Archiv der Kategorie: Saker och ting

Upps…!


Warum sagt denn keiner was, dass mitten im Adventskalender plötzlich der 10. Januar auftauchte? Der Artikel über Chanukka sollte natürlich 10. Dezember heißen, nicht 10. Januar. Ich war wohl gedanklich schon einen Monat weiter…

Chanukka hat zwar kein festes Datum im gregorianischen Kalender, fällt aber immer auf Ende November oder in den Dezember. Dieses Jahr wurde Chanukka vom 3.-10. Dezember gefeiert.

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10. Dezember: Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!

2. Dezember: Wieder Student


Während Jonas den ganzen Sonntag über Weihnachtsoratorium generalprobt und konzertiert, sitze ich am Rechner. Montag morgen um 8.00 ist die Deadline für die erste von zwei Seminararbeiten, die ich bis Weihnachten noch fertig kriegen muss.

Klingt nach Arbeit? Ist es nicht. Ist Studium. Macht aber trotzdem Arbeit.

In diesem Semester bin ich neben meinem Vollzeitjob auch 50% Teilzeitstudentin. In Schweden gibt es eine große Auswahl von Fernstudiengängen. Das muss nicht immer ein ganzer Studiengang sein, man kann auch nur einzelne Kurse belegen und dafür „Hochschulpunkte“ auf deutsch: credit points sammeln, die man sich später anrechnen lassen kann, wenn man einen Abschluss machen will.

Zur Zeit bin ich also zu jeweils 25% oder 7,5 Punkten an den Universitäten in Västerås und Trollhättan eingeschrieben, wo ich Kurse im Bereich Management/Organisationstheorie und Personalführung/Gruppenpsychologie „besuche“, will heißen: mich vom Sofa aus in den virtuellen Hörsaal einlogge.

Methodisch sind beide Kurse ähnlich aufgebaut. Es gibt eine Lehrplattform, auf der man sich einloggt und dort hat man Zugang zu Videovorlesungen, die jede Woche online gestellt werden sowie diversen anderen digitalen Lehrmaterialien. Die obligatorische Kursliteratur kann man sich über Fernleihe bestellen oder man hat Glück und findet sie in der örtlichen Stadtbibliothek.

Auf der Lehrplattform kann man seine Kurskollegen und seine Kursleiter kontaktieren und es wird erwartet, dass man sich wöchentlich in Diskussionsforen zu den Themen der jeweils aktuellen Videovorlesung austauscht, also quasi eine Seminardiskussion führt. Alle paar Wochen muss man schriftliche Hausaufgaben einreichen oder sich durch Multiple-Choice Prüfungen durchklicken, die abfragen, ob man auch regelmäßig die Kursliteratur zuhause liest.

Gegen Ende des Semesters muss man eine 15seitige Seminararbeit über ein mehr oder weniger frei gewähltes Thema einreichen. Diese Arbeit wird von einem sogenannten Opponenten, also einem Kurskollegen gegengelesen, der auf die Einhaltung der inhaltlichen und formellen Kriterien achtet und Verbesserungsvorschläge macht. Man selbst muss natürlich auch die Arbeit eines Kurskollegen gegenlesen.

Schließlich wird der überarbeitete Aufsatz eingereicht und benotet. Je nach Kurs gibt es entweder nur bestanden/nicht bestanden oder eine viergradige Skala mit drei Varianten von bestanden.

Kurz nach Mitternacht bin ich fertig, Deadline ist Montagmorgen 8:00. Montagnachmittag kann man sämtliche Hausarbeiten seiner Kurskollegen einsehen, aber mich interessiert nur die eine Hausarbeit, die ich gegenlesen soll.

Man sieht Datum und Uhrzeit, wann die einzelnen Arbeiten hochgeladen wurden und ich stelle fest, dass ich bei weitem nicht die einzige bin, die Arbeiten auf den letzten Drücker fertigstellt. Im Gegenteil, ich war im guten Mittelfeld, manche haben da offensichtlich die Nacht durchgemacht.

