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Nationale Prüfung – das war’s


Heute hatte ich den mündlichen Prüfungsteil meiner nationalen Prüfung. Zuerst hörte ich einen sechsminütigen Ausschnitt aus einem Hörbuch und anschließend stellte Anna mir einige Fragen dazu, die weitaus tiefergehenden Charakter hatten, als die im gestrigen Lesetext. Ich sollte die beiden Hauptfiguren des Textausschnittes und ihre Beziehung zueinander charakterisieren und ihr Lebensumfeld beschreiben. Da es um zwei autovernarrte Teenager ging, die in einer Oldtimerwerkstatt arbeiteten, fielen im Text zwar einige Wörter, die jetzt nicht gerade zu meinem schwedischen Alltagswortschatz gehören, aber darum gings letztendlich auch nicht. Anschließend sollte ich noch meine Meinung dazu äußern, ob ich den Text für eine angemessene Lektüre für 15jährige halte. Nein, ich finde natürlich, 15jährige sollten klassische Dramen lesen…

Anschließend durfte ich meine gestrigen Prüfungsergebnisse einsehen, welche sich mit meinem Bauchgefühl deckten. Jetzt bleibt also nur noch der schriftliche Teil – dachte ich. Denn zum Schluss zug Anna einen meiner letzten Aufsätze heraus und sagte, sie habe ihn nach den Kriterien für die nationales Prüfung korrigiert. Damit sei ich nun mit dem gesamten Kurs fertig und könne nächste Woche mein Zeugnis abholen. Mit Höchstnote, ohooo… Es gibt nämlich genau drei Noten: icke godkändgodkänd und väl godkänd (nicht bestanden, bestanden und gut bestanden). Auch das ein großer Unterschied zu Deutschland, aber in Sachen Noten wurde in Schweden in den letzten Jahren viel reformiert und sich durch ein differenzierteres Notensystem eher in Richtung Deutschland bewegt. Schade eigentlich – ich finde das so viel entspannter.

Außerdem wurde im Wahljahr 2010 heiß debattiert, ob die Schüler zukünftig ab Klasse 6 oder ab Klasse 8 die ersten Noten bekommen – die aktuelle bürgerliche Regierung beschloss letztendlich, dieses Schuljahr erst in Klasse 8 Noten einzuführen und ab Herbst 2012 schon in Klasse 6. Und jetzt denken wir nicht daran, dass in einigen deutschen Bundesländern spätestens ab der dritten Klasse Eltern und Schüler anfangen, für bessere Noten notfalls auch die Hobbys zu streichen, damit die Noten auch für das Übertrittszeugnis fürs Gymnasium reichen… (Stichwort „Grundschulabitur“)

Nationale Prüfung und Gedanken zum Muttersprachunterricht


Als Anfang September mein Schwedischkurs begann, bin ich ja direkt in den Kurs SAS grund eingestiegen, der kommenden Juni mit der nationalen Prüfung abschließt, die auch schwedische Neuntklässler am Ende ihrer Grundschulzeit ablegen. Sowohl im „normalen“ Schulsystem als auch in der kommunalen Erwachsenenbildung komvux (kommunala vuxenutbildning) wird zwar der Schwedischunterricht für Muttersprachler und Nichtmuttersprachler getrennt durchgeführt, die Prüfung am Schluss ist aber für alle gleich. Als erwachsene Nichtmuttersprachlerin schreibe ich also exakt die gleiche Prüfung mit den gleichen Texten und Aufgaben wie die schwedischen Jugendlichen am Ende ihrer neunjährigen Grundschulzeit.
Die Prüfung SAS grund besteht aus drei Teilen (Leseverständnis, Textproduktion und eine mündliche Prüfung), die an verschiedenen Tagen stattfinden, welche vom Skolverket, der Schulbehörde, festgelegt werden. Aber wer jetzt an den Staatsakt denkt, der z.B. beim Zentralabitur in Baden-Württemberg mit Sicherheitstransportern, versiegelten Umschlägen und anderem Bürokraborium zelebriert wird, der liegt falsch. Irgendwie wird das hier eine Nummer lockerer gehandhabt…

