Archiv der Kategorie: Saker och ting

Ein Klavier, ein Klavier!


 

Seit ich an meiner Musikschule arbeite, störte mich das Klavier, auf dem meine Schüler spielen. Trotz halbjährlicher Stimmung war nach 2 Monaten jedesmal das e“ so verstimmt, dass mein Stimmgerät immer behauptete, mein es“ sei zu hoch. Der Klavierstimmer meinte immer nur, dass es halt ein altes Instrument sei, das die Stimmung nicht mehr halten könnte und alles, was man machen könnte, sei alle 8 Wochen stimmen oder eine Generalüberholung, die im Zweifelsfall teurer sei, als eine Neuanschaffung und das sei die alte Mühle einfach nicht mehr wert.

Und die schlechte Stimmung war nur der Punkt, den ich objektiv mit Stimmgerät nachweisen konnte. Dass das Instrument an sich in Bezug auf Anschlag und und Klang eher ein Xylophon als ein Klavier war, wurde immer als Geschmacksfrage abgebürstet. Und dass das Instrument seit den 70er Jahren ohne Unterlass und ohne Renovierung als Schulinstrument in Gebrauch war und dementsprechend abgespielt war, taugte offensichtlich auch nicht als Argument für ein neues, bzw. ein neues gebrauchtes Instrument.

In den letzten vier Jahren habe ich daher regelmäßig um ein neues – oder wenigstens ein neues gebrauchtes – Instrument gebettelt. Als ich meine ehemalige Chefin endlich soweit hatte, dass sie fürs nächste Budget ein Neuanschaffung ins Auge fasste, beorderten die Lokalpolitiker eine große kommunale Umstrukturierung, in deren Verlauf wir einen anderen Chef bekamen, der noch viel uninteressierter an der Anschaffung neuer Tasteninstrumente war.

Nach langem Quengeln hatte ich es dann immerhin zu einem neuen Klavierhocker gebracht, nachdem ich mit gewerkschaftlicher Hilfe erklären konnte, dass täglich mehrere Stunden auf einem nicht höhenverstellbaren Stuhl in sitzender Tätigkeit früher oder später unweigerlich zu bleibenden Rückenschmerzen und Krankschreibung führen würden.

(Nur am Rande: für die bildschirmarbeitenden Menschen in der Stadtverwaltung schafft man selbstverständlich hydraulisch höhenverstellbare Tische und superergonomische Bürostühle im Wert von über 1000 Euro pro Arbeitsplatz an, an denen wechselweise stehend oder sitzend gearbeitet werden kann und macht ganze Fortbildungen, um auf die Wichtigkeit von wechselnder Körperhaltung hinzuweisen. Aber ein ordentlicher Klavierhocker für 150 Euro ist zu teuer.)

Nun tauchte kürzlich auf Blocket, dem großen schwedischen Kleinanzeigenportal eine Perle von Instrument auf: Ein Ibach Klavier aus deutscher Herstellung, Baujahr 1988, regelmäßig gestimmt, kaum gespielt, nur gestreichelt, schwarz lackiert, optisch quasi neuwertig. Für unter 1000 Euro!!! Auf den einschlägigen Seiten im Netz findet man vergleichbare Instrumente in Deutschland für das 5-10fache, je nachdem, ob man bei einem Händler oder von privat kauft.

Jonas und ich fuhren gemeinsam an einem Samstag nach Falkenberg, um das Instrument probezuspielen und es war Liebe auf den ersten… Ton.

Nun musste ich nur noch meinen Chef davon überzeugen, dass die Kulturschule ein solches Instrument zu diesem Preis so schnell nicht wieder sehen würde…

Ich mach es kurz und spare mir viele Zeilen unflätiger Sprache: die Antwort war nein.
Nun habe ich das Klavier selbst gekauft, eine Umzugsfirma beauftragt und es in meinen Unterrichtsraum gestellt stellen lassen. Am Freitag wurde es angeliefert und ich habe es noch keine Minute bereut.

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Mit dem Klavier kam auch noch ein Klavierhocker, Marke: Antik, samt handbesticktem Sitzpölsterchen. Hier zu Anschauungszwecken – ich denke, der Hocker wird eine neue Bestimmung als Blumenkübeluntersatz finden…

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(Man entschuldige die Bildqualität – ich war offenbar so aufgeregt, dass ich die Handykamera nicht ruhighalten konnte.)

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Ein Tag auf Skiern


Bei schönstem Sonnenschein Langlaufen: Dazu hatten wir in unserer Zeit in Schweden leider noch nicht allzuoft Gelegenheit. Entweder lag kein Schnee, oder die Sonne schien nicht, oder es war kein Wochenende und wir hatten keine Zeit. Am letzten Samstag ergab sich endlich einmal die Gelegenheit, die wir für gleich zwei Runden auf unterschiedlichen Loipen nutzten – mit kleinem Zwischenstopp auf unserem Haussee.

