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Ich und mein Aluhut


Ein kurzes Update am Abend: Dänemark begrenzt Versammlungen auf 10 Menschen. In Schweden machen die Busse nur noch die hinteren Türen auf. (Letzteres mit ausdrücklicher Erklärung, dass das keine Anweisung der Gesundheitsbehörde sei und nichts mit dem Ansteckungsrisiko zu tun habe, sondern nur auf Wunsch der Busfahrer geschehe.)

Bei der heutigen Presskonferenz wurde dann tatsächlich verkündet, dass jetzt die Gymnasien (im schwedischen Schulsystem bedeutet das: alle Schulen für 16-18-jährige) und die Universitäten auf Distanzunterricht umsteigen. Kindergärten und Grundschulen (also bis Klasse 9) machen normal weiter. Eine Schließung von Kindergärten und Grundschulen sei weiterhin nicht aktuell, was in der Zukunft geschehe, wisse man aber nicht.

Bei unserem Arbeitsplatz hat Jonas heute in seiner Funktion als Personalrat und Arbeitsschutz-Ansprechpartner (skyddsombud) eine Mail an unsere Chefs geschrieben und gefordert, dass wir aufhören, mit der Kulturschule weiterhin einen Treffpunkt für alle Kinder und Jugendlichen der Kommune Borås zur Verfügung zu stellen, wo man fröhlich seine Viren miteinander austauscht. Daraufhin wurde tatsächlich ein spontanes Treffen mit allen Gewerkschaftsvertretern/Personalräten einberufen und über die nähere Zukunft diskutiert. Der Kompromiss, der schließlich dabei rumkam war: Keine Konzerte bis zu den Sommerferien und keine Gruppen über 10 Teilnehmer bis Ostern. Ansonsten machen wir weiter wie gehabt. Es gibt tatsächlich Stimmen von Kollegen, die da sagen: „Wenn jetzt die Schulen zumachen, ist es wichtig, dass wir als Kulturschule extra viele Aktivitäten anbieten, die Kinder und Jugendlichen haben ja sonst keine Möglichkeit, sich zu treffen.“ Kopf -> Tischplatte.

Jonas kam aus der Konferenz und sagte: „die glauben jetzt alle, ich hätte einen Aluhut auf, weil ich sage, dass es auch noch andere wissenschaftliche Meinungen als Anders Tegnell gibt.“ Er hat sich dem Beschluss, weiter Unterricht stattfinden zu lassen, widersetzt, war damit aber in der Minderheit. Zumindest bestand er darauf, dass es im Protokoll festgehalten werde, dass er diesen Beschluss nicht unterstützt. Aber nutzen tut das auch niemandem, außer seinem Gewissen, diesen Wahnsinn nicht unterstützt zu haben.

Ich hatte abends Treffen mit dem Vorstand vom Elternverein wegen unserer Italienreise im Juni. Auch hier kein einheitliches Meinungsbild, manche halten immer noch daran fest, dass wir im Juni mit 45 Jugendlichen eine Woche an den Gardasee fahren sollten. Den Ausschlag gab schließlich eine Mutter, die sehr deutlich sagte, dass sie niemals ihr Kind auf eine Reise mitschicken würde in ein Land, dessen Gesundheitssystem und Infrastruktur bis dahin wahrscheinlich nicht voll funktionsfähig seien und dass wahrscheinlich viele Eltern ähnlich denken würden.

Praktisch sah es heute so aus, dass in den Schulen ungefähr 50% der Schüler fehlten und auch etwa 1/3 der Lehrer. Zu mir kam heute ebenfalls nur knapp die Hälfte meiner Schüler, den Rest der Zeit sitzt man dumm rum. Eine ganz treue Schülerin, die starke immunsupprimierende Medikamente nimmt, rief an und fragte, ob viele Leute da seien, und ob sie den Hintereingang nehmen könnten, damit sie nicht durch mein Wartezimmer müssten. Meine Antwort war: kommt, wann ihr wollt, das Haus ist leer. Sie kamen und die Mutter desinfizierte erstmal meine Tasten. Das würde ich auch gerne nach jedem Schüler machen, aber es gibt kein Desinfektionsmittel mehr. Ich probiere es gerade mit Fensterreiniger, für die Psyche.

Die oberste Chefin der Kulturverwaltung gibt derweil Durchhalteparolen an alle Angestellten aus, wie unglaublich gesellschaftswichtig wir doch seien, wir, die wir noch gesund zur Arbeit erscheinen und dass wir keine Fake-News verbreiten sollten, sondern nur die Vorgaben der Gesundheitsbehörde weiterkommunizieren sollen. Es ist surreal.