Der Vorteil an dieser Art des Studierens ist die Freiheit, sich seine Zeit selbst einteilen zu können und dass man es bequem von zu Hause aus erledigen kann. Dennoch muss man bei aller Flexibilität irgendwo die 10 Stunden hernehmen, die pro Woche und Kurs vorausgesetzt werden. Und die Selbstdisziplin. Zum Glück bin ich ein schneller Leser und habe nie die 10 Stunden gebraucht, um mein wöchentliches Pensum zu erfüllen.

Und was willst du später mal damit machen?

Hihi, zum Glück bin ich aus dem Alter raus, wo mir diese Frage ernsthaft Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe meinen Job, der mir mal mehr und mal weniger Spaß macht. Aktuell würde ich daher sagen: ich will nur spielen. Aber vielleicht kann man’s ja mal brauchen, irgendwann. (Weiter-)bildung hat noch keinem geschadet.

Doppelter Doppelpass


Donnerstag: Einbürgerungsurkunde im Briefkasten.

Freitag: Online einen Termin bei der Passstelle der Polizei gebucht.

Montag: Mit dem Chef zur Passstelle gegangen, der dort eine eidesstattliche Erklärung ausfüllen musste, die unsere Identität bestätigt, und einen schwedischen Personalausweis („nationellt ID-kort“) beantragt.

Mittwoch: SMS bekommen, dass der Ausweis zur Abholung bereit liege.

Damit ist das Thema Einbürgerung gut sieben Jahre nach unserem Umzug nach Schweden jetzt endgültig abgeschlossen. Wir haben jetzt beide die doppelte Staatsbürgerschaft.

 

Ein Klavier, ein Klavier!


 

Seit ich an meiner Musikschule arbeite, störte mich das Klavier, auf dem meine Schüler spielen. Trotz halbjährlicher Stimmung war nach 2 Monaten jedesmal das e“ so verstimmt, dass mein Stimmgerät immer behauptete, mein es“ sei zu hoch. Der Klavierstimmer meinte immer nur, dass es halt ein altes Instrument sei, das die Stimmung nicht mehr halten könnte und alles, was man machen könnte, sei alle 8 Wochen stimmen oder eine Generalüberholung, die im Zweifelsfall teurer sei, als eine Neuanschaffung und das sei die alte Mühle einfach nicht mehr wert.

Und die schlechte Stimmung war nur der Punkt, den ich objektiv mit Stimmgerät nachweisen konnte. Dass das Instrument an sich in Bezug auf Anschlag und und Klang eher ein Xylophon als ein Klavier war, wurde immer als Geschmacksfrage abgebürstet. Und dass das Instrument seit den 70er Jahren ohne Unterlass und ohne Renovierung als Schulinstrument in Gebrauch war und dementsprechend abgespielt war, taugte offensichtlich auch nicht als Argument für ein neues, bzw. ein neues gebrauchtes Instrument.

In den letzten vier Jahren habe ich daher regelmäßig um ein neues – oder wenigstens ein neues gebrauchtes – Instrument gebettelt. Als ich meine ehemalige Chefin endlich soweit hatte, dass sie fürs nächste Budget ein Neuanschaffung ins Auge fasste, beorderten die Lokalpolitiker eine große kommunale Umstrukturierung, in deren Verlauf wir einen anderen Chef bekamen, der noch viel uninteressierter an der Anschaffung neuer Tasteninstrumente war.

Nach langem Quengeln hatte ich es dann immerhin zu einem neuen Klavierhocker gebracht, nachdem ich mit gewerkschaftlicher Hilfe erklären konnte, dass täglich mehrere Stunden auf einem nicht höhenverstellbaren Stuhl in sitzender Tätigkeit früher oder später unweigerlich zu bleibenden Rückenschmerzen und Krankschreibung führen würden.

(Nur am Rande: für die bildschirmarbeitenden Menschen in der Stadtverwaltung schafft man selbstverständlich hydraulisch höhenverstellbare Tische und superergonomische Bürostühle im Wert von über 1000 Euro pro Arbeitsplatz an, an denen wechselweise stehend oder sitzend gearbeitet werden kann und macht ganze Fortbildungen, um auf die Wichtigkeit von wechselnder Körperhaltung hinzuweisen. Aber ein ordentlicher Klavierhocker für 150 Euro ist zu teuer.)

