Archiv der Kategorie: Sverige

13. Dezember: Lucia


Am 13. Dezember kriegen die meisten Schulen, Büros, Firmen, Krankenhäuser, Altenheime, Geschäfte, Fabriken, Fitnesstudios, Bibliotheken, Kirchen… in Schweden Besuch von einem Luciazug. Die professionellen Luciagruppen sind bereits seit Anfang Dezember im Einsatz und absolvieren teilweise bis zu 15 Auftritte pro Tag.

Gestern abend hatte ich bereits zwei Luciaveranstaltungen mit zwei sechsten Klassen, einmal für die Eltern, einmal für das gesamte nicht-pädagogische Personal der Schule, Hausmeister, Raumpfleger, Küchenpersonal, Bauarbeiter…

Heute früh das gleiche nochmal für die Klassen 0-2 und 3-5 an der Schule, die mich dieses Jahr als erstes angefragt hat. Pianisten sind am 13. Dezember begehrte Rohware in Schweden.

Üblicherweise ist es noch (oder schon wieder) dunkel, wenn die weiß benachthemdeten Gestalten sich mit (meist elektrischen) Kerzen in der Hand aufstellen, alle mit einem blauen Band um die Taille. Angeführt wird der Zug von Lucia, die eine (zu 99% elektrische) Lichterkrone auf dem Kopf und ein rotes Band um die Taille trägt. Lucia ist meist blond und langhaarig und weiß virtuos den Lockenstab zu hantieren. In Schulklassen wird Lucia oft gewählt, und es wird eigentlich immer die das Mädchen mit den meisten BFF* zur Lucia gewählt, selten das Mädchen mit der schönsten Stimme oder dem schönsten Charakter.

*BFF: Best friends forever. Beste-Freundinnen-Freundschaft mit einer Halbwertszeit bis zu den nächsten Ferien.

Ob Jungen Lucia sein dürfen, wird jedes Jahr auf Neue auf allen Nachrichtenkanälen und in sozialen Medien debattiert; ich habe jedenfalls noch nie einen Lucius gesehen. Den Jungen (so sie denn überhaupt dabei sein dürfen) fällt üblicherweise eine der Rollen Stjärngosse (Sternenknabe) mit weißem Nachthemd und Schultüte… äääh… Spitzhut auf dem Kopf, Pepparkaksgubbe (Pfefferkuchenmännchen) in braunem Schlafanzaug oder Jultomte (Weihnachtswichtel) in rot-weißem Schlafanzug mit passender Zipfelmütze zu.

Im ansonsten achsogleichgestellten Schweden ist die jährliche Luciafeier ein echter Anachronismus.

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11. Dezember: Weihnachtskonzert powered by Alvedon


Krank sein passt ja irgendwie nie, aber selten so wenig wie kurz vor Weihnachten. Seit Sonntag huste und schniefe ich und habe Fieber und gehöre eigentlich ins Bett, aber gerade ist jeden Tag irgendwas, warum man es sich gerade nicht leisten kann, zuhause zu bleiben.

Heute z.B. das große Musikschulweihnachtskonzert, wo wir wirklich alles auffahren, was die Musikschule so zu bieten hat (mit Ausnahme des großen Orchesters, die haben soviel Programm, dass die ihr eigenes Konzert machen). Heute also: kleine Orchester, mittelgroße Orchester, Streicher, Bläser, Sänger, Gitarristen, Pianisten, Neuanfänger, Fortgeschrittene, angehende Musikstudenten… 90 Minuten querbeet. Und auch immer nett: der Auftritt unseres Fördervereins mit Umschlagüberreichung. Mich freut das tatsächlich, dass die Vorsitzende vom Elternverein uns jedes Jahr auf die Bühne holt und einmal vor 250 Eltern aufzählt, was wir im vergangenen Jahr alles außerhalb unserer Kernaufgaben auf die Beine gestellt haben.

Im Konzert hatte ich heute vier Pianisten dabei: einmal Solo, einmal vierhändig mit mir, einmal mit Trompete, einmal mit Gesang. Alle vier haben ihre Sache gut gemacht, brauchten aber zum Teil vor dem Konzert nochmal eine Infusion Selbstvertrauen. Das kann man leider nicht mal eben an einen Kollegen übergeben. Und Schubert Militärmarsch spielt auch keiner meiner Kollegen vom Blatt.