Seit drei Wochen besuche ich parallel den Kurs SAS A – das ist sozusagen eine Klassenstufe höher – weil Anna, meine Lehrerin in SAS grund bald gemerkt hat, dass ich mich etwas langweile. Deswegen hat sie auch beschlossen, dass ich die nationella prov schon jetzt machen könnte. Gestern drückte sie mir zu Beginn der Stunde ein 16seitiges Heft in die Hand, das Pflichtlektüre für die nationale Prüfung ist. Darin waren Sachtexte, Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte und auch ein paar Bilder. Die Texte sind Grundlage für die Leseverständnisprüfung und eigentlich dazu gedacht, sie im Unterricht mehrere Wochen lang durchzukauen. Nach einer halben Stunde war ich damit durch und hatte nicht das Bedürfnis, mich noch nennenswert länger damit zu beschäftigen. (Endlich zahlt sich mein Germanistikstudium mal aus…!) Ich ging also wieder zu Anna, um sie nochmal genauer zum Aufbau der Prüfung zu befragen, die ich kommenden Montag ablegen sollte. Sie schaute erst etwas ungläubig, ob ich wirklich schon mit dem Heft durch wäre, akzeptierte das dann aber und bot mir an, die Prüfung schon am nächsten Tag zu machen. Und so habe ich heute die erste Teilprüfung abgelegt und ich bereue bislang nicht, mich nicht länger vorbereitet zu haben. Soviel also zum Thema nationale Prüfung…
Spannend finde ich aber, dass ich die offiziellen Prüfungstexte und den offiziellen Prüfungsbogen fürs Schuljahr 2011/12 hatte. Ob die Teenies im Februar dann wirklich die die gleiche Prüfung schreiben wie ich heute…? Irgendwie kann ichs mir ja nicht vorstellen. Aber vielleicht erschließt sich mir da gerade eine ungeahnte Einnahmequelle auf schwedischen Schulhöfen…

Als ich meine Prüfung abgab, meinte Anna dann, dass wir doch auch gleich morgen den mündlichen Teil machen könnten. Klar, warum nicht… Und der dritte Teil kommt dann Anfang November, wenn mein Kurs gerade seine erste Zwischenprüfung schreibt.

Die Prüfung heute war… nun ja… einfach. Einige Multiple-Choice-Fragen, viele Fragen, die sich mit ein paar Worten beantworten ließen und zwei bis drei tiefergehende Fragen nach Text-Bildzusammenhängen. Knietief, nicht schwimmtief. Offentlich scheinen schwedische Kinder in den ersten neun Jahren noch sehr viele andere Dinge im Schwedisch-Unterricht zu lernen die nicht abprüfbar sind, denn ansonsten wäre diese Prüfung – mit Verlaub – ein Witz. Die Texte selbst, allesamt authentisch, waren an sich angemessen was Inhalt und Sprachniveau angeht, aber die Fragen dazu waren teilweise grenzwertig naiv.

So sehr ich mich auch darüber freue, wie unkompliziert das mit Schwedischlernen hier ist, so sehr wundere ich mich aber auch über die Inhalte und das Niveau. Nein, ich kritisiere es nicht, ich wundere mich. Und ich stelle Tag für Tag den Muttersprachunterricht in Deutschland mehr in Frage. Gut, von innen kenne ich nur baden-württembergische Gymnasien und das ist ja auch nur ein Bruchteil der 16 deutschen Schulsysteme. Dafür kenne ich da sowohl die Anforderungen, die an die Schüler, als auch die, die an die Lehrer gestellt werden, aus eigener Erfahrung.

Schwedisches Schulbuch für die 9. Klasse, Schwedisch als Zweitsprache

Ich frage mich, warum sich dort die 15jährigen durch den Kanon der deutschen Klassiker und Barocklyrik durchackern müssen, während hier Jugendliteratur der letzten 15-20 Jahre im Unterricht gelesen wird. Warum dort Reimschemata, Versmaße und verschiedene Strategien der Dramenanalyse und -interpretation gepaukt werden und man hier erklärt, welche Gefühle man bei der Lektüre eine bestimmten Buches hatte und ob einem das Buch gefallen hat. Warum dort ein Autor mindestens tot oder Nobelpreisträger sein muss, bevor man ihn als Schullektüre würdigt und hier Håkan Nesser und Henning Mankell im Unterricht gelesen werden.

Offensichtliches Unterrichtsziel hier scheint die Freude am Lesen und der Abbau eventuell vorhandener Berührungsängste mit Zeitungen zu sein, denn jede Woche schreibe ich mehrere fiktive Zeitungstexte – Leserbriefe, Kommentare, usw. – die vor allem darin bestehen, seine persönliche Meinung zu irgendeinem Thema auszudrücken. (Vielleicht müssen die konsensorientierten Schweden das wirklich üben?)

