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Zwischen Wollen und Sollen


Gerade haben wir eine Woche Herbst“ferien“ hinter uns. „Ferien“ in Anführungszeichen, weil die Schüler zwar Ferien, wir Lehrer aber Fortbildungstage haben. Da ich ja gerade Teilzeitstudent an der Musikhochschule in Ingesund/Arvika im Fach Orchesterleitung bin, passte es ganz gut, dass das zweite von insgesamt fünf Wochenendseminaren an diesem Wochenende lag, dieses Mal in Mjölby, denn im Anschluss an die zwei Tage Kurswochenende fand gleich noch das zweitägige Symposium für Leiter von Jugendorchestern statt.

Auch diesmal konnten unsere Dozenten und Kurskollegen aus Norwegen nur via Zoom teilnehmen, was zu teilweise absurden Unterrichtssituationen führte. An Vorlesungen und Seminare vor dem Bildschirm haben wir uns ja alle inzwischen gewöhnt, aber ein Orchester aus einem Ipad zu dirigieren ist eben doch für alle Beteiligten irgendwie… meeeh.

Ganz klein: Der Kurskollege im iPad dirigiert uns aus Norwegen, daneben sitzt unser Kursleiter.

Aber das war eigentlich nur ein Randphänomen dieser vier Tage. Aus Gründen war dieses Jahr die Teilnehmerzahl des Symposiums auf 40 begrenzt, in einem Saal für über 400 Personen, und man merkte, wie ausgehungert alle waren, endlich mal wieder spielen zu dürfen.

Beim Symposium mit Masterclass waren wir ein paar mehr Teilnehmer – endlich mal wieder ein richtiges Orchester.

Beim Spielen waren alle durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt, plus 1,5m Abstand. Auch das drumherum – Hotel, Mahlzeiten, Kaffeepausen – war alles richtig toll coronamäßig organisiert, sodass man nie jemandem zu nah kommen musste, und alle fünf Meter stolperte man über Handdesinfektionsmittel.

An der Hotelrezeption: „Dippe deinen Finger (in Desinfektionsmittel), bevor du deinen Code eingibst!“

Am Ende der vier Tage fühlte man sich in Ideen mariniert und hatte so richtig Motivation für die Orchesterarbeit getankt. Und sowieso und überhaupt war die Welt mal für ein paar Tage in Ordnung, auch weil man vier Tage lang keine Zeit, Lust und Gelegenheit hatte, ins Handy zu gucken um die Nachrichtenlage zu checken, sondern einfach mal einer Bubble der Glückseligkeit leben durfte.

Zwei Tage später, am Donnerstag, wurden für fünf Regionen Schwedens „verschärfte Empfehlungen“ verkündet.

Nun hat es Schweden ja bekanntermaßen nicht so mit Verboten und gesetzlich verankerten Einschränkungen des öffentlichen Lebens, dennoch haben die „Empfehlungen“ der Folkhälsomyndigheten denselben Stellenwert einer deutschen Verordnung – mit dem kleinen Unterschied, dass man nicht belangt werden kann, wenn man dagegen verstößt. In Schweden regelt das die Selbstkontrolle, bzw. die soziale Angst davor, aus der Reihe zu tanzen.

Die „verschärften Empfehlungen“ die jetzt also in Stockholm, Västra Götaland, Skåne, Uppland und Östergötland und damit für rund 6 der 10 Millionen Einwohner Schwedens gelten, umfassen unter anderem:

  • Vermeiden von Aufenthalt in geschlossenen Räumen wie z.B. Geschäfte, Einkaufszentren, Bibliotheken, Museen, Theater, Bibliotheken, Schwimmhallen und Fitnesscentern. Ausgenommen sind Supermärkte und Apotheken.
  • Keine Teilnahme an Konferenzen, Vorstellungen, Konzerten, Training oder Wettkämpfen. Ausgenommen ist Training für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sowie Profisport.
  • Keine Feste und sozialen Kontakte mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts.

