Archiv der Kategorie: Språk

Einwanderer unter sich


Neulich hatte ich ein lustiges Gespräch mit zwei ungefähr zehn Jahre alten Schülerinnen, die eine stammt aus Vietnam, die andere aus dem Iran und beide sprechen völlig akzentfrei Schwedisch.

– Bist du eigentlich Schwede?
– Ne, ich komme aus Deutschland.
– Echt? Das haben wir gar nicht gemerkt. Wie lange wohnst du denn schon in Schweden?
– Seit gut drei Jahren.
– Wie lustig, genau so lange wie wir. Aber sag mal, warum sprichst du denn dann so gut Schwedisch, man hört ja kaum, dass du nicht aus Schweden bist.
– Und euch hört man es überhaupt nicht an…
– Ja, aber…

Barrierefreiheit im Alltag


Am Dienstag hatten wir „Verwaltungstag“, eine Fortbildungsveranstaltung mit diversen Vorträgen für alle Angestellten der Kulturverwaltung in Borås, rund 150 Menschen. Im Stadttheater arbeitet eine taubstumme Frau, die von diesem Vormittag nicht unbedingt viel gehabt hätte – wenn die Organisatoren nicht vorgesorgt hätten: Die gesamte Veranstaltung wurde simultan gedolmetscht, und zwar von gleich zwei Gebärdendolmetscherinnen. Schließlich kann man von Dolmetschern ja auch nicht erwarten, mehr als eine Stunde am Stück zu dolmetschen (das meine ich durchaus ernst, denn dolmetschen ist wirklich Hochleistungssport fürs Gehirn).

Vor’m Frühstück


Auf schwedisch gibt es das schöne Wort morgondopp, wörtlich soviel wie „Eintauchen am Morgen“, aber ein dopp ist auch, wenn man einen Keks in Kaffee tunkt. Und wie ein Keks im Kaffee sauge ich die leckere Morgenluft, das beinahe ohrenbetäubende Gezwitscher, das Knirschen meiner Schuhe auf dem Waldboden und die üppige Blumenpracht überall in mich auf. Auf meinem Weg zum morgondopp.

Wider Erwarten hat es nicht geklirrt, als ich reingesprungen bin.

Drei Eritreer mit dem Kontrabass


Jeden Montag und Freitag steht bei mir kulår („Lustigjahr“) auf dem Stundenplan. Dann fahre ich in eine oder mehrere Schulen irgendwo im Landkreis und stelle den Erstklässlern Geige und Kontrabass vor. Dreißig bis vierzig Minuten habe ich pro Klasse und Woche, nach vier Wochen geht es an eine andere Schule und mein Drehbuch beginnt von vorne.

Wenn man nur zwei Kinderbässe mitnehmen kann und in einer Stunde zwanzig oder noch mehr Sechsjährige diese ausprobieren sollen, ohne dass die Wartenden völlig durchdrehen, muss man das Ganze generalstabsmäßig planen. Mein bewährtes Konzept beruht auf einer einfachen Bassstimme zum überaus passenden Klassiker Drei Chinesen mit dem Kontrabass. Dabei lernen die Kinder gleich noch etwas Deutsch (und über die sprachliche Nähe zwischen Deutsch und Schwedisch) und außerdem bietet das Lied genug Variationsmöglichkeiten, um den kleinen Sängern etwas Abwechslung zu bieten. Manchmal tausche ich die Vokale aus, manchmal lasse ich die Kinder aber auch neue Länder aussuchen, aus denen die drei Bassisten kommen.
Und das ist ein sehr spannendes soziales Experiment:

An einer Schule in einem der einwandererreichen Viertel von Borås wählen Hassan, Tarek und Bashira ausschließlich ihr Hemland (Herkunftsland oder Herkunftsland der Eltern). Typische Antworten sind hier Syrien, Pakistan, der Kosovo oder Somalia.
In den eher homogen schwedischen Wohngebieten fallen die Länderwünsche anders aus: Hier erfährt man einiges über die Urlaubsvorlieben der Eltern von Oscar, Ebba und Lina und plötzlich singt man über drei Australier, Zyprioten, Thailänder oder Hawaiianer.