Die Germanistin und Musikerin in mir erinnert sich natürlich an zahllose Seminare, die der Einübung der Rechtfertigung des eigenen Faches dienten. Warum es so wichtig ist, unsere Kinder an Bach und Kant, Schiller und Mozart, Schönberg und Goethe geistlich und sittlich reifen zu lassen.
Natürlich habe ich das nicht vergessen und die „klassische Bildung“ (was auch immer das letztendlich ist) steckt auch zu tief in meiner Seele als dass ich ihren Nutzen völlig in Frage stellen möchte. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob diese Haltung nicht an der Mehrheit der Schüler vorbeigeht, mögen die Lehrer auch noch so toll ausgebildet und motiviert sein. Und ob der Sache letzten Endes nicht mehr dadurch gedient wäre, wirkliche Begeisterung für Literatur durch spannende Jugendbücher zu wecken als den Götz von Berlichingen mit ach-so-schülerzentrierten Methoden wie Standbildern nachzutanzen oder den  Werther als Foto-Love-Story im Bravo-Stil oder als Manga nachzuerzählen.

Einfach so.


Ich glaube, Schweden tun nichts ohne Grund. Dinge einfach so zu tun, scheint hier etwas ganz Verpöntes zu sein. Dass jemand einfach so spazieren geht, d.h. ohne sichtbaren Grund durch den Wald hinter seinem Haus latscht, habe ich noch nie gesehen. Alle Menschen, die ich im Wald treffe, wenn ich dort spazieren gehe, haben einen bestimmten Grund, dort zu sein: einen Hund, einen Pilzkorb, Walkingstöcke, Laufschuhe. Oder wenn wir an den See gehen: die Schweden haben mindestens eine Angel, ein Boot oder ein Kind dabei, das gerade schwimmen lernt. Im Garten: hier sitzt niemand einfach so im Garten, schließlich kann man im Garten Rasen mähen, Unkraut zupfen oder Blumen gießen. Ich glaube, deshalb gibt es hier auch so viele Vereine: man braucht einfach einen Grund, um soziale Kontakte zu pflegen, und geht nicht einfach so jemanden besuchen und quatschen.

Nicht nur, aber auch deshalb, haben wir uns jetzt wieder einen Chor gesucht. Und siehe da: die Chorprobe ist mit knapp drei Stunden deutlich länger als bei den meisten vergleichbaren Chören in Deutschland, dafür ist die halbstündige fikarast fester Bestandteil jeder Probe. Fika ist gesellschaftlich toleriertes Rumsitzen mit gleichzeitigem Konsum koffeinhaltiger Getränke. Da die Chorprobe abends stattfindet, heißt fika hier: jede Woche bringt jemand anderes einen riesigen Korb mit Brot, Aufschnitt, Obst, Gemüse und Süßkram mit und schleicht sich kurz vor der Pause weg, um den Tisch für alle zu decken. Das fördert die Kommunikation im Chor tatsächlich ungemein.

Unser Einstieg in Göteborgs Vokalensemble war ziemlich gut getajmt (wie der Schwede sagt), denn wir konnten gleich mit zum ersten Probenwochenende. In einem B&B auf der Insel Tjörn an der Westküste probten wir von Freitagabend bis Sonntagmittag.

[Lekanders Bär och Boende ist ein ehemaliger Bauernhof, der irgendwann seinen Schweinestall zu Gästezimmern umgebaut hat. Sehr luxuriös für ein B&B, dabei gleichzeitig mit rustikalem Bauernhofcharme mit vielen alten Möbeln, wir können es jedem weiterempfehlen, der mal auf Tjörn Urlaub machen möchte.]

Zwei nichtsingende Ehemänner waren als Köche abgestellt und eigentlich sollte man über das Wochenende eher sagen: Wir haben von Freitag bis Sonntag gegessen und zwischendurch auch ab und zu geprobt. Frühstück – Fika – Mittagessen – Fika – Abendessen – Fika… Höhepunkt war der Samstagabend, als es ein ***Menü gab: Minz-Sternanis-Cider als Aperitiv, Blumenkohlcouscous mit Pastinaken als Vorspeise, gebratenes Fleisch mit selbstgesammelten Pfifferlingen, Backkartoffeln und Bohnensalat als Hauptspeise und American Cheesecake mit gefrorenen Waldbeeren als Dessert. Und Kaffee, natürlich.

Am Sonntagnachmittag hatten wir dann das dringende Bedürfnis nach Bewegung und sind noch ein paar Kilometer weiter ins Küstenstädtchen Skärhamn gefahren. Das Wetter war natürlich so, wie man es im Herbst an der Westküste erwartet: blåsigt. Selbstverständlich hatten wir die Kamera dabei, damit es nicht so aussah, als ob wir einfach so an einem trüben Herbsttag durch die Schären spazierten…

Doch zurück zum Chor: Der Chor ist ähnlich groß und ähnlich gut wie Chorioso, unser Karlsruher Chor. Das aktuelle Programm ist eher kleinteilig angelegt, (Palestrina, Schütz und diverse schwedische Komponisten wie Ninne Olsson, Sten Källman, Ingmar Wilestrand u.a.) – Allerheiligen und Weihnachten nahen… Und zufällig – die Welt ist klein – hat die Chorleiterin ein Jahr in Karlsruhe studiert und ist mit einem Stuttgarter verheiratet.
Vom der ersten Probe an haben wir uns in diesem kleinen, aber feinen Chor wohlgefühlt und wurden von allen sehr herzlich aufgenommen. Einfach so.

