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Sommerloch.


Wie immer, wenn es hier im Blog stiller wird, liegt das entweder daran, dass in unserem Leben sehr viel oder sehr wenig passiert. Die letzten Schulwochen Anfang, Mitte Juni waren sehr intensiv, wie jedes Jahr. Dieses Jahr stand keine Orchesterreise auf dem Programm, stattdessen bekamen wir Besuch vom Kammerorchester meiner alten Musikschule, das hier zusammen mit unserem Streicherensemble gemeinsam proben und konzertieren und so die schwäbisch-schwedischen Beziehungen, die hier seit gut drei Jahren bestehen, vertiefen sollte.

Der Lieblingskollege und ich hatten – gemeinsam mit unseren Jugendlichen – neben den Proben und Konzerten für die Gäste außerdem ein recht umfangreiches Begleitprogramm organisiert: von Nyckelharpa-Workshop über Kulturwanderung über Sightseeing in Göteborg, ein vorgezogenes Mittsommerfestchen und dem obligatorischen Besuch im Vergnügungspark Liseberg war so ziemlich alles dabei, was man in fünf Tage so reinpacken kann,

Auch wenn man am Ende einer solchen Woche dann auf dem Zahnfleisch geht, weil man mehr oder weniger rund um die Uhr Reiseleiter, Konzertmanager, Ansprechpartner und Problemlöser ist, so gehören solche Events doch zu den Highlights in meinem Job – erst recht, wenn die Zusammenarbeit mit den beteiligten Kollegen so wunderbar funktioniert wie in dieser Woche. Und den Jugendlichen – schwedischen wie deutschen – hat’s super gefallen, die können den Gegenbesuch kaum erwarten. Ein großes Danke an alle, die dabei waren, auch wenns schon wieder drei Wochen her ist!

Nach dieser superintensiven Woche begannen dann offiziell auch unsere Sommerferien. Die Schüler hatten ihren letzten Schultag bereits am 10. Juni, aber die Lehrer arbeiten hier immer noch ein Paar Tage länger, auch wenn für die meisten Lehrer die letzte Arbeitswoche nur noch so locker dahinplätschert mit Abschlusskonferenzen, Schreibtisch aufräumen etc.

Es fiel mir dieses Jahr ziemlich schwer, von Arbeitsmodus auf Ferienmodus umzuschalten, sodass ich die ersten Ferientage aus Gewohnheit weiter in meine Musikschule gegangen bin, um wie ein Junkie langsam die Dosis zu reduzieren und so die schlimmsten Entzugserscheinungen zu vermeiden. Arbetsnarkomani nennt das der Schwede.

Mittsommer war dieses Jahr eines der wärmsten und trockensten, die wir bisher erlebt haben. Nachdem wir die letzten drei Jahre immer beim Lieblingskollegen zuhause eingeladen waren, haben wir dieses Jahr einen weiteren Schritt in Richtung Schwedifizierung gemacht und unsere Freunde zu uns nach Hause eingeladen. Mit eingelegtem Hering und Schnaps und allem Pipapo. Und nicht ein einziges Foto habe ich dieses Jahr an Mittsommer gemacht, so normal hat sich das alles angefühlt…

Nach Mittsommer kam dann erstmal lieber Besuch aus Deutschland, (kein Orchester, „nur“ Freunde), und dann war das Wetter zu blöd zum Wegfahren, sodass wir lieber weitermachen wollten, Türen und Wände zu streichen, um so Stück für Stück den dunkelbraunen 60er-Jahre-Charme Muff aus unserem Haus zu vertreiben. Seit Februar, als wir das Haus gekauft haben, haben wir bereits fünf Zimmer renoviert, aber fertig sind wir noch lange nicht. Die nächsten Projekte sind bereits bestellt: alle Fenster und die Haustür tauschen, aber das lassen wir Profis machen.

Natürlich hätte man aus all diesen Renovierungsarbeiten einen wunderschönen Vorher-Nachher-Blog machen können, mit unendlich vielen Bildern von hässlichen Abwasserrohren und wunderschön hellen, frisch gekachelten oder gestrichenen Räumen, aber ganz ehrlich: das hier ist kein Bastel- und Heimwerkerblog und nach fünf Monaten Baustelle an wechselnden Stellen im Haus isses auch gar nicht mehr soooo cool. Also doch, jede dunkelbraune/dunkelgrüne/beige Wand weniger ist schon sehr cool, aber nicht jeder vermalte Eimer Farbe verdient einen enthusiastisch bebilderten Platz in unserem Blog.