Im Vergleich zu wie es in Schweden im Frühjahr war, wo nur Abstand halten, Händewaschen und bei Symptomen zuhause bleiben kommuniziert wurden, sind das jetzt deutlich schärfere Maßnahmen und glaube ich ziemlich ähnlich mit dem, was ab Montag auch in Deutschland gilt. Abgesehen davon dass niemand wegen Verstößen bestraft werden kann.

Als Betriebsrat wurde Jonas gestern zu einer außerordentlichen Zoomkonferenz einbestellt, um zu diskutieren, was das jetzt für uns an der Kulturschule heißt. Da wir dem Selbstverständnis nach mehr Schule als Freizeitaktivität sind, wird der Unterricht weiterhin stattfinden, allerdings keine Konzerte, Schüler dürfen sich nicht mehr in den Korridoren aufhalten, Eltern sollen draußen warten. Was für die Orchester gilt, werden unsere Chefs im Einzelfall beurteilen. Hmpf.

Freitagmorgen war ich noch das letzte Mal beim Schwimmtraining, um 12:00 sollte die Schwimmhalle für die Öffentlichkeit dicht machen. Wir waren noch zu dritt. Jeder hatte drei Bahnen für sich. Yeah.

Leere Umkleidekabine morgens um 6:20, bevor um 12:00 alle Schwimmbäder dicht machen müssen.

Streamingtipp


Morgen haben wir – der Lieblingskollege und ich – das erste Konzert seit Weihnachten mit unserem Jugendorchester. Nach den Sommerferien durften wir wieder proben, nachdem wir unseren kleinen Probensaal so gut es ging „coronasicher“ gemacht haben, was auch immer das bedeuten mag. Wir sitzen mit Abstand. Irgendwie.

Weil unsere Stammkirche mit rund 400 Sitzplätzen das Versammlungsgebot von maximal 50 Personen so auslegt, dass die Mitwirkenden mitzählen, weichen wir in eine andere Kirche aus, die zwar nur rund 150 Sitzplätze hat, die aber einer anderen Konfession angehört und wo die Mitwirkenden von der 50-Personen-Regel ausgenommen sind. So können wir morgen mit unseren rund 30 Orchestermitgliedern vor 40 Gästen spielen, mehr können wir guten Gewissens nicht in die Kirche reinlassen. Und natürlich, so will es der Zeitgeist, wird das Konzert livegestreamt:

Morgen, am Montag um 20:00. Wer möchte, ist so herzlich willkommen, wie es das digitale Format ermöglicht.

Wir spielen Musik aus den 80ern, das war ein Wunsch unseres Orchesters. Pädagogisch kann ich da voll und ganz dahinter stehen – wenn es dazu führt, dass unseren Jungs und Mädels die Lust am Musizieren trotz Corona erhalten bleibt, dann ist mir (fast) jedes Mittel recht.

Darf man sagen, dass man friert, wenn die Welt brennt?


Spoiler: Corona-Frust. Dieser Text enthält weder eine Pointe noch lustige Anekdoten und liefert keine neuen Erkenntnisse oder kreative Gedanken.

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Acht Wochen liegen die Sommerferien bereits zurück, davon fünf mit normalem Unterricht, also mit Schülern und so. Ich hingegen bin jetzt schon so müde und erschöpft wie sonst Ende Februar, wenn der lange Winter nicht aufhören mag und auch sonst nix Spannendes passiert, weil die lustigen Dinge beim Job vor allem in der Weihnachtszeit und ab April passieren. Ja, ich funktioniere so, dass mir mein Job dann am meisten Spaß macht, wenn er von der Routine abweicht. Wenn wir Konzerte, Probentage, Weihnachtsmarkt, Lucia, Reisen, Tag der offenen Tür, Marktsamstag, Tag der Musik, Oldtimerausstellung, Nationalfeiertag, Walpurgisnacht, Erster Mai, Schulabschlussfeiern oder sonst was mit unseren Schülern musikalisch unternehmen. Klar, all das ist mit extra Arbeit verbunden – oft am Wochenende und/oder abends –, macht aber auch, dass ich weiß, warum ich meinen Job mache, und dass ich meinen Job gerne mache. Die Hochzeiten (Hoch-Zeiten, nix mit heiraten) November/Dezember und April bis Juni, nenne ich daher auch gerne Erntezeit und komischerweise habe ich zu diesen Zeiten mehr Energie und Freude am Job als in Flautezeiten, wo ich jeden Tag Dienst nach Vorschrift mache und pünktlich nach Hause gehe.

