Archiv der Kategorie: Saker och ting

Von Imkern, Abstinenzlern und Sindibads Frauen – Vereinsleben in Ale


Nein, das sind nicht unsere Mülltonnen! Der 5. Briefkasten von links ist unserer...

In unserem Brevlåda – also dem echten, offline – landen immer wieder ein paar unterhaltsame, schöne, spannende, nützliche oder auch völlig unnütze Dinge. Zu den nützlichen Dingen gehören Briefe wie z.B. der von der Telia, dass wir ab heute einen Festnetzanschluss und superschnelles und stabiles Internet haben. Spannender ist es aber, wenn Post von irgendwelchen Kreditupplysningsfirmen (wörtl.: Kreditbeleuchtung) kommt, weil mal wieder jemand unsere Kreditwürdigkeit überprüft hat, denn dadurch erfahren wir dann auch mal selbst, was diese Firmen eigentlich über uns wissen. (Ich habe keine Ahnung, welche Daten die Schufa in Deutschland über mich gespeichert hat.) Zu den schönen Dingen gehören Geburtstags- und Carepakete aus Deutschland mit Eszet-Schnitten. Zu den unnützen gehören die Werbezeitungen von den umliegenden Bau- und Supermärkten, die wir hier kiloweise kriegen. Und zu den unterhaltsamen Dingen gehören die Gemeindeinformationen wie z.B. der Alekurir oder der aktuelle Auszug aus dem Vereinsregister.

Nicht, dass es das Vereinsregister nicht auch online gäbe und die Schweden nicht ohnehin viel sparsamer wären, was Snailmail angeht, wenn man etwas auch per Email erledigen kann; aber das Vereinsregister scheint etwas wirklich Wichtiges zu sein. Als achtseitige Hochglanzbroschüre im Vierfarbdruck kommt dieser Fritidsguide (Freizeitguide) daher. Im Vorwort bezeichnet man Schweden stolz als das Land der Vereine, danach folgen über 200 Vereine samt Kontaktadressen. Nutzerfreundlich alphabetisch nach Themen sortiert, findet man unter der Rubrik Sport die Klassiker Fußball, Basketball, Handball, Karate, Reiten, Golf, Schach, Armbrustschießen, Innebandy und noch einiges mehr. Das Fischen ist eine eigene Rubrik und listet unter anderem Sportfischer, Fliegenfischer, Fischzüchter und Lachsfischer auf. Wenn man dann vom Angeln in der Kälte Rheuma bekommt oder erst gar keinen Fisch isst, weil man allergisch ist, so bieten sich der örtliche Rheumatiker- oder Allergikerclub an. Vielleicht bewahrt einen das Angeln ja aber auch vor einer Mitgliedschaft im Herz-Lungenkranken- oder dem Diabetikerverein. Und möglicherweise befruchten sich die Anglervereine und die drei Nachtwanderclubs gegenseitig in ihrer Arbeit, weil nachts die Fische besser beißen.

Nach der Rubrik Idrott (Sport) folgt Kultur. Auch hier gibt es Bekanntes wie Theatergruppe, Bibliotheksfreunde und Heimat- und Gesangsverein, aber auch Ahnenforscher, diverse Volkstanzgruppen, einen Patchwork- und Quiltclub, das Blasorchester „Lärm“ (ob das die Jugendabteilung des Vereins der Hörgeschädigten ist?) und einen nicht weiter definierten Club namens „Surte Swingers“ (Surte ist ein Ort hier in der Nähe).

Weiter gehts im Alphabet, wir sind inzwischen bei N wie Nykterhetsföreningar („Nüchternheitsvereine“) angelangt. Die Abstinenzbewegung scheint hier noch sehr aktiv zu sein, wenn die Nykterhetsföreningar sogar eine eigene Rubrik bekommen. Puuuh… schnell weiter…

P wie Pensionärsföreningar, Rentnerclubs also. Wenn jeder Mensch nur in einem Club Mitglied sein dürfte, dann gäbe es in Ale mehr Rentner als Nüchterne, aber wahrscheinlich gibts da eine ziemlich große Schnittmenge. Keine Schnittmenge dürfte es hingegen zwischen Rentnern und dem einzigen politischen Verein, dem Christdemokratischen Jugendclub geben. Wie? Nur ein politischer Verein? Vielleicht werden die politischen Ortsvereine hier nicht im Vereinsregister geführt, anders kann ich mir das nicht erklären.

