteil, man unterstützt den Einblick in Küche, Wohn- oder Schlafzimmer noch dadurch, dass man kleine Lampen ins Fenster stellt oder hängt, was von außen unglaublich gemütlich aussieht. Im Winter wird das bestimmt noch viel wichtiger sein, wenn es lange dunkel ist. Viele scheinen für die Fensterlampen sogar Zeitschaltuhren zu haben, denn auch, wenn die normale Zimmerbeleuchtung aus und niemand im Raum ist, brennt oft noch das Fensterlicht. Es scheint da in der schwedischen Lampenindustrie einen Zweig zu geben, der zumindest in Süddeutschland schnell pleite gehen würde. Auch in unserer Wohnung haben wir an jedem Fenster eine extra Lampensteckdose und seit vorgestern auch beleuchtete Fenster, wir haben extra ein paar Lampen im Second-Hand-Shop erstanden.

Billy oder Ivar? Kartoffeln oder Nudeln?

Dahinter steht wohl eine – uns sehr sympathische – „Wir-haben-nichts-zu-verbergen-Mentalität“. Ob ich abends fernsehe oder am Computer sitze, was es zum Abendessen gibt und ob ich im Wohnzimmer lieber Eichen- oder Kiefernmöbel habe, ist schließlich nichts, was mein Nachbar nicht wissen dürfte. Gleichzeitig gibt man sich größte Mühe, die eigene Neugier auf fremde Wohnzimmer nicht allzu deutlich zur Schau zu stellen. Einen offensichtlichen Blick in ein fremdes Haus zu werfen, den Kopf zu drehen oder gar stehenzubleiben, ist undenkbar, aber verschämt linsen, das geht schon, auch wenn jemand im Zimmer ist. Und bestimmt gucken die Schweden auch mal länger in Zimmer, die gerade leer sind. Ist ja auch nicht schlimm, man hat schließlich nichts zu verbergen.

Offentlighetsprincipen

Was im Kleinen richtig ist, kann im Großen nicht falsch sein: die schwedische Politik und Verwaltung funktionieren seit 1766 (!) nach dem Öffentlichkeitsprinzip, einem der Grundpfeiler des schwedischen Demokratieverständnisses. Prinzipiell stehen alle Akten und Verwaltungsdokumente jedem Bürger zur Einsicht bereit, ohne dass dafür ein besonderes Interesse daran nachgewiesen werden muss.  Zu diesen Dokumenten gehört natürlich auch das Melderegister. Und damit sind wir bei der großen Nachricht des Tages: Wir haben jetzt eine Personennummer und sind dadurch folkbokförd, also „volksbuchgeführt“. Obwohl es bei Antragstellung letzte Woche noch hieß, es würde mehrere Wochen dauern, bis wir die Nummer bekämen, ging es jetzt doch erstaunlich schnell. Damit können wir jetzt ein Konto eröffnen, Handy-/Internet-/Telefonverträge abschließen, kostenlos Schwedischkurse besuchen, ein Nutzerkonto bei der Bibliothek einrichten, eine schwedische ID-Karte (sowas Ähnliches wie ein Ausweis, aber das würde jetzt zu weit führen) beantragen, Noten im Internet bestellen, eine Steuererklärung machen, zum Arzt gehen, sich sozialversichern, und viele praktische und/oder lebensnotwendige Dinge mehr tun.

Die Nummer besteht aus dem Geburtsdatum und einer dreistelligen persönlichen Kennzahl (davon ist die letzte Ziffer für Frauen gerade und für Männer ungerade) und einer Prüfziffer, die sich höchst kompliziert aus den vorhergehenden Ziffern berechnet. Man muss sich also nur eine vierstellige Zahl merken.

Wer bin ich und wer sind meine Nachbarn?