Das Stück ist in Schweden ein richtiger Weihnachtsklassiker, weil jedes Jahr an Heiligabend um 15.00 Kalle Ankas Jul, Weihnachten mit Donald Duck, im ersten Programm ausgestrahlt wird (Schubert ab 4:17):

Tagsüber habe ich noch normal unterrichtet, denn wenn gerade kein Konzert ist, dann ist es doch für einige die letzte Unterrichtsstunde vor dem nächsten Auftritt bei einer Schulabschluss- oder Luciafeier, sodass man irgendwie nie krank machen kann, ohne das Gefühl zu haben, jemanden im Stich zu lassen.

So habe ich mich also heute schniefend und hustend durch den Tag geschleppt und fleißig Alvedon (so heißt Paracetamol in Schweden) und Koffeintabletten gegessen. Mittwoch und Donnerstag kommen noch jeweils zwei Luciaauftritte, wo ich Chöre am Klavier begleite – die Grippe muss sich noch bis Donnerstagnachmittag gedulden.

10. Dezember: Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

2. Dezember: Wieder Student


Während Jonas den ganzen Sonntag über Weihnachtsoratorium generalprobt und konzertiert, sitze ich am Rechner. Montag morgen um 8.00 ist die Deadline für die erste von zwei Seminararbeiten, die ich bis Weihnachten noch fertig kriegen muss.

Klingt nach Arbeit? Ist es nicht. Ist Studium. Macht aber trotzdem Arbeit.

In diesem Semester bin ich neben meinem Vollzeitjob auch 50% Teilzeitstudentin. In Schweden gibt es eine große Auswahl von Fernstudiengängen. Das muss nicht immer ein ganzer Studiengang sein, man kann auch nur einzelne Kurse belegen und dafür „Hochschulpunkte“ auf deutsch: credit points sammeln, die man sich später anrechnen lassen kann, wenn man einen Abschluss machen will.

Zur Zeit bin ich also zu jeweils 25% oder 7,5 Punkten an den Universitäten in Västerås und Trollhättan eingeschrieben, wo ich Kurse im Bereich Management/Organisationstheorie und Personalführung/Gruppenpsychologie „besuche“, will heißen: mich vom Sofa aus in den virtuellen Hörsaal einlogge.

Methodisch sind beide Kurse ähnlich aufgebaut. Es gibt eine Lehrplattform, auf der man sich einloggt und dort hat man Zugang zu Videovorlesungen, die jede Woche online gestellt werden sowie diversen anderen digitalen Lehrmaterialien. Die obligatorische Kursliteratur kann man sich über Fernleihe bestellen oder man hat Glück und findet sie in der örtlichen Stadtbibliothek.

Auf der Lehrplattform kann man seine Kurskollegen und seine Kursleiter kontaktieren und es wird erwartet, dass man sich wöchentlich in Diskussionsforen zu den Themen der jeweils aktuellen Videovorlesung austauscht, also quasi eine Seminardiskussion führt. Alle paar Wochen muss man schriftliche Hausaufgaben einreichen oder sich durch Multiple-Choice Prüfungen durchklicken, die abfragen, ob man auch regelmäßig die Kursliteratur zuhause liest.

Gegen Ende des Semesters muss man eine 15seitige Seminararbeit über ein mehr oder weniger frei gewähltes Thema einreichen. Diese Arbeit wird von einem sogenannten Opponenten, also einem Kurskollegen gegengelesen, der auf die Einhaltung der inhaltlichen und formellen Kriterien achtet und Verbesserungsvorschläge macht. Man selbst muss natürlich auch die Arbeit eines Kurskollegen gegenlesen.

Schließlich wird der überarbeitete Aufsatz eingereicht und benotet. Je nach Kurs gibt es entweder nur bestanden/nicht bestanden oder eine viergradige Skala mit drei Varianten von bestanden.

Kurz nach Mitternacht bin ich fertig, Deadline ist Montagmorgen 8:00. Montagnachmittag kann man sämtliche Hausarbeiten seiner Kurskollegen einsehen, aber mich interessiert nur die eine Hausarbeit, die ich gegenlesen soll.

Man sieht Datum und Uhrzeit, wann die einzelnen Arbeiten hochgeladen wurden und ich stelle fest, dass ich bei weitem nicht die einzige bin, die Arbeiten auf den letzten Drücker fertigstellt. Im Gegenteil, ich war im guten Mittelfeld, manche haben da offensichtlich die Nacht durchgemacht.