Vorletzte Rubrik: Religiöse Vereine. Hier findet man jede Menge freikirchliche und/oder Erweckungsgemeinden (wir erinnern uns an die Abstinenzler…), Bibelkreise und einen religiösen Studienverbund (was auch immer das sein mag), aber auch einen Islamisch-bosniakischen Verein.

Der letzte Buchstabe im schwedischen Alphabet ist Ö wie Övriga föreningar. Hier wird’s nochmal bunt: Jagdpfleger, Modellbauflieger, Schäferhundzüchter, Pfadfinder, Raketenbauer, Hundesportler und Imker sind ebenso vertreten wie das Frauenhaus, Heimwerker, Jugoslaven, Hobbyweber, Fotografen, Bootseigner, Rotes Kreuz, Naturschützer und „Sindibads Frauen“. Fragt mich nicht, was die machen. Ich kann mir unter diesem Namen ja viel vorstellen, aber nichts davon will so richtig in mein Bild von der schwedischen Gesellschaft passen…

Und wo passen wir dazu? Letzten Sonntag haben wir uns eine der Volkstanzgruppen angeschaut, weil mich das interessiert hat. Hatte aber eher was von Seniorentanztee und obwohl alle furchtbar nett zu uns waren, gehen wir da wohl nicht wieder hin. Was wir im Vereinsregister unserer Kommune wirklich vermissen, ist ein ordentlicher Kammerchor, der etwas anderes als Gottesdienste oder Gospel/Pop macht, aber das ist eine andere Geschichte.

Ulkig ist übrigens das Titelblatt des Ale fritidsguide: eine der wenigen Tätigkeiten, die man in Schweden ja wirklich gut ohne Vereinszugehörigkeit ausüben kann, ist, an den nächsten See zu gehen und die Seele baumeln zu lassen. Und was zeigt die Titelseite…?

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Die erste Woche


Nun sind wir schon fast eine Woche hier, aber mir kommt es schon wie eine Ewigkeit vor, weil bis jetzt jeder Tag so proppevoll mit Eindrücken und Erlebnissen war. Bis heute morgen waren ja auch noch Jonas‘ Bruder und dessen Freundin hier und heute ist der erste Abend, an dem wir hier alleine sind. Aber der Reihe nach.

Montag – der Auszug

Deutschland verabschiedet sich mit einem grandiosen Sonnenuntergang

Dank vieler helfender Hände – nochmal ein dickes DANKE an euch!!! – ging das Kistenschleppen erfreulich fix und selbst beim Wohnungsputz hatten wir noch Helfer. Der Umzugs-LKW war dann auch um 11:30 schon wieder weg, während wir noch die Wohnung übergaben. Für den Flügel hatten wir eine eigene Firma engagiert, die unseren Herrn Schiedmayer aus dem 3. Stock runtertragen und den Transportschlitten und Rollwagen an die beiden Männer vom Umzugsunternehmen übergeben sollten. Der Flügel war auch fix im LKW verschwunden, nur haben sie aus unerfindlichen Gründen Schlitten und Rollwagen mitgenommen. Böser Fehler…
Gegen eins konnten wir dann auch aufbrechen. Jonas und Bruder im VW-Bus, meine „Schwippschwägerin“ und ich im Twingo. Die Fahrt nach Travemünde bei Lübeck war soweit ereignislos und glücklicherweise haben sogar beide Autos noch einen Platz auf der Fähre um 22:00 nach Malmö gekriegt, während unser LKW die kürzere Fähre nach Trelleborg nehmen musste und damit am nächsten Morgen zwei Stunden vor uns in Schweden ankommen sollte.

