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Zwischen Wollen und Sollen


Gerade haben wir eine Woche Herbst“ferien“ hinter uns. „Ferien“ in Anführungszeichen, weil die Schüler zwar Ferien, wir Lehrer aber Fortbildungstage haben. Da ich ja gerade Teilzeitstudent an der Musikhochschule in Ingesund/Arvika im Fach Orchesterleitung bin, passte es ganz gut, dass das zweite von insgesamt fünf Wochenendseminaren an diesem Wochenende lag, dieses Mal in Mjölby, denn im Anschluss an die zwei Tage Kurswochenende fand gleich noch das zweitägige Symposium für Leiter von Jugendorchestern statt.

Auch diesmal konnten unsere Dozenten und Kurskollegen aus Norwegen nur via Zoom teilnehmen, was zu teilweise absurden Unterrichtssituationen führte. An Vorlesungen und Seminare vor dem Bildschirm haben wir uns ja alle inzwischen gewöhnt, aber ein Orchester aus einem Ipad zu dirigieren ist eben doch für alle Beteiligten irgendwie… meeeh.

Ganz klein: Der Kurskollege im iPad dirigiert uns aus Norwegen, daneben sitzt unser Kursleiter.

Aber das war eigentlich nur ein Randphänomen dieser vier Tage. Aus Gründen war dieses Jahr die Teilnehmerzahl des Symposiums auf 40 begrenzt, in einem Saal für über 400 Personen, und man merkte, wie ausgehungert alle waren, endlich mal wieder spielen zu dürfen.

Beim Symposium mit Masterclass waren wir ein paar mehr Teilnehmer – endlich mal wieder ein richtiges Orchester.

Beim Spielen waren alle durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt, plus 1,5m Abstand. Auch das drumherum – Hotel, Mahlzeiten, Kaffeepausen – war alles richtig toll coronamäßig organisiert, sodass man nie jemandem zu nah kommen musste, und alle fünf Meter stolperte man über Handdesinfektionsmittel.

An der Hotelrezeption: „Dippe deinen Finger (in Desinfektionsmittel), bevor du deinen Code eingibst!“

Am Ende der vier Tage fühlte man sich in Ideen mariniert und hatte so richtig Motivation für die Orchesterarbeit getankt. Und sowieso und überhaupt war die Welt mal für ein paar Tage in Ordnung, auch weil man vier Tage lang keine Zeit, Lust und Gelegenheit hatte, ins Handy zu gucken um die Nachrichtenlage zu checken, sondern einfach mal einer Bubble der Glückseligkeit leben durfte.

Zwei Tage später, am Donnerstag, wurden für fünf Regionen Schwedens „verschärfte Empfehlungen“ verkündet.

Nun hat es Schweden ja bekanntermaßen nicht so mit Verboten und gesetzlich verankerten Einschränkungen des öffentlichen Lebens, dennoch haben die „Empfehlungen“ der Folkhälsomyndigheten denselben Stellenwert einer deutschen Verordnung – mit dem kleinen Unterschied, dass man nicht belangt werden kann, wenn man dagegen verstößt. In Schweden regelt das die Selbstkontrolle, bzw. die soziale Angst davor, aus der Reihe zu tanzen.

Die „verschärften Empfehlungen“ die jetzt also in Stockholm, Västra Götaland, Skåne, Uppland und Östergötland und damit für rund 6 der 10 Millionen Einwohner Schwedens gelten, umfassen unter anderem:

  • Vermeiden von Aufenthalt in geschlossenen Räumen wie z.B. Geschäfte, Einkaufszentren, Bibliotheken, Museen, Theater, Bibliotheken, Schwimmhallen und Fitnesscentern. Ausgenommen sind Supermärkte und Apotheken.
  • Keine Teilnahme an Konferenzen, Vorstellungen, Konzerten, Training oder Wettkämpfen. Ausgenommen ist Training für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sowie Profisport.
  • Keine Feste und sozialen Kontakte mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts.