Interessant wurde es neulich in einer Dorfschule: Dort musste ich zunächst lernen, dass „der Kontinent“ sehr weit weg ist von Schweden – zumindest glaubten sowohl mein Musikkollege als auch die Klassenlehrerin, dass Korsika zu Italien gehört. Nachdem ich über weitere populäre Reiseziele aufgeklärt worden war, wollte ausgerechnet Fatih, das einzige Kind ohne schwedische Eltern, gerne von Kontrabass spielenden Schweden singen.

Yussuf Haydn – wenn Syrien auf Bullerbü trifft


Neulich in meiner 2./3. Klasse: Wir hören das Andante aus Haydns 94. Sinfonie („mit dem Paukenschlag“) und ich erzähle ein wenig über Joußeff Hajdn und zeige ein Bild des alten Mannes mit Perücke. Haydns Namen spreche ich schwedisch aus, das passiert einfach so, ich kann Namen nicht deutsch (oder gar österreichisch) aussprechen, wenn ich gerade Schwedisch spreche, nicht mal meinen eigenen.

– Ebba: „Der sieht gar nicht schwedisch aus.“

– Ich: „Das könnte vielleicht daran liegen, dass er kein Schwede ist. Aber dass der Mann so aussieht, liegt vor allem daran, dass er vor über 200 Jahren gelebt hat. Und zu der Zeit sahen manche Leute in Schweden so ähnlich aus. “

Schnell google ich ein Bild von Carl von Linné und projiziere es an die Tafel. Linné sah zwar eher aus wie Bach, zumindest in der Wikipedia, aber wir wollen jetzt nicht kleinkariert sein. Perücke ist Perücke und von Carl von Linné haben die meisten schonmal gehört.

– Ebba: „Und aus welchem Land kommt Haydn jetzt?“

Bevor ich antworten kann, meldet sich Hakim. Hakim geht in die zweite Klasse und ist vor ein paar Monaten mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Er spricht fast nie freiwillig, weder mit den Lehrern, noch mit seinen Klassenkameraden, obwohl er es inzwischen problemlos könnte. Aber singen, das mag er und im Stuhlkreis sitzt er meist neben mir, so wie jetzt auch.

Ich freue mich, dass Hakim plötzlich so viel Engagement zeigt, dass er sich gleich „schnippmelden“ muss und nehme ihn dran.

– Hakim: „Ich glaube, Joseph Haydn kommt aus Syrien oder einem anderen arabischen Land.“

– Ich: ?

– Hakim (stolz): „In Syrien heißen ganz viele Männer Yussuf. Mein Onkel auch!“ Und ganz leise setzt er hinzu:
„Aber wir wissen nicht, ob er noch lebt.“

Ich bin hilflos und habe nicht den blassesten Schimmer, wie eine angemessene Reaktion in dieser Situation aussehen könnte. Was sagt man, wenn Syrien plötzlich auf Bullerbü trifft?

Nach der Stunde, als Hakim mir hilft, die Tafel zu wischen, sage ich, dass ich es toll finde, wenn er sich von sich aus meldet und dass er schon so toll schwedisch kann, dass er sich nicht verstecken muss. Und dann verrate ich ihm noch mein kleines Geheimnis, nämlich den eigentlichen Grund warum ich so komisch spreche. Dass ich nämlich zuhause auch eine andere Sprache spreche als in der Schule, genau wie er. Allerdings nicht arabisch, sondern eher so wie Haydn.

– „Aber du hast keine Perücke auf“ grinst Hakim, bevor er im Treppenhaus verschwindet.

Perücke, das Wort hat er heute neu gelernt.

[Personennamen geändert.]

Warum ich so komisch rede


In diesem Schuljahr werde ich einmal die Woche von meiner Musikschule an die Grundschule im zehn Kilometer entfernten Nachbarort – der Einfachheit halber nenne ich ihn jetzt mal „Bullerbü“ – ausgeliehen um dort Musik im Klassenverband zu unterrichten. Die knapp 80 Schüler der Klassenstufen 0 (Vorschule) bis 6 sind zum Teil in Doppeljahrgängen zusammengefasst, weil die Klassen in Bullerbü sonst zu klein wären. In meiner Doppelklasse 2-3 sind 16 Schüler.

