Schlagwort-Archive: Adventskalender 2018

Upps…!


Warum sagt denn keiner was, dass mitten im Adventskalender plötzlich der 10. Januar auftauchte? Der Artikel über Chanukka sollte natürlich 10. Dezember heißen, nicht 10. Januar. Ich war wohl gedanklich schon einen Monat weiter…

Chanukka hat zwar kein festes Datum im gregorianischen Kalender, fällt aber immer auf Ende November oder in den Dezember. Dieses Jahr wurde Chanukka vom 3.-10. Dezember gefeiert.

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11. Dezember: Weihnachtskonzert powered by Alvedon


Krank sein passt ja irgendwie nie, aber selten so wenig wie kurz vor Weihnachten. Seit Sonntag huste und schniefe ich und habe Fieber und gehöre eigentlich ins Bett, aber gerade ist jeden Tag irgendwas, warum man es sich gerade nicht leisten kann, zuhause zu bleiben.

Heute z.B. das große Musikschulweihnachtskonzert, wo wir wirklich alles auffahren, was die Musikschule so zu bieten hat (mit Ausnahme des großen Orchesters, die haben soviel Programm, dass die ihr eigenes Konzert machen). Heute also: kleine Orchester, mittelgroße Orchester, Streicher, Bläser, Sänger, Gitarristen, Pianisten, Neuanfänger, Fortgeschrittene, angehende Musikstudenten… 90 Minuten querbeet. Und auch immer nett: der Auftritt unseres Fördervereins mit Umschlagüberreichung. Mich freut das tatsächlich, dass die Vorsitzende vom Elternverein uns jedes Jahr auf die Bühne holt und einmal vor 250 Eltern aufzählt, was wir im vergangenen Jahr alles außerhalb unserer Kernaufgaben auf die Beine gestellt haben.

Im Konzert hatte ich heute vier Pianisten dabei: einmal Solo, einmal vierhändig mit mir, einmal mit Trompete, einmal mit Gesang. Alle vier haben ihre Sache gut gemacht, brauchten aber zum Teil vor dem Konzert nochmal eine Infusion Selbstvertrauen. Das kann man leider nicht mal eben an einen Kollegen übergeben. Und Schubert Militärmarsch spielt auch keiner meiner Kollegen vom Blatt.

Das Stück ist in Schweden ein richtiger Weihnachtsklassiker, weil jedes Jahr an Heiligabend um 15.00 Kalle Ankas Jul, Weihnachten mit Donald Duck, im ersten Programm ausgestrahlt wird (Schubert ab 4:17):

Tagsüber habe ich noch normal unterrichtet, denn wenn gerade kein Konzert ist, dann ist es doch für einige die letzte Unterrichtsstunde vor dem nächsten Auftritt bei einer Schulabschluss- oder Luciafeier, sodass man irgendwie nie krank machen kann, ohne das Gefühl zu haben, jemanden im Stich zu lassen.

So habe ich mich also heute schniefend und hustend durch den Tag geschleppt und fleißig Alvedon (so heißt Paracetamol in Schweden) und Koffeintabletten gegessen. Mittwoch und Donnerstag kommen noch jeweils zwei Luciaauftritte, wo ich Chöre am Klavier begleite – die Grippe muss sich noch bis Donnerstagnachmittag gedulden.

10. Dezember: Chanukka


Wer denkt, dass wir gerade nur auf Weihnachten hin leben, proben und arbeiten, der liegt falsch. Parallel zu allem Jinglegebelle studiere ich gerade mit einem Schülerduo jüdische Lieder ein, die die beiden am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Kulturhaus von Borås aufführen werden.

Der Jüdische Kulturverein und die Kulturverwaltung Borås begehen diesen Tag jedes Jahr mit einer Gedenkstunde und die musikalische Umrahmung durch Schüler liegt 2019 zum zweiten Mal in meinen Händen. Letztes Jahr habe ich mit zwei Schülerinnen Klezmerstücke für Klarinette und Klavier einstudiert, dieses Jahr ist es auf Wunsch des Jüdischen Kulturvereins ein Duo Gesang und Klavier mit Liedern und Arrangements von Leo Rosenblüth (1904-2000). Leo Rosenblüth wurde in Fürth geboren, studierte in Frankfurt und wurde 1931 zum Oberkantor an der Synagoge Stockholm berufen, ein Amt, was er bis 1976 ausübte. (Mehr zu Leo Rosenblüth bei Svensk Musik.)

