Archiv der Kategorie: Sverige

15. Dezember: Nej, se det snöar!


So richtig viel Schnee hatte ich dieses Jahr bisher nur in Norwegen. Im Moment hat es hier zwar Minusgrade und es liegt eine leichte Schicht Puderzucker, aber da darf gerne noch mehr kommen.

Ein klassisches Winterlied ohne Weihnachtsbezug ist Nej, se det snöar! Ganz schlicht und einfach, 16 Takte, 3 Akkorde, nichts Besonderes.

Aber was passiert, wenn man auf der größten Konzertorgel Schwedens und nach eigenen Angaben der modernsten Orgel der Welt über das Thema improvisiert? Seht selbst…

Orgel Acusticum in Piteå:
erbaut 2006-2012 durch die Orgelbauwerkstatt Gerald Woehl (Marburg)
10m breit und 9,5m hoch
9000 Pfeifen verteilt auf 206 Register und 13 Effektregister
Kosten: ca. 25 Millionen Kronen

Auf http://www.dlaplay.se kann man übrigens Konzerte aus Schwedens modernstem Konzertsaal live oder im Archiv ansehen, z.B. das Einweihungskonzert der Orgel.

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13. Dezember: Lucia


Am 13. Dezember kriegen die meisten Schulen, Büros, Firmen, Krankenhäuser, Altenheime, Geschäfte, Fabriken, Fitnesstudios, Bibliotheken, Kirchen… in Schweden Besuch von einem Luciazug. Die professionellen Luciagruppen sind bereits seit Anfang Dezember im Einsatz und absolvieren teilweise bis zu 15 Auftritte pro Tag.

Gestern abend hatte ich bereits zwei Luciaveranstaltungen mit zwei sechsten Klassen, einmal für die Eltern, einmal für das gesamte nicht-pädagogische Personal der Schule, Hausmeister, Raumpfleger, Küchenpersonal, Bauarbeiter…

Heute früh das gleiche nochmal für die Klassen 0-2 und 3-5 an der Schule, die mich dieses Jahr als erstes angefragt hat. Pianisten sind am 13. Dezember begehrte Rohware in Schweden.

Üblicherweise ist es noch (oder schon wieder) dunkel, wenn die weiß benachthemdeten Gestalten sich mit (meist elektrischen) Kerzen in der Hand aufstellen, alle mit einem blauen Band um die Taille. Angeführt wird der Zug von Lucia, die eine (zu 99% elektrische) Lichterkrone auf dem Kopf und ein rotes Band um die Taille trägt. Lucia ist meist blond und langhaarig und weiß virtuos den Lockenstab zu hantieren. In Schulklassen wird Lucia oft gewählt, und es wird eigentlich immer die das Mädchen mit den meisten BFF* zur Lucia gewählt, selten das Mädchen mit der schönsten Stimme oder dem schönsten Charakter.

*BFF: Best friends forever. Beste-Freundinnen-Freundschaft mit einer Halbwertszeit bis zu den nächsten Ferien.

Ob Jungen Lucia sein dürfen, wird jedes Jahr auf Neue auf allen Nachrichtenkanälen und in sozialen Medien debattiert; ich habe jedenfalls noch nie einen Lucius gesehen. Den Jungen (so sie denn überhaupt dabei sein dürfen) fällt üblicherweise eine der Rollen Stjärngosse (Sternenknabe) mit weißem Nachthemd und Schultüte… äääh… Spitzhut auf dem Kopf, Pepparkaksgubbe (Pfefferkuchenmännchen) in braunem Schlafanzaug oder Jultomte (Weihnachtswichtel) in rot-weißem Schlafanzug mit passender Zipfelmütze zu.

Im ansonsten achsogleichgestellten Schweden ist die jährliche Luciafeier ein echter Anachronismus.

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11. Dezember: Weihnachtskonzert powered by Alvedon


Krank sein passt ja irgendwie nie, aber selten so wenig wie kurz vor Weihnachten. Seit Sonntag huste und schniefe ich und habe Fieber und gehöre eigentlich ins Bett, aber gerade ist jeden Tag irgendwas, warum man es sich gerade nicht leisten kann, zuhause zu bleiben.

Heute z.B. das große Musikschulweihnachtskonzert, wo wir wirklich alles auffahren, was die Musikschule so zu bieten hat (mit Ausnahme des großen Orchesters, die haben soviel Programm, dass die ihr eigenes Konzert machen). Heute also: kleine Orchester, mittelgroße Orchester, Streicher, Bläser, Sänger, Gitarristen, Pianisten, Neuanfänger, Fortgeschrittene, angehende Musikstudenten… 90 Minuten querbeet. Und auch immer nett: der Auftritt unseres Fördervereins mit Umschlagüberreichung. Mich freut das tatsächlich, dass die Vorsitzende vom Elternverein uns jedes Jahr auf die Bühne holt und einmal vor 250 Eltern aufzählt, was wir im vergangenen Jahr alles außerhalb unserer Kernaufgaben auf die Beine gestellt haben.

