Schlagwort-Archive: Adventskalender 2018

15. Dezember: Nej, se det snöar!


So richtig viel Schnee hatte ich dieses Jahr bisher nur in Norwegen. Im Moment hat es hier zwar Minusgrade und es liegt eine leichte Schicht Puderzucker, aber da darf gerne noch mehr kommen.

Ein klassisches Winterlied ohne Weihnachtsbezug ist Nej, se det snöar! Ganz schlicht und einfach, 16 Takte, 3 Akkorde, nichts Besonderes.

Aber was passiert, wenn man auf der größten Konzertorgel Schwedens und nach eigenen Angaben der modernsten Orgel der Welt über das Thema improvisiert? Seht selbst…

Orgel Acusticum in Piteå:
erbaut 2006-2012 durch die Orgelbauwerkstatt Gerald Woehl (Marburg)
10m breit und 9,5m hoch
9000 Pfeifen verteilt auf 206 Register und 13 Effektregister
Kosten: ca. 25 Millionen Kronen

Auf http://www.dlaplay.se kann man übrigens Konzerte aus Schwedens modernstem Konzertsaal live oder im Archiv ansehen, z.B. das Einweihungskonzert der Orgel.

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14. Dezember: Das Klodeckelmysterium


Heute mal ein ganzer Tag ohne Weihnachtskonzerte oder Weihnachtskonzertproben, sondern nur der ganz normale Freitagswahnsinn mit vormittags Kulår und nachmittags APT. APT bedeutet arbetsplatsträff, übersetzen darf sich das jetzt jeder selbst. APT ist einmal im Monat und ist eine etwas formellere Wochenkonferenz mit festen Tagesordnungspunkten, die der Chef abhaken muss, wie z.B. aktuelle Information aus der Lokalpolitik, Personalfragen, Gesundheit am Arbeitsplatz, Budget und Betriebsratsfragen.

Auch das physische und psychosoziale Arbeitsumfeld müssen angesprochen werden. Und diesem TOP wurde heute folgende Frage erörtert: An der Kulturschule wurde ein Klodeckel geklaut. Ein Klodeckel mit zugehöriger Klobrille, um genau zu sein. Neben dem Wo und Wann hätte mich ja besonders das Warum interessiert.

Ist es eine Impulsentsscheidung, einen Klodeckel zu klauen? Vermutlich nicht, denn dafür braucht man zumindest einen Schraubenzieher. Jemand hat also einen Schraubenzieher in der Tasche, geht damit auf eine halböffentliche Toilette, die täglich von zig Schülern frequentiert wird und schraubt den Klodeckel ab. Und dann? Spaziert man mit Klodeckel samt -brille einfach durch die Stadt? Trägt man dabei Gummihandschuhe? Oder steckt man die siffige Klobrille in einen Rucksack? Oder hat man gar vorausgedacht und neben dem Schraubenzieher auch noch eine Plastiktüte für das Diebesgut mitgebracht?

Und was macht man man dann damit? Bei sich zuhause montieren? Freut man sich dann bei jeder Sitzung über seinen schäbigen angesifften Plastikklodeckel aus der Kulturschule? Ist es gar eine mir bislang unbekannte Form von Fetisch? Fragen über Fragen…

Nach dem APT wurden wir von unseren Chefs noch zum Weihnachtsfika eingeladen. Für die tägliche Dosis Weihnachtsgedöns.

13. Dezember: Lucia


Am 13. Dezember kriegen die meisten Schulen, Büros, Firmen, Krankenhäuser, Altenheime, Geschäfte, Fabriken, Fitnesstudios, Bibliotheken, Kirchen… in Schweden Besuch von einem Luciazug. Die professionellen Luciagruppen sind bereits seit Anfang Dezember im Einsatz und absolvieren teilweise bis zu 15 Auftritte pro Tag.

Gestern abend hatte ich bereits zwei Luciaveranstaltungen mit zwei sechsten Klassen, einmal für die Eltern, einmal für das gesamte nicht-pädagogische Personal der Schule, Hausmeister, Raumpfleger, Küchenpersonal, Bauarbeiter…

Heute früh das gleiche nochmal für die Klassen 0-2 und 3-5 an der Schule, die mich dieses Jahr als erstes angefragt hat. Pianisten sind am 13. Dezember begehrte Rohware in Schweden.

