Corona-Wanderungen: Hundesitter


Am Dienstag brauchte eine Kollegin Hilfe bei der Hundebetreuung. Sie und ihr Mann waren den ganzen Tag außer Haus und die Kinder gehen nur kürzere Strecken mit dem Hund, aber Rossi benötigt etwas mehr Auslauf.

Zum Glück wohnt sie nur gute anderthalb Kilometer am anderen Ende des Ortes. Wir konnten direkt von zu Hause loslaufen und Rossi unterwegs einsammeln. Dann ging es steil bergauf, bis wir, an einen windgeschützten Felsen gelehnt, in der Frühlingssonne ganz dringend eine Pause einlegen mussten.

Ziel war die GIF-stuga, das Vereinsheim der Boråser gymnastik- och idrottsförening (Gymnastik- und Sportverein). Von hier gehen einige Jogging-, Langlauf-, und Mountainbikestrecken aus, die sich teilweise auch zum Wandern/Spazierengehen eignen. Der Rückweg führte über eine der Laufrouten zurück durch streckenweise sehr dichten Wald. Zum Teil ging es extrem steil abwärts und der Weg war voll mit Wurzeln und Steinen. Wie man hier rennen soll, ist mir etwas schleierhaft. Es gab aber auch ebene Passagen durch wunderschönen, lichten Wald.

Der größte Teil dieser Runde war komplett neu für uns. Es fasziniert mich immer wieder, dass wir auch ohne Auto immer wieder Stellen erreichen, an denen wir noch nie waren.

 

 

Corona-Wanderungen: Bamsestigen


Bamse, der stärkste Bär der Welt, ist eine beliebte schwedische Bilderbuch-, Comic- und Zeichentrickfigur für Kinder. Man könnte daher meinen, dass die nach Bamse benannte Runde eher kurz und damit besonders kinderfreundlich wäre. Der Heimatverein von Rångedala findet allerdings, dass der stärkste Bär der Welt auch die längste Wanderung schafft, und so wählte man den Namen für einen gut neun Kilometer langen Weg mit einem ordentlichen Berg in der Mitte.

Letzten Sonntag haben wir diese Strecke zusammen mit Annikas Lieblingskollegen und Frau ausprobiert. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer wunderschönen smultronställe (Stelle, an der man Walderdbeeren findet. Sprichwörtlich für versteckter Lieblingsort) vorbei. Eine Bank auf einer kleinen Insel in einem verzweigten Bachlauf, komplett mit alter Steinbrücke.

Der Weg führt nun über Schotterwege durch lichten Wald, bis man auf die alte Bahnlinie zwischen Borås und Ulricehamn trifft, die heute zum Fahrradweg ausgebaut ist. Nach einigen Minuten auf der ehemaligen Trasse geht es wieder auf gut ausgebaute Waldwege. Am Ende eines ziemlich langen Anstiegs biegt man auf einen kleinen Pfad ab, der wieder bergab führt. Die vor einigen Jahren gebaute Autobahn zwingt einen, parallel zur stark befahrenen Straße zu gehen, nicht gerade der Höhepunkt der Wanderung. Zum Glück ist dieses Stück nur kurz und zurück im Wald trifft man auf eine sehr alte Überlandstraße, auf der im 18. Jahrhundert ein Postraub stattgefunden haben soll. Das letzte Teilstück verläuft dann durch Kulturlandschaft mit offenen Wiesen und vielen alten Trockenmauern.

 

Corona-Wanderungen: Autobahnraststätte Boråstorpet


Vor zwei Wochen mussten wir mit dem Wohnmobil zur besiktning, zum TÜV. Da wir wegen der Fahrzeughöhe damit in eine Werkstatt müssen, die ein Stück außerhalb von Borås liegt, mussten wir ein Stück Autobahn fahren. Wenn ihr mal die Autobahn „Riksväg 40“ von Göteborg Richtung Jönköping fahrt, empfehlen wir einen Stopp an der Raststätte „Boråstorpet“, die bereits mehrfach zu Schwedens schönster Raststätte gekürt wurde.

