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9. Dezember: Knall(e)


Knalle ist das lokale Wort für einen fahrenden Händler und ein wichtiger Teil der Boråser Identität. Die Gegend um Borås, auch Sjuhärad genannt, war früher arm und für Landwirtschaft aufgrund der kargen Böden nur bedingt geeignet. Gleichzeitig war der schwedischen Krone die Loyalität der Menschen hier aber sehr wichtig, handelte es sich doch lange Zeit um eine Grenzregion zum Erzfeind Dänemark. Daher gab man den Bewohnern das Recht, auch außerhalb von Märkten Handel zu treiben. Vor allem mit Wolle und Stoff machten sich über mehrere hundert Jahre die knallar auf in alle Teile Schwedens, um mit ihren Waren von Tür zu Tür zu ziehen.

An verschiedenen Stellen in Borås ehrt man diese Vergangenheit: mit Straßennamen, Kunstwerken und Betonabsperrungen (diese Dinger, den Straßenverkehr aus autofreien Straßen fernhalten, sehen hier aus wie ein rastender Wanderer).

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Ein fahrender Händler – Verkehrsabsperrung in Borås (Quelle: www.ubab.se)

Außerdem heißt das örtliche Shoppingcenter auf der grünen Wiese Knalleland. Da bin ich heute hingefahren, um ein paar schnelle Besorgungen zu erledigen. An einem Adventssonntag. Ich glaub‘, ich hab ’nen Knall!

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4. Dezember: Jauchzet frohlocket


Leider steht Borås als alte Arbeiterstadt kulturell nicht immer in allerster Reihe. Und auch nicht in zweiter, vor allem, was Musik anbelangt. Aber immerhin: wir haben ein semi-professionelles Sinfonieorchester, einen sehr aktiven Kammermusikverein, der wirklich gute Leute in die Stadt holt und sogar einen Verein für Neue Musik (mit ziemlich großem N (Achtung, Musikerinsiderwarnung)); außerdem noch eine ganze Reihe Amateurensembles wie zum Beispiel eine ziemlich gute Big Band (die Annikas Lieblingskollege leitet), einen Kammerchor (den ich neuerdings zur Hälfte leite, aber dazu wann anders mehr), ein kleines Kammerorchester, eine Brass Band und mit Sicherheit noch einiges mehr; und manche unserer Kollegen werden auch ab und zu aktiv und stellen musikalische Projekte auf die Beine.

Was bis letztes Jahr allerdings völlig an mir vorbeigegangen war, sind die zwei Oratorienchöre der Stadt. Gut, zugegeben, die Chöre teilen sich mindestens achtzig Prozent der Mitglieder, aber wenn man zwei große Kirchen mit engagierten Kirchenmusikern hat, wollen natürlich beide große Projekte auf die Beine stellen. Letztes Jahr wurde ich zweimal als Aushilfe im Orchester eingekauft (Brahms- und Mozart-Requiem), dieses Jahr werden es insgesamt sogar dreimal sein. Wieder Mozart (das macht die Carolikirche jedes Jahr), dazu übernächstes Wochenende Händels Messias und am vergangenen Sonntag, wie sich der aufmerksame Überschriftenleser jetzt mit Sicherheit denken kann, Bachs Weihnachtsoratorium (Teile eins bis drei). Zuletzt habe ich das Oratorium in Karlsruhe mit der Hochschule gespielt, inklusive Coaching in historischer Aufführungspraxis. Auf diesem Niveau bewegte sich diese Aufführung natürlich nicht, eher so, wie man es sich von einer mittelgroßen Stadt erwartet. Das größte Problem war wie immer in der Gustav-Adolfs-Kirche die Akustik, die einem das Leben echt nicht leicht macht. Aber alles in allem war es doch eine ganz solides Konzert, und vor allem war es eine Freude, endlich einmal wieder dieses fantastische Werk zu spielen.

Endlich hip!