Unnützes Partywissen über Schweden: Namen


Wie zu erwarten, haben wir in den letzten Wochen viele neue Menschen kennengelernt und uns natürlich auch vorgestellt. Dabei freut man sich immer wieder, dass wir so schwedische Vornamen haben: Das klingt ja fast wie Tommy und Annika!

Karl Magnus "Kalle" Ankas Stammbaum (Quelle: http://duckman.pettho.com/tree/v_swedish.html)

Erst seit dem späten 18. Jahrhundert ist es in Schweden üblich, einen Nachnamen zu tragen. Zuvor hatten sich lediglich Adelige, Priester und höhere Bürger mit einem solchen ausgestattet – wohl vor allem, um ihren Nachfahren bei der Ahnenforschung zu helfen, einem beliebten schwedischen Hobby. Um Verwechslungen unter der normalen Bevölkerung zu vermeiden, ergänzte man den Namen des Vaters der betreffenden Person, das sogenannte Patronym, wie zum Beispiel Holger, Nils Sohn oder Nils, Holgers Sohn usw. Trotz der nicht besonders großen Zahl schwedischer Vornamen reichte diese Angabe im dünn besiedelten Schweden völlig aus, um jemanden im Alltag eindeutig zu identifizieren.

Die Grenzen des Patronyms bei der Identifikation einzelner Personen zeigten sich ungefähr im 17. Jahrhundert im Militär: Hier stießen plötzlich größere Menschenmengen aufeinander und die Offiziere mussten einen Weg finden, die ganzen Anders Anderssons voneinander zu unterscheiden. Daher begann man, jedem Soldaten einen Zunamen zu geben, der beispielsweise an eine persönliche Eigenschaft geknüpft sein konnte  (Modig = mutig, Glad = glücklich, Trofast = fest im Glauben), dem Kriegswortschatz entnommen (Kämpe = Krieger, Skott = Schuss, Kanon = das übersetze ich jetzt nicht!) oder ein Begriff aus der Natur war (Björn = Bär, Ek = Eiche, Lilja = Lilie – mir drängt sich der Gedanke auf, dass diese Begriffe Stellvertreter für die direkte Benennung einer Eigenschaft waren: Björn = stark, Ek = standhaft und Lilja = schön?). Alternativ bot es sich auch an, die Soldaten nach geografischen Besonderheiten ihrer Herkunftsorte zu bennen: Holm (= Insel), Ström (= Fluss), Berg. So konnten im Kampfgetümmel individuelle Befehle gegeben werden, ohne dass sich gleich das halbe Regiment angesprochen fühlte. Schied ein Soldat jedoch aus der Armee aus, so gab er auch seinen Soldatennamen ab, vererbte ihn an seinen Nachfolger und benutzte fortan wieder seinen Vaternamen.

Erst 1901 wurde in Schweden eine Verordnung über das Führen von Nachnamen erlassen. Hatte man noch keinen vererbten Namen, so wählte man häufig einen Soldatennamen, den irgendein Vorfahr getragen hatte – daher begegnet man auch heute noch vielen Trägern solcher Namen wie Lindgren (= Lindenast). Aber es war auch weiterhin gestattet, ein Patronym zu wählen. Diese Möglichkeit wurde erst 1966 aufgehoben und seitdem erben alle Schweden den Nachnamen ihrer Eltern.

Diese kleine schwedische Namensgeschichte erklärt also die Tatsache, warum für einen Deutschen der ideale Schwede Sven Svensson heißt und warum sogar die Schweden genau diesen zu ihrem Max Mustermann erkoren haben und warum ihr Otto Normalverbraucher Medelsvensson* (= Mittelsvensson) genannt wird. Immerhin hat in Schweden jeder Dritte einen Nachnamen, der auf -son endet und knapp über 100.000 der 9,4 Millionen Schweden heißen tatsächlich Svensson. Dieser Name liegt aber gerade einmal auf Platz 9 der Statistik, die von Johansson (258.785) und Andersson (257.994) angeführt wird. Jeweils fast 3 % aller Schweden tragen also einen dieser Namen! Die deutschen Müllers hingegen bringen es gerade einmal auf 1,5 %. Lindberg, der erste Nicht-son, liegt in der schwedischen Rangliste der häufigsten Nachnamen dann erst auf Platz 17.