Im Vergleich zu wie es in Schweden im Frühjahr war, wo nur Abstand halten, Händewaschen und bei Symptomen zuhause bleiben kommuniziert wurden, sind das jetzt deutlich schärfere Maßnahmen und glaube ich ziemlich ähnlich mit dem, was ab Montag auch in Deutschland gilt. Abgesehen davon dass niemand wegen Verstößen bestraft werden kann.

Als Betriebsrat wurde Jonas gestern zu einer außerordentlichen Zoomkonferenz einbestellt, um zu diskutieren, was das jetzt für uns an der Kulturschule heißt. Da wir dem Selbstverständnis nach mehr Schule als Freizeitaktivität sind, wird der Unterricht weiterhin stattfinden, allerdings keine Konzerte, Schüler dürfen sich nicht mehr in den Korridoren aufhalten, Eltern sollen draußen warten. Was für die Orchester gilt, werden unsere Chefs im Einzelfall beurteilen. Hmpf.

Freitagmorgen war ich noch das letzte Mal beim Schwimmtraining, um 12:00 sollte die Schwimmhalle für die Öffentlichkeit dicht machen. Wir waren noch zu dritt. Jeder hatte drei Bahnen für sich. Yeah.

Leere Umkleidekabine morgens um 6:20, bevor um 12:00 alle Schwimmbäder dicht machen müssen.

Streamingtipp die zweite


Wenn wir schon dabei sind möchte ich auch auf mein Konzert hinweisen: Morgen um Viertel nach zwölf singe ich bei einigen wunderschönen Stücken mit, außerdem dirigiere ich eine eigene Komposition. Das Konzert ist Teil meines Chorleitungsstudiums und hätte schon im Frühjahr stattfinden sollen, aber dann kam Corona und jetzt holen wir es online nach.

Und wem mein Stück besonders gut gefällt, der kann die Noten über meinen neu gegründeten Verlag erwerben. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich irgendwann mal in aller Ausführlichkeit erzählen muss.

Streamingtipp


Morgen haben wir – der Lieblingskollege und ich – das erste Konzert seit Weihnachten mit unserem Jugendorchester. Nach den Sommerferien durften wir wieder proben, nachdem wir unseren kleinen Probensaal so gut es ging „coronasicher“ gemacht haben, was auch immer das bedeuten mag. Wir sitzen mit Abstand. Irgendwie.

Weil unsere Stammkirche mit rund 400 Sitzplätzen das Versammlungsgebot von maximal 50 Personen so auslegt, dass die Mitwirkenden mitzählen, weichen wir in eine andere Kirche aus, die zwar nur rund 150 Sitzplätze hat, die aber einer anderen Konfession angehört und wo die Mitwirkenden von der 50-Personen-Regel ausgenommen sind. So können wir morgen mit unseren rund 30 Orchestermitgliedern vor 40 Gästen spielen, mehr können wir guten Gewissens nicht in die Kirche reinlassen. Und natürlich, so will es der Zeitgeist, wird das Konzert livegestreamt:

Morgen, am Montag um 20:00. Wer möchte, ist so herzlich willkommen, wie es das digitale Format ermöglicht.

Wir spielen Musik aus den 80ern, das war ein Wunsch unseres Orchesters. Pädagogisch kann ich da voll und ganz dahinter stehen – wenn es dazu führt, dass unseren Jungs und Mädels die Lust am Musizieren trotz Corona erhalten bleibt, dann ist mir (fast) jedes Mittel recht.

Darf man sagen, dass man friert, wenn die Welt brennt?


Spoiler: Corona-Frust. Dieser Text enthält weder eine Pointe noch lustige Anekdoten und liefert keine neuen Erkenntnisse oder kreative Gedanken.