Neulich sang ich mit den Kindern ein Hej!-Lied mit Begrüßungen in vielen verschiedenen Sprachen. Bei der anschließenden In-welchen-Sprachen-könnt-ihr-noch-Hej-sagen?-Runde kamen dann noch ein paar schwedische Dialekte zusammen.

– Emil: „Annika, du sprichst doch auch so nen Dialekt, weil… du bist ja nicht aus Bullerbü. Das weiß ich, weil du ja immer mit dem Auto kommst! Wo wohnst du denn?“

– Ich: „Ich wohne in Mariannelund aber mein Dialekt…“

– Emil: „Wo genau da?“

– Madita: „Ich weiß wo sie wohnt, ich hab sie nämlich mal beim Rasenmähen gesehen!“

– Emil (hartnäckig): „Ja und wo ist das jetzt?“

– Madita: „Direkt neben dem Haus von dem Freund von meiner Oma und der heißt Gunnar. Und Gunnar hat einen blauen Oldtimer! Uuuuhund…“

Alle starren gebannt auf Madita, jetzt kommt was ganz Großes…

– Madita: „Und der Freund von meiner Oma, also der Gunnar, der redet genauso komisch wie Annika. Die reden nämlich alle so in Mariannelund!“

Alle Kinder nicken verständnisvoll: die Frage, warum die Musiklehrerin so „komisch“ redet, wäre damit geklärt. Schließlich wohnt sie eine ganze schwedische Meile weit weg. Und Emils Frage „wo genau“ ist jetzt auch treffsicher beantwortet: neben Gunnar mit dem blauen Oldtimer.

(Ja, Gunnar mit dem blauen Oldtimer ist mein Nachbar und nein, Gunnar ist nicht aus Deutschland. Im Gegenteil – Gunnar gehört hier im Ort zum Urgestein und spricht sehr starken lokalen Dialekt. Dass mein Akzent genauso klingen soll wie sein Dialekt, kann ich mir zwar nur schwer vorstellen, aber ich verstehe das jetzt einfach mal als Kompliment.)

[Alle Personen- und Ortsnamen geändert.]

Es gibt so Tage…


…da reicht es, wenn man sie einmal erlebt und dann ist’s gut. Bei mir war der Dienstag so ein Tag. Und der Mittwoch. Aber eigentlich fing alles schon am Montagabend an. Nämlich mit Zahnschmerzen.

Vor ein paar Wochen hatte ich eine neue Füllung in einem Backenzahn bekommen, die sich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder gemeldet hat. Da ich wusste, dass mir eine längere Wurzelbehandlung bevorstünde, wenn diese Füllung nicht hielt, was sie versprach, hatte ich die Zahnschmerzen immer gepflegt verdrängt – in der Hoffnung, dass sie irgendwann von alleine verschwinden oder wenigstens nicht schlimmer würden. Zumindest hoffte ich, einen erneuten Zahnarztbesuch bis nach unserem größten Event in diesen Herbst, unserem Lehrerkonzert, rauszögern zu können.

Dieses Lehrerkonzert war ein Projekt, das größtenteils in meinen Händen lag, sowohl in der Organisation als auch in der Durchführung. Denn auch wenn – bzw. gerade weil – der Sinn des Konzertes hauptsächlich darin lag, dass wir Musiklehrer uns als Solisten präsentieren, so bedeutete das, dass überdurchschnittlich viel Arbeit für den Pianisten ansteht, weil ja ein Solist meistens einen Begleiter braucht – und das ist (wenn gerade kein Orchester zur Hand ist) eben der Pianist.

Und ich bin leider nicht die abgeklärte Pianistin, die Begleitungen einfach so locker aus dem Ärmel schüttelt, und sich darauf verlässt, dass der Solist des Ding schon reißen wird – jedenfalls nicht, wenn das ganze auch noch öffentlich stattfinden soll. Aber ich wollte es ja nicht anders und wusste seit Mai, was da auf mich zukommt und ich habe mich wissentlich und mit großer Vorfreude auf dieses Projekt eingelassen.