Seit heute morgen bin ich endlich auch ein hipper Social-Media-Junkie. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir Instagram heruntergeladen und jetzt können alle meinem Alltag folgen. Zum Glück aber nur auf Zeit, denn ich instagramme nicht privat, sondern für meinen Job. Folgen kann man mir unter boras_kulturskola und #boraskulturskola.

Wen’s interessiert…

Regimentsmarsch


Dritter Oktober. Der Morgennebel hat sich schon fast aufgelöst, als wir in der Ferne die ersten Töne der Militärblaskapelle hören. Als wir näherkommen, sehen wir auf der großen Wiese Männer und Frauen in Tarnfleckuniform mit großen Marschrucksäcken und einige Einsatzhunde. Dahinter nimmt die berittene Truppe in historischen Uniformen Aufstellung, daneben das Jugendbataillon, ebenfalls in Tarnfleck. Der Oberstleutnant steht alleine in der Mitte der Wiese und brüllt Befehle. Die Fahnenträger hinter ihm starren regungslos geradeaus.

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Schwarz-gelb, die Farben des Älvsborg-Regimentes

Beim nächsten Marsch paradieren die Fahnenträger um das Denkmal und machen sich dann zum Abmarsch bereit. Oberstleutnant, berittene Truppe und die Tarnfleckuniformierten nehmen ebenfalls Aufstellung an…

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Links der Gedenkstein anlässlich der Niederlegung der hiesigen Garnison.

Nein, wir haben am Samstag nicht den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Vor 101 Jahren wurde der Regimentsstandort in unserem Ort aufgelöst und 20 km weiter südlich nach Borås versetzt. Einige betrauern das offenbar noch heute und daher findet einmal jährlich ein Gedenkmarsch statt, der von der Hemvärnet organisiert wird.

Hemvärnet, das ist etwas, wofür ich keinen deutschen Begriff habe, was entweder an mangelnden Sprachkenntnissen liegen mag oder an meinem grundsätzlichen Desinteresse für militärische Organisationen. Aber mein Lieblingskollege U., selbst ein ehemaliger Militärmusiker, hat am Wochenende einiges an Aufklärungsarbeit und Heimatkundeunterricht geleistet. Die Hemvärnet ist eine militärische Freiwilligenorganisation, die der schwedischen Armee unterstellt ist und im Besatzungsfall wichtige zivile Einrichtungen verteidigen soll, aber auch bei Naturkatastrophen eingesetzt wird (in dem Punkt ähnelt es dem deutschen THW). Jeder Hemvärnssoldat verwahrt seine militärische Ausrüstung zuhause, manche Bataillone haben sogar ihre Waffen in privater Aufbewahrung.

Hätte U. uns nicht auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht, wir hätten uns nie dafür interessiert, geschweige denn daran teilgenommen. Zuviel Militär, zuviel (Lokal)Patriotismus und zuviele alte Männer, die Krieg spielen, so meine Vorurteile. Ich, die ich in einem Pazifistenhaushalt aufgewachsen bin, bekomme irgendwie immer sofort gewisse Assoziationen, wenn ich Militärparaden sehe und nicht gerade ein Verteidigungsminister verabschiedet wird. Aber man hat mir versichert, dass die Hemvärnet kein Sammelbecken für Menschen mit brauner Gesinnung sei, im Gegenteil.

Vom Morgenappell mal abgesehen, war es dann aber ein weitgehend ziviler Tag – und ein sehr schöner noch dazu. Die 20 km lange Wanderung – neben den Uniformierten nahmen auch noch 50-60 Zivilisten an dem Marsch teil, darunter eben auch U., seine Frau I., Jonas und ich – führte über lange Strecken durch bunte Herbstwälder an unserem „Haussee“ entlang, bei schönem Sonnenschein und angenehmen 15 Grad. Entlang der Strecke gab es dann noch zwei Verpflegungsstationen mit Zuckerwasser und Zuckerbrötchen. (Unangepasst und deutsch wie wir sind, hatten wir auch unser eigenes Picknick dabei, worüber ich angesichts des labberigen Zuckerwassers ganz froh war.)