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Acht Wochen liegen die Sommerferien bereits zurück, davon fünf mit normalem Unterricht, also mit Schülern und so. Ich hingegen bin jetzt schon so müde und erschöpft wie sonst Ende Februar, wenn der lange Winter nicht aufhören mag und auch sonst nix Spannendes passiert, weil die lustigen Dinge beim Job vor allem in der Weihnachtszeit und ab April passieren. Ja, ich funktioniere so, dass mir mein Job dann am meisten Spaß macht, wenn er von der Routine abweicht. Wenn wir Konzerte, Probentage, Weihnachtsmarkt, Lucia, Reisen, Tag der offenen Tür, Marktsamstag, Tag der Musik, Oldtimerausstellung, Nationalfeiertag, Walpurgisnacht, Erster Mai, Schulabschlussfeiern oder sonst was mit unseren Schülern musikalisch unternehmen. Klar, all das ist mit extra Arbeit verbunden – oft am Wochenende und/oder abends –, macht aber auch, dass ich weiß, warum ich meinen Job mache, und dass ich meinen Job gerne mache. Die Hochzeiten (Hoch-Zeiten, nix mit heiraten) November/Dezember und April bis Juni, nenne ich daher auch gerne Erntezeit und komischerweise habe ich zu diesen Zeiten mehr Energie und Freude am Job als in Flautezeiten, wo ich jeden Tag Dienst nach Vorschrift mache und pünktlich nach Hause gehe.

2020-2021 ist eine einzige Flaute.

Mein Unterrichtsalltag läuft trotz Corona erstaunlich normal. Außer Händewaschen, Abstandhalten und Tastendesinfizieren haben wir in der Musikschule keine besonderen Coronaregeln. Im Klavierunterricht halte ich ohnehin meistens eine Klavierlänge Abstand, da ist die Umstellung nicht so groß. Und da selbst unserer Chef kommentarlos dabei sitzt, wenn wir unsere Arbeitsgruppenkonferenz mit acht Leuten um einen Tisch halten, der schon ohne Corona eigentlich nur für sechs Personen Platz bietet, dann fehlt mir persönlich auch die Energie, für mehr Schutzmaßnahmen zu argumentieren.

Was mir hingegen wirklich fehlt, sind Konzerte und Veranstaltungen mit unseren Schülern. Alles soll digital stattfinden oder in wirklich sehr kleinem Rahmen, Konzerte von 15 Minuten, mit 5 Schülern und 10 Zuhörern. (Wer findet, dass ich mir in diesem und im vorhergehenden Absatz selbst widerspreche, hat recht und kriegt einen Keks.)

Auch die Schulen machen wieder weitestgehend Normalbetrieb in allen Klassenstufen. Es ging auch erstaunlich lange erstaunlich gut – die Infektionszahlen waren von Juli bis Mitte September stabil niedrig, steigen aber jetzt auch wieder an, wie eigentlich überall in Europa. Aber wenn die Kinder in den Schulen und in den Bussen unvermindert miteinander knuddeln dürfen, dann sehe ich nicht den Witz, mir extra Steine in meinen Musikschulalltag zu legen, um die Schüler vor gegenseitiger Ansteckung zu schützen. Fatalistisch? Zynisch? Resigniert? Ja, alles auf einmal.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine große Debatte, warum der Kulturbetrieb anscheinend alleine die Verantwortung für den Ansteckungsschutz tragen soll. Während Restaurants und Einkaufszentren lediglich dazu angehalten sind, die Einhaltung der Abstandsregel zu gewährleisten (mit sehr wechselhaftem Erfolg, meiner Beobachtung nach), gilt nach wie vor ein striktes Verbot für Veranstaltungen mit über 50 Personen. Will heißen: Wenn in einem Restaurant 200 Leute mit angemessenem Abstand sitzen, ist das rechtlich in Ordnung. Wenn einer der 200 sich ans Klavier setzt, müssen 150 Leute nach Hause gehen, denn dann ist es ein Konzert.