Raststätte Boråstorpet an der Autobahn R40 Göteborg-Jönköping. Bild: https://hemslojden.org/forening/borastorpet/

Während der Sommermonate wird in dem historischen Gebäude der Raststätte „hantverk“ verkauft: Geschnitztes, Geschmiedetes, Gestricktes, Genähtes und man kann sehr schön seinen Kaffee am See trinken. Es gibt auch ein paar kleinere Spazierwege. Einer davon führt einen Fußgängertunnel unter der Autobahn, durch einen Trollwald an einen See, den Stora Kolsjö, ca 1 km von der Raststätte. Hier könnte man im Sommer sogar baden, doch als wir Mitte März dort waren, war der See noch gefroren.

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Wenn es nicht so nahe an zuhause wäre, ich würde meine Reisen immer so planen, dass ich hier anhalten müsste!

Post von Notposten


Diese Woche kam ein langersehntes Päckchen. Dass es irgendwann kommen würde, wusste ich eigentlich schon seit über einem Jahr, aber der Weg dorthin war ziemlich lang.

Die Geschichte beginnt 2016, als die Kulturschule einen Ausflug mit ungefähr 150 Schülern der zweiten bis vierten Klasse nach Varberg plante. Mitfahren sollten Kinder, die auf eine der acht Schulen gehen, an denen wir nachmittags kostenlosen Tanz-, Zirkus-, Kinderchor- und Orchester-Instrumentalunterricht anbieten. Geplanter Höhepunkt der Reise war ein Open-Air-Konzert mit allen Teilnehmern. Und als Höhepunkt des Konzerts wünschte sich unser Chef ein Orchester aus allen gut einhundert Instrumentalisten.

Die Musiker unter unseren Lesern wissen sicherlich, wie schwierig es ist, Neuanfänger auf Streich- und Blasinstrumenten unter einen Hut zu bringen. Tonarten, Tonräume, Rhythmen… jedes Instrument benötigt seinen ganz eigenen allerersten Anfang. Die Begeisterung über die Idee unseres Chefs, alle Schüler gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, hielt sich im Kollegium daher eher in Grenzen.

Nach einigem Überlegen begann jedoch mein Komponisten-Gehirn zu rattern. Einschränkung ist ja bekanntlich einer der größten Motoren für Kreativität. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen; fragte, wie sie den Unterricht im ersten Jahr gestalten, was man den Schülern so zutrauen könnte, was im Orchester funktionieren würde. Und dann machte ich mich an die Arbeit. Nach ein paar Stunden standen die ersten Skizzen, nach einigen Tagen waren ganze zehn Stücke fertig. Mit einigen musikalischen Kniffen im kompositorischen Werkzeugkasten war es letzten Endes gar nicht so schwierig, musikalisch sinnvolle Orchestersätze zu schreiben, die Rücksicht auf die methodischen Anforderungen der einzelnen Instrumente nehmen.

Drei Stücke wurden ausgewählt und alle übten fleißig mit ihren Schülern. Dann kam die Reise, das Projekt glückte (halbwegs, denn auch das beste Material scheitert an mangelnder gemeinsamer Probezeit…) und die Noten verschwanden in einer dunklen Ecke meiner Festplatte…

…bis Anfang 2019, als ich auf einem Kongress für Streichinstrumentlehrer war. Neben Workshops, Kursen und vielen Gesprächen mit Kollegen gab es dort auch einige Instrumentenbauer und Verlage, die ihr Angebot der versammelten Streicherpädagogenschar Schwedens präsentierten. Ich kam mit einem Verleger ins Gespräch und fragte ihn, ob er an meinem Material für Anfänger-Sinfonieorchester interessiert wäre.

Er war. Sehr sogar.

Wieder zu Hause machte ich mich direkt an die Arbeit, die Noten verlagsfertig aufzubereiten. Zunächst einmal fehlten viele Blasinstrumente; am ursprünglichen Projekt waren nur Klarinetten, Flöten, Trompeten und Posaunen beteiligt. Es fehlten Horn, Oboe, Fagott, Quintfagott (eine Art Mini-Fagott für Kinder) und Saxofon, außerdem eine Klavierstimme, Mallets (auch Stabspiele genannt), Percussionstimmen, E-Bass (für alle unterpriviligierten Kulturschulen, die keine Kontrabassisten ausbilden) und, wie sich später heraustellen sollte, auch noch einige Blechbläserstimmen für Kinder in Brass-Bands, da diese ihre Instrumente speziell notieren.