2020-2021 ist eine einzige Flaute.

Mein Unterrichtsalltag läuft trotz Corona erstaunlich normal. Außer Händewaschen, Abstandhalten und Tastendesinfizieren haben wir in der Musikschule keine besonderen Coronaregeln. Im Klavierunterricht halte ich ohnehin meistens eine Klavierlänge Abstand, da ist die Umstellung nicht so groß. Und da selbst unserer Chef kommentarlos dabei sitzt, wenn wir unsere Arbeitsgruppenkonferenz mit acht Leuten um einen Tisch halten, der schon ohne Corona eigentlich nur für sechs Personen Platz bietet, dann fehlt mir persönlich auch die Energie, für mehr Schutzmaßnahmen zu argumentieren.

Was mir hingegen wirklich fehlt, sind Konzerte und Veranstaltungen mit unseren Schülern. Alles soll digital stattfinden oder in wirklich sehr kleinem Rahmen, Konzerte von 15 Minuten, mit 5 Schülern und 10 Zuhörern. (Wer findet, dass ich mir in diesem und im vorhergehenden Absatz selbst widerspreche, hat recht und kriegt einen Keks.)

Auch die Schulen machen wieder weitestgehend Normalbetrieb in allen Klassenstufen. Es ging auch erstaunlich lange erstaunlich gut – die Infektionszahlen waren von Juli bis Mitte September stabil niedrig, steigen aber jetzt auch wieder an, wie eigentlich überall in Europa. Aber wenn die Kinder in den Schulen und in den Bussen unvermindert miteinander knuddeln dürfen, dann sehe ich nicht den Witz, mir extra Steine in meinen Musikschulalltag zu legen, um die Schüler vor gegenseitiger Ansteckung zu schützen. Fatalistisch? Zynisch? Resigniert? Ja, alles auf einmal.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine große Debatte, warum der Kulturbetrieb anscheinend alleine die Verantwortung für den Ansteckungsschutz tragen soll. Während Restaurants und Einkaufszentren lediglich dazu angehalten sind, die Einhaltung der Abstandsregel zu gewährleisten (mit sehr wechselhaftem Erfolg, meiner Beobachtung nach), gilt nach wie vor ein striktes Verbot für Veranstaltungen mit über 50 Personen. Will heißen: Wenn in einem Restaurant 200 Leute mit angemessenem Abstand sitzen, ist das rechtlich in Ordnung. Wenn einer der 200 sich ans Klavier setzt, müssen 150 Leute nach Hause gehen, denn dann ist es ein Konzert.

Man kann tatsächlich darüber diskutieren, ob das Ansteckungsrisiko so viel größer ist, wenn ich mich in einen Konzertsaal setze, in dem nur jeder 3. Platz belegt ist im Vergleich zu einem Shoppingsamstag in Ullared (Skandinaviens größtem Shoppingcenter), wo mich Aufkleber auf dem Boden freundlich darauf aufmerksam machen, doch bitte Abstand zu halten. Fairerweise kann ich nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie es just in Ullared aussieht, aber ich war neulich mal versehentlich um die Mittagszeit in der Innenstadt von Borås und war hinterher einfach nur erschöpft und fertig, weil sich einfach keiner um irgendwelche Abstände zu kümmern schien.

Ich habs ja wirklich versucht: ich habe mir die tollen Streamingangebote größerer oder kleinerer Musikbetriebe gegeben, war sogar zum ersten Mal in meinem Leben bei den Salzburger Festspielen, aber inzwischen bin ich sowas von digitalmüde, ich mag einfach nicht mehr, auch wenn das Angebot noch so toll ist. (…sagte sie und setzte sich an den Rechner um einen Blogartikel zu schreiben…)

Mir fehlt gerade jobmäßig echt eine Perspektive und ich frage mich täglich, warum ich das hier eigentlich mache, ergibt doch alles keinen Sinn. Jaja, ich weiß, ich muss dankbar sein, dass ich überhaupt als Kulturarbeiter trotz Corona ein festes Einkommen habe, Klagen auf hohem Niveau, First-World-Problems etc pp. Alles richtig. Darf man trotzdem sagen, dass man friert, obwohl anderswo die Welt brennt?