Und auch als Vorname ist Sven nicht so beliebt, wie man annehmen könnte. Zur Zeit tragen nur ca. 115.000 Schweden diesen Namen, womit er Platz 15 belegt. Angeführt wird die Namensliga nämlich vom urdeutschen Karl und von Erik, die Namen von jeweils ca. 7 % der männlichen Bevölkerung. Die Tatsache, dass immerhin ca. 2,5 Promille der Männer Karl Karlsson und 2,2 Promille Erik Eriksson heißen, ist somit nicht weiter verwunderlich. Und auch bei den Frauen gibt es eindeutige Favoriten: Fast jede zehnte Schwedin heißt Maria und beinahe 8% heißen Elisabeth.

Als letztes soll noch unsere eigene Einordnung in die schwedische Gesellschaft folgen: Sowohl Annika als auch Jonas liegen auf Platz 41 der häufigsten Vornamen in Schweden – ein Zeichen…?

* Nachtrag:

Heute morgen bin ich noch auf eine sehr lustige Broschüre über die Medelsvenssons gestoßen, herausgegeben vom Statistiska centralbyrå. Leider ist das pdf anscheinend nicht mehr direkt über die Website zu erreichen, weshalb ich sie jetzt hier unter Verweis auf die Quelle direkt zum Download bereitstelle. Was man aber über die Suchfunktion findet ist Tio-i-topp (= Top ten), 23 Seiten unterhaltsame Statistik über Schweden, in denen auch eine aktuelle Version über die Medelsvenssons zu finden ist.

Sfi – Svenska för invandrare


Als Einwanderer in Deutschland kann man ziemlich viel Geld für Sprachkurse lassen, wenn man ihn bei einer privaten Sprachschule macht. (Das meiste Geld dabei verdient die Sprachschule, nicht der Sprachlehrer, denn der wird üblicherweise nur auf Honorarbasis bezahlt und das Einstiegsniveau liegt bei 11-12€/45 min für jemanden der sein Fach studiert hat und frisch von der Uni kommt.) Wenn man nicht gerade mit einem dicken Geldbeutel gesegnet ist und sich Einzel- oder Kleingruppenunterricht leisten kann, sitzen in diesem Sprachkurs Menschen mit riesigen Bildungsunterschieden nebeneinander. Die iranische Ärztin neben dem kasachischen Gebrauchtwagenhändler, der chinesische Ingenieur neben der chilenischen Reinigungskraft, der Arabisch-Englisch-Dolmetscher neben dem Flüchtling aus Somalia, der gerade den Alfabetisierungskurs abgeschlossen hat. Die Aufzählung mag klischeehaft klingen, habe ich aber tatsächlich mal so in einem Sprachkurs gehabt. Und weitere 19 Schüler.

Sfi-Schema (Quelle: skolverket.se)

Der schwedische Staat verpflichtet seine Kommunen, jedem Einwanderer kostenlosen Sprachunterricht, sogenannte Sfi-Kurse zu gewähren. Dabei gibt es drei Schienen (Sfi 1/2/3), die das Lernvermögen nach Grad des Schulabschlusses der Schüler berücksichtigen. Sfi 1 ist für Menschen mit wenig bis gar keiner Schulbildung und Analphabeten, Sfi 3 für Menschen mit 12 oder mehr Jahren Schulbildung. Jede Kursschiene ist wiederum in zwei Teilkurse aufgeteilt, jeweils in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs. Aber auch, wenn man als Analphabet mit Kurs A anfängt, darf man bis Kurs D weiterlernen, dauert dann eben länger, aber das ist den Schweden egal.

Für Sfi kann man sich anmelden, sobald man eine Personnummer hat. Also war ich gleich noch letzten Freitag bei Komvux, so heißt hier in Ale die kommunale Einrichtung für Erwachsenenbildung. Weil gerade Semesterstart ist, war am Montag direkt die Info-Veranstaltung dazu. Zusammen mit etwa 25 anderen Menschen, die überwiegend aus Asien und arabischen Ländern stammten, soweit ich das von Aussehen und Namen her beurteilen konnte, ließ ich mich also von Anna, der Schwedischlehrerin belehren, dass ich Wörterbuch, Stift und Papier im Kurs brauche und erhielt mein Kursbuch. Die letzte Lektion darin behandelte die Wochentage. Ich sah mich schon im falschen Film, weil ich doch schon eine Weile über dieses Stadium raus bin, da beendete Anna die Veranstaltung auch schon wieder, bat aber mich und fünf andere, noch zu bleiben. Bei uns war sie sich nicht sicher, ob wir in diesem Kurs richtig seien. Sie fragte dann jeden von uns, ob und wo wir schon Schwedisch gelernt hatten und nachdem ich dann meine Schwedischbiografie aufgesagt hatte, schaute sie mich bestürzt an und meinte, ich dürfe gar nicht an Sfi teilnehmen. Mir sank das Herz in die Hose – kein Schwedischkurs? Dann bat sie mich, mich etwas abseits zu setzen und einen ausformulierten Lebenslauf zu schreiben, während sie die anderen Fälle durchging. Als die anderen dann alle schon weg waren, las sie sich mein Geschreibsel durch und schüttelte den Kopf: „Kein Sfi… du gehst direkt in Schwedisch als Zweitsprache.“

