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Hochzeitskutsche


Schon seit einiger Zeit wollten wir unser Auto in Schweden anmelden, aber leider mussten wir es bisher immer wieder aufschieben. Nach unserem Umzug aus Deutschland hatten wir natürlich zunächst einmal anderes zu tun und waren dankbar, dass wir noch das aus Studienzeiten bewährte Über-die-Eltern-anmelden-weil-die-den-besseren-Versicherungstarif-kriegen-Modell beibehalten konnten. Eigentlich muss man ein Auto zwar spätestens zu einem gewissen Zeitpunkt nach dem Umzug in Schweden anmelden, da unseres aber auf dem Papier gar nicht uns gehörte, sondern gewissermaßen eine Leihgabe war, gab es auch keinen akuten Handlungsbedarf.

Dennoch wollten wir das Auto auf lange Sicht natürlich ummelden, aber seitdem wir beide Vollzeit beschäftigt waren, ergab sich ein neues Problem: Wenn man nicht auf eine unheimlich teure Übergangsversicherung angewiesen sein will, darf man das Auto ab dem Zeitpunkt des Antrags auf Ummeldung nur noch eine Woche lang bewegen. Alleine die Bearbeitung des Antrags dauert aber mindestens zwei Wochen, und erst dann kann man einen Termin für die registreringsbesiktning (= Registrierungskontrolle) beim schwedischen TÜV machen, der dann durchaus auch mal erst einen Monat später sein kann. Aber Annika braucht ja das Auto regelmäßig, um  damit in ihre Dorfschulen zu fahren. Jetzt ist es aber endlich geschafft – die Ferien sind lang genug und da brauchten wir den Twingo nicht.

Das Kennzeichen behält ein Fahrzeug in Schweden übrigens sein ganzes Autoleben lang, auch wenn der Besitzer wechselt. Die Nummer wird per Zufallsgenerator erstellt. Zwar gibt es die Möglichkeit eines persönlichen Nummernschildes, auf das man alles schreiben kann (den Namen der Firma, des Kindes, des Dackels oder der Lieblingsbrauerei – oder auch die ersten sieben Ziffern der Zahl Pi) aber ein solches Kennzeichen gilt dann nur für zehn Jahre und kostet stolze 6000 Kronen (ca. 680 €) – und das Huhn, das goldene Eier legt, tut dies leider nicht in unserem Garten.

Wir ließen also den Zufall entscheiden, und der wollte es, dass wir seit neuestem in einer echten Hochzeitskutsche herumfahren:

(…und das ganz ohne Trauschein!)

Alkoholkontrolle(n)


Jetzt bin ich schon seit über einem Monat in meiner ersten festen Anstellung. Insgesamt geht es bisher sehr gut, mit meinen Schülern werde ich langsam warm und die ersten zwei Wochen bestanden sowieso erstmal aus ganz vielen Konferenzen und Verwaltungsaufgaben. Am anstrengendsten waren bisher eigentlich die Autofahrten, denn die 70 Kilometer pro Strecke sind doch ein Stück…

Letzte Woche Montag wurde diese eher eintönige Fahrt, die ich vor allem mit Hörbüchern überstehe, aber unerwartet unterbrochen: Mitten in Alingsås stand plötzlich die Polizei auf der Sraße und winkte alle Autos auf den Seitenstreifen. Alkoholkontrolle war angesagt. Ich durfte in meinem Leben noch nie ins Röhrchen blasen und fand die ganze Sache relativ unterhaltsam – was Neues halt.

Bei der Arbeit angekommen, musste ich dann zum Unterricht in eine der Vorortschulen. Da ich gleich mehrere Geigen und Kontrabässe aus dem Instrumentenvorrat der Musikschule dorthin schaffen musste, nahm ich nicht unseren kleinen Twingo, denn die Stadtverwaltung hat für solche Fälle einen Fahrzeugpool für ihre Angestellten.