Nachdem mir dann eine ganze Stunde wertvoller Lehrerkonferenzzeit gewährt wurde, um das komplette Material mit meinen Kollegen durchzuspielen, zu diskutieren und Korrektur zu lesen, mussten noch einige Änderungen eingearbeitet sowie ein Stück quasi komplett neu geschrieben werden.

Danach ging es ans Layout, was am Ende wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nahm als alle anderen Arbeiten zusammen; schließlich muss nicht nur die Partitur, sondern auch sämtliche Einzelstimmen zurechtgerückt und leserlich gestaltet werden. Insbesondere pädagogisches Material erfordert hier höchste Sorgfalt, damit die Schüler nicht von schlecht platzierten Zeilenumbrüchen, überflüssigen Seitenwechseln oder einem unnötig überladenen Notenbild völlig überfordert werden.

Gleichzeitig wollte der Verlag Druckkosten sparen. Zehn Stücke waren zu viel, sonst hätte jede Stimme zwei A3-Bögen gebraucht. Wir einigten uns auf sieben Stücke, das ließ sich auf einen A3-Bogen pro Instrument drucken, ohne auf ein pädagogisch geeignetes Notenbild zu verzichten. Die Seitenränder mussten dem Verlagsstandart angepasst werden, ebenso der Abstand zwischen den Notensystemen, Überschriften, Stücken, Fußzeilen, Kopfzeilen… Hätte ich all diese Informationen von Anfang an gehabt, hätte ich mir einiges an doppelter Arbeit sparen können. Aber für den zweiten Band weiß ich es jetzt. Denn das war dem Verleger auch noch wichtig, dass auf der Titelseite Teil 1 stehen sollte… Drei Stücke für Teil zwei habe ich ja schon.

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Verlagsreklame

Am Donnerstag kamen nun endlich meine zwei Referenzexemplare. Der Verlag (Notposten) macht immer im April eine große Werbekampagne mit den Neuheiten des Jahres, daher dauerte es so lange von den ersten Gesprächen bis zur Herausgabe. Von meiner Seite hätten die Noten auch schon im Sommer 2019 fertig sein können, aber gedruckt wird nur im März, damit alles gleichzeitig und mit viel Aufmerksamkeit auf den Markt kommen kann.

Jetzt heißt es wieder warten und Daumen drücken. Mal schauen, wie viele Exemplare am Ende verkauft werden. Bestellen kann man die Noten übrigens hier.

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Corona-Wanderungen: Am Fluss entlang


Am gestrigen Freitag mussten wir irgendwie den Beginn unserer Osterferien feiern. Auf dem Heimweg vom Job, 3 km vor zuhause, fuhren wir einen kleinen Umweg, ließen das Auto am Wegesrand stehen und wanderten eine für uns völlig neue Strecke. Dass wir nach über 7 Jahren so nah von zuhause noch unbekannte Strecken finden, sagt mehr über unsere Umgebung als über uns!

Der Weg führte über sonnige Wiesen, immer am Fluss entlang. Dann über ein idyllisches Brückchen und auf der anderen Flussseite wieder zurück. 3,2 km, ein netter Feierabendspaziergang.

Die Strecke war kein beschilderter Weg, sondern ein Geheimtipp von Freunden, die dort wohnen. Daher auch keine genauere Wegbeschreibung, sondern nur ein kleines Video (Zum Vergrößern draufklicken.)

Dringend wiederholenswert!

Corona-Wanderungen: Um den Pickesjön


Es ist ja nicht so, dass wir hier in Schweden nach wie vor das ganz große Freizeitangebot hätten, auch wenn wir hier keinen Lockdown haben wie viele andere Länder. Gerade kulturmäßig geht hier in Schweden auch nichts mehr, jedenfalls nicht offline. Bleibt uns noch das andere: raus in die Natur. Und – ich weiß, das ist jetzt für viele von euch schwer zu hören – was das angeht, sind wir hier wirklich privilegiert. Nach über sieben Jahren am selben Ort sind Jonas und ich zwar auch schon etwas „hemmablind“ geworden – also blind für die Schönheit dessen, was vor der eigenen Haustür liegt – aber nach wie vor können wir hier immer noch neue Wege entdecken, ohne vorher weite Strecken mit dem Auto zurücklegen zu müssen. Und das Angebot ist groß, man tritt sich also nicht auf die Füße.