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Die meiste Zeit führte der Weg durch den Wald, auf angenehmen Wanderwegen, nur das letzte Stück war asphaltiert.

Als wir nach vier Stunden am Ziel ankamen, erwartete uns an der Kaserne stilecht eine Gulaschkanone mit deftigem Mittagessen. Und – typisch schwedisch – jeder Teilnehmer, der die volle Strecke gegangen war, erhielt eine Goldmedaille (oder welches Metall das nun sein mag). Hurra, hurra.

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Jeder Teilnehmer, der die 20 km gewandert ist, hat „etwas geleistet“ und sich eine Medaille mit dem Wappen des Älvsborgsregimentes verdient.

Die alte Garnison bei uns im Ort beherbergt übrigens heute die Volkshochschule und einen unserer schönsten Konzertsäle im Jugendstil mit ordentlichem Flügel. Insofern bin ich persönlich gar nicht so unglücklich, dass wir kein Regiment mehr am Ort haben…

Im Theater


Jetzt wohnen wir schon seit fast zwei Jahren in Borås, aber bisher hatten wir es noch nie ins hiesige Stadtthater geschafft – dabei darf ich als Kulturverwaltungsangestellter alle Vorstellungen gratis besuchen. Aber am Samstag haben wir uns dann endlich einmal mit Freunden verabredet, um uns die Oper das Singspiel das Musical das Dreigroschenoper-ähnliche Theaterstück „Ingvar! – En musikalisk möbelsaga“ für sieben singende Schauspieler, Harmonium/Klavier und Geige anzuschauen.

Der Plot: Pünktlich zur Weltwirtschaftskrise entsendet der gütige Kapitalismus seinen eingeborenen Sohn, den Erlöser von allem Bösen – Ingvar Kamprad – auf die Welt. Dieser vollbringt das Wunder IKEA, bis er auf Grund seiner zweifelhaften Doppelmoral von seinen Jüngern verraten und hingerichtet wird, aber schlussendlich wieder aufersteht, da sich ein echter Småländer, geizig und gewitzt, nicht so leicht unterkriegen lässt. Vertont ist das Ganze als eine herrlich ironische Mischung aus schwedischer Volksmusik, barockem Oratorium und kapitalistischem Jazz.

Auf YouTube gibt es das ganze Stück in einer Inszenierung aus Malmö. Besonders sehenswert – auch ohne allzuviel Textverständnis – finde ich die Szene, in der Ingvar die göttliche Eingebung bekommt, dass man für ordentlichen Profit einfach nur alle schwedischen Klischees – Elche, Dynamit und politische Neutralität – richtig vermarkten muss.

Den Schluss versteht man auch völlig ohne Text:

Ein großartiger Abend. Sollte das Stück in eurer Nähe irgendwann einmal gespielt werden: unbedingt anschauen!


Im Original ist das Stück auf deutsch geschrieben, und zwar 2009 unter dem Titel „Das Wunder von Schweden – Eine musikalische Möbelsaga“ von Erik Gedeon und Klas Abrahamsson. Einen kleinen Trailer von der Uraufführung gibt es hier.

Kurztrip: midsommar in Schweden


Der Schlussspurt vor den Sommerferien war dieses Jahr besonders intensiv, weil mein Kollege, der unser Orchester leitet und ich irgendwann letzten Herbst beschlossen hatten, einen Jugendorchesteraustausch mit meiner früheren Musikschule, an der ich selbst Schülerin war, anzuleiern. Es war eine wahnsinnig intensive Woche und es hat unglaublich viel Spaß gemacht, als Reiseleiterin durch meine neue Heimat zu führen. Meine Mutter hatte sich als Betreuerin unter das deutsche Orchester gemischt und einen Reisebericht auf ihrem Blog veröffentlicht, den ich hier mit freundlicher Genehmigung reblogge. Danke, Mama!