Der Vorteil an dieser Art des Studierens ist die Freiheit, sich seine Zeit selbst einteilen zu können und dass man es bequem von zu Hause aus erledigen kann. Dennoch muss man bei aller Flexibilität irgendwo die 10 Stunden hernehmen, die pro Woche und Kurs vorausgesetzt werden. Und die Selbstdisziplin. Zum Glück bin ich ein schneller Leser und habe nie die 10 Stunden gebraucht, um mein wöchentliches Pensum zu erfüllen.

Und was willst du später mal damit machen?

Hihi, zum Glück bin ich aus dem Alter raus, wo mir diese Frage ernsthaft Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe meinen Job, der mir mal mehr und mal weniger Spaß macht. Aktuell würde ich daher sagen: ich will nur spielen. Aber vielleicht kann man’s ja mal brauchen, irgendwann. (Weiter-)bildung hat noch keinem geschadet.

3. Dezember: Anfang vom Ende


Ok, das klingt jetzt furchbar fatalistisch. Aber heute Abend war meine erste julavslutning. Egal was man in Schweden macht, sei es arbeiten, zur Schule gehen, die Kulturschule besuchen, Fußball spielen oder Bienen züchten: Zweimal im Jahr, nämlich zu Weihnachten und vor der Sommerpause, muss man diese Aktivität mit irgendeiner Veranstaltung beenden – mit einer avslutning. Avslutning heißt Abschluss, julavslutning also Weihnachtsabschluss. Das kann in Form einer großen Weihnachtsfeier mit julbord (Weihnachtsbuffet) sein, ein Konzert oder auch nur ein letztes Treffen mit extra viel Fika. Aber eine julavslutning pro sozialer Aktivität muss sein.

Heute haben wir also schon einmal achtzig Schüler in die Ferien geschickt – obwohl viele von ihnen noch weiterhin Unterricht haben werden. Aber die Ensembles hören diese Woche auf und viel Unterricht fällt in den letzten Wochen vor Weihnachten wegen anderer Aktivitäteten aus. Zum einen müssen wir Lehrer nämlich noch bei anderen julavslutningar mitmachen, zum anderen beenden auch die vielen anderen Aktivitäten unserer Schüler dieses Halbjahr, was dann häufig zu terminlichen Konflikten mit dem Unterricht führt.

Heute versammelten wir sechs Lehrer also alle Streicherschüler bis zur sechsten Klasse inklusive deren Eltern in unserer neuen Kulturschule zu einem gelungenen Konzert. Mit dabei übrigens neun Kontrabassisten! Meine Klasse wächst langsam und stetig. Für den festlichen Teil sorgte der Elternverein, der Glögg und Pepparkakor verkaufte. Und nach dem Konzert, zufrieden und völlig fertig, konnte ich eine deutliche Vorfreude auf die Weihnachtsferien spüren, die jetzt gar nicht mehr weit sind.

1. Dezember: Flopp, flopp, flopp


Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Advent stehen wir mit unserem Orchester bei Einbruch der Dunkelheit auf der Bühne im Park. Meist leitet der Lieblingskollege das Orchester und ich stehe am Glockenspiel oder an der Klarinette. Dieses Jahr ist der Lieblingskollege aber verhindert, sodass mir die Ehre zuteil wird, den Advent im Ort einzuläuten. Wettermäßig ist es einer der besseren Jahrgänge, 2 Grad plus und fast kein Regen, und kein Wind. Kälte ist okej, Regen ist so mee, aber Wind ist echt doof, wenn man draußen spielt, dann fliegen immer die Noten und die Töne weg.

Rund um den Park stehen überall marschaller, tellergroße Teelichter mit fingerdickem Docht. Neben der Bühne verkauft die Händlervereinigung warmen Glögg und Pfefferkuchen, damit das Publikum zu den kalten Füßen nicht auch noch kalte Hände kriegt.

Die meisten der rund 150 Zuhörer haben eh Handschuhe an, wodurch der Applaus zwischen den Stücken immer nur ein gedämpftes flopp, flopp, flopp ist…

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Nachdem wir etwa eine Dreiviertelstunde auf der Bühne gespielt haben, zieht der ganze Tross 200 m weiter, zum Marktplatz. Das Orchester gruppiert sich um den Baum – keine Tanne, keine Fichte, sondern ich glaube ein Ahorn –, der Weihnachtswichtel (aka Tankstelleninhaber) klettert auf eine Leiter, und als ich den Einsatz zu unserem Signaturmarsch gebe, drückt der Wichtel auf den Knopf. Der Baum leuchtet. Vor mir tätäterätätäät es, hinter mir floppfloppfloppt es. Der Advent hat begonnen.

