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Corona-Wanderungen: Bamsestigen


Bamse, der stärkste Bär der Welt, ist eine beliebte schwedische Bilderbuch-, Comic- und Zeichentrickfigur für Kinder. Man könnte daher meinen, dass die nach Bamse benannte Runde eher kurz und damit besonders kinderfreundlich wäre. Der Heimatverein von Rångedala findet allerdings, dass der stärkste Bär der Welt auch die längste Wanderung schafft, und so wählte man den Namen für einen gut neun Kilometer langen Weg mit einem ordentlichen Berg in der Mitte.

Letzten Sonntag haben wir diese Strecke zusammen mit Annikas Lieblingskollegen und Frau ausprobiert. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer wunderschönen smultronställe (Stelle, an der man Walderdbeeren findet. Sprichwörtlich für versteckter Lieblingsort) vorbei. Eine Bank auf einer kleinen Insel in einem verzweigten Bachlauf, komplett mit alter Steinbrücke.

Der Weg führt nun über Schotterwege durch lichten Wald, bis man auf die alte Bahnlinie zwischen Borås und Ulricehamn trifft, die heute zum Fahrradweg ausgebaut ist. Nach einigen Minuten auf der ehemaligen Trasse geht es wieder auf gut ausgebaute Waldwege. Am Ende eines ziemlich langen Anstiegs biegt man auf einen kleinen Pfad ab, der wieder bergab führt. Die vor einigen Jahren gebaute Autobahn zwingt einen, parallel zur stark befahrenen Straße zu gehen, nicht gerade der Höhepunkt der Wanderung. Zum Glück ist dieses Stück nur kurz und zurück im Wald trifft man auf eine sehr alte Überlandstraße, auf der im 18. Jahrhundert ein Postraub stattgefunden haben soll. Das letzte Teilstück verläuft dann durch Kulturlandschaft mit offenen Wiesen und vielen alten Trockenmauern.

 

Corona-Wanderungen: Autobahnraststätte Boråstorpet


Vor zwei Wochen mussten wir mit dem Wohnmobil zur besiktning, zum TÜV. Da wir wegen der Fahrzeughöhe damit in eine Werkstatt müssen, die ein Stück außerhalb von Borås liegt, mussten wir ein Stück Autobahn fahren. Wenn ihr mal die Autobahn „Riksväg 40“ von Göteborg Richtung Jönköping fahrt, empfehlen wir einen Stopp an der Raststätte „Boråstorpet“, die bereits mehrfach zu Schwedens schönster Raststätte gekürt wurde.

Raststätte Boråstorpet an der Autobahn R40 Göteborg-Jönköping. Bild: https://hemslojden.org/forening/borastorpet/

Während der Sommermonate wird in dem historischen Gebäude der Raststätte „hantverk“ verkauft: Geschnitztes, Geschmiedetes, Gestricktes, Genähtes und man kann sehr schön seinen Kaffee am See trinken. Es gibt auch ein paar kleinere Spazierwege. Einer davon führt einen Fußgängertunnel unter der Autobahn, durch einen Trollwald an einen See, den Stora Kolsjö, ca 1 km von der Raststätte. Hier könnte man im Sommer sogar baden, doch als wir Mitte März dort waren, war der See noch gefroren.

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Wenn es nicht so nahe an zuhause wäre, ich würde meine Reisen immer so planen, dass ich hier anhalten müsste!

Corona-Wanderungen: Am Fluss entlang


Am gestrigen Freitag mussten wir irgendwie den Beginn unserer Osterferien feiern. Auf dem Heimweg vom Job, 3 km vor zuhause, fuhren wir einen kleinen Umweg, ließen das Auto am Wegesrand stehen und wanderten eine für uns völlig neue Strecke. Dass wir nach über 7 Jahren so nah von zuhause noch unbekannte Strecken finden, sagt mehr über unsere Umgebung als über uns!

Der Weg führte über sonnige Wiesen, immer am Fluss entlang. Dann über ein idyllisches Brückchen und auf der anderen Flussseite wieder zurück. 3,2 km, ein netter Feierabendspaziergang.

Die Strecke war kein beschilderter Weg, sondern ein Geheimtipp von Freunden, die dort wohnen. Daher auch keine genauere Wegbeschreibung, sondern nur ein kleines Video (Zum Vergrößern draufklicken.)

Dringend wiederholenswert!

Corona-Wanderungen: Um den Pickesjön


Es ist ja nicht so, dass wir hier in Schweden nach wie vor das ganz große Freizeitangebot hätten, auch wenn wir hier keinen Lockdown haben wie viele andere Länder. Gerade kulturmäßig geht hier in Schweden auch nichts mehr, jedenfalls nicht offline. Bleibt uns noch das andere: raus in die Natur. Und – ich weiß, das ist jetzt für viele von euch schwer zu hören – was das angeht, sind wir hier wirklich privilegiert. Nach über sieben Jahren am selben Ort sind Jonas und ich zwar auch schon etwas „hemmablind“ geworden – also blind für die Schönheit dessen, was vor der eigenen Haustür liegt – aber nach wie vor können wir hier immer noch neue Wege entdecken, ohne vorher weite Strecken mit dem Auto zurücklegen zu müssen. Und das Angebot ist groß, man tritt sich also nicht auf die Füße.