Nun tauchte kürzlich auf Blocket, dem großen schwedischen Kleinanzeigenportal eine Perle von Instrument auf: Ein Ibach Klavier aus deutscher Herstellung, Baujahr 1988, regelmäßig gestimmt, kaum gespielt, nur gestreichelt, schwarz lackiert, optisch quasi neuwertig. Für unter 1000 Euro!!! Auf den einschlägigen Seiten im Netz findet man vergleichbare Instrumente in Deutschland für das 5-10fache, je nachdem, ob man bei einem Händler oder von privat kauft.

Jonas und ich fuhren gemeinsam an einem Samstag nach Falkenberg, um das Instrument probezuspielen und es war Liebe auf den ersten… Ton.

Nun musste ich nur noch meinen Chef davon überzeugen, dass die Kulturschule ein solches Instrument zu diesem Preis so schnell nicht wieder sehen würde…

Ich mach es kurz und spare mir viele Zeilen unflätiger Sprache: die Antwort war nein.
Nun habe ich das Klavier selbst gekauft, eine Umzugsfirma beauftragt und es in meinen Unterrichtsraum gestellt stellen lassen. Am Freitag wurde es angeliefert und ich habe es noch keine Minute bereut.

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Mit dem Klavier kam auch noch ein Klavierhocker, Marke: Antik, samt handbesticktem Sitzpölsterchen. Hier zu Anschauungszwecken – ich denke, der Hocker wird eine neue Bestimmung als Blumenkübeluntersatz finden…

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(Man entschuldige die Bildqualität – ich war offenbar so aufgeregt, dass ich die Handykamera nicht ruhighalten konnte.)

Ein Tag auf Skiern


Bei schönstem Sonnenschein Langlaufen: Dazu hatten wir in unserer Zeit in Schweden leider noch nicht allzuoft Gelegenheit. Entweder lag kein Schnee, oder die Sonne schien nicht, oder es war kein Wochenende und wir hatten keine Zeit. Am letzten Samstag ergab sich endlich einmal die Gelegenheit, die wir für gleich zwei Runden auf unterschiedlichen Loipen nutzten – mit kleinem Zwischenstopp auf unserem Haussee.

In unserer Nähe gibt es diverse Loipen. Neben dem Skistadion von Borås, das auch bei Plusgraden noch künstlich beschneit wird und eher von ambitionierten Läufern genutzt wird, spuren viele Sportvereine kleinere Runden auf Golfplätzen, Feldern, Mooren und durch den Wald. Dort steht dann entweder eine Spardose oder ein Hinweis auf die Swish-Nummer (ein Handy-Bezahldienst) des Vereins, wobei keine Gebühr verlangt, sondern nur um eine Spende gebeten wird.

Die erste Runde drehten wir auf dem Golfplatz von Bredared, danach auf einem nahegelegenen Moor. Hier hatten wir am Abend zuvor noch schnell nach der Arbeit getestet, ob unsere Ausrüstung funktioniert und jetzt wollten wir uns die Strecke noch einmal im Hellen ansehen, und hier durfte auch die Kamera mitfahren.

Die Strecke ging zunächst durch einen lichten Wald, bevor sich die Landschaft auf einem Moor öffnete. Es war, als ob man durch eine Postkarte lief, soooo schöööön! Danach ging es wieder durch den Wald zurück. Kurz bevor man wieder beim Einstiegspunkt war, kam man aber noch an einem kleinen „Erfrischungsstand“ vorbei, an dem Anwohner der Loipe selbstgebackene Kekse, Wasser und „Blåbärssoppa“ (angedickter, warmer Blaubeersaft, der bei keiner Langlauftour fehlen darf) anboten – gegen eine freiwillige Spende via Swish. Dazu hatten sie noch ein Korbsofa aufgestellt und das Futter ihrer Lamas nah an der Loipe ausgelegt.