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(Fotos: jemand von den Orchestereltern)

Projekt: Mehr Licht


Der schwedische Sommer ist kurz (gut, vielleicht nicht 2018 aber so grundsätzlich), und auf einen warmen Sommertag können ganz schön kalte Nächte folgen. Das ist für den Schweden an sich ein Problem, denn nach einem langen Winter, während dem man sich in seinem Haus eingeigelt hat, möchte man im Sommer am liebsten immer draußen sein. Nach einem gemütlichen Abendessen auf der Terrasse ins Wohnzimmer zu gehen, nur weil es draußen zu kalt wird, kommt da gar nicht in Frage. Erste Abhilfe schaffen Fleecedecken, von denen jeder Haushalt mindestens ein Dutzend hat, aber bei einem leichten Schauer oder Wind helfen die auch nicht weiter. Daher hat gefühlt jedes zweite Haus in Schweden einen uterum, einen Draußenraum.

Die beste deutsche Übersetzung wäre eigentlich Wintergarten, aber das trifft es irgendwie nicht richtig. Der uterum dient nämlich nicht als Überwinterungsort für empfindliche Pflanzen, sondern der Verlängerung des Sommers. Hier will man vor allem am Abend noch quasi-draußen sitzen, geschützt vor Wind, Regen und Mücken, und die Sommersaison etwas nach vorne und hinten verlängern. Viele der Anbauten sind auch gar nicht wärmeisoliert, stehen auf einer einfachen Bretterkonstruktion, werden mit Infrarotstrahlern beheizt und sind im Winter überhaupt nicht nutzbar. Natürlich gibt es auch avanciertere Modelle bis hin zum richtigen Wintergarten, aber der durchschnittliche uterum ist eher eine verglaste Terrasse.

Heutzutage gibt es diese Anbauten als fertige Bausätze für wenige tausend Euro, bestehend aus einem einfachen Holzrahmen, in den große Schiebefensterpartien eingesetzt werden und der mit einem isolierten, transparenten Kunststoffdach gedeckt wird. Ältere Modelle dagegen haben oft ziemlich grobschlächtig zusammengezimmerte halbhohe Wände mit durchgehenden, nicht zu öffnenden Fenstern und obendrauf ein Dach aus gewelltem Plastik. So ungefähr sah auch der uterum an unserem Haus aus. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Fenster fehlten. Zugegeben, es gab Fenster, zwei nach Westen und zwei nach Norden, dazu eins in der Tür. Aber eine durchgehende Fensterfront? Fehlanzeige. Und die riesige Südwand, auf die quasi den ganzen Tag die Sonne schien? Fensterlos. Kein einziges Guckloch – abgesehen von den Ritzen zwischen den Brettern…

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Blick nach Süden in unserem alten uterum: Wie Sie sehen, sehen Sie – nichts

Ein richtiges drinnen-fast-wie-draußen-Gefühl stellte sich da natürlich nicht ein. Zusätzlich zu dem fehlenden Lichteinfall waren die Wände auch noch allesamt in einem depressiven Dunkelbraun gestrichen, damit es auch ja nicht zu hell werden konnte. Und zu guter Letzt sorgte die sorgfältige Platzierung vor den drei großen Fenstern zum Wohnzimmer und südlich der Terrasse dafür, dass sich auch im Haus ja kein Sonnenstrahl zuviel zeigen konnte.

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Unser Haus von Südwesten gesehen

Gebaut hatte dieses Ungetüm übrigens unser Vorvorbesitzer. Der mochte anscheinend keine Sonne, dafür aber Wärme. Nach Erzählungen unseres Nachbarn saß er am liebsten im Hochsommer in seinem dunkelbraunen „Wintergarten“ – der sich durchaus ziemlich aufheizen konnte – am offenen Kamin und heizte drauflos.

Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass ich von unserem uterum im Imperfekt schreibe und hat daraus vielleicht schon die richtige Schlussfolgerung gezogen: Die braune Bausünde steht nicht mehr. Schon als wir unser Haus gekauft haben, wussten wir, dass der Bretterverschlag weg sollte. Zum einen, weil er uns deutlich mehr störte als nutzte – die Male, die wir ihn genutzt haben, lassen sich wahrscheinlich an zwei Händen abzählen –, zum anderen war die Drainage darunter nicht mehr in Ordnung, die Kellerwand an dieser Stelle feucht.

Was also tun? Einfach nur abreißen? Oder stattdessen einen neuen uterum bauen? Und falls ja: wohin? Und wie gut soll der isoliert sein? Nach langem Hin und Her haben wir uns für einen richtigen Wintergarten mit isolierter Betonplatte entschieden, der dort gebaut werden sollte, wo bisher die Terasse war. Noch länger als diese Überlegungen dauerten dann meine vielen verschiedenen 3D-Zeichnungen von unterschiedlichen Wintergärten.