Doch dann schlug Murphys Law („Whatever can go wrong will go wrong“) gnadenlos zu.

Der Presslufthammer im Kopf

Zahnschmerzen also am Montagabend – 48 Stunden vor dem Konzert – und zwar in der Preisklasse „Presslufthammer zwischen Schädeldecke und Kinn.“ Der gefühlte Presslufthammer fand seine physische Entsprechung in Form einer Großbaustelle in unserem Garten, genauer gesagt: an der Bahnlinie, die 50 m hinter unserem Schlafzimmer verläuft. Und wann sonst könnte man dort unter einer eigens angekarrten Flutlichtanlage besser Bäume fällen, Schwellen austauschen und die Schienen mit Eisenhämmern zurechtbiegen als zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens? Eben. Aber war ja auch schon egal, denn mein Backenzahn verhinderte ohnehin jede Form von Schlaf.

Nach einer durchwachten Nacht rief ich gleich morgens um sieben beim Zahnarzt an und bekam erfreulicherweise noch vor der Mittagspause einen Akuttermin, allerdings nicht bei „meiner“ Zahnärztin, sondern bei einer Kollegin in der gleichen Praxis. Luxusproblem, in meiner Situation, 32 Stunden vor unserem Lehrerkonzert.

Unter lokaler Betäubung wurde dann rasch die schmerzende Füllung entfernt und der Zahn provisorisch wieder verschlossen. Als wir gerade einen Folgetermin für den ersten Teil der Wurzelbehandlung vereinbaren wollten, merkte ich plötzlich, wie mir schwindlig wurde. Zunächst dachte die Zahnärztin an leichte Kreislaufprobleme wegen eventueller Wurzelbehandlungsangst, außerdem hatte ich ja gerade eine halbe Stunde gelegen, da kann einem beim Aufstehen schonmal das Blut in den Beinen versacken. Ich legte mich also wieder auf den Behandlungsstuhl und wartete, dass mein Kreislauf wieder in Gang käme. Aber Pustekuchen! Stattdessen merkte ich, wie plötzlich innerhalb kürzesterer Zeit meine Zunge und mein Hals anschwollen und ich kaum noch Luft bekam.

Ab diesem Augenblick habe ich für eine Weile nur noch schemenhafte Erinnerungen. Ich weiß noch, dass plötzlich sehr viele Leute im Raum herumwuselten, darunter auch mein Hausarzt, der im selben Gebäude praktiziert, und dass die vielen Leute sehr viele verschiedene Dinge gleichzeitig taten. Ich erinnere mich an einen Arm, der ausholt und mir mit voller Wucht eine Spritze durch die Jeans in den Oberschenkel rammt. Ich erinnere mich, dass da auf einmal ein Schlauch in meinem Arm war und ich erinnere mich auch noch, wie mein Hausarzt mit dem Notruf telefonierte und die Worte fielen: „das ist eine Prio 1“ und ich noch dachte „ah super, die Skala geht ja bestimmt von 1-10 und 1 ist dann die niedrigste Prioritätsstufe, also alles halb so schlimm.“ Ab da hab ich einen Filmriss.

Vom Zahnarzt direkt in die Notaufnahme

Kurz vor der Ankunft im Krankenhaus geht mein Film weiter: Auf meiner Nase sitzt eine Maske mit fürchterlichem Gestank, und ich liege rückwärts fahrend im Krankenwagen – dabei wird mir doch schon auf dem Beifahrersitz bei vorsichtiger Fahrweise schlecht. Jetzt also hinten, liegend, rückwärtsfahrend, mit Stinkemaske im Gesicht.

