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Ikea, Datenschutz, Plätzchen, Trödel


Wenn man an einem Samstagnachmittag in den Weihnachtsferien im größeren der beiden Göteborger Ikeas einen Kollegen aus Jonas Musikschule trifft und gemeinsam Köttbullar mit Preiselbeeren isst, ist man dann angekommen?

Wir haben jetzt Deckenlampen für alle Zimmer.  Im Gegensatz zum Internet. Das dauert noch, wir haben unseren Internet-Stick mal vorsichtshalber für eine Woche aufgeladen. Es liegt aber anscheinend nicht an Telia (was unser erster Verdacht war), sondern vermutlich an einer alten Steckdose, die nicht mehr so tut wie sie soll. Nächste Woche kommt ein Tele-TubbyTechniker.

Rein formell war der Umzug übrigens ein Klacks – von unserem Internetproblem mal abgesehen. Ganz bequem konnten wir uns mit unserem schwedischen elektronischen Personalausweis und einem Kartenlesegerät auf der Homepage des Finanzamtes ausweisen (das hier die Funktion des Einwohnermeldeamtes erfüllt) und unsere Adresse online ändern. Das Skatteverket informiert dann auch automatisch alle anderen Behörden über unsere neue Adresse: Krankenkasse, Rentenkasse, Ausländerbehörde und was sonst noch so überlebenswichtig ist. Darüber hinaus konnte man am Ende der Prozedur noch in einer Liste freiwillig ankreuzen, welche Firmen und Organisationen sonst noch so über die neue Adresse informiert werden sollten. Diese Liste umfasste wohl über hundert Posten, angefangen bei Banken, Mieterbund und Gewerkschaften, über Greenpeace und Jugendherbergsverband bis hin zu Lokalzeitungen und Fitnessstudios. Praktisch, oder? Und jetzt kommt mir nicht mit Datenschutz – Adresse, Geburtsdatum und Familienstand kann man eh im Internet nachgucken. (Und damit meine ich nicht unseren Blog.) Gegen einen geringen Aufpreis kann sich auch jeder meinen letzten Steuerbescheid ansehen.
[Mehr dazu: Der hellerleuchtete Bürger]

Um nochmal auf unsere Lampen zurückzukommen: natürlich haben wir auch hier in einigen Fenstern kleine Lämpchen stehen, sodass hier jeder reingucken könnte. Allerdings reichen unsere Fensterbrettlämpchen bei weitem noch nicht für alle Fenster, aber das ist kein Fall fürs Möbelhaus, sondern für die zahlreichen Antik- und Trödelmärkte hier in der Umgebung.

Apropå Trödelmärkte: einer meiner zukünftigen Kollegen hat mich am Freitag auf eine kleine Spritztour durch die Gegend ausgeführt. Ich kenne jetzt zumindest schonmal alle Kirchen (wichtig für Musiker), Badplätze (wichtig im Sommer), Hofläden (wichtig für Ziegenkäseliebhaber), und Trödelmärkte und Auktionsscheunen (immer wichtig) im Umkreis von 20 Kilometern. Anschließend haben wir ihn beim Fika (unser erster schwedischer Gast im neuen Heim!) in die Geheimnisse deutscher Weihnachtsplätzchenkultur eingeweiht. Unsere Mütter waren wie immer sehr fleißig und wahrscheinlich reichen unsere Vorräte noch bis Ostern.

Das Ankommen geht also insgesamt in großen Schritten voran und uns wurde bereits prophezeit, dass wir bald nicht mehr in Ruhe im örtlichen Supermarkt einkaufen werden können, weil die Musikschullehrer hier sehr präsent im öffentlichen Leben sind. Naja, wenn’s uns zuviel wird, treffen wir uns dann am Samstagnachmittag alle incognito im Ikea.

121212-1212 oder: Die Geschichte von Tolvan Tolvansson


Tolvan Tolvansson wird heute 100. Oder er wird heute geboren, so genau weiß man das nicht. Der ständig kranke Kerl ist aber auch ein Pechvogel: er war schon schwanger und hatte Prostatakrebs (gleichzeitig, wohlbemerkt!) und wurde bereits unzählige Male für tot erklärt. Und jetzt hat das Skatteverket (Finanzamt) ihm endgültig seine Identität genommen.

Das ist aber auch nur mäßig dramatisch, denn Tolvan Tolvansson ist eine fiktive Person, die in Deutschland vielleicht Zwölfo Zwölfiger heißen würde. Er wurde am 12.12.12 geboren wurde und seine Personennummer lautet daher logischerweise 121212-1212.
In Schweden ist man ja ein Niemand, wenn man keine Personennummer hat, denn ohne Personennummer kann man hier weder ein Bibliothekskonto eröffnen, noch einen Umzugswagen mieten, geschweige denn zum Arzt gehen (keine Sorge, das mit dem Arzt gilt natürlich nicht für Touristen).
[Mehr zum Thema Personennummer hier und hier.]