Und was wird jetzt gebaut? Ein schlichtes Pultdach, quer ans Haus gesetzt, dass eine große Glasfassade nach Süden ermöglicht. Der ungewöhnlich Anschluss der eigentlich einfachen Form und die Aussicht auf viel Glas in Richtung Sonne überzeugten uns.

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In diesem Frühjahr waren wir dann soweit: Wir hatten eine Zeichnung, die uns gefiel, eine Baufirma und ein ungefähres Startdatum. Zeit, um eine Baugenehmigung zu beantragen. Dieser Prozess war erstaunlich unkompliziert, dauerte nur ein paar Wochen, lief (fast) vollständig digital und komplikationslos, so dass Ende August alles bereit für das Abrisskommando war. Mit etwas Glück könnte der Wintergarten bis Weihnachten stehen.

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27. August 2018: Dem Bretterverschlag gehts an den Kragen, Dach und Fenster sind schon weg

Die Operation „Mehr Licht“ dauerte nur wenige Stunden, an einem Vormittag war der komplette Bretterverschlag abgerissen und zu einem kleinen Häuflein auf unserem Rasen zusammengeschrumpft. Und in unserem Wohnzimmer hatte man plötzlich das Gefühl, jemand hätte das Licht angeknipst.

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Die sterblichen ûberreste der Bretterbude – wir trauern ihr nicht nach

Noch am selben Tag erschien dann auch der etwas-größer-als-erwartet Bagger, der der Terrasse und der alten Fundamentmauer im Eiltempo den Garaus machte und wenig später war das komplette Loch für das neue Fundament und die Dränage ausgehoben.

 

In deutlich geringerem Tempo ging es weiter: Kies einfüllen, verdichten, Drainagerohre legen, mehr Kies einfüllen, verdichten, Holzrahmen für Sockel bauen, Armierungsstahl einsetzen, Sockel gießen, Mauer mauern, Kies und Sand auffüllen, Isoliermaterial auflegen, Armierungsgitter einsetzen, Betonplatte gießen, Betonplatte gegen Regen abdecken. Und dann: Warten, bis die Platte ausgehärtet war (ging schnell) und ein Zimmermannteam Zeit hatte (dauerte deutlich länger).

 

Die Zimmerleute kamen, sahen und… diskutierten: „Hmm, der Dachüberhang da, da war ja ne Säule, die Last müssten wir dann über einen Balken abführen… das könnte man so machen… wie dick muss der denn sein… wir müssen mal mit unserem Statiker reden, den Balken berechnen… und bestellt werden muss der dann wohl auch, glaub nicht, dass das Lagerware ist…“ Sagten’s, und verschwanden wieder. Und tauchten nicht wieder auf. Wusste ja vorher keiner, dass man da einen Balken eniziehen muss. Hatte ich vorher auch nicht erwähnt, nein nein. (Ironiemodus aus.) „Das gucken wir uns dann an, wenn es so weit ist.“ Zwei Wochen Pause – doof für uns, denn die Glaspartien können erst bestellt werden, wenn der Rohbau steht und genau Maß genommen wurde; Lieferzeit: sechs Wochen. Langsam wurde es eng mit unserem Traum vom Wintergarten als Weihnachtsgeschenk.

Der Vorteil an Holzbauten: Die Wände stehen innerhalb kürzester Zeit. Natürlich ohne Fassade, Innenleben und Verkleidung, aber das braucht man alles auch nicht für die Vermessung der Fenster. Zwei Tage brauchten die Zimmerleute für das Ständerwerk, davon einen für das Diskutieren der besten Methode und einen für den eigentlichen Aufbau. Dann wurde das Glas bestellt, und mit dem Liefertermin Ende November könnte es doch noch alles klappen.

 

Mittlerweile hat der Anbau ein fertiges Dach, eine wetterdichte Membran, eine Fassade, ist schon teilweise isoliert und das alte Dach, das jetzt ja nicht mehr gebraucht wird, ist auch verschwunden. Ein Kamin ist bestellt, der Laminatboden wartet im Keller auf seinen Einsatz und hoffentlich, hoffentlich klappt das noch mit dem Weihnachtsbaum im Wintergarten. Dann können wir den Sommer nicht nur ein bisschen verlängern, sondern das ganze Jahr draußen sitzen.