„Hallo Annika, ich bin Martin, wir fahren dich gerade ins Krankenhaus, du hattest einen anaphylaktischen Schock, vermutlich wegen der Betäubungsspritze, die du beim Zahnarzt bekommen hast“ fasst der Mann im grün-gelben Norwegerpulli neben mir die Situation zusammen. „Wie geht’s dir? Kannst du mir Deine Personennummer sagen?“

Schock hin oder her, aber bei dieser Fahrweise kann einem ja nur übel werden. Leider ist Sprechen gerade etwas, was mein geschwollener Hals und meine taube Zunge nur rudimentär mitmachen, im übrigen fühlt sich mein Gehirn an wie Wackelpudding. Und jetzt soll ich also erklären, dass der Mensch am Steuer gefälligst nicht so rasen soll und auch noch meine Personennummer auf schwedisch aufsagen? Ganz selten gibt es ja doch so Momente, wo mein Sprachzentrum im Hirn lieber muttersprachlich kommuniziert als in einer fremden Sprache, auch wenn die Sprache hier schon lange kein Problem mehr für mich ist. Irgendwie versteht der grüne Mann aber doch, dass die Maske mit dem eklig stinkenden Gas jetzt ganz fix durch eine ordinäre Kotztüte ersetzt werden sollte.

Bevor diese jedoch zur Anwendung kommt, erreichen wir glücklicherweise das Krankenhaus. Martin kontrolliert ein letztes Mal Atmung, Puls, Sauerstoffsättigung und den Schlauch in meinem Arm. Anscheinend ist er mit allem zufrieden und zieht mich aus dem Rettungswagen. Kaum sind wir durch die Krankenhaustür, bekomme ich ein Armbändchen mit meiner Personennummer und – einem Strichcode. „Cool, die haben schon auf mich gewartet, ziehen die mich jetzt gleich durch eine Scannerkasse?“ (Das war tatsächlich der erste Gedanke, der mir durch mein Wackelpuddinghirn schoss.)

Statt durch die Scannerkasse gezogen wurde ich jedoch erstmal rundum verkabelt und verschlaucht und dann in Sichtweite der Rezeption abgestellt. Ein Arzt erklärte mir, dass ich jetzt eine ganze Weile hier liegen würde, ich sei kein akuter Fall mehr, jetzt sollten Adrenalin, Cortison, Antihistaminika und eine Tüte Kochsalzlösung erstmal ihren Job in meinem Körper verrichten.

Die folgenden Stunden zur Untätigkeit verdammt, hätte ich ja sinnvollerweise dazu nützen können, ein wenig meines fehlenden Nachtschlafes nachzuholen, aber das verhinderte das Adrenalin, das mir als Sofortmaßnahme gegen den allergischen Schock in den Oberschenkel gerammt und in die Nase geblasen worden war, zuverlässig. Nach zwei Stunden fühlte ich mich zum Bäume ausreißen fit, nach weiteren zwei Stunden Adrenalininfusion durfte ich nach Hause gehen. Statt nach Hause habe ich mich jedoch von Jonas mit einem Mietauto von der Stadt direkt zu unserer Generalprobe fahren lassen, unser Auto stand ja noch beim Zahnarzt.

Noch 25 Stunden bis zum Konzert.

Meine Kollegen, die ich vom Krankenhaus aus angerufen hatte, um mein unerwartetes Ausbleiben am Nachmittag zu erklären (schließlich hätte ich nachmittags einen Haufen Klavierschüler gehabt), staunten nicht schlecht, als ich auf einmal leicht aufgekratzt, aber pünktlich zur Generalprobe auf der Matte stand um das Ding jetzt durchzuziehen. Man war gerade am Überlegen über welche Kanäle man das Konzert alles absagen müsse. Ich sah das ganze eher sportlich, „Training unter verschärften Bedingungen“ sozusagen, höher als jetzt konnte mein Adrenalinpegel konzertbedingt kaum mehr ansteigen.

Nach der Generalprobe, die weder besonders gut noch besonders schlecht, sondern einfach normal war (das war auch das einzige Normale an diesem Tag) fuhr ich nach Hause, um dort vor verschlossener Tür festzustellen, dass ich am morgen im Presslufthammerzahnschmerzdelirium den falschen Schlüssel eingesteckt hatte und nicht ins Haus kam. Unser Vermieternachbar mit Ersatzschlüssel war weder zuhause noch erreichbar, die anderen Nachbarn ebenfalls nicht und Jonas noch zwei Stunden bei einer Chorprobe. Draußen waren 8°C und Nieselregen und ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Definitiv der Tiefpunkt des Tages.