Ich ging also los, um den Autoschlüssel abzuholen. Die nette Dame an der Ausgabestelle drückte mir zusätzlich noch ein kleines Plastikding in die Hand: »För alkolåset.« Die Autos der Stadt sind mit einer zusätzlichen elektronischen Alkohol-Wegfahrsperre ausgestattet, die ähnlich wie die Alkoholkontrolle der Polizei funktioniert – bloß ohne Polizisten. Wenn man etwas getrunken hat, startet der Motor einfach nicht. Am Tag meiner ersten Alkoholkontrolle durfte ich daher gleich dreimal pusten…

Ris och ros


Aus unerfindlichen Gründen läuft mir in letzter Zeit ständig der Ausdruck ris och ros über den Weg. In der herumliegenden Tageszeitung im Zug („Der Minister erhielt für seine Rede ris och ros„), in der Rundmail eines Kollegen („Die ros der Woche geht an die beiden Kollegen, die 20 neue Computer in den vierten Stock getragen haben.“) oder auf irgendwelchen Webseiten („Um unseren Service zu verbessern, freuen wir uns über ris och ros.“).
Was es sinngemäß bedeutet, war mir die ganze Zeit klar, nämlich soviel wie „Lob und Tadel“ oder besser: „Tadel und Lob“.
Dass man Lob metaphorisch mit einer Rose ausdrückt, ist ja irgendwie selbsterklärend, aber was macht der Reis in dieser Redensart? Bewirft man Leute, die etwas Blödes gemacht oder gesagt haben, in Schweden mit Reis? Ich kenn das nur als Hochzeitsbrauch, aber vielleicht erfüllt das da ja den gleichen Zweck, nur weiß es keiner… Oder ist der Reis hier Symbol für etwas Langweiliges, Uninspiriertes? Eine besonders alte Redensart kann das jedenfalls nicht sein, Schweden zählt ja nicht gerade zu den großen Reisanbaugebieten der Welt…

Mein „Reis der Woche“ geht jedenfalls an die Person, die unsere Autokennzeichen vom VW-Bus gestohlen hat. Ja, Autokennzeichen. Nachdem wir gerade erst den Vandalismus-Totalschaden unseres Twingos verkraften mussten, jetzt das. Zum Ko… Der Bus stand (und steht) auf unserem gemieteten Parkplatz in der Siedlung und laut Polizei darf das Auto ohne Kennzeichen nicht bewegt werden. Jetzt geht also erst mal wieder das Gerenne nach neuen Schildern los. Wir dachten erst, wir nehmen das als Anlass, das Auto jetzt hier anzumelden, aber um es hier anzumelden, müssten wir es erst mal zum schwedischen TÜV etc. fahren, was wir ja wie gesagt nicht dürfen. Und um ein Auto umzumelden, muss es erst mal angemeldet sein und dazu gehören bekanntlich unter anderem Kennzeichen. Und die brauchen wir aus Bayern, zusätzlich zu neuen Fahrzeugpapieren. Das ist aber ein riesengroßes Problem, denn Bayern ist noch nicht in der EU. Zumindest bekam ich diesen Eindruck, als ich mit dem unsympathischen Zeitgenossen in der Zulassungsstelle telefoniert habe. Wie gerne hätte ich diesen halsstarrigen Schuhplattler am Telefon mit einem Sack Reis überschüttet…

Statt Rosen...

Die Rose der Woche verdient daher meine Mutter, die jetzt die ganze Angelegenheit für uns regeln wird, so wie sie uns neulich schon das neue (gebrauchte) Auto hochgefahren hat, weil der schwedische Gebrauchtwagenmarkt kaum Kleinwagen hergibt.

Eine weitere Rose muss ich außerdem mal ans Wetter vergeben. Hier ist Sommer! Spätestens übermorgen. Die offizielle Definition von „Sommer“ des SMHI (Schwedisches meteorologisches und hydrologisches Institut) lautet nämlich: 5 Tage in Folge über 10°C. Klingt komisch, ist aber so. Die letzten Tage war wirklich T-Shirtwetter und heute Abend wehte der unverkennbare Geruch von Grillkohle durchs Dorf.