Üblicherweise ist es noch (oder schon wieder) dunkel, wenn die weiß benachthemdeten Gestalten sich mit (meist elektrischen) Kerzen in der Hand aufstellen, alle mit einem blauen Band um die Taille. Angeführt wird der Zug von Lucia, die eine (zu 99% elektrische) Lichterkrone auf dem Kopf und ein rotes Band um die Taille trägt. Lucia ist meist blond und langhaarig und weiß virtuos den Lockenstab zu hantieren. In Schulklassen wird Lucia oft gewählt, und es wird eigentlich immer die das Mädchen mit den meisten BFF* zur Lucia gewählt, selten das Mädchen mit der schönsten Stimme oder dem schönsten Charakter.

*BFF: Best friends forever. Beste-Freundinnen-Freundschaft mit einer Halbwertszeit bis zu den nächsten Ferien.

Ob Jungen Lucia sein dürfen, wird jedes Jahr auf Neue auf allen Nachrichtenkanälen und in sozialen Medien debattiert; ich habe jedenfalls noch nie einen Lucius gesehen. Den Jungen (so sie denn überhaupt dabei sein dürfen) fällt üblicherweise eine der Rollen Stjärngosse (Sternenknabe) mit weißem Nachthemd und Schultüte… äääh… Spitzhut auf dem Kopf, Pepparkaksgubbe (Pfefferkuchenmännchen) in braunem Schlafanzaug oder Jultomte (Weihnachtswichtel) in rot-weißem Schlafanzug mit passender Zipfelmütze zu.

Im ansonsten achsogleichgestellten Schweden ist die jährliche Luciafeier ein echter Anachronismus.

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Upps…!


Warum sagt denn keiner was, dass mitten im Adventskalender plötzlich der 10. Januar auftauchte? Der Artikel über Chanukka sollte natürlich 10. Dezember heißen, nicht 10. Januar. Ich war wohl gedanklich schon einen Monat weiter…

Chanukka hat zwar kein festes Datum im gregorianischen Kalender, fällt aber immer auf Ende November oder in den Dezember. Dieses Jahr wurde Chanukka vom 3.-10. Dezember gefeiert.

11. Dezember: Weihnachtskonzert powered by Alvedon


Krank sein passt ja irgendwie nie, aber selten so wenig wie kurz vor Weihnachten. Seit Sonntag huste und schniefe ich und habe Fieber und gehöre eigentlich ins Bett, aber gerade ist jeden Tag irgendwas, warum man es sich gerade nicht leisten kann, zuhause zu bleiben.

Heute z.B. das große Musikschulweihnachtskonzert, wo wir wirklich alles auffahren, was die Musikschule so zu bieten hat (mit Ausnahme des großen Orchesters, die haben soviel Programm, dass die ihr eigenes Konzert machen). Heute also: kleine Orchester, mittelgroße Orchester, Streicher, Bläser, Sänger, Gitarristen, Pianisten, Neuanfänger, Fortgeschrittene, angehende Musikstudenten… 90 Minuten querbeet. Und auch immer nett: der Auftritt unseres Fördervereins mit Umschlagüberreichung. Mich freut das tatsächlich, dass die Vorsitzende vom Elternverein uns jedes Jahr auf die Bühne holt und einmal vor 250 Eltern aufzählt, was wir im vergangenen Jahr alles außerhalb unserer Kernaufgaben auf die Beine gestellt haben.

Im Konzert hatte ich heute vier Pianisten dabei: einmal Solo, einmal vierhändig mit mir, einmal mit Trompete, einmal mit Gesang. Alle vier haben ihre Sache gut gemacht, brauchten aber zum Teil vor dem Konzert nochmal eine Infusion Selbstvertrauen. Das kann man leider nicht mal eben an einen Kollegen übergeben. Und Schubert Militärmarsch spielt auch keiner meiner Kollegen vom Blatt.

Das Stück ist in Schweden ein richtiger Weihnachtsklassiker, weil jedes Jahr an Heiligabend um 15.00 Kalle Ankas Jul, Weihnachten mit Donald Duck, im ersten Programm ausgestrahlt wird (Schubert ab 4:17):

Tagsüber habe ich noch normal unterrichtet, denn wenn gerade kein Konzert ist, dann ist es doch für einige die letzte Unterrichtsstunde vor dem nächsten Auftritt bei einer Schulabschluss- oder Luciafeier, sodass man irgendwie nie krank machen kann, ohne das Gefühl zu haben, jemanden im Stich zu lassen.

So habe ich mich also heute schniefend und hustend durch den Tag geschleppt und fleißig Alvedon (so heißt Paracetamol in Schweden) und Koffeintabletten gegessen. Mittwoch und Donnerstag kommen noch jeweils zwei Luciaauftritte, wo ich Chöre am Klavier begleite – die Grippe muss sich noch bis Donnerstagnachmittag gedulden.

10. Dezember – Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!