Noch 22 Stunden bis zum Konzert.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als nochmal in die Stadt zu fahren – inklusive Vollbremsung wegen zweier Rehe (nein, das  denke ich mir jetzt nicht wegen der Dramaturgie aus, die waren da tatsächlich!)  – um Jonas samt Hausschlüssel aus der Chorprobe zu holen. Sinnigerweise fuhr Jonas dann gleich mit nach Hause, er traute meinem Geisteszustand wohl nicht mehr viel zu.

Im Adrenalinrausch

Eine durchwachte Nacht und ein solcher Tag hätten ja theoretisch beste Voraussetzungen für eine ordentliche Portion Schlaf sein können, aber… denkste! Zwar schlief ich zwischen Stunde 21 und Stunde 19 vor Konzertbeginn tatsächlich ein wenig, aber dann war Schluss. Mein Adrenalinrausch vereitelte jeden weiteren Schlaf und ich lag bis zum Weckerklingeln (11 Stunden vor Konzertbeginn) ununterbrochen wach.

Nach inzwischen schon zwei durchwachten Nächten am Stück und neu hinzugekommenem Herzrasen am Morgen, war der erste Weg daher der zum Telefon, um meinen Unterricht abzusagen und einen Termin beim Hausarzt zu machen. Der bestätigte meine Vermutung, dass das eben die Nebenwirkung des Adrenalins seien, aber da das EKG soweit unauffällig war, schickte er mich mit einer Schachtel Beruhigungspillen wieder nach Hause.

Nun habe ich aber noch nie Beruhigungsmittel genommen und hatte Angst, dass ich am Ende im Konzert wegdösen würde (nur noch 7 Stunden!), daher verzichtete ich darauf, meinen Kreislauf nach dem Adrenalinrausch jetzt mit Gewalt wieder runterzufahren und beschloss stattdessen, am Nachmittag etwas Sinnvolles zu tun: nämlich meinen Job. Nach sechs Klavierschülern auf Autopilot galt meine größte Sorge drei Stunden vor Konzertbeginn vor allem der Frage, ob mein Adrenalinpegel mich auch noch so zuverlässig durchs Konzert bringen würde oder ob mein Brennstoff kurz vor der Ziellinie ausgehen würde.

Ich funktioniere, aber der Kopierer streikt

Meine zweitgrößte Sorge galt den 100 Programmheften, die ich noch ausdrucken und falten musste. Als nach 40 Programmheften unser Kopierer hartnäckig piepte und nach einem Tonerwechsel verlangte, hätte ein weniger perfektionistisch veranlagter Mensch als ich vermutlich mit den Schultern gezuckt und gesagt „egal, besser als gar nichts, schaun die Leute halt zu zweit ins Programm“, aber ich in meinem Adrenalinrausch wollte jetzt meine 60 fehlenden Programme haben, basta!

Also die Datei an Jonas geschickt, der noch in seiner Musikschule war und ihn beordert, die restlichen Programme ausdrucken und falten zu lassen (die haben den Edelkopierer, der selbst falten kann).

Power-Entspannung unter Hochdruck

Zwei Stunden vor Konzertbeginn fuhr ich nach Hause und schaffte es tatsächlich, noch 45 Minuten autogenes Training einzuschieben, was auch nur zweimal von Jonas‘ Anrufen unterbrochen wurden (Telefonat Nr. 1: „Die eine Farbpatrone ist leer, das sieht jetzt voll Sch* aus, was soll ich machen?“ – „Nimm farbiges Papier und druck schwarz-weiß!“ Nr. 2: „Ich hab jetzt 40 Programme und der schwarze Toner ist leer.“ – „Ist jetzt egal! Du, ich muss mich jetzt noch ganz schnell fertig entspannen!“)

Planmäßig machte ich mich 45 Minuten vor Konzertbeginn auf den Weg. Die vornehme Blässe nach zwei durchwachten Nächten war unter einer kosmetischen Farbschicht verschwunden. Ich, die ich mich quasi nie schminke, hatte an diesem Abend das dringende Bedürfnis, dass nicht jeder Konzertbesucher meine derzeitige Verfassung an meiner Hautfarbe ablesen konnte.