Und die Gartenarbeit geht wieder los! Wie ich gestern so die trockenen Blätter aus den Blumenbeeten harkte, Osterglocken pflanzte und anderes Grün- und Blumenzeug vom braunen Gestrüpp des Vorjahres befreite, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: mit ris ist natürlich nicht Reis gemeint, sondern Reisig. Gut, dass wir hier einen Garten haben, denn wer weiß, wie lange ich sonst dieses Missverständnis noch mit mir herumgetragen hätte…

Ein Jahr Brevlåda


Wie der Titel schon sagt: heute vor einem Jahr ist Brevlåda online gegangen. Wenn ich denke, wo wir vor einem Jahr noch standen… manmanman, wir wussten noch nichtmal, wann und wohin wir nach Schweden ziehen würden. Und jetzt sind wir schon bald sieben Monate hier. Unser Sechsmonatsrückblick ist ja leider wegen dieser Autogeschichte irgendwie unvollendet geblieben, aber…

Kurzes Update: Der Wagen wurde von der Versicherung als Totalschaden eingestuft, weil die Reparaturkosten den Wert des Autos überstiegen hätten und es musste daher verschrottet werden. So hässlich diese ganze Autogeschichte auch war, wir haben ganz tolle Unterstützung von unseren Eltern und da der schwedische Kleinwagen-Gebrauchtmarkt eher mau aussieht (gefühlt gab es nur Volvos und andere Kombis oder Geländewagen), wurde für uns in Deutschland gesucht und gefunden. Aber das ist eine andere Geschichte, die einen eigenen Artikel verdient.

… gerade passiert auch so viel, dass es mir müßig erscheint, irgendwelche Rückblicke zu schreiben, weil zur Zeit wieder soviele Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden wollen. Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Und die letzten drei Wochen war hier ganz schön Durchzug, um im Bilde zu bleiben. Ganz oft hatte ich das Bedürfnis, wie bei einer DVD mal kurz auf „Pause“ zu drücken, um die neuesten Ereignisse irgendwie für mich sortieren zu können, bevor wieder neue Informationen auf mich einstürmten und schnelle Entscheidungen von mir verlangten. Ausgerechnet von mir. Entscheidungen. Schnell. Haha…

Der Traumjob als Waldpädagogikprojektleiterin, für den ich bereits eine Absage erhalten hatte, meldete sich nochmal, weil der Wunschkandidat abgesprungen war. Allerdings war die Stelle auch von 100% auf 50% geschrumpft und damit auch nur noch halb so interessant. Ungefähr zeitgleich hatte sich aber auch eine eine andere spannende Stelle aufgetan, 70 km von hier. Vollzeit, unbefristet. Nicht Lehrer. Aber auch das verdient bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Mein 30%-Job in der Schule wächst sich langsam zu einer veritablen 95%-Stelle aus, zumindest was den Arbeitsaufwand angeht, nicht die Bezahlung. Wäre auch einen ganzen Artikel wert. Ebenso wie die Tatsache, dass meine Schule am letzten Freitag, meinem freien Tag, geschlossen war, weil in einem Restaurant im gleichen Gebäudekomplex in der Nacht etwas explodiert ist. Die Polizei ermittelt noch, aber im Moment gehen die Vermutungen in Richtung Bombenanschlag. Gruselig das.

Und ich will mich hier heute über ein Jahr „just another wordpress blog“ auslassen…? Ja, will ich. 110 Artikel, das macht statistisch etwa zwei Artikel die Woche. 12 000 Klicks in diesem Jahr, macht etwa 32 am Tag; wobei wir in den Monaten vor dem Umzug unter 20 Besucher pro Tag hatten und die Zahlen seit August ständig wachsen. Ist das Schielen auf die Statistik dem Streben nach 15 minutes of fame geschuldet? Nein. Vielmehr dem Wunsch oder der Hoffnung, so mit den Freunden in Deutschland in Kontakt zu bleiben, ganz so wie wir es vor einem Jahr formuliert haben:

Brevlåda („Breew-lohda“) ist schwedisch und bedeutet Briefkasten. Als Schnittstelle zwischen uns und der Welt soll er Berichte über unser Leben vor, während und nach dem Umzug sammeln und später den Kontakt nach Deutschland aufrechterhalten.