Dienstag – der Einzug

Gegen 7 Uhr kamen wir in Malmö an und starteten direkt durch nach Skepplanda, schließlich hatte der LKW schon einigen Vorsprung (dachten wir zumindest). Nach etwa dreieinhalb Stunden kamen wir an und Per, der Platzverwalter der Wohnungsgesellschaft, mähte gerade vor unserer Wohnung den Rasen. Die Wohnung war blitzblank geputzt, das hatte offensichtlich eine Reinigungsfirma gemacht, so sauber kann eine Küche eigentlich nur sein, wenn sie gerade neu eingebaut ist (ich weiß, wovon ich rede, ich hatte in Karlsruhe gerade noch einen ganzen Tag lang unsere Küche geputzt!).

Unser Haus wird gerade noch frisch gestrichen - der Giebel wird auch noch rot

Alle Elektrogeräte, d.h. Kühlschrank, Waschmaschine, Trockenschrank und – endlich! – Spülmaschine sahen ebenfalls aus wie frisch ausgepackt und sind von einer namhaften deutschen Weißwarenfirma.

Unser LKW war noch nicht da, also hatten wir noch Zeit für einen Gang zu unserem Minisupermarkt im Ort. Am fortgeschrittenen Nachmittag – wir fragten uns allmählich, ob sie nicht doch die Fähre nach Litauen genommen hatten und dort gerade unseren kompletten Hausstand vertickten – kam dann endlich auch der LKW. Sie hatten in Trelleborg eine falsche Adresse ins Navi eingegeben und waren direkt zu ihrem nächsten Kunden in der Nähe von Växjö gefahren. Da wir ja jetzt ebenerdig wohnen, waren die Kartons und die Möbel zügig ausgeladen – und dann kam der Flügel. Ohne Schlitten, ohne Rollwagen.

Erstes Abendessen auf unserer Veranda

Zuerst versuchten wir eine Schiebelösung mit massenhaft Wolldecken. Unmöglich. Dann konstruierten wir eine Gurttragevorrichtung (Auf der Gurtverpackung stand: „ACHTUNG! Nur zum Verzurren, nicht zum Transport schwerer Gegenstände!“), die uns – oder vielmehr: den Flügel – aber auch nicht nennenswert weiterbrachte. Schließlich fuhr Jonas mit einem der Umzugsmänner in den nächsten Baumarkt, um einen Rollwagen zu kaufen. Fehlanzeige. Ziemlich frustiert saßen wir sechs dann da und wussten nicht richtig weiter.

Ziemlich hoffnungslos fragte Jonas schließlich Milan, den Maler, der gerade unsere Dachbalken rot anmalte, ob er nicht eine Idee habe. Und siehe da: aus seinem Werkzeugschuppen holte Milan einen hydraulischen Hebewagen, der unser Problem in kürzester Zeit löste. 20 Minuten später stand der Flügel unversehrt und spielbereit im Wohnzimmer. Milan ist übrigens nach eigenen Angaben Jugoslawe und hat 8 Jahre in Mainz gelebt und freute sich riesig mal wieder deutsch sprechen zu können – was er gleich dazu nutzte, mich zu fragen, ob ich nicht seiner immer noch in Deutschland lebenden Frau eine Arbeitserlaubnis z.B. als Putzhilfe verschaffen könnte.

Mittwoch – Kisten auspacken

Was soll ich viel schreiben, außer auspacken haben wir an diesem Tag nicht viel gemacht.

Donnerstag – erster Kontakt mit schwedischen Behörden und IKEA

In Schweden gibt es kein Einwohnermeldeamt, denn die Anmeldeformalitäten übernimmt das skatteverket (Finanzamt), dann kennt zumindest die wichtigste schwedische Behörde schonmal die neue Adresse… Bevor wir uns dort aber anmelden und damit eine Personennummer beantragen konnten, mussten wir zunächst unser Aufenthaltsrecht als EU-Bürger beim migrationsverket registrieren. Das hatten wir schon zwei Wochen zuvor von Deutschland aus online gemacht und uns auf eine Wartezeit von 3 Monaten eingestellt. Aber siehe da: Als wir einzogen, lag der wichtige Brief vom Migrationsverk bereits seit 10 Tagen in unserem neuen Briefkasten. Also konnten wir damit direkt zum Skatteverk gehen und die Personennummer beantragen. Das war ein unkomplizierter Gang mit einem zweiseitigen Formular ohne irgendwelche Wartezeiten. Jetzt heißt es 4-6 Wochen auf die Personennummer warten.