Vor wenigen Tagen haben wir dann aber unsere aktuellstes Projekt abgeschlossen und machen uns seitdem vorsichtig mit dem Gedanken vertraut, dass wir dieses Jahr auch noch Urlaub machen wollen, also richtig Urlaub, so mit wegfahren und so, nicht nur schülerfreie Zeit zum Renovieren. Unser VW-Bus scharrt schon ganz ungeduldig mit den Füßen…

Wettertechnisch war der Sommer dieses Jahr bislang eher im Mai zu verorten und der Druck, wegzufahren daher auch nicht all zu groß – zumal wir ja dorthin gezogen sind, wo wir früher immer Urlaub gemacht haben. Nach wie vor wissen wir sehr zu schätzen, dass ein wunderbarer Badesee und ein Blaubeerwald buchstäblich vor unserer Haustür liegen. Vor fünf Jahren haben wir dafür noch über 1000 km Anfahrt von Süddeutschland in Kauf nehmen müssen, jetzt machen wir die Terrassentür auf…

Trotzdem, man muss auch mal was anderes sehen als die eigenen vier Wände, auch wenn sie gerade so schön neu gestrichen sind. Daher wird die Blogpause hier noch eine Weile andauern, wenn auch aus anderen Gründen. Denn wie ich uns kenne, wird sich die Lust, von unterwegs zu bloggen, eher in überschaubarem Rahmen halten.

Wo es hingeht? Das wissen wir selbst auch noch nicht genau. Kann sein, dass wir aus alter Gewohnheit erst mal 1000 km Richtung Norden fahren…

Den blomstertid nu kommer


Je lauter das Leben, desto leiser ist es hier auf Brevlåda. Vor allem jobmäßig ging es bei uns beiden die letzten Wochen heiß her, denn die in Schweden kurze Zeit zwischen Frühlingsbeginn und Sommerferien will gut genutzt sein: mit Tagen der offenen Türen, Freilichtkonzerten, Orchesterreisen, Sommerfesten und Schulabschlussfeiern. Ja, Schulabschlussfeiern, denn für die Schulkinder beginnen bereits in ganz Schweden Mitte Juni die Sommerferien. Und da Jonas und ich zwar den gleichen Job, aber unterschiedliche Arbeitsstellen haben, multiplizieren sich die Wochenendaktivitäten in unseren Musikschulen, sodass gemeinsame Wochenenden bei uns gerade Mangelware sind. Aber es ist eine schöne Arbeit, und eigentlich können wir uns nicht beschweren.

Wie zur Weihnachtszeit gibt es hier für den Sommer eine Reihe von Liedern, die hier jedes Kind jedes Jahr spielen oder singen will. Eines davon ist „Den blomstertid nu kommer“ (ungefähr: Jetzt kommt die Zeit der Blumen). Die Real Group singt das auch nur halb so schwülstig wie die Schulchöre bei den Abschlussfeiern:

Passend dazu sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe, auf der Terrasse und gucke zufrieden auf den frisch gemähten Rasen und das einzige, was ich höre (neben der Real Group also), ist Vogelgezwitscher und Insektengebrumm. Der Garten ist gerade unsere liebste Baustelle, wenn wir mal am Wochenende zuhause sind.

[Wer sich nicht für Gartenarbeit interessiert, braucht jetzt nicht mehr weiterlesen.]

Als wir hier einzogen, war der Garten ein Sturzacker und wir mussten im letzten Jahr erst mal Rasen säen. Wobei wir tatsächlich nur den Rasen säen mussten, denn die ganze Vorarbeit dazu, wie z.B. Steine aus der Erde buddeln und den Boden vorbereiten, erledigte unser Vermieter für uns.

Im Herbst halfen uns dann unsere Eltern, ein wenig Leben in den Garten zu bringen und so waren wir dieses Jahr sehr gespannt, was sich da im Frühling alles – geplant oder unerwartet – aus der Erde schieben würde. Kommt doch mal mit auf einen kleinen Spaziergang durch unseren Garten…

Ungefähr mit den Krokussen kam die Schachblume: selten, giftig und hübsch und ganz ohne unser Zutun. Ebenfalls von alleine tauchten die letzten zwei Wochen an verschiedenen Ecken im Garten diese rosa Blümchen auf, die hier ganz ausgezeichnet mit der rostigen Fahnenstange harmonieren, findet ihr nicht? Ich glaube, das ist Storchenschnabel. Neu ist auch die Forsythie, deren Blüte wir dieses Jahr leider verpasst haben, weil sie da noch in einem holländischen Gewächshaus stand.