Svenska som andraspråk – Schwedisch als Zweitsprache

Svenska som andraspråk (SAS) besteht aus drei Stufen (Grund, A und B) und soll drei Jahre dauern, wobei eine bestandene Prüfung in SAS Grund dem schwedischen Grundschulabschluss nach der 9. Klasse entspricht und SAS B gleichbedeutend mit der schwedischen Abiturprüfung oder TISUS ist. Grund und B werden jeweils mit einer nationalen Zentralprüfung abgeschlossen. Ich war ein bisschen stolz, direkt so hoch eingestuft zu werden, gleichzeitig heißt es aber auch, dass ich weniger Unterricht bekomme und mehr zuhause machen muss. Wie es aussieht, habe ich zweimal die Woche 100 Minuten Unterricht und es werden zusätzlich 2-3 Stunden tägliches Selbststudium vorausgesetzt. Und wenn man ganz besonders fleißig ist, darf man die Prüfung für Grund auch schon nach einem halben Jahr machen, also im Februar. Dann muss man sich allerdings die Inhalte des zweiten Halbjahres selbstständig aneignen. Ist ja klar, was jetzt mein Ziel ist…

Ein schönes Fleckchen zum Lesen...
Ein schönes Fleckchen zum Lesen...

Im Kurs arbeiten wir natürlich an Grammatik und Wortschatz, aber wir werden auch mehrere Bücher lesen und vorstellen, die wir aus einer Liste auswählen dürfen. Ich war gestern gleich in der Bibliothek und habe meinen ersten schwedischen Henning Mankell auch schon halb durch. Wenn Annas Unterricht so ist, wie ihre Erwartungen, die sie uns schriftlich mitgegeben hat, dann wird das nächste halbe Jahr super. Und super anstrengend. Wir sollen natürlich ganz viel lesen, aber auch viel fernsehen und Radio hören. Damit kann ich leben… Deswegen habe ich auch den gestrigen Nachmittag in der Sonne am Göta Älv gesessen und – gelesen.

Mein gestriger Besuch bei der Arbeitsvermittlung war auch ganz erfreulich. Noch kein Job, aber Perspektiven. Zumindest  war der Arbeitsvermittler einigermaßen entsetzt, als ich gesagt habe, zur Not würde ich auch Burger bei McDoof einpacken oder Briefe austragen. „Aber warum denn, du hast doch studiert! Da nimmst du doch anderen den Job weg, die wirklich nichts anderes machen können.“ Das find ich gut, das seh ich nämlich eigentlich auch so.

Zum Schluss: das Wetter.

...und ein anderes zum Reinspringen!

Als Einwanderer in Schweden hat man aber nicht nur Anrecht auf Sprachkurse, sondern auch die Möglichkeit, abends in einen schönen See zu springen. Auch wenn sich die Anzeichen des nahenden Herbstes langsam nicht mehr ignorieren lassen, machen wir davon nach wie vor Gebrauch. Tagsüber ist es zwar noch wunderbar warm, aber nachts wird es doch empfindlich kalt, deshalb ist unser See inzwischen auf 16°C abgekühlt. Egal, damit war er gestern Abend immer noch vier Grad wärmer als die Luft… :-)

Doch lieber nach Tschechien? Oder in die Slowakei?


Meine Bewerbung beim DAAD hat doch noch Früchte getragen: Über das Nachrückverfahren wurden mir jetzt zwei Stellen als Sprachassistentin angeboten. Und zwar entweder in České Budějovice (Budweis in Südtschechien) oder in Košice (Kaschau, Ostslowakei). Klingt beides spannend, aber – mann, bin ich unflexibel – liegt leider in der falschen Himmelsrichtung. Und ach leider, mein Tschechisch ist ziemlich eingerostet und Slowakisch war in der Schule nie meine Stärke…

Spannenderweise ist das Sprechen der jeweiligen Landessprache für die Sprachassistenzen tatsächlich keine formale Voraussetzung, sondern allenfalls „vorteilhaft“, so der Ausschreibungstext des DAAD. Vor Ort arbeitet man ja hauptsächlich mit Studierenden, die deutsche Sprach-, Literatur- oder Kulturwissenschaft studieren. Aber trotzdem möchte ich nicht in einem Land leben, dessen Sprache ich so überhaupt nicht beherrsche, auch wenn ich dort einen Job hätte.