In unserer Nähe gibt es diverse Loipen. Neben dem Skistadion von Borås, das auch bei Plusgraden noch künstlich beschneit wird und eher von ambitionierten Läufern genutzt wird, spuren viele Sportvereine kleinere Runden auf Golfplätzen, Feldern, Mooren und durch den Wald. Dort steht dann entweder eine Spardose oder ein Hinweis auf die Swish-Nummer (ein Handy-Bezahldienst) des Vereins, wobei keine Gebühr verlangt, sondern nur um eine Spende gebeten wird.

Die erste Runde drehten wir auf dem Golfplatz von Bredared, danach auf einem nahegelegenen Moor. Hier hatten wir am Abend zuvor noch schnell nach der Arbeit getestet, ob unsere Ausrüstung funktioniert und jetzt wollten wir uns die Strecke noch einmal im Hellen ansehen, und hier durfte auch die Kamera mitfahren.

Die Strecke ging zunächst durch einen lichten Wald, bevor sich die Landschaft auf einem Moor öffnete. Es war, als ob man durch eine Postkarte lief, soooo schöööön! Danach ging es wieder durch den Wald zurück. Kurz bevor man wieder beim Einstiegspunkt war, kam man aber noch an einem kleinen „Erfrischungsstand“ vorbei, an dem Anwohner der Loipe selbstgebackene Kekse, Wasser und „Blåbärssoppa“ (angedickter, warmer Blaubeersaft, der bei keiner Langlauftour fehlen darf) anboten – gegen eine freiwillige Spende via Swish. Dazu hatten sie noch ein Korbsofa aufgestellt und das Futter ihrer Lamas nah an der Loipe ausgelegt.

Wochenende auf dem See


Nachdem die letzten Winter bei uns eher lauwarm waren, ist es seit zwei Wochen auch bei uns kalt mit zweistelligen Minusgraden, ordentlich Schnee und zugefrorenen Seen. Und was macht da der Schwede an einem schönen, sonnigen Samstag? Natürlich auf den See gehen: Schlittschuhlaufen, picknicken, grillen, angeln.

Der erste Donnerstag im März


Donnerstags haben wir beim Job immer Möte, Konferenz also. Die gute Sitte gebietet, dass jede Woche jemand anders fürs Fika zuständig ist, also Kanelbullar (Zimtschnecken), Kladdkaka (klebrigen Schokoladenkuchen), Semlor (Riesenwindbeutel) oder sonstige Leckereien mitbringt. Ob selbstgebacken oder gekauft ist dabei zweitrangig. Wenn jemand Geburtstag hat oder es irgendwas anderes zu feiern gibt, bringt man üblicherweise eine Prinsesstårta mit – Sahnetorte mit giftgrünem Marzipanüberzug.

Heute kam – für mich sehr überraschend, da eigentlich ein ganz normaler Donnerstag – der Lieblingskollege mit dieser Marzipantorte an:

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Fössta Tossdan i mass stand da auf der Torte. Aha. Bedeutet frei aus dem Småländischen übersetzt soviel wie: Easta Donnastag im Meaz.

Auch wenn mich das jetzt sprachlich nicht überforderte… ich war raus. Warum muss man jetzt den ersten Donnerstag im März feiern?? (Also… nicht, dass ich was gegen Marzipantorte hätte.) Was dann folgte, war eine Lektion in Landeskunde vom Lieblingskollegen:

Der Smålänning an sich hat ein dialektal bedingtes Problem mit dem Buchstaben r. Noch schlimmer wird dieses Problem, wenn dem r ein s folgt. Im restlichen Schweden wird die Lautkombination rs meist wie (r)sch ausgesprochen. Första torsdagen i mars klingt also wie [förschta turschdagen i marsch] oder auch [föschta tuschdan i masch].

Nun sind die Bewohner Smålands im restlichen Schweden nicht besonders angesehen – in Deutschland wären sie eine Mischung aus Schwaben und Ostfriesen, was Geiz und Geist angeht – und man lässt keine Gelegenheit aus, sich liebevoll über sie lustig zu machen. Vielleicht steckt auch ein bisschen Neid dahinter, den Smålänning Ingvar Kamprad verehrt man jedenfalls in ganz Schweden.

Die Anhäufung von rs-Lauten in Första torsdagen i mars hat jedenfalls dazu geführt, dass der erste Donnerstag im März zum inoffiziellen småländischen Nationaltag deklariert wurde, angeblich von einem Smålänning. Und wie feiert man den am besten? Natürlich, mit Massipaantåååta. Der nichtsmåländische Schwede spricht dieses Wort mit einem leicht grenzdebilen Grinsen aus.