Gelingt uns das? Schwer zu sagen, denn leider nutzen (noch) nicht so viele unserer Leser die Kommentarfunktion, die es zu jedem Artikel gibt. Aber wenn dann immer mal wieder ganz unerwartete Mails oder Kommentare von Menschen kommen, von denen wir lange nichts mehr – oder auch noch nie etwas – gehört haben, dann freuen wir uns jedesmal riesig. Und meistens – Asche auf unser Haupt, weil nicht immer – antworten wir auch.

Im diesem Sinne stelle ich hier jetzt mal ein paar Briefkästen hin, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe und vielleicht mag sich ja der eine oder andere stumme Mitleser mal zu erkennen geben und ein virtuelles Zettelchen einwerfen…

Seit sechs Monaten in Schweden – III


Leva – Leben

Wo soll ich anfangen…? Ich denke, wir hatten unsere Bullerbü-Fantasien und -Vorurteile über Schweden immer gut im Griff, sodass wir keinen Kulturschock erlitten, wie ja von manchen enttäuschten Auswanderern immer wieder in einschlägigen Reportagen berichtet wird. Trotzdem erlebe ich oft Augenblicke, in denen mich eine große, warme Glückswelle überkommt, dass wir jetzt wirklich und wahrhaftig in diesem wunderschönen Land leben, das immer noch unser Traumland ist – auch wenn es wirklich ist. Dass sich nach sechs Monaten schon in vielem der Alltag breitgemacht hat, finde ich eher angenehm, da wir das Jahr vor dem Umzug mit so vielen „Was-ist-wenn…s“ gelebt haben. Und zum aktuellen Zeitpunkt muss ich sagen, dass die meisten Befürchtungen nicht eingetreten sind, dafür manches besser lief als erwartet.
Wir sind z.B. sehr glücklich mit unserer Wohnsituation, auch wenn die Pendelei nach Göteborg manchmal anstrengt. Das wird aber durch die wunderbare Natur um uns herum kompensiert. Die Möglichkeit, vor die Tür zugehen und im Grünen zu stehen, kompensiert die Bus- und Zugfahrten mehr als genug.

Welch eine Ironie des Schicksals…
Während ich die obigen Zeilen am Samstagabend schrieb, traf der bisher größte Rückschlag in unserem Schweden-Dasein ein. Wir waren für den Abend bei Freunden in Göteborg eingeladen, aber ich fühlte mich an dem Abend nicht gut und ließ Jonas alleine ziehen. Kurz hatten wir noch überlegt, ob ich ihn die 5 Kilometer zum Bahnhof bringen und ihn nachts wieder abholen soll, aber Jonas, fürsorglich wie er ist, legte mir eine Wärmflasche auf den Bauch und sagte, ich solle mir einen gemütlich Sofa-Abend machen und solle nicht abends seinetwegen noch draußen rumkurven. Nahm das Auto und fuhr zum Bahnhof.

Fünf Stunden später, kurz nach Mitternacht, rief er mich völlig aufgelöst an. Er stehe allein am Bahnhof, das Auto sei aufgebrochen und völlig zerstört und sein Akku fast leer, es reiche nicht mehr, die Polizei noch anzurufen. Ich also sofort in den (nicht winterfesten) VW-Bus gestiegen und nach Älvängen gesaust. Mir unterwegs Horrorszenarien ausgemalt, was ist, wenn die Typen noch da am Bahnhof rumlungern und Jonas…
Den gleichen Gedanken hatte Jonas auch gehabt und kam auf der Straße entgegen, wo ich ihn dann einsammelte.