Weil wir unsere Hausstrecke – eine Runde ab Haustür von ca 60 Minuten durch überwiegend Naturschutzgebiet – aber gerade auch etwas satt haben, haben wir dieses Frühjahr sehr aktiv begonnen, neue Gebiete zu erkunden. Zusammen mit dem Lieblingskollegen und seiner Frau haben wir jetzt einen ganzen Stapel an Wanderungen vor uns, die wir dieses Jahr abarbeiten wollen.

Heute zum Beispiel haben wir den Pickesjön umrundet.

 

Vom Parkplatz am „Regementet“, der alten Kaserne, ging es am Schießübungsplatz vorbei (dort tummelten sich die Rentner), teils über geschotterte Waldwege, teils Wanderwege bis zum Wanderparkplatz Pickesjön. Ca 30 Autos, aber das verläuft sich dort. Um den See einige schöne Grillplätze und Aussichtsplätze. Leider hört man die Autobahn bei ungünstigem Wind ziemlich gut und der See ist relativ stadtnah, daher an Sommerabenden vermutlich alles andere als einsam…

Frühlingszeichen: Huflattich und Wildgänse. Wiederholenswert!

Vom Zusammenhang zwischen Klopapier und Anwesenheit beim Klavierunterricht und andere (Nicht-)Neuigkeiten


Stand 31. März:

4435 bestätigte Fälle, davon 358 auf den Intensivstationen. Bisher 180 Todesfälle. Allein die Region Stockholm hat rund 2000 Fälle und 103 Todesfälle. (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).

Das Leben für uns geht im Wesentlichen unverändert weiter. (Was für ein unglaublich mitreißender Einleitungssatz!)

Die Nachrichtenlage

Am Freitag wurden Versammlungen über 50 Personen verboten. Die Nachricht kam nachmittags, während ich mit knapp 50 Kollegen in der wöchentlichen Konferenz saß. Die Nachricht wurde mit allgemeinem Schmunzeln aufgenommen, Konsequenzen hatte sie bis heute nicht.

Auf Landesebene wurde heute ein generelles Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime ausgesprochen. Von Reisen in den Osterferien wird abgeraten, verboten sind sie aber nicht.

Erfreulicherweise kam heute die Nachricht, dass die Skigebiete jetzt doch vor Ostern geschlossen werden – ab dem 6. April, man kann also übers Wochenende noch hochfahren…

Ansonsten beginnen die Nachrichten inzwischen nicht mehr mit den aktuellen Corona-Zahlen, sondern mit der neuesten Arbeitslosenstatistik. Natürlich sind auch in Schweden die Reise-, die Gastronomie- und die Kulturbranche am stärksten betroffen. Auch die Autobranche, aber da versucht man gerade die Produktion umzustellen – auf Respiratoren. Absolut Vodka hingegen stellt auf Desinfektionsmittel um.

Für Ärzte und Pflegepersonal wurden kürzlich die Hygienerichtlinien in Sachen Schutzkleidung „dem neuesten Forschungsstand angepasst“. Es wurde als „sicher“ deklariert, Patienten mit Covid-19 mit kurzen Ärmeln und ohne Mundschutz zu versorgen. Und nein, das habe angeblich nichts mit fehlender Schutzausrüstung zu tun, sondern damit, dass die Behörden eine neue „Beurteilung“ vorgenommen haben, welche Schutzausrüstung wirklich im Umgang mit Coronapatienten benötigt werde. Ein anonymer Arzt beschrieb es mit den Worten: „wie Feuerwehrleute in Badehose“. In Stockholm, zur Zeit dem schwedischen Zentrum der Epidemie, werden bereits zwei Krankenschwestern und drei Ärzte intensivmedizinisch versorgt. Natürlich können die sich alle auch privat angesteckt haben, sagen die Behörden.

