„Komische Handlungsregularien“


Trotz unserer vielen schönen Wanderungen hier im Blog – es ist nicht so, dass uns Corona inzwischen kalt lässt. Und mit „uns“ meine ich Jonas und mich. In unserer Umgebung nimmt das Thema hingegen gefühlt mehr und mehr ab. Wir haben einen wundervollen Frühling (wenn auch zu trocken), die Menschen sind draußen, Restaurants, Cafés und Frisörsalons sind geöffnet. Lediglich Oberstufenschüler und Studenten müssen von zuhause aus lernen und studieren. Homeoffice ist inzwischen wieder eher ein nettes Gimmick für die, die das möchten und wo der Arbeitgeber mitmacht (erfreulicherweise ist die Arbeitswelt in Schweden im Allgemeinen sehr gut digitalisiert). Aber nach ein paar Wochen finden viele das jetzt auch nicht mehr so geil wie am Anfang, also geht man doch wieder zum Job.

In der Kulturschule hatten wir ja vor gut einem Monat immerhin die Direktive bekommen, Gruppenunterricht mit über 10 Schülern zu pausieren. Sogar das wurde jetzt nach Ostern wieder aufgehoben. Wir Lehrkräfte sollen jetzt nach eigener Fantasie den Gruppenunterricht so gestalten, dass wir dabei den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde nachkommen (die da im Wesentlichen nach wie vor unverändert sind: Hände waschen, in die Armbeuge husten, Abstand halten, bei Symptomen zuhause bleiben).

Ich habe losgeprustet vor Lachen (natürlich in die Armbeuge) über die Absurdität, als ich heute Abend den neuesten Drosten-Podcast hörte:

„Dann haben wir zusätzlich gerade diese vielen relativ freien Interpretationen von allen Seiten der Gesellschaft, die plötzlich kommen. […] ich sehe daran, wie viel Fantasie in allen Bereichen der Wirtschaft entsteht, wie man durch komische Handlungsregularien, die man sich selber auferlegt – mit Masken oder Händewaschen und so weiter – Situationen beeinflussen will, wo man offensichtlich sagen muss: Nein, das geht einfach nicht. Das nützt nichts, wenn man sich da ab und zu mal die Hände wäscht. Oder wenn man manchmal eine Maske aufsetzt. Es ist eine Situation, das ist eine Massenansammlungen von Menschen. Das kann man nicht machen, wenn man will, dass die R in Deutschland nicht wieder über eins kommt. Ich würde mich bei diesen vielen Einzelauslegungen dieser Maßnahme nicht wundern, wenn wir über den Mai und Ende Juni hinein plötzlich in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 34, 22.4.2020

Komische Handlungsregularien, das trifft den Nagel auf den Kopf. Es kleidet mein eigenes Unbehagen in Worte, wenn ich mit Zollstock bewaffnet 30 Stühle und Notenständer in die Wiese stelle, um in der Abendsonne zu proben. Blasorchester, ausgerechnet. Aber mit dem Wort Aerosol können hier nur wenige etwas anfangen. (Ja, ich habe überlegt, das Orchester ausfallen zu lassen, aber das wäre Arbeitsverweigerung und ein Kündigungsgrund. Das kann ich mir gerade nicht leisten. Der Arbeitsmarkt für freiberufliche Musiker, der ist nämlich gerade definitiv am Boden. Auch in Schweden.)

Oder wenn ich vor jeder neuen Unterrichtsstunde die Tasten meines Klavieres mit Fensterreiniger „desinfiziere“. Manchmal bekomme ich vom Arbeitgeber auch Desinfektionstücher.

Oder wenn ich meinen Chef frage, ob wir denn eigentlich gerade wirklich jede Woche eine Gesamtlehrerkonferenz in geschlossenen Räumen abhalten müssen, da wir doch definitiv die Strukturen für digitale Meetings hätten und ich zur Antwort bekomme, dass die Grenze für Versammlungen bei 50 Personen sei, unser Arbeitsplatz aber nur 48 Mitarbeiter habe und er jetzt meine Frage nicht verstehe, man folge ja schließlich den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde.