Als Jonas 10 Minuten vor Konzertbeginn mit seinen 40 Programmen auftauchte, überkam mich zum ersten Mal an diesem Abend das Gefühl, dass dieses Konzert vielleicht doch keine Katastrophe werden könnte. Der Saal war voll, der Steinway frisch gestimmt, mein Schüler, der mir an diesem Abend die Seiten umdrehen würde, zuverlässig und die Stücke gut geprobt.

Das Konzert

Das erste Stück, eine filigrane Flötensonate von Francis Poulenc war vielleicht nicht die beste Wahl, um zittrige Finger zu Konzertbeginn einzuspielen, dachte ich nach der ersten Seite, aber nachdem ich das heikle Zwischenspiel mit den 32teln in Des-dur unfallfrei überlebt hatte, fing es langsam an Spaß zu machen.

Das zweite Stück des Abends bestritt der Klarinettenkollege ohne mich, danach kam mein Solostück. Ich war in der Auswahl auf Nummer sicher gegangen und spielte die Toccata von Aram Chatchaturian – ein Stück, das mich seit meiner Abi-Zeit begleitet, das ich aber tatsächlich noch nie öffentlich gespielt habe. Die großgriffigen Akkorde und ein zugegebenermaßen sehr großzügiger Pedaleinsatz verschleierten zuverlässig jede Restnervosität, und endlich stellte sich dieser Konzertflow ein, bei dem einfach alles passt. Das heißt nicht, das alles fehlerfrei klappte, aber es fühlte sich alles im Augenblick furchtbar richtig an.

Danach folgte ein Angeberstück für Trompete von Joseph Guy-Ropartz (dem Großen…), auch hier liefen die kitzligen Zwischenspiele, vor denen ich am meisten Bammel hatte, wie am Schnürchen. Die letzten zwei Seiten „Schlussgeklingel“ oder „Applausbegleitung“, wie mein Theorielehrer an der Hochschule hochtrabende Schlüsse immer etwas abfällig bezeichnete, waren einfach nur – pardon – geil. So richtig drauflosrotzen und in ständigen C-Dur- und Cis-Dur-Akkorden die Klaviatur rauf- und und runterdonnern. Ob das jetzt musikalisch besonders wertvoll war, dazu mag ich nichts sagen, das Publikum war jedenfalls begeistert.

Mein letzter ernstzunehmender Einsatz an diesem Abend war dann das Virtuosenstück für Geige, der Czárdás von Vittorio Monti. Vom Klaviersatz her nicht besonders schwer, dafür anspruchsvoll im Zusammenspiel, wegen einiger Tempowechsel. Mit dem Wissen, dass die großen Brocken des Abends bereits abgearbeitet waren, konnte ich mich jetzt mental zurücklehnen und es einfach laufen lassen. Und es lief!

Anschließend übernahm der Kollege von der Populärkultur die Bühne und erst zum großen Finale war ich wieder gefragt. Dass ich da dann ein paar Wiederholungen verpennt habe, und zwischendurch nicht mehr wusste, ob das aktuelle Stück eigentlich gerade in B-Dur oder F-Dur steht, ist wahrscheinlich nur mir aufgefallen.

Der gute alte Murphy hatte sich wohl in den letzten 48 Stunden zu sehr an mir abgearbeitet, als dass er jetzt noch gegen meinen Adrenalin-Cocktail angekommen wäre. Ich möchte behaupten, noch nie hat mir ein Konzert, bei dem ich am Klavier saß (Chorkonzerte sind was ganz anderes), so unglaublich viel Spaß gemacht. Während des Konzertes, wohlgemerkt. (Hinterher kann man ja immer sagen, dass es doch irgendwie ganz nett war.)