Trotzdem fuhren wir dann noch zum Bahnhof, um gemeinsam den Schaden zu begutachten und auf die Polizei zu warten. Die Polizei war eine Enttäuschung: Unter 112 schmiss man mich nach wenigen Sekunden aus der Leitung, als ich sagte, dass keine Personen verletzt seien. Und unter der Nummer, an die man mich dann weitervermittelte (zum merken: 11414) nahm man zwar meine Anzeige entgegen, sagte aber, dass man wegen sowas keine Kollegen schicke. In ein paar Tagen bekäme ich die Anzeigebestätigung zu geschickt, dann könne ich den Rest mit der Versicherung klären.

Das Auto war in einem katastrophalen Zustand. Erst hatten die &%$§! fein säuberlich das Türschloss der Fahrertür ausgeschnitten, dann am Zündschluss rumgefummelt. Als das offensichtlich erfolglos war, sägten sie die Plastikverkleidung unter dem Lenkrad auf, um das Auto manuell zu starten. War aber wohl die elektronische Wegfahrsperre im Weg. Ab diesem Zeitpunkt war ihnen wohl klar, dass mein kleiner Twingo wohl wehrhafter ist, als er von außen aussah und sie kein leicht beschädigtes Auto auf den schwarzen Automarkt schleusen können würden.

Dann haben sie mit roher Gewalt die komplette Verkleidung um das Lenkrad rausgerissen und mit einem Stahlträger, den wir im Auto fanden, auf das Zündschloss eingedroschen, Außenspiegel und Scheibenwischer abgerissen, die Beifahrertür eingetreten und mit einem Messer die Reifen zerstochen.

Das alles haben wir aber erst am nächsten Tag festgestellt, in der Nacht hatten wir nur die zerstochenen Reifen und den verwüsteten Innenraum festgestellt und wollten dann nur noch weg von diesem in jeder Hinsicht dunklen Ort.
Alle abgerissenen Teile lagen in einem Radius von 30 Metern ums Auto verstreut, sogar den Fahrzeugbrief und die Versicherungsunterlagen fanden wir am nächsten Morgen vom Regen durchweicht in einem Schneehaufen. Und eine Säge…

ADAC und Motormännen sei dank wurde das Auto dann am Sonntag in eine Renault-Werkstatt nur fünf Minuten vom Tatort entfernt gebracht, wo es jetzt steht und auf einen Versicherungsgutachter wartet. Aber wahrscheinlich wird der nur noch feststellen können, dass eine Reparatur den Wert des Autos vermutlich übersteigen wird.

Ich bin entsetzt, niedergeschlagen, aufgerührt und – ja – sehr traurig. Mein kleiner Twingo mit dem Sternengucker-Glasdach war mir 10 Jahre lang treu, ich habe ihn immer gehegt und gepflegt und er hat es mir gedankt und fast nie Mucken gemacht. Und wenn, dann keine teuren Mucken. Hat erst im November vier neue Winterschuhe bekommen. Bin mit ihm nach dem Abi mit einer Freundin quer durch Frankreich getourt, habe mit Jonas zusammen bei drei Wochen Dauerregen Schweden erkundet, irgendwann sogar darin übernachtet, weil wir das Zelt im Regen nicht mehr aufschlagen mochten, mein bestandenes Examen mit einem spontanen Helgoland-Kurztrip gefeiert. Wenige Autos nehmen so offenherzig zwei Menschen und einen Kontrabass auf und passen trotzdem in jede noch so kleine Innenstadtparklücke… Ich könnte heulen. Und ich tus.

Wie bewältige ich jetzt die nächsten Vorstellungsgespräche, die ja oft genug auf dem platten Land und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unerreichbar sind? Wie gesagt, unser VW-Bus ist nicht winterfest und auf Dauer wirklich kein Alltagsauto. Verkaufen wir jetzt den Bus, bevor wir damit Schweden weiter entdecken können, damit wir uns ein neues gebrauchtes kleines Auto kaufen können? In den meisten Stellenanzeigen steht ja immer: Führerschein und Auto erforderlich.