Der Alltag

In dem Maß, in dem das Klopapier in die Supermärkte zurückkehrt, kommen auch meine Schüler wieder zum Unterricht. Vorletzte Woche war die Klopapierpanik recht groß und rund die Hälfte der Schüler blieb zuhause. Letzte Woche gab es wieder Klopapier und die Schüler kamen wieder zum Unterricht. Ich sehe da eine deutliche Korrelation…

Jonas und ich haben uns letzten Donnerstag Auffrischimpfungen gegen Tetanus und FSME gegönnt. Beides vermeidbare Dinge, für die man dieses Jahr definitiv nicht ins Krankenhaus möchte. Die Impfung hat uns beide etwas ausgeknockt, Jonas lag bereits am Wochenende platt, ich blieb heute zuhause.

Ob es die Impfung war oder die Gesamtsituation – ich weiß es nicht, aber wir beide sind gerade total erschöpft. Ich merke, wie mein Grundstresslevel ein paar Umdrehungen hochfährt, sobald ich das Haus verlasse. Obwohl ich mich – die wöchentlichen Gesamtlehrerkonferenzen ausgenommen – im Alltag ohnehin selten in Räumen mit mehr als 5 Leuten aufhalte, stresst mich der normale Schüler-, Eltern- und Kollegenkontakt gerade deutlich mehr als sonst. Ich singe alle 20 Minuten mit meinen Schülern am Waschbecken Bruder Jakob im Kanon und fahre zum Mittagessen nach Hause. Und mein Orchester – jobtechnisch mein wöchentliches Highlight – fehlt mir, obwohl es natürlich vernünftig ist, gerade nicht zu proben. Ab und an habe ich einzelne Schüler per Videokonferenz, aber mir fehlt die Zeit, um konkrete Konzepte für Online-Unterricht für einzelne Schüler zu entwickeln, was meinen Videounterricht nur dröge macht – für mich und  für den Schüler vermutlich auch.

Vernünftigerweise haben wir alle Veranstaltungen bis zu den Sommerferien abgesagt. April, Mai und Juni sind in der Musikschulzeitrechnung die „Erntezeit“, wo eigentlich alle Wochenenden mit Konzerten und Auftritten gespickt sind. Jetzt haben wir zwar weiterhin Unterricht, aber überhaupt kein Ziel mehr. Natürlich sollte ich als Lehrer jetzt erst recht mit Ideen und Motivation um mich werfen, um meine Schüler bei der Stange zu halten, obwohl die Konzerte, auf die sie sich wochen- oder monatelang vorbereitet haben, plötzlich ausfallen. Schwierig, wenn man selber auf dem Zahnfleisch geht.

Auch das Leben in zwei Welten schlaucht. Einerseits verfolge ich regelmäßig die Nachrichtenlage in Deutschland und habe gerade mehr Kontakt als die letzten 8 Jahre mit Freunden und Familie in Deutschland. Andererseits habe ich hier meinen ganz normalen Alltag und bin von Berufs wegen dazu angehalten, das zu sagen, was alle Schweden gerade sagen: „Wir vertrauen unseren Behörden und folgen deren Empfehlungen“.

Noch drei Arbeitstage bis zu den Osterferien, dann dürfen wir endlich auch zu Hause bleiben, wenigstens für eine Woche.

Schüler in den Restaurants, Senioren in den Bibliotheken


Stand 25. März:

2510 bestätigte Fälle (aber getestet wird eh kaum noch), davon 144 auf den Intensivstationen, bisher 42 Todesfälle.  (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).
Allein die Region Stockholm hat über 1000 Fälle und die Hälfte der Todesfälle.

Mein Alltag: Ganz normal. In dem Maß, in dem die Supermarktregale wieder mit Klopapier aufgefüllt wurden, kommen die Schüler auch wieder zur Schule. Die Unruhe der letzten Woche hat sich wieder gelegt, scheint es. Es gibt wieder Klopapier, das heißt, die Welt muss wohl wieder in Ordnung sein.