Forsythiengelb kommt auch gerade Jonas‘ Liebkind, der Ginster, der jetzt auf dem Weg ist, richtig toll vor unserer Frühstücksterrasse zu blühen. Uneingeladen, aber höchst willkommen ist das kleine Erdbeerpflänzchen, dass da ebenfalls vor der Terrasse blüht. Was können wir tun, damit sich das da wohlfühlt und ausbreitet?

Zur Gartenverschönerung dieses Jahr erheblich beigetragen hat ein zwei Meter hoher Lattenzaun, den unser Vermieter zwischen sein und unser Grundstück gesetzt hat. Nun sind wir ja eigentlich keine Menschen, die sich unbedingt einzäunen müssen, aber unser Nachbar handelt mit gebrauchten Baggern und die Aussicht auf die ganzen Baumaschinen war nur so mäßig schön. Daher sind wir eigentlich ganz froh über den Zaun, zumal er im Moment noch ganz wunderbar nach frischem Holz duftet. Auf lange Sicht soll der gut 40 Meter lange Zaun aber hinter Sonnenblumen, wildem Wein und Clematis verschwinden. Der Anfang ist gemacht…

Durch unsere Rodungsaktion vor einigen Wochen haben wir jetzt zwar viel mehr Licht, aber leider auch ungetrübte Aussicht auf die Straße, wenn wir in der Sonne frühstücken. Deswegen haben wir kürzlich eine Apfelbeerenhecke angelegt, die im Moment noch kaum höher als ein handelsüblicher Löwenzahn steht, aber angeblich schnellwachsend sein soll, warten wirs ab…

Gehen wir mal auf die andere Seite vom Haus.

Die beiden Obstbäume, die wir im Herbst zum Einzug geschenkt bekommen haben, haben den Winter gut überlebt und ein Ast, den wir vergessen hatten zu beschneiden, hat auch sehr schön geblüht. Vielleicht wächst da ja im Herbst eine Birne…

Gesellschaft haben die beiden Bäumchen vor kurzem durch eine Wäschespinne bekommen und jetzt haben wir sozusagen einen richtigen „Nutzgarten“.

Zusammen mit den Obstbäumen haben wir im Herbst auch noch zwei Flieder und einen Rhododendron gepflanzt. Beiden Fliedern gehts prächtig, einzig der Rhododendron sieht ein bisschen kümmerlich aus, die immergrünen Blätter sind verdächtig gelb. Vielleicht ist es ihm zu sonnig, seitdem wir die Bäume nach Süden gefällt haben? Tipps zur Rhododendronrettung sind willkommen!

Auch heute morgen war ich schon fleißig und habe zwei Drahtgestelle für Kompost hinten am Bahndamm aufgestellt. Noch halten sich die Gartenabfälle zwar in Grenzen, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Getreu dem Titel dieses Artikels ist die „Schmuddelecke“ unseres Gartens gerade ein Blumenmeer von Vergissmeinnicht und auch die Lupinen geben sich alle Mühe, bis Mittsommer ihre volle Pracht zu entfalten. Und wenn die Heidelbeeren nachher so tragen, wie sie gerade blühen, dann kriegen alle Besucher hier bis Weihnachten nur noch Blaubeerpfannkuchen!

Apropos Pfannkuchen, ich muss jetzt auch Schluss machen, denn ich hab heute noch was vor:

 

Vildmark


»Warum seid ihr denn nach Schweden gezogen? Deutschland ist doch so schön!«

Diese Frage habe ich nicht erst einmal hier in Schweden gehört; beim Nachbarn ist das Gras halt immer grüner. Die Schweden sind fasziniert von den Alpen und vor allem von schönen deutschen Fachwerkstädten und dabei vergessen sie gerne die schwedischen Vorteile, die sie genießen: Platz, Seen, Natur,… Selbst wenn man mitten in Göteborg oder Stockholm wohnt ist es nie weit in die vildmark (= Wildnis). Natürlich hat nicht jeder gleich das norrländische fjäll oder die riesigen Wälder vor der Tür, aber selbst die städtischen Parks und Wäldchen sind hier irgendwie wilder und laden zum Pilze sammeln und Beeren pflücken ein.

Eine solche kleine Vildmark fängt direkt hinter unserem neuen Zuhause an. Zu beiden Seite der Straße nach Borås liegt ein Naturschutzgebiet rund um den Fluss Viskan, der hier in den Öresjön mündet. Direkt nach dem Umzug haben wir schon eine kleinere Erkundungstour des Gebiets unternommen und heute wollte ich mir das ganze noch einmal durch die Kameralinse ansehen, denn es hat gestern und heute ordentlich geschneit und draußen war es den ganzen Tag wunderschön. Auch ohne Sonne.