Während das Geburtsdatum von Tolvans „Cousin“ Max Mustermann weniger wichtig ist (und deshalb auch öfter mal geändert wird), ist Tolvans Geburtsdatum von existenzieller Bedeutung für das schwedische Gesundheitssystem. Denn wann immer medizinisches Personal in der Anwendung einschlägiger Software geschult wird, so ist es immer Tolvan, der seine Personennummer dafür hergeben muss, denn ohne Personennummer keine Krankenakte.

Da es sich hierbei um eine interne „Versuchsperson“ des Pflegesystems handelte, wusste bis vor kurzem niemand im Skatteverket, welches die Personennummern zuteilt, von Tolvan. Nun hätte ja heute ein Junge geboren werden können, dem das Skatteverket besagte Nummer zugeteilt hätte. Dieses bemitleidenswerte Kind wäre dann laut Akte mit einer erdrückenden Krankengeschichte zur Welt gekommen.

Wohl nur durch Zufall hat das Skatteverket vorige Woche – sozusagen um 5 vor 12, höhö – von Tolvan Tolvansson erfahren und seine Personennummer gerade noch rechtzeitig gesperrt, um diesen Fall zu verhindern.

Soweit die ganz unterhaltsamen Fakten, wie sie dieser Tage durchs Netz geisterten (z.B. bei Sveriges Radio).

Was mich an der Geschichte allerdings etwas verwundert, ist, dass die Nummer 121212-1212 so niemals hätte vergeben werden können, weil die letzte Ziffer eine Prüfziffer ist, die sich in einem mittelkomplizierten Verfahren aus den vorhergehenden Ziffern errechnet und in diesem Fall eine 3 gewesen wäre, wenn ich ich nicht verrechnet habe.
[Wen’s genauer interessiert: Seite 10 in diesem Dokument.]

Aber es ist doch beruhigend zu wissen, dass das Skatteverket jetzt eine Personennummer gesperrt hat, die es nie hätte geben können und damit einem Kind, das nie diese Nummer hätte erhalten können, eine Menge Erbkrankheiten erspart hat, die es nie gegeben hat. Alles Hypochonder…?

Ris och ros


Aus unerfindlichen Gründen läuft mir in letzter Zeit ständig der Ausdruck ris och ros über den Weg. In der herumliegenden Tageszeitung im Zug („Der Minister erhielt für seine Rede ris och ros„), in der Rundmail eines Kollegen („Die ros der Woche geht an die beiden Kollegen, die 20 neue Computer in den vierten Stock getragen haben.“) oder auf irgendwelchen Webseiten („Um unseren Service zu verbessern, freuen wir uns über ris och ros.“).
Was es sinngemäß bedeutet, war mir die ganze Zeit klar, nämlich soviel wie „Lob und Tadel“ oder besser: „Tadel und Lob“.
Dass man Lob metaphorisch mit einer Rose ausdrückt, ist ja irgendwie selbsterklärend, aber was macht der Reis in dieser Redensart? Bewirft man Leute, die etwas Blödes gemacht oder gesagt haben, in Schweden mit Reis? Ich kenn das nur als Hochzeitsbrauch, aber vielleicht erfüllt das da ja den gleichen Zweck, nur weiß es keiner… Oder ist der Reis hier Symbol für etwas Langweiliges, Uninspiriertes? Eine besonders alte Redensart kann das jedenfalls nicht sein, Schweden zählt ja nicht gerade zu den großen Reisanbaugebieten der Welt…

Mein „Reis der Woche“ geht jedenfalls an die Person, die unsere Autokennzeichen vom VW-Bus gestohlen hat. Ja, Autokennzeichen. Nachdem wir gerade erst den Vandalismus-Totalschaden unseres Twingos verkraften mussten, jetzt das. Zum Ko… Der Bus stand (und steht) auf unserem gemieteten Parkplatz in der Siedlung und laut Polizei darf das Auto ohne Kennzeichen nicht bewegt werden. Jetzt geht also erst mal wieder das Gerenne nach neuen Schildern los. Wir dachten erst, wir nehmen das als Anlass, das Auto jetzt hier anzumelden, aber um es hier anzumelden, müssten wir es erst mal zum schwedischen TÜV etc. fahren, was wir ja wie gesagt nicht dürfen. Und um ein Auto umzumelden, muss es erst mal angemeldet sein und dazu gehören bekanntlich unter anderem Kennzeichen. Und die brauchen wir aus Bayern, zusätzlich zu neuen Fahrzeugpapieren. Das ist aber ein riesengroßes Problem, denn Bayern ist noch nicht in der EU. Zumindest bekam ich diesen Eindruck, als ich mit dem unsympathischen Zeitgenossen in der Zulassungsstelle telefoniert habe. Wie gerne hätte ich diesen halsstarrigen Schuhplattler am Telefon mit einem Sack Reis überschüttet…

Statt Rosen...