Apropos Gesundheitsbehörde, apropos Absurdität, apropos Unbehagen: Am Dienstag wartete die Gesundheitsbehörde mit Knüllerzahlen in der täglichen Presskonferenz auf. Meistens lese ich nur einmal am Tag die Zusammenfassung, just am Dienstag saß ich aber im Auto und hörte den größten Teil der Pressekonferenz. Da haben die doch tatsächlich verkündet, dass nach ihren Modellierungen auf jeden bestätigten Fall 1000 milde, nicht getestete Infektionen stattfinden würden. Schweden hatte an dem Tag knapp 16 000 bestätigte Fälle (und 10 Millionen Einwohner).

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Ich rechnete kurz im Kopf nach: 16 000 x 1000 = 16 000 000.
16 Millionen Infektionen und das bei nur 10 Millionen Einwohnern in Schweden, das ist eine beeindruckende Durchseuchungsrate von 160 Prozent. Klassenziel Herdenimmunität mit Bravour erreicht, würde ich sagen!

Ironiemodus wieder aus: Heute wurde die Zahl in der Modellierung auf 75 korrigiert, es war tatsächlich ein Eingabefehler, das gab man auch zu. Nun also pro 1 bestätigtem Fall 75 unentdeckte Fälle. Immerhin. Mit den heutigen (23. April) 16 755 Fällen wären das immer noch 1,25 Millionen Infektionen bei 10 Millionen Einwohnern. Für den 1. Mai erwartet man, dass 26 Prozent der Einwohner Stockholms infiziert sein werden.

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Was sagt Drosten eigentlich zum Thema Herdenimmunität?

„Aus all diesen Gründen will ich hier keine exakten Zahlen rechnen, sondern ich will nur sagen, die Botschaft aus dieser Studie ist, die können wir auch für uns annehmen: Wir haben im ganz niedrig einstelligen Bereich die Antikörper-Prävalenz. Und das ist das, was man auch aus anderen Ländern im Moment hört, in anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland gibt es erste Kollegen im Labormedizinbereich, die sagen, wie ihre Zahlen aussehen, und wir selber betreiben auch ein großes Labor. Wir haben einige Tausend ELISA-Teste gemacht. Das ist auch der Eindruck, den ich hier nennen kann, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. Wir bewegen uns in all diesen Situationen, nicht nur in Deutschland, immer dort, wo Labore sind, die schon viel getestet haben, in diesem Bereich bei zwei Prozent, vielleicht mal drei Prozent. Aber dann muss man dazusagen, eigentlich sind bestimmte Sachen, die man abziehen muss, noch nicht abgezogen. Also wir haben keine Situation, wo man sagen könnte, hier besteht schon eine nennenswerte Herdenimmunität. Wir sind überhaupt nicht in der Nähe einer Herdenimmunität.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 33, 20.4.2020

Ich bin keine Virologin, keine Ärztin, keine Wissenschaftlerin. Ich bin nur neugierig. Ich lese viel, ich konsumiere viel (zu viele) Nachrichten, deutsche wie schwedische, und ich beobachte, was um mich herum geschieht. Und ich kriegs im Kopf nicht überein. Ich kann nicht beurteilen, wer da recht hat, aber „26 Prozent“ vs „ganz niedrig einstelliger Bereich“, das ist schon ein ziemlicher Unterschied.

Ich höre auf der Pressekonferenz Menschen fragen, wann denn in Schweden der Lockdown gelockert werde, die anderen Länder in Europa würden ja jetzt auch ihre Restriktionen lockern und denke: welcher Lockdown??? Das bisschen Abstand halten und Händewaschen?

Ich sehe beim Joggen eine Traube von 25, vielleicht 30 Senioren auf dem Wanderparkplatz stehen. Sollen sie wandern wenn ihnen gut tut, es gibt nichts Schöneres gerade und es gibt soooo viele Flecken wo man dabei niemandem auf die Füße tritt. Aber dafür extra ein Treffen mit 25 anderen organisieren?

Gleichzeitig hört man aus den Krankenhäusern nichts Gutes. Ja, Intensivbetten und Respiratoren gibt es noch, wenn auch zum Teil aus den 80ern vom Krankenhausdachboden runtergeholt. Aber kaum Schutzausrüstung, Beatmungsschläuche, Betäubungsmittel und vor allem intensivmedizinisch ausgebildetes Pflegepersonal. Und Menschen über 80 werden einfach mal gar nicht intensivmedizinisch versorgt.

Bei Markus Lanz war gestern ein deutscher Arzt aus Nordschweden zugeschaltet, der die Lage sehr anschaulich beschreibt (ab 54:48). (Lanz‘ Geplapper hingegen finde ich unerträglich, die Überleitung „Weil Sie sagen ‚Gastronomie‘, ich habe da einen interessanten Gesprächspartner für Sie, einen Arzt aus Lappland“ war ööööh… ja.)