Gestern wurden die Regeln für Restaurants und Cafés leicht verschärft: Die in Schweden übliche Selbstbedienung ist jetzt nicht mehr erlaubt, nur noch Bedienung am Tisch, die Tische müssen 1,5 Meter auseinander stehen. Die Skigebiete in Åre aber haben nach wie vor geöffnet und demnächst hat ganz Schweden Osterferien, da geht das halbe Land skifahren. Man könnte zynisch sagen: ein Skierlebnis wie in Ischgl…

Deutsche Welle: Schwedens Skilifte laufen weiter
Süddeutsche: Das nächste Ischgl

Man rät zwar einerseits von Reisen innerhalb des Landes ab, andererseits spricht man eine ausdrückliche Empfehlung für Training an der frischen Luft aus, gerne auch in (Kinder-)Gruppen.

Die Oberstufenschüler (16-19 Jahre) im ganzen Land wurden ja letzte Woche in den Heimunterricht geschickt. Heute hat man in Borås im Gemeinderat einen Beschluss gefasst, dass alle Oberstufenschüler ab sofort gratis in den Restaurants der Stadt essen können, die Kommune steht für die Kosten. Damit sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: einerseits die Restaurants vor der Insolvenz retten, andererseits das Recht der Schüler auf eine kostenfreie warme Mahlzeit während der Schulzeit sichern.

Bebildert wurde Artikel in Borås Tidning folgendermaßen – finde den Fehler:

Skärmavbild 2020-03-25 kl. 21.50.39
Quelle: https://www.bt.se/boras/elever-glads-at-fria-luncher-pa-restaurang-underlattar/

Nun ist glaube ich, für viele Familien das kostenfreie Mittagessen in der Schule tatsächlich ein wichtiger Anker, sowohl finanziell wie auch organisatorisch. Ich will das gar nicht kleinreden. In Stockholm hat man es wohl so gelöst, dass die Schüler (wir reden hier immer noch von Oberstufenschülern, 16-19 Jahre) 25 Kronen pro Tag ausbezahlt kriegen, um sich davon Zutaten kaufen zu können um selbst zu kochen. Das ist sicherlich auch nicht optimal, aber was ist in diesen Zeiten schon optimal… Immerhin besser, als zwischen 12-14 Uhr alle Schüler in die Stadt zu locken, die man vorher zwecks Social distancing an den heimischen Schreibtisch geschickt hatte. Gerechter ist dieses Boråsmodell auch nicht, schließlich ist Borås eine recht weitläufige Kommune und diejenigen Schüler, die draußen in den Käffern wohnen, haben von dieser Regelung nichts – außer einem Anreiz, sich in den öffentlichen Nah(kontakt)verkehr zu setzen.

Heute hatte ich ein Gespräch mit einer Schülermutter, die in der Hauptstelle der Bibliothek arbeitet – wie auch die Kulturschule, so sollen auch die Bibliotheken so lange wie möglich geöffnet bleiben – und sie erzählte mir, dass die Bibliotheken deutlich weniger besucht seien. Nur eine Besuchergruppe sei quasi unvermindert vertreten: Senioren. Ähnliches erzählte mir eine Schülerin, die im Supermarkt jobbt.

Wir erinnern uns: die Strategie der Schwedischen Gesundheitsbehörde ist: die Senioren und andere Risikogruppen isolieren, damit im nahezu uneingeschränkten Alltag alle anderen einander fröhlich anstecken herdenimmunisieren können. Funktioniert ja anscheinend prima. Mannomann.

Die Zeit: Die Welt steht still. Nur in Schweden nicht

Gleichzeitig liest man die ersten Berichte, dass in Stockholm Krebsoperationen und Kaiserschnitte nicht mehr durchgeführt werden können, weil Personal und Ausrüstung fehlen. Eine befreundete Gynäkologin sagte neulich zu mir: „die Behörden müssten eigentlich viel deutlicher damit rausgehen, dass man jetzt bloß nicht schwanger werden soll. Wir haben zur Zeit keine Ressourcen, eine vernünftige Schwangerschaftsüberwachung durchzuführen.“

Die täglichen Pressekonferenzen geben eigentlich auch nichts Neues mehr… oder doch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell schickt seit Freitag seinen Chef vor, um dem Volke zu verkünden, man möge bitte in die Armbeuge husten und zuhause bleiben, wenn man krank ist. Er selbst möchte nicht mehr vor die Kameras, weil er ja soooo böse kritisiert wurde für sein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Menschen und alles was von außen käme, seien doch „nur Dummheiten“.