Die Rose der Woche verdient daher meine Mutter, die jetzt die ganze Angelegenheit für uns regeln wird, so wie sie uns neulich schon das neue (gebrauchte) Auto hochgefahren hat, weil der schwedische Gebrauchtwagenmarkt kaum Kleinwagen hergibt.

Eine weitere Rose muss ich außerdem mal ans Wetter vergeben. Hier ist Sommer! Spätestens übermorgen. Die offizielle Definition von „Sommer“ des SMHI (Schwedisches meteorologisches und hydrologisches Institut) lautet nämlich: 5 Tage in Folge über 10°C. Klingt komisch, ist aber so. Die letzten Tage war wirklich T-Shirtwetter und heute Abend wehte der unverkennbare Geruch von Grillkohle durchs Dorf.

Und die Gartenarbeit geht wieder los! Wie ich gestern so die trockenen Blätter aus den Blumenbeeten harkte, Osterglocken pflanzte und anderes Grün- und Blumenzeug vom braunen Gestrüpp des Vorjahres befreite, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: mit ris ist natürlich nicht Reis gemeint, sondern Reisig. Gut, dass wir hier einen Garten haben, denn wer weiß, wie lange ich sonst dieses Missverständnis noch mit mir herumgetragen hätte…

Jobsuche: Von Bewerbungsfotos und Schneemännern


Gute zwei Monate sind wir jetzt hier und ich weiß, dass viele sich fragen, warum ich noch nie was über die Jobsuche geschrieben habe. Das hat mehrere Gründe: Zum einen gibt es einfach noch nichts zu erzählen, was ich unbedingt mit der Weltöffentlichkeit teilen müsste, zum anderen sehe ich es seit geraumer Zeit als wichtiges Lernziel für mich, Job und Freizeit zu trennen. (Und Brevlåda ist doch eher eine Freizeitbeschäftigung.)

Die ersten Wochen habe ich mich vor allem meinen Sprachkursen gewidmet und nur „nebenberuflich“ nach Jobs gesucht. Mit den schnellen Erfolgen im Schwedischen fühle ich mich aber seit kurzem wirklich fit für den Arbeitsmarkt und widme mich seither voll dem Schreiben von Bewerbungen.

Mithilfe eines Jobbcoaches (mehr dazu demnächst, das ist ein eigenes Kapitel) übe ich mich gerade darin, den richtigen schwedischen Stil in meinen Bewerbungen zu treffen. Meinen Lebenslauf fand meine Coacherin (Coachine? Coachesse? Couch?) inhaltlich spannend und formal hatte sie auch nichts dagegen einzuwenden. Viel lernen musste ich aber in Sachen Anschreiben. Während man sich in einem deutschen Bewerbungsschreiben ja schon anstrengen muss, zwischen den ganzen formalen Anforderungen noch eine persönliche Note einzuflechten – zumindest wenn man den meisten Ratgebern Glauben schenkt – fallen hier nahezu alle Formalitäten weg.

Das deutsche „Sehr geehrter Herr Duck, Ihre Anzeige vom 29. Februar im Entenhausener Kurier habe ich mit großem Interesse… quakquakquak…“ Höflichkeiten und edle Lügen… wird zu: „Hej! Ich heiße Donald und bin vor kurzem mit Daisy, meiner Verlobten, hierher gezogen. Ich liebe es, mit meinen Neffen angeln zu gehen…“

Und erst das Theater um das deutsche Bewerbungsfoto: Haare offen (wirkt kreativ!) oder hochgesteckt (für Führungspositionen und Banken), geschminkt (ein Muss bei Jobs mit Kundenkontakt) oder natürlich (wenn persönliche Bindungen im Job eine Rolle spielen), helle oder dunkle Kleidung (hängt von der Haarfarbe ab), usw. Und bitte unbedingt vom professionellen Fotografen! Als ich ihr ein solches Foto von mir zeigte, winkte sie gleich ab: bitte etwas persönlicher! Ob ich nicht eines habe, das mich in der Freizeit zeige? Nun ja die gibts, aber mich damit bewerben…? Also ein paar Fotos ausgegraben, die mal im Urlaub entstanden sind – vom Typ „lass mal ein paar Bilder von uns machen, meine Mutter möchte mal wieder welche fürs Regal“. Aber auch die waren ihr noch zu steif. Schließlich schickte ich ihr – fast schon aus Trotz – die ganz absurden: Annika beim Schlittenfahren, beim Ponyreiten, Arm in Arm mit einem Schneemann und mit Drei-Wochen-Lappland-Rucksack in voller Regenmontur. Die fand sie dann allesamt bewerbungstauglich…