Einen solchen Vorspann zu einem Konzert – mit Zahnschmerzen, zwei durchwachten Nächten, einem allergischen Schock, zwei Rehen, zwei kaputten Kopierern und einem Adrenalinrausch, der heute, am Freitag, immer noch anhält – brauche ich aber so schnell nicht wieder. Ich mach dann jetzt mal Wochenende…

oh, oh-oh, oh-oh-oh


Gerade sind wir aus Helsingborg zurück gekommen. Annika war auf einer Klavierlehrerkonferenz und da im Wohnmobil noch ein Gratis-Bett frei war, bin ich kurzerhand mitgefahren.

Der Campingplatz von Helsingborg liegt nur wenige Kilometer südlich des Stadtzentrums in der Nähe des Fischerdorfes Råå (sprich Roh) – mit zwei å. Das ist selten. Ich kenne sowieso nur ein einziges Wort im schwedischen, dass einen Doppelvokal enthält, nämlich friidrott (Leichtathletik, von fri=frei und idrott=Sport). Vielleicht gibt es auch noch andere zusammengesetzte Wörter, bei denen Vokal auf Vokal trifft, aber innerhalb eines eigenständigen Wortes kennt das Schwedische eigentlich keine Vokalverdopplung. Außerdem stand å ursprünglich für aa, als es diese Buchstabenkombination noch gab – der Kreis über dem a deutet ein weiteres a an. Damit würde aus Råå Raaaa

In Råå mündet ein Fluss in den Öresund, der Råå-Fluss. Fluss heißt auf Schwedisch å und dieser Fluss somit Rååån (sprich Roh-ohn – das n am Schluss kennzeichnet den bestimmten Artikel, der darf bei keinem schwedischen Flussnamen fehlen).

Früher gab es auch reichlich Aal im Rååån – oder besser: ål. Also: råååål (Roh-oh-ohl); das einzige Wort der schwedischen Sprache mit gleich vier å am Stück! Oder doch gleich raaaaaaaal?

Der Rååån in Råå in dem ich leider keinen råååål entdeckt habe
Der Rååå in Råå in dem ich leider keinen råååål entdeckt habe – wie auch, bei so vielen Schiffen?

Leider fand Språkrådet, so etwas wie der schwedische Duden, diese Schreibweise zu kompliziert und verkürzte den Flussnamen offiziell zu Råån und den Aal damit zum rååål. Warum man dieser Vereinfachung aber nicht folgen sollte, kann man hier nachlesen.

Warum das Lustigjahr Lustigjahr heißt


Ich erwähnte es ja bereits mal in einem anderen Artikel – alle Erstklässler in unserem Bezirk lernen im Laufe des Schuljahres alle Instrumente der Musikschule kennen. Im rollierenden System besuchen wir sieben Instrumentallehrer die sechs Schulen in unserem Bezirk. Das Ganze nennt sich kulår – das Lustigjahr – und seit heute weiß ich auch warum:

Als Klavierlehrer möchte ich den Kindern in meinen vier Wochen nicht nur das Klavier, sondern ein möglichst breites Spektrum an Tasteninstrumenten vorstellen. Heute durften sie zum Einstieg eine Orgel hören und sollten rausfinden, welches Instrument das ist. Das Schuljahr ist fast zu Ende, die Klasse kennt das komplette Spektrum der Instrumente, die unsere Musikschule zu bieten hat und die Kinder raten sich also erstmal fröhlich durch Oboe, Waldhorn und Cello durch. Orgel haben sie überhaupt nicht auf dem Plan.

Ich helfe: „Überlegt mal wo das Instrument stehen könnte oder wo ihr es vielleicht schon mal gehört habt.“ Aha! Über den ersten Kinderköpfen gehen die Lichter auf. „In der Kirche!“ – „Und – wie heißt das Instrument, das man immer in der Kirche hört?“ Ein Kind fällt vor lauter eifrigem Ichweißes!Ichweißes!-Schnippmelden beinahe vom Stuhl. Ich erlöse es und erteile ihm das Wort. Stolz und mit großen, strahlenden Augen verkündet es: „Bibel!“