Eines der Lieder, die meine Schüler im Januar spielen werden, ist Mir leben ejbig. Ursprünglich im Ghetto von Vilnius entstanden, fand die Melodie ihren Weg in die Hände von Leo Rosenblüth, der sie für Gesang und Klavier arrangierte und 1946 zusammen mit anderen Liedern, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren, herausgab.

Hier eine Interpretation des Liedes von Louisa Lyne & Die yiddishe Kapelye, die ich 2018 im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Boråser Kulturhaus live hören durfte.

 

Heute ist übrigens der letzte Tag des achttägigen jüdischen Chanukka-Festes.

Edit: Aus unerfindlichen Gründen (Blödheit? Müdigkeit?) hieß dieser Artikel ursprünglich mal 10. Januar. Sollte natürlich 10. Dezember heißen. Chanukka liegt immer im Dezember.

9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!

8. Dezember: Halbzeit


Erledigte Konzerte im Advent (Jonas/Annika/Gesamt): 3/1/4
Noch zu spielende Konzerte im Advent (Jonas/Annika/Gesamt): 3/6/9

Am Samstag war Halbzeit was meine Adventskonzerte für dieses Jahr anbelangt, Annika hat das meiste noch vor sich. Bachs Weihnachtsoratorium, das große Streicherabschlusskonzert und gestern Jul i GA (Weihnachten in der Gustav-Adolfs-Kirche), wahrscheinlich das traditionsreichste Konzert der Kulturschule, liegen hinter mir, Händels Messias und zwei kleinere Konzerte mit Solisten und kleinen Streicherensembles noch vor mir.

Jul i GA gibt es meines Wissens nach seit mindestens dreißig Jahren, vielleicht auch schon länger. Dieses Jahr war jedoch einiges anders: Der Kollege, der seit vielen, sehr vielen Jahren die Hauptverantwortung hatte, ist seit den Sommerferien im verdienten Ruhestand. Es war also an der Zeit, dass wir jüngeren Kollegen das Ruder in die Hand nahmen.

Bisheriges Hauptmerkmal von Jul i GA war ein größeres Werk für Chor und Orchester/Ensemble: hierfür habe ich zum Beispiel 2016 mein Stück Tomten geschrieben, was nur durch einen weiteren externen Chor mit ausreichend Männerstimmen möglich war.

Dieses Jahr wollten wir das Konzert aber ohne externe Hilfe auf die Beine stellen: Mitwirkende waren ein aus mehreren Chören zusammengesetzter Frauenchor, das Gitarrenorchester, unser Streichorchester, eine Solistin sowie mehrere Lehrer. Jedes Ensemble hatte ein wenig eigenes Programm und zum Schluss haben wir dann alle zusammen zwei Weihnachtslieder gespielt und gesungen, arrangiert von mir. Darunter die in Schweden sehr populäre Julvisa von Jean Sibelius mit einem sehr schönen Text von Mikael Wiehe. Leider hat Annikas Handy gestreikt daher fehlt das Vorspiel:

Zum Konzertabschluss wurde es aber doch wieder traditionell: Seitdem es Jul i GA gibt, steht am Schluss Dagen är kommen, die schwedische Version von Adeste fideles/O Come All Ye Faithful/Herbei, o ihr Gläub’gen oder Nun freut euch, ihr Christen oder welche Version man nun anführen will. Um der Tradition genüge zu leisten, musste noch das richtige Arrangement gewählt werden: drei Strophen vierstimmiger Choral, eine Strophe mit Oberstimme und eine dramatisch-festliche letzte Strophe für das richtige Weihnachts-Gänsehaut-Feeling.

7. Dezember: Möwengeschrei


Freitags ist Kulårtag. Kulår heißt Lustig-jahr (Aussprache: Kühl-Ohr) und bedeutet, das wir Instrumentallehrer zu zweit raus in die Schulen fahren und reihum alle ersten Klassen besuchen. Die Kinder bekommen so die Chance, das komplette Angebot der Musikschule kennenzulernen und vor allem auch auszuprobieren.