Wie kann man nach einer noch weiteren Lockerung der Maßnahmen fragen, wenn die Kurve der Todesfälle pro Einwohner steil nach oben geht?

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Corona-Wanderungen: Nach Gingri


Heute bin ich eine Runde gegangen, die früher zu unseren Lieblingsspaziergängen gehörte. Aus irgendeinem Grund haben wir sie allerdings gefühlt seit Jahren nicht mehr gemacht. Wir wohnen ja zwischen zwei Naturschutzgebieten, eins am See und eins, durch dass sich der Fluss Viskan schlängelt und dass sich dann an der recht steilen Talseite hochzieht. Oben angekommen kann man über die Höhe ins Dorf Gingri laufen und dann wieder zurück ins Tal zu unserer Hausbadestelle. Ein Großteil der Strecke führt durch lichte Wälder und Weideland und ist als Gingrileden (Gingriweg) orange gekennzeichnet, der Rest verläuft über andere Wege und Schotterstraßen vom einen Naturschutzgebiet ins andere.

Nach Gingri gehen wir nach wie vor recht häufig, zumal dort Freunde wohnen, die immer gerne einen Tee aufsetzen, wenn man spontan vorbeikommt. Aber just diese Variante haben wir lange nicht mehr gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird…

Hoj!


Jedes Jahr im Frühjahr stelle ich mir die gleiche Frage: Wäre es nicht ökonomisch, ökologisch und gesundheitlich sinnvoll, statt mit Bus und manchmal Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Fürs kulår, wo ich mehrere Kontrabässe brauche, gibt es kommunale Dienstwagen, die man sich an einigen zentralen Sammelstellen leihen kann und alle Schulen, an denen ich regelmäßig unterrichte – im Moment ist das sowieso nur eine –, kann man ohne Probleme auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß erreichen. Eigentlich der Umstieg aufs Rad also kein Problem. Wenn nicht:HöhenprofilZwölf Kilometer sind ja eigentlich eine ganz angenehme Distanz mit dem Fahrrad, in einer guten halben Stunde könnte man am Ziel sein. Wenn da nicht diese zwei Steigungen wären. Hundert Höhenmeter sind natürlich zu schaffen, aber die beiden „Berge“ sind ganz schön steil und bringen einen schon ins Schwitzen. Und dann sind da  noch die eigentlich wunderschönen Passagen direkt am See: wenn da der Wind gerade aus der falschen Richtung übers Wasser bläst, macht das radeln überhaupt keine Spaß mehr. Und überhaupt: mimimi. Extra früh aufzustehen, um dann beim Job zu duschen, geht übrigens definitiv zu weit…

Vor einigen Jahren habe ich es dann trotzdem mal probiert, nach den Sommerferien bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Zwei Wochen habe ich durchgehalten, dann kamen die Schüler, der Alltag, der Regen, und das war’s.

Die Lösung: Ein E-Bike. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Teuer, brauche ich nicht, zu stolz, nur was für Rentner. Dann doch lieber Bus. Aber den möchte ich zur Zeit gar nicht so gerne nehmen, zu bestimmten Zeiten ist er völlig überfüllt (heißt: man hat keinen Doppelsitz für sich alleine). Abstand halten ist da schwierig, weshalb die hiesigen Verkehrsbetriebe darum bitten, dass nur diejenigen den Bus nehmen, die keine andere Alternative haben. Als sich die Osterferien dem Ende näherten, sind wir dann kurzentschlossen in die Stadt gefahren, haben drei Fahrradläden abgeklappert und seit Ostersonntag (alle Geschäfte auf, auch an Ostern, nix Shutdown…) bin ich nun Besitzer eines Fahrrads mit Hilfsmotor.

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Vor einer Schule, an der ich einmal die Woche Geige unterrichte. Die Schule liegt auch auf einem fiesen Berg.

Zweimal bin ich damit bis jezt zur Kulturschule gefahren und es fühlt sich so an, als ob das mit dem E-Bike-Pendeln ein dauerhaftes Konzept sein kann. Irgendwie habe ich ja auch keine Wahl, denn ansonsten haben wir einen Haufen Geld aus dem Fenster geworfen. Der Härtetest kommt aber natürlich erst, wenn das Wetter nicht mehr so wunderbar frühlingshaft ist – am besten suche ich jetzt schon nach meiner Regenhose.