Man kann tatsächlich darüber diskutieren, ob das Ansteckungsrisiko so viel größer ist, wenn ich mich in einen Konzertsaal setze, in dem nur jeder 3. Platz belegt ist im Vergleich zu einem Shoppingsamstag in Ullared (Skandinaviens größtem Shoppingcenter), wo mich Aufkleber auf dem Boden freundlich darauf aufmerksam machen, doch bitte Abstand zu halten. Fairerweise kann ich nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie es just in Ullared aussieht, aber ich war neulich mal versehentlich um die Mittagszeit in der Innenstadt von Borås und war hinterher einfach nur erschöpft und fertig, weil sich einfach keiner um irgendwelche Abstände zu kümmern schien.

Ich habs ja wirklich versucht: ich habe mir die tollen Streamingangebote größerer oder kleinerer Musikbetriebe gegeben, war sogar zum ersten Mal in meinem Leben bei den Salzburger Festspielen, aber inzwischen bin ich sowas von digitalmüde, ich mag einfach nicht mehr, auch wenn das Angebot noch so toll ist. (…sagte sie und setzte sich an den Rechner um einen Blogartikel zu schreiben…)

Mir fehlt gerade jobmäßig echt eine Perspektive und ich frage mich täglich, warum ich das hier eigentlich mache, ergibt doch alles keinen Sinn. Jaja, ich weiß, ich muss dankbar sein, dass ich überhaupt als Kulturarbeiter trotz Corona ein festes Einkommen habe, Klagen auf hohem Niveau, First-World-Problems etc pp. Alles richtig. Darf man trotzdem sagen, dass man friert, obwohl anderswo die Welt brennt?

Zu der ganzen Coronaschei*e kommt, dass es mehreren Menschen in unserem engsten Umfeld gerade gar nicht gut geht, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Ohne in die Details zu gehen, könnte man es jedoch übergreifend als Corona-Kollateralschäden bezeichnen. Gesundheitlich, mental, sozial – auch wenn Schweden keinen Lockdown hatte (und wahrscheinlich auch nicht haben wird, selbst wenn die Zahlen wieder hochgehen), spurlos geht das auch an uns nicht vorüber.

Ich würde jetzt gerne in Winterschlaf gehen. Weckt mich, wenn ein Impfstoff da ist.

Valborgsmässoafton im Netz


Normalerweise feiert man in Schweden am Abend des 30. April Valborgsmässoafton, Walpurgisnacht. Bei uns sieht das in Nicht-Corona-Zeiten so aus, dass im Park ein paar Zelte aufgestellt werden, wo lokale Vereine ihre Vereinkassen aufputzen durch Würstchen- und Popcornverkauf usw., mein Orchester wechselt sich auf der Bühne mit dem Kirchenchor ab, zwischendurch hält die Lokalprominenz die sogenannte Vårtal, (Frühlingsrede) und die Pfadfinder kümmern sich darum, gesammelte Gartenabfälle in ein großes OsterWalpurgisfeuer zu verwandeln. Zur Tradition gehört auch, dass es vorher wochenlang warm und sonnig ist, aber just an diesem Tag Regen, Wind und einstellige Temperaturen herrschen.

Da sogar in Schweden zur Zeit keine Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern stattfinden dürfen, wird unsere diesjährige Valborgsmässoaftonfeier ins Netz verlegt.

Dafür standen der Lieblingskollege und ich gestern vormittag einige Stunden vor der Kamera. Da der Kirchenchor aufgrund seiner Altersstruktur gerade gar nicht probt, sprangen wir als Duo Clariano kurzfristig ein und nahmen ein paar Stücke auf. Das klingt jetzt so locker fluffig, aber wir haben dafür kein Tonstudio zur Verfügung, sondern die Aufnahmen fanden in der Kirche statt. Woran weder wir noch der Tontechniker-Kameramann-Pastor vorher gedacht hatten, war, dass im Vorraum der Kirche gerade die Toiletten renoviert und umgebaut werden, so mit Wände einreißen und so. Und bevorzugt, wenn wir gerade den Schlussakkord oder leise Passagen spielten, fiel draußen wieder ein Stück Wand dem Vorschlaghammer zum Opfer und wir konnten wieder von vorne beginnen. Vor der Mittagspause hatten wir dann aber doch knapp dreißig Minuten Programm im Kasten. Ich bin so mittelmäßig zufrieden mit der (musikalischen) Qualität, aber in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit war das eben das, was gerade drin war.