Dummheiten, wie zum Beispiel die Aufforderung einer Reihe Virologen, Epidemiologen, Statistiker etc., einen unabhängigen Expertenrat einzusetzen, der die Politik beraten solle, anstatt weiterhin nur auf die Meinung Anders Tegnells zu hören. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Und so lauschen wir weiterhin den frommen Ermahnungen der Folkhälsomyndigheten, uns die Hände zu waschen und nach dem Arbeitstag die Frühlingssonne draußen bei gemeinsamem Picknick mit Freunden im Grünen zu genießen…

Nazivergleiche und ein Brief


Gestern wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben als Nazi beschimpft. Weil ich in einem informellen Gespräch mit ein paar Kollegen feststellte, dass alle Länder in Europa deutlich anders mit dem Virus umgehen und ich skeptisch gegenüber der Folkhälsomyndigheten und insbesondere Anders Tegnell sei, fühlte sich ein Kollege bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass ich und alle anderen Deutschen genauso argumentieren würden wie Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechten „Sverigedemokraten“. Nun ja, Jimmie Åkesson hat tatsächlich das Vorgehen der Gesundheitsbehörde kritisiert, die zur Zeit politische Entscheidungen trifft, anstatt der Regierung beratend zur Seite zu stehen und der Politik die Entscheidungen zu überlassen. Åkesson kritiserte auch, dass Schweden mit seinem Nichtstun gerade ein hochriskables Spiel mit Menschenleben betreibe, während alle anderen europäischen Länder deutlich stärkere Maßnahmen ergreifen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einer Sache mit Schwedens oberstem Rechten einer Meinung sein würde. Nun ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, oder, wie man auf schwedisch sagt: „da hatte er mal Glück beim Denken“. Aber daran sieht man auch, wie politisch explosiv der schwedische Kurs gerade ist: wenn wir in ein paar Monaten Zehntausende Leichen vergraben müssen, können sich die Rechten auf die Schulter klopfen und „Siehste!“ sagen. Und was das für die nächste Wahl 2022 heißt, das will ich mir gar nicht ausmalen…

Ich merke, wie mich das permanente Gegen-die-Wand-Argumentieren in meinem Umfeld mich unglaublich erschöpft. Aber was klage ich über Erschöpfung… wenn ich da an die Ärzte, Krankenschwestern, und alle anderen denke, die bereits jetzt und in den kommenden Wochen und Monaten an vorderster Front kämpfen…

Jonas schrieb gestern eine Email an Joacim Rocklöv. Rocklöv ist Professor für Epidemiologie an der Universität Umeå und argumentiert hartnäckig für einen Strategiewechsel: weg von Herdenimmunität hin zu social distancing*, wie es alle anderen in Europa machen, um den R0-Wert unter 1 zu drücken.

„Wenn mir schon keiner zuhört, weil ich kein Experte bin, dann will ich wenigstens die Experten unterstützen, die dafür kämpfen, dass Schweden umdenkt“ sagte Jonas und schrieb gestern Abend an Joacim Rocklöv: (Übersetzung weiter unten)

20 mars 2020 kl. 21:44 skrev Jonas:

Hej Joacim!

Jag läste återigen en av dina informativa debattartiklar i SvD och jag vill tacka dig och dina kollegor för er insats. Som tysk och svensk medborgare följer jag utvecklingen i båda länderna väldigt intensivt och jag tycker att Sveriges hantering av situationen är förfärlig – inte bara hur man väljer att inte bekämpa viruset tillräckligt mycket, men även hur Folkhälsomyndigheten försöker att trycka ner varje kritisk röst.

Jag behöver inte förklara alla fel som Folkhälsomyndigheten gör just nu. Vetenskapliga fel kan jag som lekman inte bedöma och alla de brister i kommunikationen är ju uppenbara. Jag är inte heller rädd för att bli sjuk. Jag är ung och hyfsat frisk. Resten av min familj är i Tyskland och Schweiz och inte utsatt för vår situation. Men jag är rädd för vad som kommer att hända i vårt samhälle om några veckor om det visar sig att Folkhälsomyndighetens optimism var felaktig och konsekvenserna av regeringens (icke)-agerande kommer att visa sig. Jag är också rädd för ett samhälle som kallar sig för demokratiskt och samtidigt tystar ner en debatt kring ett ämne som kräver drastiska politiska beslut. Hur annorlunda är situationen i Tyskland där media i lugna toner ger medborgarna möjlighet att hänga med i utvecklingen och forskningen så att alla kan bilda sig en uppfattning om situationen istället för att blind tro på en myndighet.