Böse Zungen behaupten, der Tag sei eine Erfindung der Konditoren. Nicht ganz auszuschließen in einem Land, das auch einen Kanelbullens dag (4. Oktober), einen Semladag (Faschingsdienstag), einen Tag der Punschrolle, einen Tag der Mazarine und einen Waffeltag hat. Um nur die Wichtigsten zu nennen. Die drei letztgenannten liegen übrigens alle im März. Irgendwie muss man ja die Fastenzeit überleben.

Ja wer baggert da so spät noch am Baggerloch?


Naja, eigentlich müsste man eher fragen, warum man schon morgens um Viertel nach sieben den ersten Kieslaster abladen muss; aber der Reihe nach:

Vor einigen Monaten flatterte uns ein Brief von den Stadtwerken ins Haus: Die Fernwärmenetze von Fristad und Borås sollen zusammengeschlossen werden, um sich in Kapazität und bei Ausfällen gegenseitig zu unterstützen. Und ein Stück der Leitung solle genau durch unseren Garten gelegt werden.

Zum Glück ging es nicht darum, unseren Garten der Länge nach aufzuschlitzen, sondern nur um das verwilderte, nahezu unzugängliche Viertel unseres Grundstücks, welches wir bestenfalls als als privaten Schuttabladeplatz für Gartenabfälle nutzen, weil eine vernünftige Instandhaltung eine vorherige Baumfällaktion sowie größere Erdarbeiten voraussetzen würden. Geld-, Zeit- und Energieaufwand für uns: groß. Nutzen: mehr Sonnenlicht im Winterhalbjahr, ansonsten gering. Bock, sich darum zu kümmern: null.

Aber wenn die Stadtwerke sich da aufdrängen und uns sogar noch Geld dafür geben möchten, dass sie unseren Urwald abholzen, die komplette Fläche an das Niveau unseres restlichen Garten angleichen, d.h. auffüllen und für uns dabei noch die Möglichkeit entsteht, unser Haus ans Fernwärmenetz anzuschließen – warum nicht?

Und ich sag’s mal so: unser Grundstück grenzt an zwei Seiten an ein großes Naturreservat, es ist nicht so, dass wir zu wenig Wald um uns herum hätten…

Schon vor Weihnachten konnten wir beobachten, wie einige hundert Meter weiter in Richtung Fristad Bäume weichen mussten, riesige Rohre angeliefert wurden, auf dem Parkplatz von unserem Badeplatz riesige Erdhaufen entstanden und in den frisch ausgehobenen Gräben die dicken Rohre wieder verschwanden.

Seit dieser Woche wird jetzt auch bei uns gebuddelt. Über die Ausmaße der Bauarbeiten waren wir uns allerdings bei Weitem nicht im Klaren gewesen. Jetzt gähnt eine riesige Baugrube in unserem Ex-Wald, daneben wurde innerhalb eines Tages eine komplette Schotterstraße aus dem Boden gestampft.

Von der Grube aus wird man als nächstes einen Tunnel unter der Bahnlinie graben, in dem Fernwärmerohre verlaufen werden.

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Blick in die frisch ausgehobene Baugrube für die Fernwärmeleitung.

Vor ein paar Tagen war ein Kundenberater der Stadtwerke bei uns und wir haben den Anschluss unseres Hauses ans kommunale Fernwärmenetz in Auftrag gegeben. Dieser Teil des Projekts war zugegebenermaßen nicht ganz billig, aber in ein paar Monaten werden wir unsere Heizung im Keller rausschmeißen und durch ein kleines Bedienpanel ersetzen können. Langfristig erhoffen wir uns dadurch geringere Heizkosten, sodass sich die Investitition in 8-10 Jahren amortisiert haben wird. Und vor allem: wartungsfreies Heizen, denn das warme Wasser wird direkt vom Heizkraftwerk in unsere Heizungsrohre gepumpt und wir haben null Verantwortung für Instandhaltung und Erneuerung einer Heizung.

Bis dahin werden aber noch einige Baggerschaufeln aktiv sein und uns morgens zu unchristlichen Zeiten wecken. Jonas hingegen freut sich jeden Morgen wie ein kleiner Junge, wenn er rausgehen und Bagger in Aktion gucken kann…

Abendliche Begegnung


Abends, auf dem Weg zum Bus. An der Ampel steht ein Jugendlicher, vielleicht siebte Klasse, zusammen mit seinem kleinen Bruder. Ich glaube zunächst, einen ehemaligen Schüler zu erkennen, bin mir unsicher, schaue noch ein zweites Mal. Er bemerkt meinen Blick, schaut zurück, und scheint mich zu erkennen – ich ihn aber nicht.

„Ey, Alda, hast du uns nicht damals dieses fette Instrument beigebracht, wie heißt das nochmal, Kontrabass?“

Das werde wohl ich gewesen sein; es entspinnt sich ein kurzer Dialog, an welcher Schule das war, dass er mittlerweile an eine andere geht. Die Ampel wird grün, er eilt mit seinem Bruder los, aber vorher höre ich ihn noch sagen: „Das war cool!“