Ein neues Wort habe ich übrigens auch gelernt. Hoj: heißt: Fahrrad.

TV-Tipp


Braucht ihr eine Pause vom Home-Office, den Kindern, der Corona-Berichterstattung? Wollt ihr einfach einmal entspannen? Oder müsst ihr etwas gegen die Schweden-Sehnsucht tun? Sveriges Television SVT, der schwedische öffentlich rechtliche Fernsehsender, hat die Lösung: Den stora älgvandringen, die große Elchwanderung. Erlebe live, wie tausende Elche den Ångermanälven überqueren. Über 25 Kameras halten dieses atemberaubende Spektakel fest, und ihr könnt live mit dabei sein – hoffe ich zumindest, wenn die Übertragung im Ausland nicht gesperrt ist.

https://www.svtplay.se/den-stora-algvandringen

Ein wenig Eile ist jedoch geboten, die Sendung läuft nur noch bis zum 4. Mai. Also ran an den Laptop und… entspannen. Neben Elchen kann man übrigens auch Ren- und andere Tiere beobachten. Die meiste Zeit sieht man allerdings nur Wald und Fluss, das aber rund um die Uhr.

Die Kameras stehen übrigens in Kullberg bei Junsele in Ångermanland

Corona-Wanderungen: Hundesitter


Am Dienstag brauchte eine Kollegin Hilfe bei der Hundebetreuung. Sie und ihr Mann waren den ganzen Tag außer Haus und die Kinder gehen nur kürzere Strecken mit dem Hund, aber Rossi benötigt etwas mehr Auslauf.

Zum Glück wohnt sie nur gute anderthalb Kilometer am anderen Ende des Ortes. Wir konnten direkt von zu Hause loslaufen und Rossi unterwegs einsammeln. Dann ging es steil bergauf, bis wir, an einen windgeschützten Felsen gelehnt, in der Frühlingssonne ganz dringend eine Pause einlegen mussten.

Ziel war die GIF-stuga, das Vereinsheim der Boråser gymnastik- och idrottsförening (Gymnastik- und Sportverein). Von hier gehen einige Jogging-, Langlauf-, und Mountainbikestrecken aus, die sich teilweise auch zum Wandern/Spazierengehen eignen. Der Rückweg führte über eine der Laufrouten zurück durch streckenweise sehr dichten Wald. Zum Teil ging es extrem steil abwärts und der Weg war voll mit Wurzeln und Steinen. Wie man hier rennen soll, ist mir etwas schleierhaft. Es gab aber auch ebene Passagen durch wunderschönen, lichten Wald.

Der größte Teil dieser Runde war komplett neu für uns. Es fasziniert mich immer wieder, dass wir auch ohne Auto immer wieder Stellen erreichen, an denen wir noch nie waren.

 

 

Corona-Wanderungen: Bamsestigen


Bamse, der stärkste Bär der Welt, ist eine beliebte schwedische Bilderbuch-, Comic- und Zeichentrickfigur für Kinder. Man könnte daher meinen, dass die nach Bamse benannte Runde eher kurz und damit besonders kinderfreundlich wäre. Der Heimatverein von Rångedala findet allerdings, dass der stärkste Bär der Welt auch die längste Wanderung schafft, und so wählte man den Namen für einen gut neun Kilometer langen Weg mit einem ordentlichen Berg in der Mitte.

Letzten Sonntag haben wir diese Strecke zusammen mit Annikas Lieblingskollegen und Frau ausprobiert. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer wunderschönen smultronställe (Stelle, an der man Walderdbeeren findet. Sprichwörtlich für versteckter Lieblingsort) vorbei. Eine Bank auf einer kleinen Insel in einem verzweigten Bachlauf, komplett mit alter Steinbrücke.

Der Weg führt nun über Schotterwege durch lichten Wald, bis man auf die alte Bahnlinie zwischen Borås und Ulricehamn trifft, die heute zum Fahrradweg ausgebaut ist. Nach einigen Minuten auf der ehemaligen Trasse geht es wieder auf gut ausgebaute Waldwege. Am Ende eines ziemlich langen Anstiegs biegt man auf einen kleinen Pfad ab, der wieder bergab führt. Die vor einigen Jahren gebaute Autobahn zwingt einen, parallel zur stark befahrenen Straße zu gehen, nicht gerade der Höhepunkt der Wanderung. Zum Glück ist dieses Stück nur kurz und zurück im Wald trifft man auf eine sehr alte Überlandstraße, auf der im 18. Jahrhundert ein Postraub stattgefunden haben soll. Das letzte Teilstück verläuft dann durch Kulturlandschaft mit offenen Wiesen und vielen alten Trockenmauern.