Sommerdiamanten!

Das Skatteverk liegt auf dem Weg zu unserem nächsten IKEA, der etwa 30 km entfernt ist. Auch dazu muss ich nicht viel sagen, es gibt dort Billy, Benno und Köttbullar. Und das Regal, dessentwegen man dorthin gefahren ist, ist gerade nicht mehr im Lager. Also alles genauso wie in einem deutschen IKEA.

Abends lockt ein Sprung in „unseren“ See, nur 8 km entfernt. Inzwischen hüpfe ich rein, ohne mich vorher abzukühlen. Wir haben noch nicht gemessen, aber er hat wohl so um die 20 Grad. Und wenn man abends hingeht, hat man den See auch ganz für sich alleine.

Freitag – Ausflug nach Trollhättan

Die Vattenfall-Wasserfälle

Jonas zweiter Bruder ist gerade in Oslo und kam übers Wochenende. Da die Bahnstrecke vor unserem Dorf noch die nächsten zwei Wochen umgebaut wird, konnte er nur bis Trollhättan fahren, was wir dazu nutzten, uns die Stadt anzuschauen. In Trollhättan sitzen Saab und Volvo Aero, außerdem ist es die Geburtsstadt von Vattenfall, denn dort steht das „Ur-Wasserkraftwerk“ an einem Wasserfall, der heute noch zu touristischen Zwecken im Sommer eine Viertelstunde am Tag geöffnet wird. Als wir dort waren, fiel tatsächlich jede Menge Wasser, sodass wir uns schnell in das absolut empfehlenswerte Technik- und Naturwissenschaftsmuseum Innovatum verkrochen.

Leuchtturm auf Marstrand, im Hintergrund eine Regatta

Samstag – Ausflug ans Meer

Mit nun drei Feriengästen und bestem Sommerwetter bot sich ein Ausflug in die Schären geradezu an.

In den Schären bei Marstrand

Marstrand liegt auf einer Schäre desselben Namens etwa eine Autostunde von uns entfernt. Man kann mit dem Auto bis auf die vorletzte Insel fahren, dann geht es mit einer kleinen Fähre hinüber nach Marstrand. Dort machen viele Schweden Urlaub, aber auch superreiche Russen mit ihren schicken Yachten kann man dort sehen. Oder man macht sich zu Fuß auf den Weg in den westlichen Teil der Insel und kann sich ganz schnell wie der einzige Insulaner fühlen.

Sonntag – Ausflug in Königs Elchjagdrevier

Nahe Trollhättan gibt es zwei Tafelberge direkt am Vänern – Halle- und Hunneberg -, wo die Königsfamilie wohl regelmäßig auf Elchjagd geht, was die Wahrscheinlichkeit, dort einen Elch zu sehen, zumindest außerhalb der Jagdsaison deutlich erhöht. Uns reizte jedoch mehr die Vorstellung, von einer  50 m hohen Steilklippe aus über den Vänern zu schauen und eine schöne Wanderung zu unternehmen, daher haben wir auch das Elchmuseum links liegen gelassen. Abends wartete dann in Trollhättan der Zug nach Oslo auf Jonas Bruder.

Montag – Alltag kehrt ein

Nachdem vormittags auch unsere beiden geduldigen Umzugshelfer abgereist sind, war das heute unser erster Tag allein in unserem neuen Heim. Inzwischen haben wir zumindest einen Internetstick, mit dem sich das Surfen ein bisschen anfühlt wie in den späten 90ern, so langsam ist es. Daher können wir leider noch nicht skypen, aber wir sind an einer besseren Internetverbindung dran. Immerhin habe ich heute ernsthaft mit der Jobsuche beginnen können und meine Daten in verschiedenen Jobbörsen hinterlegt.