Zu der ganzen Coronaschei*e kommt, dass es mehreren Menschen in unserem engsten Umfeld gerade gar nicht gut geht, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Ohne in die Details zu gehen, könnte man es jedoch übergreifend als Corona-Kollateralschäden bezeichnen. Gesundheitlich, mental, sozial – auch wenn Schweden keinen Lockdown hatte (und wahrscheinlich auch nicht haben wird, selbst wenn die Zahlen wieder hochgehen), spurlos geht das auch an uns nicht vorüber.

Ich würde jetzt gerne in Winterschlaf gehen. Weckt mich, wenn ein Impfstoff da ist.

Sommerurlaub 2020 (mit Abstand)


Seit zweieinhalb Wochen arbeiten wir wieder.

„Wieder“ nicht im Sinne von „nach Corona“ sondern im Sinne von „nach den Sommerferien“. Acht Wochen hatten wir davon. Einen Teil davon haben wir im Wohnmobil verbracht (mit unserer Campingkatze), ein paar Tage mit Freunden zusammen gecampt, andere Freunde in Umeå besucht, sind viel durch einsame Natur gewandert, haben in einsamen Seen gebadet und gepaddelt, auf einsamen Stellplätzen gestanden, in Sommercafés mit viel Abstand Kuchen und Eis gegessen. Besonders schön war die Zeit mit zwei Gästen aus Deutschland, die sich Anfang August bei niedrigen Infektionszahlen in beiden Ländern hierher getraut haben und mit uns zusammen wandern, baden, paddeln und Kuchen essen wollten.

Wahrscheinlich hätten wir den Sommer auch ohne Corona kaum anders verbracht.

(Aufs Bild klicken zum Vergrößern und Text lesen.)

Wieder aufwärts


Ich glaube, ich habe das Schlimmste hinter mir. Der Husten macht manchmal eine Pause und das Fieber ist auch runter. Aber ich bin noch sehr matschig. Heute morgen habe ich in einem Anfall von Aktionismus mein Bett abgezogen, geduscht und die Dusche geputzt, zusammengenommen war ich vielleicht eine Stunde auf den Beinen, danach war ich fertig mit der Welt. Und ich merke, wie ich sehr schnell außer Atem bin. Einmal in den Keller zur Waschmaschine und zurück, davon muss ich mich erstmal erholen.

Trotzdem – es fühlt sich an, als gehe es wieder aufwärts, auch mein Geruchssinn ist wieder da.

Jonas ist nach wie vor putz und munter, ringt aber gerade mit sich, ob er morgen unterrichten soll oder nicht. Nach schwedischen Richtlinien ist ein Krankheitsfall im Haushalt kein Grund, zuhause zu bleiben, nach deutschen sehr wohl.

Nachmittags haben wir auf der Terrasse zusammen Tee getrunken. Seit vorgestern sind die Birken grün und der Regen der letzten drei Tage hat unserem Garten einen richtigen Grünanstrich verpasst. Soooo schööööön!

Covid-Alltag


Mir geht es unverändert mittelprächtig. Schmerzhafter Husten, leichtes Fieber, Kopfschmerzen, kein Geruchssinn und inzwischen Muskelkater vom Husten. Soweit so harmlos.

Danke euch allen, für die vielen lieben Kommentare hier im Blog und eure Nachrichten, Mails,… auf allen Kanälen!

Heute, am Ersten Mai, hätten wir beim Besuch unseres Staatsministers Stefan Löfvén mit dem Orchester spielen sollen. Fiel natürlich ins Wasser, sogar buchstäblich. Es schüttete den ganzen Tag, da wärs eh nicht lustig gewesen, draußen zu spielen. Für den Regierungschef mein Orchester dirigeren, das ergibt sich sicherlich bald mal wieder. Nicht. Grmbl.