Apropos Job: kürzlich bekam ich eine positive Antwort auf eine Bewerbung, die ich im September an eine Schule in Luleå (etwa eine Dreiviertelstunde von Piteå) geschickt hatte. Damals wurde die Stelle zwar anderweitig vergeben, aber jetzt ist an dieser Schule wieder eine Stelle frei. Ironie des Schicksals: diese Mail kam just einen Tag, nachdem Jonas die Absagen aus Piteå und Stockholm bekommen hatte und Göteborg als Ziel endlich feststand. Nichtsdestotrotz ermutigt mich eine solche Zusage, selbst wenn sie buchstäblich „zur falschen Zeit am falschen Ort“ kam.

Wir haben ein Gästezimmer


Letzte Woche haben wir im Uni-Schwedischkurs, den wir parallel zum Konversationskurs an der VHS machen, eine neue Vokabel gelernt: svårt. Auf den ersten Blick bedeutet diese Vokabel „schwierig, schwer“, aber unsere Schwedischlehrerin machte uns auf einen typisch schwedisch-deutschen Mentalitätsunterschied aufmerksam. Wenn „der Schwede an sich“ sagt: „Det ska bli svårt“ dann meint er damit nicht: „Das wird schwierig (…aber irgendwie bekomme ich das schon hin)“ sondern „Das ist unmöglich (…aber ich sage trotzdem, es sei nur „schwierig“, um mein Gegenüber nicht zu verärgern oder zu entmutigen)“.

Da unsere Schwedischlehrerin aus Göteborg stammt, haben wir sie neulich nach der Stunde gefragt, wie und wo man in Göteborg am besten nach einer Wohnung sucht, vielleicht weiß sie da mehr als wir mit unserer Netzrecherche rausfinden können oder vielleicht kennt sie ja jemanden, der jemanden kennt… Nun ja, ihre Antwort lautete: „En lägenhet i Göteborg? Det ska bli svårt.“

Deshalb werden wir wohl unsere Wohnungssuche weit über die Stadtgrenzen hinaus ausdehnen (müssen) – was uns vom Prinzip her aber gar nicht so unsympathisch ist, weil wir zwei Landeier nach sechs bzw. acht Jahren in Karlsruhe gerne auch wieder etwas außerhalb wohnen würden. Das ist allerdings auch eine Frage der Definition von „außerhalb“, denn in den Orten, die gut mit dem ÖPNV an Göteborg angeschlossen, sieht es auch ziemlich „svårt“ aus, was den Wohnungsmarkt angeht und so werden wir vermutlich ein zweites Auto brauchen. Nun wäre es ja aber geradezu eine Verschwendung, sich ein zweites Auto anzuschaffen, mit dem man nur rumfahren könnte und so haben wir uns gedacht, dass ein Auto, das auch noch andere Zwecke als nur „rumfahren“ erfüllen könnte, keine schlechte Idee wäre. Tja, was soll ich lange reden, hier ist das Ergebnis:

Nach zweimaliger Besichtigung, genauem Rechnen und langem Abwägen der Vor- und Nachteile haben wir gestern den Kaufvertrag für diesen knuffigen Carthago Malibu von 1995 unterschrieben.

Wer mich etwas länger kennt, wird über diesen Schritt wahrscheinlich wenig überrascht sein, schließlich habe ich essen, sitzen, laufen und Kissenschlachten mit meinem Bruder im Wohnmobil gelernt und die ersten 17 Jahre meines Lebens ungefähr… jede Ferien im Wohnmobil verbracht.

Nun haben wir zwar noch keine Wohnung in Göteborg, aber immerhin schon mal ein Gästezimmer – und das ganz mietfrei, weil Eigentum! Noch steht es zwar nicht vor unserer Karlsruher Haustür, weil wir erst noch Anmeldung etc. erledigen müssen, aber in den Pfingstferien wird es bei der Wohnungssuche in und um Göteborg eingeweiht werden.

Und irgendwie bin ich auch ein bisschen stolz auf uns: obwohl wir ja bekanntermaßen ziemlich entscheidungsunlustig sind, war die Suche nach und Entscheidung für dieses Prachtstück ganz und gar nicht svårt, sondern allenfalls „klurig“ – knifflig, aber nicht unmöglich.

Sprich mal Schwedisch!