Der Urwald vor der Haustür

Zum ersten Mal haben wir heute einen längeren Spaziergang von unserem Haus aus unternommen. Nur 100m von hier beginnt ein Urwald, wo man hinter jedem Baum Ronja Räubertochter erwarten könnte und der noch viele Möglichkeiten für unterschiedliche Runden über Stock und Stein bereithält. Und für den Winter gibt es eine beleuchtete Loipenrunde durch den Wald. Das ist doch was anderes als unsere Standardrunde durch die Karlsruher Schrebergärten.

Viel los also in den letzten Tagen und jeden Tag so viel Neues. Die nächsten Tage werden wir hier noch weiter rumräumen und ein Besuch bei IKEA steht auch noch an, bevor für Jonas nächsten Montag das Semester startet. Bis dahin genießen wir hier den Spätsommer, der uns mit viel Sonne und Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad beglückt. So solls sein!

Kurzes Update


Ihr Lieben, die Ihr wahrscheinlich sehnsuechtig auf Neuigkeiten wartet: Wir sind gerade im Innovatum in Trollhättan, ein Technikmuseum, und natuerlich gibt es hier freies Internet. Jonas‘ Bruder No. 2 ist heute hier eingetroffen und draussen schuettet es herbstlich, daher ist so ein Tag im Museum genau das richtige. Beim Umzug ging alles glatt, sogar den Fluegel haben wir irgendwie ins Haus gekriegt und 45 der 50 Kartons sind inzwischen auch schon ausgeräumt. Bis Montag haben wir aber noch „full house“ daher ist hier vorläufig noch Funkpause. Uns geht es gut, alles ist schön, vor allem unser Haus.

Gedanken am Umzugsmorgen


Es ist halb sieben. Neben mir liegt Jonas und schläft selig. Noch eine halbe Stunde, dann klingelt der Wecker. Ich habe wenig geschlafen, zu viel ging mir durch den Kopf. Vor allem der Dauerregen heute Nacht machte mir Sorgen. Wie kommt der Flügel trocken in den LKW? Halten die Kartons noch, wenn wir sie 10 Meter durch Platzregen tragen? Draußen Lärm. Ich stehe auf und öffne das Wohnzimmerfenster. Gerade kommen die Sperrmüllautos. Das erste sammelt Teppiche und alles, was weich ist, ein. Das zweite kriegt alles aus Holz, die Sachen werden direkt zerkleinert, das ist ganz schön laut. Gut, dass wir meinen schönen Computertisch, der nicht in die neue Wohnung passt, gestern abend noch an die chinesische Studentin aus der WG über uns verschenken konnten, sie hat sich so gefreut.
Der Regen hat aufgehört, Richtung Westen sieht man ein paar blaue Ecken am Himmel. Draußen riecht es schön frisch und kühl, perfektes Wetter zum umziehen. Die Straßenbahnen rattern unentwegt an unserm Haus vorbei, neuerdings liegen wir baustellenumleitungsbedingt ja an der Hauptstrecke, die von Osten in die Stadt kommt.Das wird in Schweden bestimmt ruhiger sein…

Viertel vor sieben. Ich gehe wieder ins Bett, Jonas nuschelt verschlafen „blogstduschonwieda?“. Schlaf weiter, hast noch ne Viertelstunde. Gleich gehen wir zu unserem Bäcker um die Ecke frühstücken, ist ja schon alles eingepackt. Frau A., die nette Verkäuferin, die uns immer was extra schenkt, müsste heute aus Ihrem Urlaub zurück sein, vielleicht können wir uns noch verabschieden.

Jetzt klingelt der Wecker. Es geht los. Ich freue mich!