Abends hatten wir Probe mit unserem Orchester (draußen, wegen Abstand und so) und auch hier war der Plan, ein paar Stücke aufzunehmen. Natürlich begann es pünktlich zu Probenbeginn an zu regnen, auch online wird diese Tradition nicht vernachlässigt. Wir haben aber ganz tolle Jugendliche, die das ohne Murren und Klagen mitgemacht haben. Herzchenaugensmiley.

Die ganze Sendung mit Frühlingsrede, Musik und Musikquiz zum Mitmachen wird am Donnerstag nachmittag/abend auf den Youtubekanälen der Kirchen bei uns im Ort online gestellt: Klick.

Post von Notposten


Diese Woche kam ein langersehntes Päckchen. Dass es irgendwann kommen würde, wusste ich eigentlich schon seit über einem Jahr, aber der Weg dorthin war ziemlich lang.

Die Geschichte beginnt 2016, als die Kulturschule einen Ausflug mit ungefähr 150 Schülern der zweiten bis vierten Klasse nach Varberg plante. Mitfahren sollten Kinder, die auf eine der acht Schulen gehen, an denen wir nachmittags kostenlosen Tanz-, Zirkus-, Kinderchor- und Orchester-Instrumentalunterricht anbieten. Geplanter Höhepunkt der Reise war ein Open-Air-Konzert mit allen Teilnehmern. Und als Höhepunkt des Konzerts wünschte sich unser Chef ein Orchester aus allen gut einhundert Instrumentalisten.

Die Musiker unter unseren Lesern wissen sicherlich, wie schwierig es ist, Neuanfänger auf Streich- und Blasinstrumenten unter einen Hut zu bringen. Tonarten, Tonräume, Rhythmen… jedes Instrument benötigt seinen ganz eigenen allerersten Anfang. Die Begeisterung über die Idee unseres Chefs, alle Schüler gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, hielt sich im Kollegium daher eher in Grenzen.

Nach einigem Überlegen begann jedoch mein Komponisten-Gehirn zu rattern. Einschränkung ist ja bekanntlich einer der größten Motoren für Kreativität. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen; fragte, wie sie den Unterricht im ersten Jahr gestalten, was man den Schülern so zutrauen könnte, was im Orchester funktionieren würde. Und dann machte ich mich an die Arbeit. Nach ein paar Stunden standen die ersten Skizzen, nach einigen Tagen waren ganze zehn Stücke fertig. Mit einigen musikalischen Kniffen im kompositorischen Werkzeugkasten war es letzten Endes gar nicht so schwierig, musikalisch sinnvolle Orchestersätze zu schreiben, die Rücksicht auf die methodischen Anforderungen der einzelnen Instrumente nehmen.

Drei Stücke wurden ausgewählt und alle übten fleißig mit ihren Schülern. Dann kam die Reise, das Projekt glückte (halbwegs, denn auch das beste Material scheitert an mangelnder gemeinsamer Probezeit…) und die Noten verschwanden in einer dunklen Ecke meiner Festplatte…

…bis Anfang 2019, als ich auf einem Kongress für Streichinstrumentlehrer war. Neben Workshops, Kursen und vielen Gesprächen mit Kollegen gab es dort auch einige Instrumentenbauer und Verlage, die ihr Angebot der versammelten Streicherpädagogenschar Schwedens präsentierten. Ich kam mit einem Verleger ins Gespräch und fragte ihn, ob er an meinem Material für Anfänger-Sinfonieorchester interessiert wäre.