Heute war ich mit dem Lieblingskollegen an zwei verschiedenen Schulen mit insgesamt drei Klassen. Wir hatten vier Klarinetten dabei, eine Rolle Küchenpapier und eine volle Flasche Desinfektionsmittel. Der Vorteil an Klarinette gegenüber anderen Blasinstrumenten ist, dass es relativ leicht ist, einen „Ton“ aus dem Instrument zu bekommen. Der Nachteil ist, dass dieser „Ton“ meistens eher wie Möwengeschrei klingt. Zum Glück haben wir professionellen Gehörschutz.

Aber nach ein bis zwei Minuten ausprobieren kriegen die Kinder den Ansatz meist irgendwie hin und es kommen auch richtige Töne. Dann kann man zusammen spielen: das Kind bläst und man selbst bewegt die Finger. So können die Schüler nach wenigen Minuten ihr erstes Lied auf der Klarinette tröten und sind stolz wie Oskar. Das haben mein Kollege und ich heute ungefähr 60 mal gemacht. Die Flasche mit der Desinfektionslösung war hinterher fast leer.

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Nach 18 Jahren an der Spitze ist es keine Schande, die Leitung abzugeben und in den Ruhestand zu gehen. Vor allem, wenn die Gefolgsleute sich mehr und mehr angesichts des Führungsstils entzweien. Die Verabschiedung fiel dennoch feierlich aus und die Nachfolgerin steht bereits seit einigen Wochen fest.

Ich rede nicht von Angela Merkel, sondern von unserem Chef, den wir heute Nachmittag in den Ruhestand verabschiedet haben. Seine glühendsten Bewunderer hatten sich richtig reingehängt und unter anderem das halbe Kollegium beordert, ein Spontanklarinettenorkester zu bilden und Jingle Bells zu tröten. Ohne Probe. Fremdschämfaktor: hoch.

Angesichts des Möwengeschreis, das nur entfernt an ein Weihnachtslied erinnerte, war ich zum zweiten Mal an diesem Tag sehr froh über meine Ohrenstöpsel. Vor dem abschließenden Pubbesuch haben Jonas und ich uns gepflegt verdrückt. Wir waren nicht die einzigen.

3. Dezember: Anfang vom Ende


Ok, das klingt jetzt furchbar fatalistisch. Aber heute Abend war meine erste julavslutning. Egal was man in Schweden macht, sei es arbeiten, zur Schule gehen, die Kulturschule besuchen, Fußball spielen oder Bienen züchten: Zweimal im Jahr, nämlich zu Weihnachten und vor der Sommerpause, muss man diese Aktivität mit irgendeiner Veranstaltung beenden – mit einer avslutning. Avslutning heißt Abschluss, julavslutning also Weihnachtsabschluss. Das kann in Form einer großen Weihnachtsfeier mit julbord (Weihnachtsbuffet) sein, ein Konzert oder auch nur ein letztes Treffen mit extra viel Fika. Aber eine julavslutning pro sozialer Aktivität muss sein.

Heute haben wir also schon einmal achtzig Schüler in die Ferien geschickt – obwohl viele von ihnen noch weiterhin Unterricht haben werden. Aber die Ensembles hören diese Woche auf und viel Unterricht fällt in den letzten Wochen vor Weihnachten wegen anderer Aktivitäteten aus. Zum einen müssen wir Lehrer nämlich noch bei anderen julavslutningar mitmachen, zum anderen beenden auch die vielen anderen Aktivitäten unserer Schüler dieses Halbjahr, was dann häufig zu terminlichen Konflikten mit dem Unterricht führt.

Heute versammelten wir sechs Lehrer also alle Streicherschüler bis zur sechsten Klasse inklusive deren Eltern in unserer neuen Kulturschule zu einem gelungenen Konzert. Mit dabei übrigens neun Kontrabassisten! Meine Klasse wächst langsam und stetig. Für den festlichen Teil sorgte der Elternverein, der Glögg und Pepparkakor verkaufte. Und nach dem Konzert, zufrieden und völlig fertig, konnte ich eine deutliche Vorfreude auf die Weihnachtsferien spüren, die jetzt gar nicht mehr weit sind.