Ja, mach nur einen Plan – Die letzten Tage


Ich bin für die Einführung einer Auswanderungspauschale. Klingt komisch? Ist aber so. Ich wäre liebend gern bereit, einen dreistelligen Fixbetrag an ein höheres Wesen zu bezahlen, das mir im Gegenzug garantiert, dass die Dinge, die man Wochen und Monate vorher vorausschauend geplant, organisiert und eingefädelt hat, dann auch einfach so funktionieren wie angemeldet. Ich will keinen Umzugs- oder Auswanderungsmanager, der mir die Dinge aus der Hand nimmt, im Gegenteil. Nein, ich möchte doch einfach nur, dass nicht in der Woche vor dem Umzug die Katastrophen im Stundentakt zuschlagen, weil Anträge und Papierkram erst monatelang irgendwo in irgendwelchen Büros unbearbeitet herumliegen und dann auf einmal Probleme verursachen, weil der Sachbearbeiter sich nicht darum gekümmert hat. Kleine Auswahl gefällig?

Telefon. Mathe für Anfänger, denn: 37 Monate > 24 Monate

In unserem Vertrag, den wir vor über drei Jahren abgeschlossen haben, steht eine Mindestvertragslaufzeit von 24 Monaten und eine Kündigungsfrist von mindestens 6 Tagen, sofern man in ein Gebiet umzieht, in dem Kabel WB (Firmenname geändert) keinen Service anbietet. Ordentlich wie wir sind, kündigen wir schon drei Wochen im Voraus. Antwort: „Gerne nehmen wir Ihre Kündigung zum 31.8.2012 [sic!] entgegen. Wenn Sie schon früher kündigen möchten, lösen wir den Vertrag gerne gegen eine einmalige Zahlung von 50 €.“ Hä? Was? Davon steht aber nichts in unserem Vertrag. Anruf. Warteschleife. Für Elise. Mitarbeiter: „Ja, die AGB haben wir vor acht Monaten geändert, aber beschweren können Sie sich gerne. Ich kann daran nichts ändern, bin dazu nicht befugt.“ Also Widerspruchsbrief schreiben und warten. Bislang noch keine Antwort.

Arbeitsamt. Wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut.

Pünktlich 3 Monate vor Ende des Arbeitsvertrages bin ich zur Arbeitsagentur gegangen (ich berichtete), um mich in Sachen Arbeitslosengeld zu informieren, zu melden und zu klären, wie das mit Umzug innerhalb der EU ist. Lief ja alles wunderbar, den positiven Antrag hat die Dame ja auch gleich ausgefüllt, ich musste nur noch die Arbeitsbescheinigung nachreichen. Hab ich auch einen Monat vor Ende der Frist gemacht und dann mehrmals angerufen, ob auch alles vollständig und in Ordnung ist. Antwort: „Ja, alles in Ordnung, sie kriegen dann ihr Arbeitslosengeld, während Sie in Schweden nach Arbeit suchen.“ Zwei Tage nach Ende meines Arbeitsvertrages ruft mich ein anderer Sachbearbeiter an und erklärt mir, dass die Dame, die mich seinerzeit beraten und mir den Antrag ausgefüllt hat, ihre Kompetenzen überschritten hat und das gar nicht hätte machen dürfen. Aber nicht nur, dass sie es nicht durfte, nein, offensichtlich konnte sie es auch nicht. Denn wie mir dieser Sachbearbeiter dann erklärte, gibt es eine Sonderklausel, die sich anfühlt, als wäre sie mir persönlich auf den Leib geschrieben und die verhindert, dass ich auch nur einen Cent Arbeitslosengeld bekomme. Wäre schön gewesen, das geringfügig früher zu erfahren, man hätte doch finanziell etwas anders geplant.

Krankenkasse. Ein Perso und ein Reisepass allein auf großer Reise.

Krankenversicherung wäre natürlich kein Problem gewesen, wenn das mit dem Arbeitslosengeld geklappt hätte. Die Kasse war rechtzeitig informiert, alles ganz geschmeidig. Nach dem negativen Bescheid: Endlose Telefonate um freiwillige Versicherung ohne Wohnsitz in Deutschland. Wir brauchen ja übergangsweise noch die deutsche KV, bis wir in Schweden unsere Personnummer haben und das kann ein paar Monate dauern, wie Skatteverk (Finanzamt) und Migrationsverk (Ausländerbehörde) auf ihren Websites schreiben. Mit einem persönlichen Gespräch ließ es sich letztlich doch irgendwie regeln und bis jetzt hat auch noch keiner angerufen und gesagt, dass dieser Mitarbeiter nicht befugt gewesen wäre…

Anders bei Jonas‘ KV: Da schien bis heute morgen alles problemfrei und dann kam der Anruf, dass er einen deutschen Wohnsitz braucht, um seine studentische Versicherung zu behalten. Also mit dem Einwohnermeldeamt im 300 km entfernten Sauerland telefoniert, ob er seinen Wohnsitz dorthin zu seinen Eltern verlegen kann, ohne persönlich zu erscheinen, unser Umzugswagen kommt ja in vier Tagen. Hätten die sich mal ein paar Tage früher um Jonas‘ Schreiben gekümmert, hätten wir das am Montag noch persönlich machen können. Es geht jetzt jedoch anscheinend auch ohne Jonas – aber nur, wenn seine Mutter seinen Personalausweis und Pass vorlegen kann. Beide Dokumente sind nun per Einschreiben unterwegs und kommen hoffentlich rechtzeitig zurück, sonst hat Jonas ein Problem, denn die Dänen machen ja neuerdings wieder fröhlich Grenzkontrollen.

Wohnung. Wenn aus Freunden Nachmieter werden.

Seit zwei Jahren haben wir eine Bekannte als Nachmieterin für unsere Wohnung. Unsere Wohnung haben wir sofort gekündigt, nachdem wir in Schweden was hatten und die Nachmieterin vorgeschlagen. Die Vermietungsgesellschaft hat dann aber leider (angeblich) wochenlang die Wohnungsbesitzerin nicht erreicht und konnte uns deshalb nicht aus dem Vertrag lassen. Schließlich haben wir im Netz die Nummer der älteren Dame recherchiert, obwohl das so von der Vermietungsgesellschaft nicht gedacht ist. Und wer sagts, die ältere Dame war zuhause und auch die letzten Wochen nie länger weg. Schade, dass jetzt erstmal unserer Sachbearbeiter im Urlaub ist und wir deshalb noch sinnlos weiter Miete zahlen, weil keiner da ist, der den Vertrag aufsetzen kann. Zu allem Überfluss hat jetzt die Nachmieterin auf einmal die Lust verloren und wir werden die nächsten Tage noch nebenher neue potentielle Nachmieter durch unsere Wohnung führen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Auto. Gießen, das kriminelle Pflaster.

Und als ob dieser ganze Bürokratiesch… noch nicht genug wäre: Auf dem Rückweg vom Sauerland 15 Minuten Water-in-Water-out-Pause neben der Autobahn und – schwupps – war das Auto aufgebrochen. Glück im Unglück: das Auto war noch da und es wurde nichts geklaut. Aber das Schloss ist zerstört, der Lack vom Aufhebeln zerkratzt und ob der Ersatzzylinder noch diese Woche kommt, steht in den Sternen. Das war aber noch nicht alles: die Versicherung scheint nun zu glauben, dass es sich um Versicherungsbetrug handelt und hat erst ein Gutachten angefordert. Nach (ungelogen!) Stunden in Telefonwarteschleifen habe ich es aber hingekriegt, noch am Freitag einen Termin beim Gutachter zu bekommen.
Liebe Autodiebe, ein Tipp: wenn ihr in Zukunft auf Tour seid, sucht euch doch bitte nicht die kleinste und älteste Studentenkarre auf dem Parkplatz aus, wenn rechts und links lauter dicke schwarze Geschäftswagen-Limousinen und -SUVs stehen. Vielleicht habt ihr davon mehr.

All diese Dinge sind vor allem deshalb so ärgerlich, weil wir uns seit Wochen bemüht haben, die stressige Schlussphase nicht stressiger als notwendig werden zu lassen und uns um alles so früh wie möglich zu kümmern. Aber wahrscheinlich muss das einfach so sein, damit uns der Abschied aus Karlsruhe leichter fällt. Trotzdem: wenn ich das alles durch eine einmalige Auswanderungspauschale hätte vermeiden können, ich glaube, das wärs mir wert gewesen. Oder um Brecht zu zitieren:

Ja, mach nur einen Plan.
Sei nur ein großes Licht!
Und dann mach noch nen zweiten Plan,
gehn tun sie beide nicht.