Det är farligt när ett samhälle bara tillåter en enda röst, även och framförallt i en krissituation. Därför ber jag dig och er att inte ge upp debatten, att kämpa vidare för en öppen kommunikation från myndigheten och i media och att regeringen tar ansvar genom att rådfråga den expertisen som finns i Sverige och utomlands.

Jag vet att du måste ägna dig åt annat än att läsa oviktiga mejl, så jag förväntar mig inget svar. Men jag vill säga tack och håll ut!

Med vänliga hälsningar,
Jonas

Übersetzung:

Hej Joacim!

Ich habe gerade wieder einen deiner interessanten Kommentare in SvD [Svenska Dagbladet] gelesen und ich will dir und deinen Kollegen für euren Einsatz danken. Als deutscher und schwedischer Staatsbürger verfolge ich die Entwicklungen in beiden Ländern sehr intensiv und ich finde, dass Schwedens Umgang mit der Situation erschreckend ist – nicht nur wie man entscheidet, das Virus nicht ausreichend zu bekämpfen, sondern auch, wie die Folkhälsomyndigheten versucht, kritische Stimmen unter den Teppich zu kehren.

Ich brauche nicht alle Fehler aufzählen, die die Folkhälsomyndigheten gerade macht. Wissenschaftliche Fehler kann ich als Laie nicht beurteilen und die Mängel in der Kommunikation sind offensichtlich. Ich habe auch keine Angst, krank zu werden. Ich bin jung und einigermaßen gesund. Meine restliche Familie befindet sich in Deutschland und der Schweiz und ist nicht unserer Situation ausgesetzt. Aber ich habe Angst vor dem, was in unserer Gesellschaft in einigen Wochen geschehen wird, wenn sich zeigen wird, dass der Optimismus der Folkhälsomyndighet falsch war und sich die Konsequenzen des (Nicht-)Agierens der Regierung zeigen werden. Ich habe auch Angst vor einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt und gleichzeitig eine Debatte um einen drastischen politischen Beschluss  zum Schweigen bringt. Wie anders ist die Situation in Deutschland, wo die Medien in ruhigem Ton den Bürgern die Möglichkeit geben, die Entwicklungen und den Forschungsstand nachzuvollziehen, so dass jeder sich ein eigenes Bild von der Situation machen kann, anstatt blind einer Behörde zu glauben.

Es ist gefährlich, wenn eine Gesellschaft nur eine einzelne Stimme zulässt, auch und vor allem in einer Krisensituation. Daher will ich dich und euch bitten, die Debatte nicht aufzugeben, weiter zu kämpfen für eine offene Kommunikation durch die Behörden und Medien und dafür, dass die Regierung ihre Verantwortung wahrnimmt und die Expertise zur Kenntnis gibt, die es in Schweden und im Ausland gibt.

Ich weiß, dass du gerade besseres zu tun hast als unwichtige Mails zu lesen und erwarte mir keine Antwort. Aber ich will danke sagen und halte durch!

Mit freundlichen Grüßen,
Jonas

Keine 30 Minuten später kam eine Antwort:

Von: Joacim Rocklöv
Betreff: Aw: Tack!
Datum: 20. März 2020 um 22:12:17 MEZ
An: Jonas
Tack Jonas! Det hjälper.
//

Joacim Rocklöv
Professor of Epidemiology
Umeå University
Nicht schwer zu übersetzen:
Danke Jonas! Das hilft.

*Eine Freundin – ebenfalls Ärztin – wies mich darauf hin, dass physical distancing eigentlich der bessere Begriff sei. Soziale Nähe brauchen wir gerade mehr denn je, auf allen denkbaren Kanälen, nur eben keinen physischen Kontakt.

Post aus Schweden