Er war. Sehr sogar.

Wieder zu Hause machte ich mich direkt an die Arbeit, die Noten verlagsfertig aufzubereiten. Zunächst einmal fehlten viele Blasinstrumente; am ursprünglichen Projekt waren nur Klarinetten, Flöten, Trompeten und Posaunen beteiligt. Es fehlten Horn, Oboe, Fagott, Quintfagott (eine Art Mini-Fagott für Kinder) und Saxofon, außerdem eine Klavierstimme, Mallets (auch Stabspiele genannt), Percussionstimmen, E-Bass (für alle unterpriviligierten Kulturschulen, die keine Kontrabassisten ausbilden) und, wie sich später heraustellen sollte, auch noch einige Blechbläserstimmen für Kinder in Brass-Bands, da diese ihre Instrumente speziell notieren.

Nachdem mir dann eine ganze Stunde wertvoller Lehrerkonferenzzeit gewährt wurde, um das komplette Material mit meinen Kollegen durchzuspielen, zu diskutieren und Korrektur zu lesen, mussten noch einige Änderungen eingearbeitet sowie ein Stück quasi komplett neu geschrieben werden.

Danach ging es ans Layout, was am Ende wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nahm als alle anderen Arbeiten zusammen; schließlich muss nicht nur die Partitur, sondern auch sämtliche Einzelstimmen zurechtgerückt und leserlich gestaltet werden. Insbesondere pädagogisches Material erfordert hier höchste Sorgfalt, damit die Schüler nicht von schlecht platzierten Zeilenumbrüchen, überflüssigen Seitenwechseln oder einem unnötig überladenen Notenbild völlig überfordert werden.

Gleichzeitig wollte der Verlag Druckkosten sparen. Zehn Stücke waren zu viel, sonst hätte jede Stimme zwei A3-Bögen gebraucht. Wir einigten uns auf sieben Stücke, das ließ sich auf einen A3-Bogen pro Instrument drucken, ohne auf ein pädagogisch geeignetes Notenbild zu verzichten. Die Seitenränder mussten dem Verlagsstandart angepasst werden, ebenso der Abstand zwischen den Notensystemen, Überschriften, Stücken, Fußzeilen, Kopfzeilen… Hätte ich all diese Informationen von Anfang an gehabt, hätte ich mir einiges an doppelter Arbeit sparen können. Aber für den zweiten Band weiß ich es jetzt. Denn das war dem Verleger auch noch wichtig, dass auf der Titelseite Teil 1 stehen sollte… Drei Stücke für Teil zwei habe ich ja schon.

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Verlagsreklame

Am Donnerstag kamen nun endlich meine zwei Referenzexemplare. Der Verlag (Notposten) macht immer im April eine große Werbekampagne mit den Neuheiten des Jahres, daher dauerte es so lange von den ersten Gesprächen bis zur Herausgabe. Von meiner Seite hätten die Noten auch schon im Sommer 2019 fertig sein können, aber gedruckt wird nur im März, damit alles gleichzeitig und mit viel Aufmerksamkeit auf den Markt kommen kann.

Jetzt heißt es wieder warten und Daumen drücken. Mal schauen, wie viele Exemplare am Ende verkauft werden. Bestellen kann man die Noten übrigens hier.

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Immer üben…


Bei meinem alten ehemaligen Klavierlehrer hing im Unterrichtsraum ein gerahmter Ausriss aus einem „Lustigen Taschenbuch“, auf dem Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track sinngemäß sagen:

Neffe 1: Immer üben!
Neffe 2: Macht gar keinen Spaß!
Neffe 3: Wir wollen lieber Fußballspieler werden!

Das Bild hing direkt unter dem Garderobenhaken, sodass man es als Klavierschüler jede Woche (bewusst oder unbewusst) lesen musste. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht genau, ob es dabei um Klavierspielen oder irgendwas ganz anderes ging, das ging aus diesem einen Bild nicht hervor, und ich habe auch nie nachgefragt.