Was die Schweden bewegt: Blingon


Blaubeeren sind in Schweden bekanntlich keine Seltenheit. Und wenn ich jetzt schreibe, dass es hier auch viele Preiselbeeren gibt, wird das auch keinen überraschen. Zu jedem ordentlichen IKEA-Essen gehört schließlich ein ordentlicher Löffel Preiselbeerkompott. Die Waldböden sind zwar mit Preiselbeeren nicht ganz so überwuchert wie mit Blaubeeren, lange suchen muss man aber weder die einen noch die anderen.

Sowohl Preisel- als auch Blaubeeren wachsen gerne in lichten Kiefernwäldern, was wohl daher rührt, dass beide derselben Gattung angehören, nämlich den Heidelbeeren. Und da sie gerne dicht beieinander wachsen und manchmal gleichzeitig blühen, kann es passieren, dass eine Biene oder Hummel erst eine Blüte der einen und dann – vollgepackt mit Pollen – die der anderen anfliegt. Das passiert zwar nicht häufig, und der so entstehende Hybrid trägt auch noch seltener Früchte, aber neulich wurden in Bohuslän tatsächlich Beeren tragende Blingon entdeckt (aus blåbär = Blaubeere und lingon = Preiselbeere). Das schwedische Kofferwort finde ich übrigens wesentlich schöner als den deutschen Namen: Bastard-Heidelbeere. Die Alternative Mittlere Heidelbeere ist auch nicht viel besser. Die deutsche Seite von Radio Schweden war da mit Heiselbeere doch wesentlich kreativer. Schwedische Botaniker machen sich indes Sorgen um die Gleichberechtigung und schlagen als Namen Blågon vor.

Blühende Heiselbeere (Quelle: Sveriges Radio)

Und zum Schluss noch die schlechten Nachrichten: Blingon sind anscheinend kein großes Geschmackserlebnis und die Samen treiben so gut wie nie aus. Es wird also nichts mit einer neuen Lieblingsbeere beim Waldspaziergang in ein paar Jahren.

Unnützes Partywissen über Schweden: Blaubeeren


Blaubeeren – größtenteils abgegessen

Schweden ist ein großes Land – zumindest für europäische Verhältnisse. Mit 450.000 km² liegt es hinter dem europäischen Teil Russlands, der Ukraine, Frankreich und Spanien an fünfter Stelle in der Liste der größten Staaten Europas. Zum Vergleich: Deutschland müsste sich schon mit Ungarn oder Portugal zusammentun, um auf diese Grüße zu kommen. Dabei ist Schweden gleichzeitig vergleichsweise menschenleer: Ortschaften machen gerade einmal 1,2 % der Fläche Schwedens aus (einzelne Häuser im Wald werden von der Statistik nicht erfasst).

grün= Wald, hblau = Wasser, türkis = Moor, ocker = Sonstiges

Viel Platz also für anderes, wie Wasser (8,9 %), Moor (8,7 %), Äcker und Weiden (7,7 %), Heide (7,7 %) und Golfplätze (0,05 %). Den Löwenanteil der schwedischen Fläche macht aber – und jetzt die große Überraschung: – Wald aus. Mehr als zwei Drittel Schwedens sind bewaldet, was in Deutschland ungefähr der Fläche der alten Bundesländer entspricht. Würde man dann noch Thüringen und Sachsen-Anhalt unter Wasser setzen und Brandenburg in ein Moor verwandeln, hätte man ein wunderbares Abbild Schwedens geschaffen. Übrig bleiben Berlin, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern für den sonstigen Gebrauch.

Gestern war ich im Supermarkt, und in schwedischen Supermärkten gibt es etwas, was ich aus Deutschland nicht kenne: Tiefgefrorene Beeren als lose Ware, darunter natürlich auch (wilde) Blaubeeren. Über der Kühltruhe mit diesen Beeren fand sich zu jeder Sorte ein kleiner Text, aus dem ich beispielsweise entnehmen konnte, dass die Gartenerdbeere – im Gegensatz zur heimischen Walderdbeere smultron – erst im späten 18. Jahrhundert nach Schweden kam und dass ihr schwedischer Name jordgubbe (frei übersetzt: kleiner Erdklumpen) erst seit 1841 belegt ist. Und auch über die Blaubeere habe ich etwas Interessantes gelernt: Dass es in Schweden viele Blaubeeren gibt, wusste ich natürlich schon, immerhin ist der Wald hinter unserem Haus voll davon. Dass aber ganze 17 % der Fläche Schwedens mit Blaubeerbüschen bedeckt sind, fand ich dann doch sehr beeindruckend. In der Karte muss man damit Niedersachsen und Schleswig-Holstein als „Wald mit Blaubeeren“ betrachten!