Hier zuhause haben wir uns so arrangiert, dass ich das Schlafzimmer hemmungslos vollhusten darf, Jonas darf sich im Rest des Hauses frei bewegen. Das Essen stellt er mir vor die Tür.

Heute morgen hatten wir keinen Bock mehr auf die ganze Coronascheiße und haben etwas Geld in die Hand genommen und uns ein Adventure Game runtergeladen, zwecks Realitätsflucht. Jetzt sitzt Jonas im Gästezimmer nebenan, jeder hat seinen Rechner (wir reden jetzt mal nicht drüber, wem der gehört und was man damit machen und nicht machen darf) auf dem Bauch und wir spielen miteinander und rufen uns gegenseitig Lösungsstrategien zu. Die Katze liegt die meiste Zeit bei mir, weil ich das breitere Bett habe.

Ich sach mal so: könnte schlimmer sein.

Valborgsmässoafton


Das Wichtigste zuerst: der Link zu unserer kleinen Valborgsmässoaftonsendung. Heute Abend um 18.00. Mit unter anderem dem Orchester, dessen Leitung ich mir mit dem Lieblingskollegen teile und unserem Duo, Duo Clariano. Außerdem die beiden Pfarrer im Ort (die vier Kinder des einen habe/hatte ich alle als Schüler) und zwei sehr engagierten Damen aus dem Ort.

Valborgsmässoafton ist kein religiöses Fest. Es ist nur Zufall, dass dieses Jahr die eine Kirche für die Ausrichtung des Festes verantwortlich war und das Festkommittee den Pfarrer der anderen Kirche als Festredner bestimmte, daher die hohe Dichte an Pfarrern an diesem weltlichen Feiertag.

Ansonsten gibts hier nicht viel Neues zu berichten. Ich huste und habe leichtes Fieber, Jonas ist fit wie ein Turnschuh und bei der Arbeit. Er war gestern nochmal Großeinkauf für zwei Wochen machen, für alle Fälle. Er ist ins Gästezimmer umgezogen und ich habe ihm verboten, die Virenhöhle aka Schlafzimmer zu betreten. Essensmäßig bin ich auf die 3P-Diät umgestiegen: Pizza, Pfannkuchen und Plattfisch. Hilft das gegen Covid? Nein, aber man kann es unter der Tür durchschieben.

Im Ernst, er darf mir das Essen nur vor die Tür stellen und ansonsten skypen wir zwischen Nordflügel und Südflügel unseres Anwesens. Hust hust.

Apropos Essen: Jonas fantastische Kochkünste sind gerade Perlen vor die Säue, mein Geruchssinn ist quasi unbefindlich. Der Apfelzimt-Milchreis, den er mir zum Frühstück kredenzte, hatte zwar eine augezeichnete Konsistens, schmeckte aber ansonsten nach Pappe. Ähnliches galt für die Kartoffelsuppe, die schmeckte immerhin noch nach Salz.

 

Herdenimmunität – und ich bin dabei!


Es war ja nur eine Frage Zeit, bis auch ich meinen persönlichen Beitrag zur Herdenimmunitätsstrategie unseres Staatsepidemideologen Anders Tegnell leisten würde. Aber dass ich gleich solch ein early adopter sein würde… wer hätt’s gedacht.

Ich dachte ja, das fängt an damit, dass man jemanden kennt, dessen Arbeitskollege jemanden kennt, der… Aber – nein. Außer meinen deutschen Ärztefreunden, die hier auf der Intensivstation arbeiten, kenne ich niemanden, der von sich sagt, dass er/sie Covid-19 hatte oder jemanden kennt, der es hatte oder oder jemanden kennt, der jemanden kennt… Nun kann das ja auch niemand wirklich sicher von sich behaupten, der nicht einen positiven Test gemacht hat, aber ich dachte wirklich, ich würde erst mal eine Zeit von Fällen hören, bevor… naja, whatever. War nicht so. Bin die erste.