Letztes Semester war ich neben meinem Vollzeitjob zusätzlich 50% Teilzeitstudentin (Was? Wie?). Das Durcharbeiten der Kursliteratur und der Onlinevorlesungen war tatsächlich ganz inspirierend und sogar den Multiple-Choice-Tests zur Halbzeit konnte ich noch was abgewinnen. Das Schreiben von zwei Seminaraufsätzen à 15 Seiten am Ende des Semesters war dann aber doch eher eine lästige Pflichtübung und die Erleichterung groß, als ich Anfang Januar endlich beides abgeschickt hatte. (Diese Woche bekam ich dann das Feeback, dass ich beide Kurse bestanden habe; es gab auch nur die Alternativen Bestanden/Nicht bestanden. Check.)

Als die Aufsätze von meinem virtuellen Schreibtisch verschwunden und auf meiner inneren To-Do-Liste abgehakt waren, hatte ich auf einmal wieder unglaublich viel Freizeit und Lust, Dinge zu tun, die im Herbst auf der Strecke geblieben waren. Also Dinge und Dinge… Eigentlich vor allem: Klavier üben, Klavier spielen, Musik am Klavier machen.

Passenderweise beschloss der Lieblingskollege und Kammermusikpartner zu Jahresbeginn, dass er seinen runden Geburtstag im Frühjahr statt mit einem Fest mit einem Konzert feiern möchte. Vor der Pause eine knappe Stunde Kammermusik für Klarinette und Klavier mit meiner Wenigkeit, nach der Pause jazzig zusammen mit dem Lars Jansson Trio, das er sich quasi selbst zum Geburtstag schenkt.

Und jetzt sitze ich jede freie Minute und übe: mal allein, mal zusammen mit dem Lieblingskollegen. Am Wochenende, vormittags vor dem ersten Schüler, abends nach dem letzten Schüler, in allen Hohlstunden… und ich genieße es so viel mehr als das Studium letztes Semester.

Falls jemand aus der in Schweden ansässigen Leserschaft Interesse hat:

Affisch

In diesem Sinne:

Immer üben!
Macht furchtbar viel Spaß!
Lasst mich mit Fußball in Ruhe!

 

 

19. Dezember: Abgehakt!


Puh, geschafft, das war’s. Der Advent (von lat. advenus: Hauptkonzertsaison – oder so) ist für uns beide vorbei. Jetzt können wir uns endlich noch ein paar Tage auf Weihnachten und die Ferien vorbereiten und freuen. Dafür muss ich allerdings erst einmal den passenden Schalter finden um aus dem Abhak-Modus rauszukommen: Hier noch eine Probe, da noch eine Unterrichtsstunde, Konferenz fertig, Konzert gespielt. Deshalb kommt hier jetzt etwas Selbsttherapie, um die Zeit seit den Herbstferien zu sortieren und zu verarbeiten. Das soll jetzt weder nach Genörgel noch nach Angeberei klingen, ich muss einfach für mich zusammenfassen, was wir alles erlebt haben. Wer bei welchem Konzert eingespannt war, könnt ihr euch wahrscheinlich selbst ausrechnen:

  • Mozart-Requiem an Allerheiligen
  • Konzertreise nach Oldenburg
  • eine Vormittagstourné mit unserem kleinen Streichorchester und zwei Schulkonzerten
  • Schulfest an einer der Schulen, an der die Kinder während der Hortbetreuung Geigenunterricht bekommen können
  • Foyerkonzert mit dem älteren Orchester als Auftakt eines Konzerts von Schwedens einzigem professionellen Streichorchester und Benjamin Schmid
  • Platzkonzert mit Anknipsen der Weihnachtsbeleuchtung in Fristad
  • Bachs Weihnachtsoratorium zum 1. Advent
  • großes Abschlusskonzert aller Streicher
  • feierliches Adventskonzert der Kulturschule in der größten Kirche von Borås
  • großes Weihnachtskonzert der Musikschule in Fristad
  • Abschlussveranstaltung mit Schülern von drei Schulen im Osten der Stadt
  • Lucia
  • Lucia
  • Lucia
  • Händels Messias in der etwas skurrilen Bearbeitung von Mozart
  • mein (Jonas) Debut als Korrepetitor beim Solistenkonzert einer Geigenkollegin
  • festliches Weihnachtskonzert mit Fristads Ungdomsorkester
  • zwei Konzerte mit kleineren und größeren Streichersolisten.