 

Corona-Wanderungen: Autobahnraststätte Boråstorpet


Vor zwei Wochen mussten wir mit dem Wohnmobil zur besiktning, zum TÜV. Da wir wegen der Fahrzeughöhe damit in eine Werkstatt müssen, die ein Stück außerhalb von Borås liegt, mussten wir ein Stück Autobahn fahren. Wenn ihr mal die Autobahn „Riksväg 40“ von Göteborg Richtung Jönköping fahrt, empfehlen wir einen Stopp an der Raststätte „Boråstorpet“, die bereits mehrfach zu Schwedens schönster Raststätte gekürt wurde.

Raststätte Boråstorpet an der Autobahn R40 Göteborg-Jönköping. Bild: https://hemslojden.org/forening/borastorpet/

Während der Sommermonate wird in dem historischen Gebäude der Raststätte „hantverk“ verkauft: Geschnitztes, Geschmiedetes, Gestricktes, Genähtes und man kann sehr schön seinen Kaffee am See trinken. Es gibt auch ein paar kleinere Spazierwege. Einer davon führt einen Fußgängertunnel unter der Autobahn, durch einen Trollwald an einen See, den Stora Kolsjö, ca 1 km von der Raststätte. Hier könnte man im Sommer sogar baden, doch als wir Mitte März dort waren, war der See noch gefroren.

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Wenn es nicht so nahe an zuhause wäre, ich würde meine Reisen immer so planen, dass ich hier anhalten müsste!

Post von Notposten


Diese Woche kam ein langersehntes Päckchen. Dass es irgendwann kommen würde, wusste ich eigentlich schon seit über einem Jahr, aber der Weg dorthin war ziemlich lang.

Die Geschichte beginnt 2016, als die Kulturschule einen Ausflug mit ungefähr 150 Schülern der zweiten bis vierten Klasse nach Varberg plante. Mitfahren sollten Kinder, die auf eine der acht Schulen gehen, an denen wir nachmittags kostenlosen Tanz-, Zirkus-, Kinderchor- und Orchester-Instrumentalunterricht anbieten. Geplanter Höhepunkt der Reise war ein Open-Air-Konzert mit allen Teilnehmern. Und als Höhepunkt des Konzerts wünschte sich unser Chef ein Orchester aus allen gut einhundert Instrumentalisten.

Die Musiker unter unseren Lesern wissen sicherlich, wie schwierig es ist, Neuanfänger auf Streich- und Blasinstrumenten unter einen Hut zu bringen. Tonarten, Tonräume, Rhythmen… jedes Instrument benötigt seinen ganz eigenen allerersten Anfang. Die Begeisterung über die Idee unseres Chefs, alle Schüler gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, hielt sich im Kollegium daher eher in Grenzen.

Nach einigem Überlegen begann jedoch mein Komponisten-Gehirn zu rattern. Einschränkung ist ja bekanntlich einer der größten Motoren für Kreativität. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen; fragte, wie sie den Unterricht im ersten Jahr gestalten, was man den Schülern so zutrauen könnte, was im Orchester funktionieren würde. Und dann machte ich mich an die Arbeit. Nach ein paar Stunden standen die ersten Skizzen, nach einigen Tagen waren ganze zehn Stücke fertig. Mit einigen musikalischen Kniffen im kompositorischen Werkzeugkasten war es letzten Endes gar nicht so schwierig, musikalisch sinnvolle Orchestersätze zu schreiben, die Rücksicht auf die methodischen Anforderungen der einzelnen Instrumente nehmen.

Drei Stücke wurden ausgewählt und alle übten fleißig mit ihren Schülern. Dann kam die Reise, das Projekt glückte (halbwegs, denn auch das beste Material scheitert an mangelnder gemeinsamer Probezeit…) und die Noten verschwanden in einer dunklen Ecke meiner Festplatte…

…bis Anfang 2019, als ich auf einem Kongress für Streichinstrumentlehrer war. Neben Workshops, Kursen und vielen Gesprächen mit Kollegen gab es dort auch einige Instrumentenbauer und Verlage, die ihr Angebot der versammelten Streicherpädagogenschar Schwedens präsentierten. Ich kam mit einem Verleger ins Gespräch und fragte ihn, ob er an meinem Material für Anfänger-Sinfonieorchester interessiert wäre.