Am Dienstag wachte ich mit einem leichten Kratzen im Hals auf und dachte zunächst, dass ich am Montagabend bei unserer Orchesterprobe draußen im Regen zuviel, zu lange, zu laut geredet hatte und deswegen heiser sei. Im Laufe des Vormittags kamen dann Halsschmerzen, also den Unterricht für den Tag abgesagt. Am Nachmittag gesellte sich dann Husten dazu, am Abend Fieber.

Heute habe ich den ganzen Tag quasi ununterbrochen gehustet, sehr trocken, sehr schmerzhaft. Dazu leichtes Fieber und starke Kopfschmerzen. Klingt nach Jackpott.

Aber ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, denn ich werde nicht auf Covid-19 getestet werden – zumindest, solange ich nicht ins Krankenhaus muss.

Ich habe heute bei der nationalen Gesundheitshotline angerufen – 55 Minuten Wartezeit – da der Selbsteinschätzungstest auf der Seite des Gesundheitsportals mir einen Anruf aufgrund meiner Symptome empfahl. Die Krankenschwester am anderen Ende der Leitung war sehr professionell nett und offensichtlich sehr Callcenter-geschult, hat mich aber auch nur mit den erwartbaren Floskeln abgefüttert. Ja, alle meine Symptome würden zu Covid-19 passen, aber ich solle mir keine Sorgen machen, es könnte ja auch ein normaler Schnupfen sein. Testen? Nur wenn ich in der Pflege arbeiten würde, allen anderen würde der Test „nichts bringen“.

Außerdem solle ich mir die Hände waschen und in die Armbeuge husten und auf keinen Fall unter Leute gehen. Mein Mann könne jedoch weiter arbeiten gehen, solange er keine Symptome habe.

Zu meiner Frage, ob ich die Leute, die ich am Montag noch getroffen habe, informieren sollte, meinte sie, dass sei nicht nötig, schließlich sei man ja nur ansteckend, wenn man Symptome habe (!).

Zur Linderung meiner Symptome empfahl sie mir regelmäßig essen, viel Tee trinken und bei Bedarf fiebersenkende Mittel. Soforn es mir nicht nennenswert schlechter gehe, solle ich die Sache zuhause aussitzen. Abwarten und Tee trinken. Buchstäblich. Das kann ich durchaus kaufen, was will man auch machen. Ich weiß selbst nicht genau, was ich mir von dem Anruf eigentlich erwartet habe, außer den üblichen Floskeln.

Natürlich ging ich im Kopf die letzten Tage durch, wenn ich zuletzt getroffen habe und ob ich jemanden vor Ausbruch der ersten Symptome angesteckt haben könnte. Schließlich entschied ich mich, drei Leute anzufrufen, die ich am Montag länger getroffen habe und von denen ich weiß, dass sie wiederum viele Kontakte haben.

Erst im zweiten Schritt kam mir die Frage „woher hab ich den Scheiß eigentlich?“ Ich habe mich die letzten zwei Wochen nur zwischen Zuhause und Schule aufgehalten und einmal ein Besuch im Supermarkt, ansonsten nur im leeren Wald. Ich habe immer brav Abstand gehalten, mir die Hände wundgewaschen und mir von niemandem ins Gesicht husten lassen. Ich habe keine singuläre Situation erlebt, wo ich dachte „oh, oh, das war jetzt nicht gut“ – kein erkälteter Schüler, keine Gedrängesituationen oder Ähnliches, wo die schwedischen Maßgaben sagen würden, dass es zu vermeiden sei. Keine singuläre Situation, das nicht, dafür mein permanentes („deutsches“) Grundunwohlsein, über das ich hier ja auch mehrfach geschrieben habe. Klavierschüler treffen. Gesamtlehrerkonferenzen mit 48 Lehrern. Blasorchesterproben im Freien.

Nun hab ich also aller Wahrscheinlichkeit die Scheiße an der Backe Covid-19. Zu eurer Beruhigung: im Moment gehts mir „den Umständen entsprechend gut“. Ich halte euch auf dem Laufenden. Hab ja jetzt Zeit dazu.