Außerdem:

  • 400 Seiten Kursliteratur lesen
  • 4-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen von zwei 4-Seiten-Aufsätzen von Kurskameraden und Verfassen einer einseitigen Kritik
  • 15-Seiten-Aufsatz schreiben
  • kritisches Gegenlesen eines 15-Seiten-Aufsatzes eines Kurskameraden und Verfassen einer 5-seitigen Kritik
  • 1-seitiges Exposé zu einem 15-Seiten-Aufsatz schreiben, der bis Anfang Januar fertig sein muss

Außerdem:

Zimmermänner, Schreiner, Elektriker, Maler, Kamininstallatöre, Kaminkehrer und kommunale Bauaufsicht miteinander jonglieren.

So, das hat gut getan. Zeit, diesen Advent abzuhaken… Morgen dann nur noch das Unterrichtszimmer aufräumen und schonmal Noten kopieren für das nächste Halbjahr, dann kann man das auch schon wieder abhaken. Und am Freitag julfika mit den Kollegen. Uff.

Oh nein, ich will doch nichts mehr abhaken!

17. Dezember: Instrumente schleppen und proben


Gestern und heute Abend habe wir, d.h. der Lieblingskollege und ich, jeweils drei Stunden mit unserem Orchester geprobt, denn morgen ist Weihnachtskonzert. Der große Nachteil an symphonischem Blasorchester ist der Krempel, den man immer mit sich rumschleppt, wenn man irgendwo ein Konzert gibt: 4 Kesselpauken, Röhrenglocken, Xylophon, Glockenspiel, Marimbaphon, Drumset, Bar Chimes, Gran Cassa mit Gestell, diverse kleine Trommeln, Congas, Woodblocks, 2 Taschen mit Percussionkleinzeug, 40 Notenständer und 2 Waschkörbe voll mit Notenordnern. Und dann hat man trotzdem immer noch irgendwas vergessen.

All das passt gerade so in einen großen Umzugsanhänger und zwei PKW. Um alles einmal komplett von der Musikschule in die 1,5 Kilometer entfernte Kirche zu bringen und dort wieder aufzubauen, ist man zu zweit locker einen halben Tag beschäftigt. Zwar versuchen wir immer, unsere Schüler und deren Eltern zu engagieren, aber manchmal muss das mitten am Tag passieren, wenn alle in der Schule oder bei der Arbeit sind.

Um in unsere Konzerte etwas klangliche Abwechslung reinzubringen und weil die Jüngeren im Orchester noch nicht über ein Stunde pausenlos spielen können, haben wir immer eine Solonummer oder etwas in kleiner Besetzung dabei, wo sich besonders engagierte Schüler präsentieren dürfen. Wegen des Festivals in Oldenburg vor einem Monat war aber die Vorbereitungszeit zu kurz, sodass der Lieblingskollege und ich dieses Jahr selbst einspringen.

Nachdem wir also heute den halben Tag Instrumente geschleppt hatten, saßen wir eine Stunde zusammen und probten zum ersten Mal, weil auch dafür die letzten Wochen keine Zeit war. Und dann war auch schon Probe mit dem Orchester, Zum Glück habe ich diese Woche keine Schüler im Einzelunterricht mehr.

Was wir als Duo spielen? Keine Weihnachtsmusik, sondern ein Ausblick auf unser nächstes Konzert im April: