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10. Dezember – Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

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Vier hässliche Lieschen und eine Kopfschmerztablette, bitte!


Schüler, 3. Klasse, erste Klavierstunde nach den Sommerferien:
„Ich hab ein neues Lied gelernt, von meiner Cousine! Es heißt „Lis Fyra“!“*

 

Anderer Tag, andere Schülerin, 7. Klasse. Erste Klavierstunde nach den Sommerferien:
„Ich habe ein neues Lied gelernt, von meiner Freundin! Es heißt „Ful Elise“!“**

 

Gleicher Tag, später am Nachmittag, Schüler, 5. Klasse. Wir machen Fingerübungen zum Aufwärmen und Anknüpfen an früher bereits Gelerntes. Kind spielt D-Fis-A, Daumen, Mittelfinger, kleiner Finger.

Ich: „Wie nennt man denn das, was du da gerade spielst?“
Kind: …?
Ich: „Also wenn man drei Töne spielt, die dann gleichzeitig klingen…“
Kind: …?
Ich: Könnte das vielleicht was mit Drei…. zu tun haben, wenn da drei Töne klingen?
[Auf Schwedisch: …när det klingar tre toner?]
Kind: …?
Ich: „T…“
Kind: „T…“
Ich: „Tr…“
Kind: „Tr…“
Ich: „Treee…“
Kind: „Tre… Tree… Treee…“
Kind (strahlt): „Treo!“***

Treo 500mg/50mg 60st (1/1)


*fyra = vier
** ful = hässlich
*** Treo: Handelsname für Kopfschmerzbrausetabletten mit Acetylsalicylsäure und Koffein. Die richtige Antwort wäre treklang, also Dreiklang gewesen.

Der erste Donnerstag im März


Donnerstags haben wir beim Job immer Möte, Konferenz also. Die gute Sitte gebietet, dass jede Woche jemand anders fürs Fika zuständig ist, also Kanelbullar (Zimtschnecken), Kladdkaka (klebrigen Schokoladenkuchen), Semlor (Riesenwindbeutel) oder sonstige Leckereien mitbringt. Ob selbstgebacken oder gekauft ist dabei zweitrangig. Wenn jemand Geburtstag hat oder es irgendwas anderes zu feiern gibt, bringt man üblicherweise eine Prinsesstårta mit – Sahnetorte mit giftgrünem Marzipanüberzug.

Heute kam – für mich sehr überraschend, da eigentlich ein ganz normaler Donnerstag – der Lieblingskollege mit dieser Marzipantorte an:

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Fössta Tossdan i mass stand da auf der Torte. Aha. Bedeutet frei aus dem Småländischen übersetzt soviel wie: Easta Donnastag im Meaz.

Auch wenn mich das jetzt sprachlich nicht überforderte… ich war raus. Warum muss man jetzt den ersten Donnerstag im März feiern?? (Also… nicht, dass ich was gegen Marzipantorte hätte.) Was dann folgte, war eine Lektion in Landeskunde vom Lieblingskollegen:

Der Smålänning an sich hat ein dialektal bedingtes Problem mit dem Buchstaben r. Noch schlimmer wird dieses Problem, wenn dem r ein s folgt. Im restlichen Schweden wird die Lautkombination rs meist wie (r)sch ausgesprochen. Första torsdagen i mars klingt also wie [förschta turschdagen i marsch] oder auch [föschta tuschdan i masch].

Nun sind die Bewohner Smålands im restlichen Schweden nicht besonders angesehen – in Deutschland wären sie eine Mischung aus Schwaben und Ostfriesen, was Geiz und Geist angeht – und man lässt keine Gelegenheit aus, sich liebevoll über sie lustig zu machen. Vielleicht steckt auch ein bisschen Neid dahinter, den Smålänning Ingvar Kamprad verehrt man jedenfalls in ganz Schweden.

Die Anhäufung von rs-Lauten in Första torsdagen i mars hat jedenfalls dazu geführt, dass der erste Donnerstag im März zum inoffiziellen småländischen Nationaltag deklariert wurde, angeblich von einem Smålänning. Und wie feiert man den am besten? Natürlich, mit Massipaantåååta. Der nichtsmåländische Schwede spricht dieses Wort mit einem leicht grenzdebilen Grinsen aus.

Böse Zungen behaupten, der Tag sei eine Erfindung der Konditoren. Nicht ganz auszuschließen in einem Land, das auch einen Kanelbullens dag (4. Oktober), einen Semladag (Faschingsdienstag), einen Tag der Punschrolle, einen Tag der Mazarine und einen Waffeltag hat. Um nur die Wichtigsten zu nennen. Die drei letztgenannten liegen übrigens alle im März. Irgendwie muss man ja die Fastenzeit überleben.

Ich komme heute später, weil…


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Diese SMS bekam ich kürzlich von einem Klavierschüler, neunte Klasse:
Hej! Komme wohl etwas später heute weil Zeitmangel usw

Ich bin ja glücklich, wenn sie ihr Handy benutzen, um damit mit mir zu kommunizieren. Und „Zeitmangel usw“ ist wirklich eine schöne Entschuldigung. So erwachsen. Mal eine Abwechslung zu „Ich kann nicht kommen, wir schreiben morgen nen Mathetest./ Ich muss zum Zahnarzt./ Mama hat vergessen meine Tasche zu packen./ Mein Freundin hat ein neues Pony.“

Schön auch, wenn Form und Inhalt so kongruent sind wie hier. Eine ausführliche Erklärung mit Zeichensetzung und allem Pipapo, warum die Zeit knapp ist, wäre ja auch unglaubwürdig. Stattdessen fokussiert er auf die wichtigen Dinge, zunächst auf der Beziehungsebene: „Hej!“ Wie schön! Trotz Zeitmangel usw nimmt er sich die Zeit, mir eine Anrede zu schreiben, noch dazu mit Satzzeichen, das einzige in der ganzen SMS! Dann gehts direkt zur Sache: „Kommer…“. Wer wird sich denn mit so Kinkerlitzchen wie einem Satzsubjekt aufhalten, wenn man im Telegrammstil schreiben kann? Immerhin, die Zeit reicht für das kleine Wörtchen nog (=wohl, vermutlich), es gibt also noch ein Fünkchen Hoffnung, dass er es doch noch pünktlich schafft. Schließlich kommt die SMS schon um 15.00 und seine Klavierstunde beginnt erst 30 Minuten später.

Offensichtlich wollte er mir auch zunächst eine längere Erklärung schreiben, warum er zu spät kommen würde, darauf deutet die Konjunktion „eftersom“ hin, die gemeinhin einen vollständigen beigestellten Hauptsatz einleitet. Ich sehe es bildlich vor mir, wie er den Satz beginnt, versucht, sein voraussichtliches Zuspätkommen plausibel zu begründen, es wieder löscht, neu anfängt und schließlich ganz erschöpft aufgibt und sich mit der Erklärung Zeitmangel zufrieden gibt. Zeitmangel, die Geißel meiner und offensichtlich auch seiner Generation. Er ahnt, dass damit alles gesagt ist, denn das schöne Wörtchen Zeitmangel deckt so ungefähr alle Unwägbarkeiten des Lebens ab, einschließlich der unvorhergesehenen Ereignisse, die zwischen Unterrichtsschluss und Klavierstundenbeginn auftreten können. Oder? Ist damit wirklich alles, alles, also wirklich erschöpfend ALLES gesagt? Oder sollte man noch besser ein nachdrückliches Undsoweiter hinterherschieben? Die Zeit ist knapp, aber die jugendliche Unsicherheit groß, daher ein Kompromiss: usw  – Ohne Satzzeichen. Dafür reicht die Zeit nun wirklich nicht. Aber wenigstens umfasst ein usw nun endgültig alles andere, was nicht schon im Subtext zu Zeitmangel enthalten war. Fertig. Senden!

Um 15:40 steht ein duftender Jüngling vor mir: die Haare frisch gegelt, der weiche Flaum rasiert und die ganze Erscheinung in eine Wolke von Rasierwasser, Duschgel und Deo eingehüllt, und erklärt mir: „Wir hatten in der letzten Stunde Sport.“

Als ich am Ende der verkürzten Unterrichtsstunde die Tür meines Unterrichtsraumes öffne und ihn und seine Duftwolke nach draußen entlasse, sitzt auf dem Flur seine neue Freundin und wartet. Das erklärt doch so viel mehr als Zeitmangel usw

Warum heute eine Schokoladen-Erdnuss-Torte meine Stimmung hob


Der beste Augenblick des Tages: Erst ein Gespräch zwischen meinem neuen Chef (Veganer) und einem Kollegen mithören – beide machen gerade 5:2-Diät und der neue Chef hat heute seinen :2-Tag, an dem man nur 600 Kalorien zu sich nehmen darf – und eine halbe Stunde später die Miene des Chefs sehen, als die Kollegin, die heute für unser wöchentliches Fika zuständig war, eine Kuchenplatte auf den Tisch stellte und stolz verkündete: „Schokoladen-Erdnuss-Torte, laktose- und glutenfrei und vegan!“

An den Rändern quoll zärtlich die cremige, snickersartige Füllung raus und die millimeterdicke Schokoglasur knackte verlockend, als wir die Torte anschnitten… Mhmmm…

Mein neuer Chef ist einer der Gründe, warum es hier gerade so still ist im Blog. Nach monatelangen Verhandlungen im Herbst über meine kleine, aber sehr feine Musikschule und deren Fortexistenz müssen wir uns seit 1. Januar mit einer Kompromisslösung und einem neuen Chef anfreunden. Das kostet mich gerade leider einiges an Energie, die mir abends und am Wochenende zum Bloggen fehlt.

Passend dazu zitiert der Lieblingskollege bei jeder sich bietenden Gelegenheit den schwedischen Schriftsteller und Komiker Tage Danielsson: „…men kaffe och bullar gör mig glad!“, ein Lied darüber, wie sich das Elend der Welt im allgemeinen und im speziellen eigentlich nur mit Kaffee und Süßgebäck ertragen lassen. Meist schiebt er mir dann die Keksdose zu.

Den schwedischen Text und eine englische Übersetzung gibt es hier: http://swedish-lyrics.tumblr.com/post/67846889238/tage-danielsson-kaffe-och-bullar-translated

Achso… deshalb.


Ich sitze in meinem Unterrichtsraum und warte auf den nächsten Schüler, meine Tür ist angelehnt. Im Flur sitzen zwei Schüler,  4. oder 5. Klasse, und ich belausche unfreiwillig ihre Unterhaltung über den Ausgang der US-Wahl.

– „Schon komisch, dass der Kandidat mit weniger Stimmen trotzdem Präsident wird. Voll undemokratisch, oder?“

– „Das liegt am Wahlsystem in den USA. Der Präsident wird ja nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von Elektroden.“

Das erklärt natürlich einiges.