Im Konzert hatte ich heute vier Pianisten dabei: einmal Solo, einmal vierhändig mit mir, einmal mit Trompete, einmal mit Gesang. Alle vier haben ihre Sache gut gemacht, brauchten aber zum Teil vor dem Konzert nochmal eine Infusion Selbstvertrauen. Das kann man leider nicht mal eben an einen Kollegen übergeben. Und Schubert Militärmarsch spielt auch keiner meiner Kollegen vom Blatt.

Das Stück ist in Schweden ein richtiger Weihnachtsklassiker, weil jedes Jahr an Heiligabend um 15.00 Kalle Ankas Jul, Weihnachten mit Donald Duck, im ersten Programm ausgestrahlt wird (Schubert ab 4:17):

Tagsüber habe ich noch normal unterrichtet, denn wenn gerade kein Konzert ist, dann ist es doch für einige die letzte Unterrichtsstunde vor dem nächsten Auftritt bei einer Schulabschluss- oder Luciafeier, sodass man irgendwie nie krank machen kann, ohne das Gefühl zu haben, jemanden im Stich zu lassen.

So habe ich mich also heute schniefend und hustend durch den Tag geschleppt und fleißig Alvedon (so heißt Paracetamol in Schweden) und Koffeintabletten gegessen. Mittwoch und Donnerstag kommen noch jeweils zwei Luciaauftritte, wo ich Chöre am Klavier begleite – die Grippe muss sich noch bis Donnerstagnachmittag gedulden.

10. Dezember – Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

2. Dezember: Wieder Student


Während Jonas den ganzen Sonntag über Weihnachtsoratorium generalprobt und konzertiert, sitze ich am Rechner. Montag morgen um 8.00 ist die Deadline für die erste von zwei Seminararbeiten, die ich bis Weihnachten noch fertig kriegen muss.

Klingt nach Arbeit? Ist es nicht. Ist Studium. Macht aber trotzdem Arbeit.

In diesem Semester bin ich neben meinem Vollzeitjob auch 50% Teilzeitstudentin. In Schweden gibt es eine große Auswahl von Fernstudiengängen. Das muss nicht immer ein ganzer Studiengang sein, man kann auch nur einzelne Kurse belegen und dafür „Hochschulpunkte“ auf deutsch: credit points sammeln, die man sich später anrechnen lassen kann, wenn man einen Abschluss machen will.

Zur Zeit bin ich also zu jeweils 25% oder 7,5 Punkten an den Universitäten in Västerås und Trollhättan eingeschrieben, wo ich Kurse im Bereich Management/Organisationstheorie und Personalführung/Gruppenpsychologie „besuche“, will heißen: mich vom Sofa aus in den virtuellen Hörsaal einlogge.

Methodisch sind beide Kurse ähnlich aufgebaut. Es gibt eine Lehrplattform, auf der man sich einloggt und dort hat man Zugang zu Videovorlesungen, die jede Woche online gestellt werden sowie diversen anderen digitalen Lehrmaterialien. Die obligatorische Kursliteratur kann man sich über Fernleihe bestellen oder man hat Glück und findet sie in der örtlichen Stadtbibliothek.

Auf der Lehrplattform kann man seine Kurskollegen und seine Kursleiter kontaktieren und es wird erwartet, dass man sich wöchentlich in Diskussionsforen zu den Themen der jeweils aktuellen Videovorlesung austauscht, also quasi eine Seminardiskussion führt. Alle paar Wochen muss man schriftliche Hausaufgaben einreichen oder sich durch Multiple-Choice Prüfungen durchklicken, die abfragen, ob man auch regelmäßig die Kursliteratur zuhause liest.

Gegen Ende des Semesters muss man eine 15seitige Seminararbeit über ein mehr oder weniger frei gewähltes Thema einreichen. Diese Arbeit wird von einem sogenannten Opponenten, also einem Kurskollegen gegengelesen, der auf die Einhaltung der inhaltlichen und formellen Kriterien achtet und Verbesserungsvorschläge macht. Man selbst muss natürlich auch die Arbeit eines Kurskollegen gegenlesen.

Schließlich wird der überarbeitete Aufsatz eingereicht und benotet. Je nach Kurs gibt es entweder nur bestanden/nicht bestanden oder eine viergradige Skala mit drei Varianten von bestanden.

Kurz nach Mitternacht bin ich fertig, Deadline ist Montagmorgen 8:00. Montagnachmittag kann man sämtliche Hausarbeiten seiner Kurskollegen einsehen, aber mich interessiert nur die eine Hausarbeit, die ich gegenlesen soll.

Man sieht Datum und Uhrzeit, wann die einzelnen Arbeiten hochgeladen wurden und ich stelle fest, dass ich bei weitem nicht die einzige bin, die Arbeiten auf den letzten Drücker fertigstellt. Im Gegenteil, ich war im guten Mittelfeld, manche haben da offensichtlich die Nacht durchgemacht.