Und dann ist da noch der Gedanke, dass hier nachts &%$§! mit einem Messer rumlaufen und davon auch Gebrauch machen und die Polizei sich dafür anscheinend nicht interessiert. Vor allem das hat mich die letzten Nächte wachgehalten. Hat das deutsche Kennzeichen zu der Chose beigetragen? Was wäre, wenn Jonas die &%$§! auf frischer Tat ertappt hätte? Mein Eindruck, dass unsere Kommune nur ein verschlafenes Pendler- und Rentnernest ist, war anscheinend falsch. Wenn ich vor der Haustür ein Geräusch höre, schrecke ich auf. Der Lärm von der Schneeschaufel, die heute vom Wind umgeweht wurde, versetzte mich beinahe in Panik, Jonas war gerade einkaufen…

Dennoch, ich versuche mich in positivem Denken:
Es waren keine Wertsachen im Auto, keine Visakarten, keine Schlüssel, kein Handy.
Wenn ein Auto schon Schrott werden soll, dann besser auf diesem Weg, als wenn einer von uns damit einen Unfall gehabt hätte.
Vielleicht wären in den nächsten Monaten größere und teurere Verschleißreparaturen gekommen, die ein großes Loch in den Geldbeutel gerissen hätten. So sind wir wenigstens versichert.
Wir haben tolle Unterstützung von unseren Eltern aus Deutschland.

Und Jonas ist den &%$§! eben nicht begegnet. Wir sind gesund. Fast jedenfalls – bis auf meine Magen-Darm-Grippe, deren Vorboten mich am Samstagabend zuhause bleiben ließen und die mich seit zwei Tagen zum Pendler zwischen Bett und Toilette macht. Scheiße.

Was die Schweden bewegt: Dubbdäck


Dieses Zeichen gibt es in Schweden gar nicht - warum wohl?

Pünktlich mit den ersten Frostnächten begann hier eine heiße Diskussion in den Medien wie auch in unserem – zugegebenermaßen noch recht kleinen – Bekanntenkreis: Dubbdäck oder nicht? Das Wort Dubbdäck klingt wie ich finde genauso lustig knubbelig wie das, was es bezeichnet: Winterreifen mit Spikes. Hierbei scheint es sich um eine ähnlich grundlegende Frage zu handeln wie die Frage nach Windows oder Mac, Lamy oder Pelikan, HSV oder St. Pauli, Popcorn süß oder salzig.

...Dafür dieses hier...

Nur für wenige Menschen lässt sich diese Frage eindeutig beantworten: Wer in der (Groß)Stadt wohnt und nur dort sein Fahrzeug braucht, sollte tunlichst dubbfritt (knubbelfrei) wählen, denn die Spikes zerstören den Straßenbelag und erhöhen die Feinstaubbelastung, außerdem werden die Straßen ja geräumt und gesalzen.
In Göteborg und inzwischen wohl auch einigen anderen Kommunen gibt es sogar Straßenzüge, wo das Fahren mit Spikes bei Strafe verboten ist.

Wo wird geräumt?

Was ist, wenn das Streusalz ausgeht?...

Wer aber wie zwei Kurskameradinnen aus meinem Schwedischkurs tief im Wald wohnt und auch unter normalen Bedingungen schon 10 km Schotterstraße bis zur nächsten geteerten Straße fahren muss, der darf wohl kaum damit rechnen, im Winter geräumte Straßen vorzufinden und sollte unbedingt vor dem ersten Wintereinbruch Dubbdäck aufziehen.

Brauchen wir Dubbdäck?

...ist das dann eine geeignete Alternative?...

Wenn die Welt doch so einfach wäre! Was aber machen all diejenigen, die weder tief im Wald noch mitten in der Großstadt wohnen, sondern so wie wir irgendwo auf dem Land, wo die Straßen zwar nicht mehr breit, aber immerhin noch geteert sind? Wo man aber trotzdem nicht ausschließen kann, im Winter mal die eine oder andere ungeräumte Straße fahren zu müssen oder zu wollen? Wo man aber trotzdem auch mal in die Göteborger Innenstadt muss?