So, vermutlich war das heute für die Leser ein wenig ergiebiger oder informativer Artikel. Aber wichtig für meine persönliche Psychohygiene. Verzeiht es mir.

Sommer – Ferien – Chaos…


Seit Mittwoch sind Sommerferien, wobei weder von Sommer noch von Ferien bei uns ernsthaft die Rede sein kann. Während jedoch ganz Deutschland über das Wetter der letzten Wochen jammert, sind wir einfach nur froh, dass die große Hitzewelle bislang ausgeblieben ist. So kann es bitte auch noch zwei Wochen bleiben, bis wir unseren Umzug über die Bühne gebracht haben.

Inzwischen ist hier nämlich das große Chaos ausgebrochen. Wir sind seit zwei Tagen dabei, unseren Gruscht und Krempel auszumisten, wegzuwerfen, einzupacken, zu verschenken, zu inserieren und in Second-Hand-Läden zu tragen. Irgendwie macht das ja auch Spaß und ich frage mich dauernd, warum ich irgendwelche Dinge eigentlich noch besitze und nicht schon längst entsorgt habe, z.B. einen 30 cm hohen Filzpilz oder das Vorlesungsverzeichnis vom Wintersemester 2003/04. Anderes war längst verschollen geglaubt und taucht jetzt unverhofft wieder auf, wie z.B. mein Steuerbescheid von 2009. Manche Dinge überraschen mich selbst, z.B. was für Sachen ich 2006 alles in einer Klausur über Syntax und Logik gewusst zu haben scheine.

Im Moment versinkt die Wohnung und wir mit ihr in Dingen, Sachen und Zeugs, weil wir irgendwie an allen Ecken gleichzeitig packen. Wir hatten uns vorgenommen, erst mal die Schreibtische und alles drumherum einzupacken – wir brauchen aber noch ein paar Ordner draußen, falls noch was an Papierkram ansteht. Dann also erst die Bücher und CDs – die brauchen allerdings im Regal am wenigsten Platz, stehen dann im Weg rum und sind eigentlich schnell gepackt, also noch stehen lassen. Starten wir eben mit der Küche – ach nein, wir müssen ja noch zwei Wochen lang irgendwie essen. Ok, fangen wir halt im Badezimmer an – aber nur das, was wir jetzt schon nicht mehr brauchen… Und wenn jetzt noch eine fiese Sommergrippe kommt und das Grippostad ist schon in einer Kiste verschwunden…? Nun gut, dann also der Keller. Sperrmüll ist aber erst in zwei Wochen, lustigerweise gerade an unserem Auszugstag – hoffentlich verwechseln die Sperrmüll- und die Umzugsmänner da nichts… AAAAAAAHHHH!!! Also doch erst die Aktenordner…

Geschafft!


Endlich ist es geschafft. Am Mittwoch hatte ich tatsächlich meine letzte und abschließende mündliche Prüfung an der Musikhochschule. Danach habe ich erst einmal ausgiebig ausgeschlafen und an diesem Tag gar nichts mehr gemacht, seit gestern bin ich aber wieder unter den Lebenden. Jetzt muss ich nur noch auf die Noten für meine schriftliche Abschlussprüfung und meine Bachelor-Arbeit warten, dann darf ich mich Bachelor of Arts nennen. Zum einen heißt das natürlich, dass ich endgültig meine alte Hochschule hinter mir gelassen habe und nun nichts mehr zwischen mir und meinem Studium in Göteborg steht. Ganz aktuell kann ich mich nun aber auch ganz und gar unserem Umzug widmen, worauf ich mich schon seit Wochen freue – obwohl ich zugeben muss, dass ich das Kisten einpacken nicht so attraktiv finde wie das Einräumen unserer schwedischen Möbel-Neuerwerbungen; oder noch besser das Suchen dieser neuen Möbel auf vielen, vielen loppisar (Flohmärkte).