Mein Alter und mein Geschlecht sind also in Zukunft kein Geheimnis mehr, wenn ich irgendwo meine Nummer angeben muss. Als ob ich jemals daraus ein Geheimnis gemacht hätte, aber egal. Spannend ist jedoch, was man mit der Nummer noch so machen kann. Auf der Seite www.ratsit.se kann man mit der Personennummer auch die Adresse der jeweiligen Person herausfinden. Oder umgekehrt. Ich kann die Adresse unserer Nachbarn eingeben und schauen, wie sie heißen (Monika und Per), wie alt sie sind (63 und 77) oder ob sie verheiratet sind (sind sie). Ich kann suchen, wieviele Menschen es in Schweden gibt, die den gleichen Nachnamen haben wie ich (es gibt noch einen in Stockholm) oder den gleichen Vornamen (38 602 in der gleichen Schreibweise, mit den Annicas, Anicas, etc. sind es 47 323). Ich kann rausfinden, wie alt die älteste Frau in Skepplanda ist (102) und dass sie an einem Freitag geboren wurde. Ich kann suchen, wieviele Schweden am selben Tag wie ich geboren sind (305) und kann feststellen, dass die meisten von ihnen noch nicht verheiratet sind. Und das sind nur die kostenlosen Funktionen dieser Website.

Das Leben der anderen

Wenn man bereit ist, dafür ein wenig zu zahlen, bekommt man auch eine Art Schufa-Auskunft, ein Kreditrating, Informationen zu Grundbesitz, das zu versteuernde Jahreseinkommen, und ein Lohnrating, mit dessen Hilfe man feststellen kann, ob andere Schweden im gleichen Alter/im gleichen Ort/der gleichen Kommune/der gleichen Län/in ganz Schweden durchschnittlich mehr oder weniger verdienen. Und das natürlich nicht nur für sich selbst, sondern für jeden, der eine schwedische Personennummer hat. Immerhin wird man wohl benachrichtigt, wenn jemand die kostenpflichtigen Daten über einen selbst abfragt. Verhindern kann man es jedoch nicht.

Ohne es genau zu wissen, vermute ich, dass es sich mit diesen Auskünften ähnlich verhält wie mit der Neugier auf fremde Wohnzimmer. Man gibt es nicht zu, aber man linst schon mal gerne ins Leben der anderen, wenn man sich unbemerkt glaubt.

Ich muss zugeben, dass sich das ein wenig komisch anfühlt, aber es gehört eben genauso zu Schweden wie rote Holzhäuschen und kanelbulle (Zimtschnecken). Deutschen Datenschützern dürfte sich hierbei wohl der Magen umdrehen. Aber ähnlich wie die Lichter in den Fenstern macht es mir Schweden irgendwie sympathisch, dass dieses Land und seine Einwohner nichts zu verbergen haben. Und schließlich habe ich meine ersten 19 Jahre in einem hellerleuchteten Haus gelebt.

Gartenarbeit


Unser Rasen will gemäht werden!

Neben einer Spülmaschine – wir berichteten bereits – haben wir mit unserem Haus auch einen kleinen Garten gemietet, welcher neben einigen Büschen, Blumen und Sträuchern vor allem aus Rasen besteht. Da es hier in Schweden mittlerweile doch sehr deutlich auf den Herbst zugeht, müssen wir uns mit den größeren Gewächsen hoffentlich nicht mehr beschäftigen, lediglich ein kleinerer Einsatz der Heckenschere könnte noch erforderlich werden. Anders sieht es jedoch mit den schnell wachsenden Gräsern aus: Zwar war der hiesige „Platzwart“ Per vor unserer Ankunft freundlicherweise noch einmal mit seinem Rasenmäher-Traktor über unsere Wiese gefahren, dieser eher grobe Schnitt ist aber mittlerweile rausgewachsen und nicht mehr mit unserer Golfrasen-Nachbarschaft kompatibel…