Leider können wir auch noch überhaupt nicht einschätzen, wie hier in Västra Götaland der Winter und insbesondere die Räumverhältnisse sind. Die Göteborger sagen zwar, ihr Winter sei in erster Linie nasskalt und matschig, aber Göteborg liegt nochmal 40 km südwestlich von uns, ist eine Großstadt und außerdem am Meer gelegen.

... oder doch besser so?...

Unsere Nachbarn hingegen haben erzählt, dass sie im letzten Winter die Fenster im Erdgeschoss nicht mehr öffnen konnten, weil Schnee davor lag (die Fenster öffnen sich nach außen). Manche Straßen hier werden gesalzen, manche aber wohl auch eher planiert und gestreut. Und wenn es da an einem sonnigen Wintertag ein wenig antaut und wieder friert und das möglichst ein paar Tage hintereinander…???

Wenn die Wahl der Winterreifen zur ideologischen Frage wird…

Auf der Suche nach den richtigen Reifen haben wir hier noch keine vernünftige, neutrale Antwort bekommen, weil in der Frage nach Dubbdäck irgendwie jeder sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben scheint. Die jeweils „falsche“ Wahl wird dann in Grund und Boden verdammt bzw. die Existensberechtigung der jeweils anderen Reifen lediglich für einen möglichst weit entfernt liegenden Teil Schwedens anerkannt. Demnach kann man also höchstens noch in Malmö ohne Dubbdäck fahren bzw. sind Dubbdäck nur was für die komischen Norrländer.

...sowas brauchen wir hoffentlich nicht!...

Göteborgs Posten, Schwedens zweitgrößte (seriöse) Tageszeitung forderte kürzlich, das Spikeverbot gänzlich aufzuheben: „Warum soll man sein Leben für einen nicht nachweisbaren Umwelteffekt riskieren?“ Puh, da hatte jemand die ganz harte journalistische Keule ausgepackt. Ungedubbte Reifen seien lebensgefährlich, und gerade sei eine neue Studie des staatlichen Weg- und Transportforschungsinstituts (VTI) herausgekommen, die beweise, dass Dubbdäck am sichersten seien. Der Vorwurf der erhöhten Feinstaubbelastung in den Städten sei hingegen nicht nachweisbar. Außerdem – und jetzt wird es kurios – täten die Dubbdäckfahrer den restlichen Verkehrsteilnehmern einen großen Gefallen, da durch die Spikes der Straßenbelag aufgerauht und somit die Rutschgefahr vermindert werde. Damit dieser Effekt eintreten könne, müssten aber mindestens 50% der Fahrzeuge gedubbt sein, sagen jedenfalls norwegische Studien.

Fragt man die Göteborger Verkehrspolizei, so fährt die den ganzen Winter durch mit Dubbdäck. Privat jedoch sind die meisten Polizisten ohne Spikes unterwegs. Abgesehen davon, dass Dubbdäck die Luftverschmutzung begünstigen und die Straßen kaputtmachen, sind sie wohl auch ziemlich laut und auf trockenem Asphalt ist die Haftung auch deutlich geringer gegenüber normalen Winterreifen – irgendwie naheliegend, da die Reibungsfläche ja auch viel kleiner ist.

Ich kann mich nicht entscheiden!

War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass wir mit der Kombination neue Winterreifen + Bus/Zug + Schneeketten für den Notfall + Daheim-bleiben-wenn’s-ganz-schlimm-ist gut bedient wären, komme ich jetzt doch wieder ins Wanken, wenn ich mich so im Internet umschaue. Der nächste Schritt wird wohl ein Besuch bei Däck-Lasse („Reifen-Lars“) sein, dem örtlichen Reifenhändler. Mal sehn, was der sagt…