Immer wieder werden wir von schwedenbegeisterten oder -interessierten Freunden gefragt, ob wir nicht eine Empfehlung für einen Sprachkurs hätten.* Neben den Heimkursen der großen Verlage, die jeder für sich selbst ergoogeln oder in der örtlichen Stadtbücherei ausleihen mag und die ich nicht fundiert beurteilen kann, weil ich sie zuwenig kenne, kann ich eine Website besonders empfehlen: Sprich mal schwedisch. Hier findet sich ein kostenloser Anfängersprachkurs zum Anhören und runterladen als Podcast, der regelmäßig um weitere Lektionen erweitert wird und sowohl Grammatik und Aussprache als auch Landeskunde berücksichtigt. Zu jeder Lektion gibt es außerdem ein kurzes PDF-Skript sowie Übungsmaterial. Besonderen Charme verbreitet dieser unkommerzielle und unkonventionelle Sprachkurs durch seinen in Berlin lebenden schwedischen Moderator Joakim und dessen besondere Affinität zu den „bööööööööösen unregelmäßigen Verben“.

Dieser Sprachkurs eignet sich sowohl für Schweden-Neulinge, die bei Schweden noch vor allem an Elche, Knäckebrot und Möbelhäuser denken, als auch für eingefleischte „Schwedonisten“, denn der Kurs ist jenseits seines Lehrwerts durchaus auch sehr unterhaltsam.

*Gruß nach Schnaitheim! :-)

Schwedischkurs


Nachdem ich bedingt durch Studienabschluss und Berufseinstieg etwa ein Jahr lang keinen Schwedischkurs mehr besucht habe – nichtsdestotrotz habe ich zuhause weiter Vokabeln gelernt – war ich letzten Dienstag endlich mal wieder in einem Kurs (ohne Jonas, der war ja in Stockholm). Auf den Konversationskurs der Volkshochschule wurden wir bei einem Konzert des schwedischen Folk-Ensembles Triakel im Tollhaus Karlsruhe aufmerksam, als wir in der Pause zufällig mit der Kursleiterin ins Gespräch kamen. Da wir uns mit ihr direkt auf schwedisch unterhalten konnten, lud sie uns zu ihrem Konversationskurs ein.

Es war die zweite Stunde in diesem Semester, ich habe also nur einen Termin verpasst. Im Kurs waren nur sechs Teilnehmer und das Thema diese Woche  – Überraschung – die Situation in Japan. Ausgehend davon standen dann aber auch Wortschatzarbeit in Sachen Energie, Wahlkampf und eine Diskussion über Mentalitätsunterschiede auf dem Programm. Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht. Nächste Woche kommt Jonas dann auch mit in den Kurs…

Was bisher geschah…


Da wir auf unserem Weg nach Schweden ja schon Stück zurückgelegt haben, bevor die Idee zu diesem Blog entstand, hier ein kurzer Rückblick:

Vor 2008: Wir träumen beide davon, irgendwann mal eine längere Zeit im Ausland zu verbringen.

08/2008: Jonas betritt zum ersten Mal schwedischen Boden. Aus „Ausland“ wird „Schweden“. Als frühestmöglichen realistischen Termin für einen Umzug sehen wir Jonas‘ Bachelorabschluss, also Sommer 2011.

10/2008: Wir belegen Schwedisch I an der Uni.

04/2009: Schwedisch II

08/2009: Rundreise durch Südschweden

10/2009: Schwedisch III

Jonas beginnt, Universitäten für seinen Master zu suchen. Die Hochschulen in Stockholm, Göteborg und Piteå klingen spannend und bieten passende Studiengänge in Komposition an.

09/2010: Erste Vorstellungsgespräche bei den Profs in Schweden und jeweils einwöchiger Aufenthalt in den drei Städten. Außerdem Besuch bei verschiedenen EURES-Beratern. Besonders Piteå (A) überzeugt uns in Sachen Studien- und Wohnqualität.

10/2010: Ich schicke dem DAAD meine Bewerbung für eine Stelle als Sprachassistentin ab Herbst 2011.

12/2010: Der DAAD antwortet mit einer Einladung zum Bewerbungsgespräch.

01/2011: Jonas schickt seine Bewerbungsunterlagen an die Hochschulen und studera.nu, die zentrale Seite für alle schwedischen Hochschulen, Studiengänge und Gasthörerkurse. (Wenn ich daran denke, dass die Uni Karlsruhe seinerzeit bis zu drei verschiedene Plattformen unterhalten hat, auf denen man sich zu den Seminaren anmelden musste…)

02/2011: Ich fahre zum Vorstellungsgespräch beim DAAD in Bonn. Für die drei Stellen in Schweden (Stockholm, Göteborg, Uppsala) gibt es noch 9 weitere Bewerber.

03/2011: Post vom DAAD: Ich habe zwar keine Stelle bekommen, bin aber auch noch nicht aus dem Rennen. Es gibt nämlich mehr geeignete Bewerber als Stellen. Das Warten geht also weiter…