Er war. Sehr sogar.

Wieder zu Hause machte ich mich direkt an die Arbeit, die Noten verlagsfertig aufzubereiten. Zunächst einmal fehlten viele Blasinstrumente; am ursprünglichen Projekt waren nur Klarinetten, Flöten, Trompeten und Posaunen beteiligt. Es fehlten Horn, Oboe, Fagott, Quintfagott (eine Art Mini-Fagott für Kinder) und Saxofon, außerdem eine Klavierstimme, Mallets (auch Stabspiele genannt), Percussionstimmen, E-Bass (für alle unterpriviligierten Kulturschulen, die keine Kontrabassisten ausbilden) und, wie sich später heraustellen sollte, auch noch einige Blechbläserstimmen für Kinder in Brass-Bands, da diese ihre Instrumente speziell notieren.

Nachdem mir dann eine ganze Stunde wertvoller Lehrerkonferenzzeit gewährt wurde, um das komplette Material mit meinen Kollegen durchzuspielen, zu diskutieren und Korrektur zu lesen, mussten noch einige Änderungen eingearbeitet sowie ein Stück quasi komplett neu geschrieben werden.

Danach ging es ans Layout, was am Ende wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nahm als alle anderen Arbeiten zusammen; schließlich muss nicht nur die Partitur, sondern auch sämtliche Einzelstimmen zurechtgerückt und leserlich gestaltet werden. Insbesondere pädagogisches Material erfordert hier höchste Sorgfalt, damit die Schüler nicht von schlecht platzierten Zeilenumbrüchen, überflüssigen Seitenwechseln oder einem unnötig überladenen Notenbild völlig überfordert werden.

Gleichzeitig wollte der Verlag Druckkosten sparen. Zehn Stücke waren zu viel, sonst hätte jede Stimme zwei A3-Bögen gebraucht. Wir einigten uns auf sieben Stücke, das ließ sich auf einen A3-Bogen pro Instrument drucken, ohne auf ein pädagogisch geeignetes Notenbild zu verzichten. Die Seitenränder mussten dem Verlagsstandart angepasst werden, ebenso der Abstand zwischen den Notensystemen, Überschriften, Stücken, Fußzeilen, Kopfzeilen… Hätte ich all diese Informationen von Anfang an gehabt, hätte ich mir einiges an doppelter Arbeit sparen können. Aber für den zweiten Band weiß ich es jetzt. Denn das war dem Verleger auch noch wichtig, dass auf der Titelseite Teil 1 stehen sollte… Drei Stücke für Teil zwei habe ich ja schon.

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Verlagsreklame

Am Donnerstag kamen nun endlich meine zwei Referenzexemplare. Der Verlag (Notposten) macht immer im April eine große Werbekampagne mit den Neuheiten des Jahres, daher dauerte es so lange von den ersten Gesprächen bis zur Herausgabe. Von meiner Seite hätten die Noten auch schon im Sommer 2019 fertig sein können, aber gedruckt wird nur im März, damit alles gleichzeitig und mit viel Aufmerksamkeit auf den Markt kommen kann.

Jetzt heißt es wieder warten und Daumen drücken. Mal schauen, wie viele Exemplare am Ende verkauft werden. Bestellen kann man die Noten übrigens hier.

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Corona-Wanderungen: Am Fluss entlang


Am gestrigen Freitag mussten wir irgendwie den Beginn unserer Osterferien feiern. Auf dem Heimweg vom Job, 3 km vor zuhause, fuhren wir einen kleinen Umweg, ließen das Auto am Wegesrand stehen und wanderten eine für uns völlig neue Strecke. Dass wir nach über 7 Jahren so nah von zuhause noch unbekannte Strecken finden, sagt mehr über unsere Umgebung als über uns!

Der Weg führte über sonnige Wiesen, immer am Fluss entlang. Dann über ein idyllisches Brückchen und auf der anderen Flussseite wieder zurück. 3,2 km, ein netter Feierabendspaziergang.

Die Strecke war kein beschilderter Weg, sondern ein Geheimtipp von Freunden, die dort wohnen. Daher auch keine genauere Wegbeschreibung, sondern nur ein kleines Video (Zum Vergrößern draufklicken.)

Dringend wiederholenswert!

Post aus Schweden