Weil wir unsere Hausstrecke – eine Runde ab Haustür von ca 60 Minuten durch überwiegend Naturschutzgebiet – aber gerade auch etwas satt haben, haben wir dieses Frühjahr sehr aktiv begonnen, neue Gebiete zu erkunden. Zusammen mit dem Lieblingskollegen und seiner Frau haben wir jetzt einen ganzen Stapel an Wanderungen vor uns, die wir dieses Jahr abarbeiten wollen.

Heute zum Beispiel haben wir den Pickesjön umrundet.

 

Vom Parkplatz am „Regementet“, der alten Kaserne, ging es am Schießübungsplatz vorbei (dort tummelten sich die Rentner), teils über geschotterte Waldwege, teils Wanderwege bis zum Wanderparkplatz Pickesjön. Ca 30 Autos, aber das verläuft sich dort. Um den See einige schöne Grillplätze und Aussichtsplätze. Leider hört man die Autobahn bei ungünstigem Wind ziemlich gut und der See ist relativ stadtnah, daher an Sommerabenden vermutlich alles andere als einsam…

Frühlingszeichen: Huflattich und Wildgänse. Wiederholenswert!

Nebel über Borås


Gut, das ist eigentlich nichts besonderes, immerhin ist Borås in ganz Schweden als Regen- und Nebelloch bekannt. Normalerweise legt sich allerdings eine dicke weiße Suppe über die Stadt. Heute war das anders: Kurz nachdem ich von zu Hause losgefahren war, wurde es diesig und die Sonne bekam einen gelb-bräunlichen Halo. Als ich dann auf die Haupt-Einfallsstraße einbog, konnte ich eine große Rauchsäule sehen und viel weiter kam ich auch nicht auf meiner gewohnten Route. Stattdessen wurde der Verkehr auf zwei kleinen Nebenstraßen um das große Gewerbegebiet Knalleland umgeleitet. Der Grund? Ein Großbrand, der es heute bis zur Schlagzeile in den nationalen Nachrichten gebracht hat.

In einem ehemaligen Industriekomplex, der heute von diversen Firmen und Vereinen genutzt wird, war in einem Stofflager ein Gabelstapler in Brand geraten. Um 9 Uhr ging der Alarm bei der Feuerwehr ein, die nur eine Autominute von dem Gebäude entfernt liegt. Allerdings konnte man lange nicht wirklich löschen, da sich Gasflaschen beim Brandherd befanden, und so stand bald ein Drittel des Komplexes in Flammen. Erst am späten Nachmittag war der Brand unter Kontrolle. Bis dahin hatte man nur versucht zu verhindern, dass das Feuer auf weitere Bereiche überspringt.

Die Fahrt zum Job dauerte doppelt so lange, zumal die Kulturschule nur wenige hundert Meter vom Großeinsatz entfernt liegt. Einige Schüler kamen nicht oder zu spät und als ich um 19 Uhr nach Hause fuhr, gab es immer noch eine großräumige Umleitung. Während ich dies hier um kurz vor Mitternacht schreibe, laufen die Löscharbeiten laut Zeitungsangaben weiter, viele Einsatzkräfte sind vor Ort.

Wer sich ein Bild machen möchte, hier ein kurzes Video:
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/vast/svt-s-reporter-rapporterar-fran-storbranden

9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!

4. Dezember: Jauchzet frohlocket


Leider steht Borås als alte Arbeiterstadt kulturell nicht immer in allerster Reihe. Und auch nicht in zweiter, vor allem, was Musik anbelangt. Aber immerhin: wir haben ein semi-professionelles Sinfonieorchester, einen sehr aktiven Kammermusikverein, der wirklich gute Leute in die Stadt holt und sogar einen Verein für Neue Musik (mit ziemlich großem N (Achtung, Musikerinsiderwarnung)); außerdem noch eine ganze Reihe Amateurensembles wie zum Beispiel eine ziemlich gute Big Band (die Annikas Lieblingskollege leitet), einen Kammerchor (den ich neuerdings zur Hälfte leite, aber dazu wann anders mehr), ein kleines Kammerorchester, eine Brass Band und mit Sicherheit noch einiges mehr; und manche unserer Kollegen werden auch ab und zu aktiv und stellen musikalische Projekte auf die Beine.

Was bis letztes Jahr allerdings völlig an mir vorbeigegangen war, sind die zwei Oratorienchöre der Stadt. Gut, zugegeben, die Chöre teilen sich mindestens achtzig Prozent der Mitglieder, aber wenn man zwei große Kirchen mit engagierten Kirchenmusikern hat, wollen natürlich beide große Projekte auf die Beine stellen. Letztes Jahr wurde ich zweimal als Aushilfe im Orchester eingekauft (Brahms- und Mozart-Requiem), dieses Jahr werden es insgesamt sogar dreimal sein. Wieder Mozart (das macht die Carolikirche jedes Jahr), dazu übernächstes Wochenende Händels Messias und am vergangenen Sonntag, wie sich der aufmerksame Überschriftenleser jetzt mit Sicherheit denken kann, Bachs Weihnachtsoratorium (Teile eins bis drei). Zuletzt habe ich das Oratorium in Karlsruhe mit der Hochschule gespielt, inklusive Coaching in historischer Aufführungspraxis. Auf diesem Niveau bewegte sich diese Aufführung natürlich nicht, eher so, wie man es sich von einer mittelgroßen Stadt erwartet. Das größte Problem war wie immer in der Gustav-Adolfs-Kirche die Akustik, die einem das Leben echt nicht leicht macht. Aber alles in allem war es doch eine ganz solides Konzert, und vor allem war es eine Freude, endlich einmal wieder dieses fantastische Werk zu spielen.