Der Vorteil an dieser Art des Studierens ist die Freiheit, sich seine Zeit selbst einteilen zu können und dass man es bequem von zu Hause aus erledigen kann. Dennoch muss man bei aller Flexibilität irgendwo die 10 Stunden hernehmen, die pro Woche und Kurs vorausgesetzt werden. Und die Selbstdisziplin. Zum Glück bin ich ein schneller Leser und habe nie die 10 Stunden gebraucht, um mein wöchentliches Pensum zu erfüllen.

Und was willst du später mal damit machen?

Hihi, zum Glück bin ich aus dem Alter raus, wo mir diese Frage ernsthaft Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe meinen Job, der mir mal mehr und mal weniger Spaß macht. Aktuell würde ich daher sagen: ich will nur spielen. Aber vielleicht kann man’s ja mal brauchen, irgendwann. (Weiter-)bildung hat noch keinem geschadet.

3. Dezember: Anfang vom Ende


Ok, das klingt jetzt furchbar fatalistisch. Aber heute Abend war meine erste julavslutning. Egal was man in Schweden macht, sei es arbeiten, zur Schule gehen, die Kulturschule besuchen, Fußball spielen oder Bienen züchten: Zweimal im Jahr, nämlich zu Weihnachten und vor der Sommerpause, muss man diese Aktivität mit irgendeiner Veranstaltung beenden – mit einer avslutning. Avslutning heißt Abschluss, julavslutning also Weihnachtsabschluss. Das kann in Form einer großen Weihnachtsfeier mit julbord (Weihnachtsbuffet) sein, ein Konzert oder auch nur ein letztes Treffen mit extra viel Fika. Aber eine julavslutning pro sozialer Aktivität muss sein.

Heute haben wir also schon einmal achtzig Schüler in die Ferien geschickt – obwohl viele von ihnen noch weiterhin Unterricht haben werden. Aber die Ensembles hören diese Woche auf und viel Unterricht fällt in den letzten Wochen vor Weihnachten wegen anderer Aktivitäteten aus. Zum einen müssen wir Lehrer nämlich noch bei anderen julavslutningar mitmachen, zum anderen beenden auch die vielen anderen Aktivitäten unserer Schüler dieses Halbjahr, was dann häufig zu terminlichen Konflikten mit dem Unterricht führt.

Heute versammelten wir sechs Lehrer also alle Streicherschüler bis zur sechsten Klasse inklusive deren Eltern in unserer neuen Kulturschule zu einem gelungenen Konzert. Mit dabei übrigens neun Kontrabassisten! Meine Klasse wächst langsam und stetig. Für den festlichen Teil sorgte der Elternverein, der Glögg und Pepparkakor verkaufte. Und nach dem Konzert, zufrieden und völlig fertig, konnte ich eine deutliche Vorfreude auf die Weihnachtsferien spüren, die jetzt gar nicht mehr weit sind.

1. Dezember: Flopp, flopp, flopp


Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Advent stehen wir mit unserem Orchester bei Einbruch der Dunkelheit auf der Bühne im Park. Meist leitet der Lieblingskollege das Orchester und ich stehe am Glockenspiel oder an der Klarinette. Dieses Jahr ist der Lieblingskollege aber verhindert, sodass mir die Ehre zuteil wird, den Advent im Ort einzuläuten. Wettermäßig ist es einer der besseren Jahrgänge, 2 Grad plus und fast kein Regen, und kein Wind. Kälte ist okej, Regen ist so mee, aber Wind ist echt doof, wenn man draußen spielt, dann fliegen immer die Noten und die Töne weg.

Rund um den Park stehen überall marschaller, tellergroße Teelichter mit fingerdickem Docht. Neben der Bühne verkauft die Händlervereinigung warmen Glögg und Pfefferkuchen, damit das Publikum zu den kalten Füßen nicht auch noch kalte Hände kriegt.

Die meisten der rund 150 Zuhörer haben eh Handschuhe an, wodurch der Applaus zwischen den Stücken immer nur ein gedämpftes flopp, flopp, flopp ist…

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Nachdem wir etwa eine Dreiviertelstunde auf der Bühne gespielt haben, zieht der ganze Tross 200 m weiter, zum Marktplatz. Das Orchester gruppiert sich um den Baum – keine Tanne, keine Fichte, sondern ich glaube ein Ahorn –, der Weihnachtswichtel (aka Tankstelleninhaber) klettert auf eine Leiter, und als ich den Einsatz zu unserem Signaturmarsch gebe, drückt der Wichtel auf den Knopf. Der Baum leuchtet. Vor mir tätäterätätäät es, hinter mir floppfloppfloppt es. Der Advent hat begonnen.

Bilden kan innehålla: en eller flera personer, natt, folkmassa och utomhus

(Fotos: jemand von den Orchestereltern)