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Ich war zwar erst eine Woche daheim, aber diese Gelegenheit musste ich nutzen. Das  Jugendblasorchester der Musikschule Heidenheim hatte eine Einladung von der Musikschule Fristad in Schweden und im Bus war noch ein Platz frei für mich.

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Während der 18stündigen Fahrt über weitgehend leere Autobahnen und zwei Fähren wurde es kaum dunkel, bereits um 2:30 Uhr ging die Sonne wieder auf.

P1060934Irgendwann am Vormittag kamen wir endlich an,

P1060937und nachdem die Zimmer verteilt waren, ging es gleich los. Erst einmal zum badplats, das schöne warme Wetter war verlockend,

P1060942und schon hupften die ersten ins Wasser.

P1060940Die nächsten folgten,

P1060941und bald waren fast alle im Wasser.

P1060947Am nächsten Tag stand die Musik im Vordergrund. Auf dem zentralen Platz in Borås vor dem Landgericht wurde zur Mittagszeit aufgebaut

P1060963P1060967und schon legten die Heidenheimer los.

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Viele Passanten blieben stehen, einige ließen sich von der schwungvollen Musik mitreißen

P1070018und auch unser Busfahrer riskierte einen…

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Bombenwetter


Högsommar (Hochsommer) – so lautete die Überschrift für den heutigen Wetterbericht. Und das war definitiv nicht übertrieben bei Temperaturen bis 30°C und Gewitterluft.

„Was ein Bombenwetter“ dachte sich daher wohl ein Spaßvogel mit einem etwas kranken Sinn für Humor, als er gegen neun Uhr per E-Mail eine Bombendrohung an das Boråser Tingsrätt (Gericht) schickte und damit kurzerhand die ganze Innenstadt lahm legte. Die ganze Region schickte Polizisten zur Verstärkung und aus Göteborg kam ein Spezialtrupp, um die Bombe vor der angekündigten Detonation um drei Uhr nachmittags zu finden. Mittlerweile sieht es aber so aus, als ob es nie eine Bombe gegeben hätte, denn weder hat man etwas gefunden, noch gab es eine Explosion. Auch die Hintergründe der Drohung bleiben bisher schleierhaft, da heute noch nicht einmal ein kontroverser Prozess im Gericht stattfinden sollte.

Das Sperrgebiet rund um das Gerichtsgebäude mitten in der Boråser Innenstadt. (Quelle: Borås Tidning)

Seltsam ist auch, wie manche Leute auf so eine Bombendrohung reagieren: In der Musikschule, die nur wenige hundert Meter vom Gericht entfernt liegt, herrschte eine etwas nervöse Anspannung, als es auf drei Uhr zuging, die durch flapsige Bemerkungen („in drei Minuten knallt’s“) verdrängt wurde – das fand ich irgendwie verständlich. Warum man aber unbedingt auf die Straße gehen muss, um auch wirklich hautnah mit dabei zu sein, ist mir ein ziemliches Rätsel.

„Det här är ju det första bombhotet i Borås på säkert 40 år, det vill man ju inte missa så vi bestämde oss för att gå ut på gatan i stället för att sitta inne.“
Das ist ja das erste Mal seit 40 Jahren, dass wir hier in Borås eine Bombendrohung haben. Das will man ja nicht verpassen, deshalb sind wir raus gegangen anstatt drinnen in der Bude zu hocken.
(Quelle: Borås Tidning)

Seit halb fünf ist die Innenstadt wieder freigegeben und Wochenendshopping oder Feierabendbier steht nichts mehr im Wege. Die Polizei hat eine Untersuchungen wegen olagligt hot (illegale Drohung) eingeleitet. Wir hingegen nutzen das Bombenwetter für etwas sinnvolleres: Jetzt wird nämlich die Badesaison eröffnet.