Die neuen Gartenhelfer

Bisher haben wir ja mitten in Karlsruhe gewohnt und die einzigen Außenanlagen, um die wir uns dort kümmern mussten, waren unsere von Tauben gerne als Toilette benutzten Fensterbänke und ein vielleicht zwei Quadratmeter messender Beton-Balkon – Gartenpflege gehörte folglich nicht zu unseren regelmäßigen Mieter-Pflichten, weshalb wir natürlich auch keinen Rasenmäher unser eigen nennen konnten. Unsere neue Grünfläche verlangte nun aber danach, gemäht zu werden, zumal für die nächsten Tage Schauer und Regen angesagt sind. Daher sind wir gestern schon nach Älvängen gefahren, wo wir bereits einen trädgårdsmaskin (Gartenmaschinen)-Händler ausgespäht hatten. Nachdem dieser uns sein Sortiment vorgestellt hatte, haben wir uns zu Hause noch einmal per Internet schlau gemacht und seit heute morgen sind wir nun stolze Besitzer einer Grundausrüstung für die Rasenpflege.

Da unser Budget zur Zeit sowieso schon recht strapaziert ist – so ein Umzug zieht doch immer wieder unerwartete Kosten nach sich – wollten wir nicht unnötig viel Geld ausgeben, denn wie wir mittlerweile wissen kann man auch an kleinen Gartengeräten sehr leicht sehr arm werden. Außerdem ist unser förråd (Schuppen) mit drei Fahrrädern schon recht gut ausgelastet. Zum Glück hatte unser Händler aber die Lösung für uns parat: Einen UFO-ähnlichen Luftkissen-Rasenmäher von einem bekannten schwedischen Gartengerätehersteller, der nicht nur überraschend günstig war, sondern Dank des Fehlens von Rädern sowie eines Auffangkorbs sehr klein gefaltet und an einem Haken platzsparend an der Wand aufgehängt werden kann. Leider bedeutet das Fehlen einer Aufsammelfunktion aber auch, dass man das gemähte Gras je nach Länge nach dem Mähen zusammenharken muss, wobei auf diese Weise wenigstens wir beide etwas von der Gartenarbeit haben; einer mäht, einer harkt…

Jonas und das UFO in Aktion

Nachdem wir uns also mit einem Rasenmäher und zusätzlich mit einer Harke und einem kleinen Trimmer für die Rasenkanten ausgestattet hatten, ging es zurück nach Skepplanda, um unsere Neuerwerbungen auf Herz und Nieren zu testen. Der Umgang mit den Elektrogeräten war zwar zunächst etwas ungewohnt für mich, da meine bisherigen Mäh-Erlebnisse mit der großen Wiese meiner Eltern – und ich sage hier bewusst Wiese und nicht Rasen – und einem schweren Benzin-Rasenmäher zu tun hatten. Unser orangefarbenes UFO erldeigte seine Aufgabe jedoch wunderbar, es wurde auch mit dem Gras fertig, das seit einigen Wochen unter einer umgefallenen Rankhilfe eine beachtliche Höhe erreicht hatte; und die Tatsache, dass man den Mäher nicht nur vor und zurück, sondern auch seitwärts und überhaupt in alle Richtungen bewegen kann, hat sich bei unserem etwas verwinkelten Vorgarten mit Busch, Beet, Hecke und Straßenlaterne als äußerst praktisch erwiesen.

Fertig!

Lediglich meine bisherigen Schätzungen über die Dauer der Gartenpflege musste ich kräftig revidieren: Statt der von mir angesetzten Viertelstunde waren ganze 90 Minuten vergangen, als der letzte von Annika zusammengeharkte Grashaufen aufgesammelt war. Wobei beim nächsten Schnitt das Gras hoffentlich nicht ganz so hoch sein wird und ich auch nicht jedes Mal den Trimmer auspacken werde. Aber selbst so werden wir wohl nicht unter einer Dreiviertelstunde fertig sein. So ein kleiner Elektro-Mäher ist doch wesentlich schmaler als der große Benziner meiner Eltern…