Corona-Wanderungen: Nach Gingri


Heute bin ich eine Runde gegangen, die früher zu unseren Lieblingsspaziergängen gehörte. Aus irgendeinem Grund haben wir sie allerdings gefühlt seit Jahren nicht mehr gemacht. Wir wohnen ja zwischen zwei Naturschutzgebieten, eins am See und eins, durch dass sich der Fluss Viskan schlängelt und dass sich dann an der recht steilen Talseite hochzieht. Oben angekommen kann man über die Höhe ins Dorf Gingri laufen und dann wieder zurück ins Tal zu unserer Hausbadestelle. Ein Großteil der Strecke führt durch lichte Wälder und Weideland und ist als Gingrileden (Gingriweg) orange gekennzeichnet, der Rest verläuft über andere Wege und Schotterstraßen vom einen Naturschutzgebiet ins andere.

Nach Gingri gehen wir nach wie vor recht häufig, zumal dort Freunde wohnen, die immer gerne einen Tee aufsetzen, wenn man spontan vorbeikommt. Aber just diese Variante haben wir lange nicht mehr gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird…

Hoj!


Jedes Jahr im Frühjahr stelle ich mir die gleiche Frage: Wäre es nicht ökonomisch, ökologisch und gesundheitlich sinnvoll, statt mit Bus und manchmal Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Fürs kulår, wo ich mehrere Kontrabässe brauche, gibt es kommunale Dienstwagen, die man sich an einigen zentralen Sammelstellen leihen kann und alle Schulen, an denen ich regelmäßig unterrichte – im Moment ist das sowieso nur eine –, kann man ohne Probleme auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß erreichen. Eigentlich der Umstieg aufs Rad also kein Problem. Wenn nicht:HöhenprofilZwölf Kilometer sind ja eigentlich eine ganz angenehme Distanz mit dem Fahrrad, in einer guten halben Stunde könnte man am Ziel sein. Wenn da nicht diese zwei Steigungen wären. Hundert Höhenmeter sind natürlich zu schaffen, aber die beiden „Berge“ sind ganz schön steil und bringen einen schon ins Schwitzen. Und dann sind da  noch die eigentlich wunderschönen Passagen direkt am See: wenn da der Wind gerade aus der falschen Richtung übers Wasser bläst, macht das radeln überhaupt keine Spaß mehr. Und überhaupt: mimimi. Extra früh aufzustehen, um dann beim Job zu duschen, geht übrigens definitiv zu weit…

Vor einigen Jahren habe ich es dann trotzdem mal probiert, nach den Sommerferien bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Zwei Wochen habe ich durchgehalten, dann kamen die Schüler, der Alltag, der Regen, und das war’s.

Die Lösung: Ein E-Bike. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Teuer, brauche ich nicht, zu stolz, nur was für Rentner. Dann doch lieber Bus. Aber den möchte ich zur Zeit gar nicht so gerne nehmen, zu bestimmten Zeiten ist er völlig überfüllt (heißt: man hat keinen Doppelsitz für sich alleine). Abstand halten ist da schwierig, weshalb die hiesigen Verkehrsbetriebe darum bitten, dass nur diejenigen den Bus nehmen, die keine andere Alternative haben. Als sich die Osterferien dem Ende näherten, sind wir dann kurzentschlossen in die Stadt gefahren, haben drei Fahrradläden abgeklappert und seit Ostersonntag (alle Geschäfte auf, auch an Ostern, nix Shutdown…) bin ich nun Besitzer eines Fahrrads mit Hilfsmotor.

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Vor einer Schule, an der ich einmal die Woche Geige unterrichte. Die Schule liegt auch auf einem fiesen Berg.

Zweimal bin ich damit bis jezt zur Kulturschule gefahren und es fühlt sich so an, als ob das mit dem E-Bike-Pendeln ein dauerhaftes Konzept sein kann. Irgendwie habe ich ja auch keine Wahl, denn ansonsten haben wir einen Haufen Geld aus dem Fenster geworfen. Der Härtetest kommt aber natürlich erst, wenn das Wetter nicht mehr so wunderbar frühlingshaft ist – am besten suche ich jetzt schon nach meiner Regenhose.

Ein neues Wort habe ich übrigens auch gelernt. Hoj: heißt: Fahrrad.