In der Zwischenzeit habe ich Jonas genötigt, noch ein paar pseudo-entspannte Freizeitfotos von mir zu machen, weil es mir doch zu peinlich ist, mich mit einem Bild zu bewerben, das meine heiße Affäre mit einem Schneemann dokumentiert…

Wie man in Schweden ein Konto eröffnet


Digipass

1. Man suche im WWW nach der Bank mit den günstigsten Konditionen und den niedrigsten Kontoführungsgebühren (für uns war das die SEB).

2. Man gehe am Freitagnachmittag in eine Filiale, ziehe eine Nummer, gehe an einen der beiden Schalter, nenne sein Anliegen und seine Personnummer und weise sich aus.

3. Man lasse die Bankangestellte* 20 Minuten mit ihrem Vorgesetzten telefonieren und blockiere dadurch 50% der Service-Kapazität der Filiale (keine Sorge, alle Beteiligten nehmen das mit sehr viel Ruhe hin).

4. Man erkläre, dass man Student oder arbeitssuchend ist und (noch) kein festes Einkommen hat.

5. Man unterschreibe den Vertrag.

Ergebnis: Innerhalb einer Woche werden Bankcard, PIN-Nummer und ein Digipass fürs Onlinebanking zugeschickt. Easy, oder?

PS: Wichtig: Schritt 4 nach Schritt 3!

*Achtung, Bassistenwitz: Bank-Angestellte auf Schwedisch? Öre-Göre…

Die erste Woche zum Zweiten


Nun ist meine erste Woche an der Högskola för scen och musik (wörtlich: Hochschule für Bühne und Musik) vorbei. Zeit also für einen kleinen Rückblick:

Der eigentliche Semesterbeginn war zwar erst am 1. September, also am Donnerstag, für uns Neuankömmlinge waren jedoch die Tage von Montag bis Mittwoch für allgemeine Einführungsveranstaltungen vorgesehen. Also nahm ich früh am Montag den Bus nach Göteborg, um als allererstes alle wichtigen Personen – also vor allem die Verwaltung und die Leiter der einzelnen Studiengänge – kennen zu lernen und um einen Ausblick auf die kommenden Tage zu bekommen. Außerdem wurde uns eröffnet, dass alle „Erstis“ bei der offiziellen Semestereröffnung an einer Massenimprovisation teilnehmen sollten – was anscheinend eine gewisse Tradition in Göteborg hat. Für diese Improvisation wurde dann auch gleich geprobt, danach war der Montag für mich vorbei.

Der erste Kompositionsauftrag

Ming Tsao, mein hiesiger Hauptfachlehrer, hatte bereits einige Tage zuvor mit mir Kontakt aufgenommen, um für Dienstag einen Termin für einen ersten Einzelunterricht auszumachen. Nun wurde es also gleich ernst, der Ausgang dieser ersten Stunde war jedoch mehr als unerwartet: SNOA, die schwedische Orchesterakademie, in der sehr fortgeschrittene Studenten speziell auf das Orchesterspiel vorbereitet werden, führt einmal im Jahr ein Stück der Kompositionsklasse auf, und der Auftrag, dieses Stück zu schreiben, fällt auf mich! Was für ein Sprung ins kalte Wasser. Aber natürlich freue ich mich sehr über diese Gelegenheit für eine große Besetzung zu schreiben, in der Gewissheit, dass das Stück auch wirklich aufgeführt wird.

Semestereröffnung in familiärem Rahmen

Der Mittwoch war wiederum mehr der generellen Einführung gewidmet, neben einer Einführung in das lokale Computersystem und einer Rundwanderung durch das Gebäude stand nun auch die offizielle Semestereröffnung auf dem Programm, zu der vor allem zu sagen ist, dass ich noch nie eine so kurzweilige Semestereröffnung erlebt habe: mit Weltmusik und Jazz, halb improvisiertem Theater, einer spontanen Chorprobe und zirkusreifen Schlagzeugdarbietungen. Außerdem mit einem Rektor in Jeans und Hochschul-Poloshirt, der keine Reden hielt, sondern vor allem Spontaninterviews mit den einzelnen Abteilungen führte (Klassische Musik, SNOA (s.o.), Jazz, Schauspiel, Musical, Kirchenmusik, Oper, Komposition und Pädagogik). Und last but not least: die Hochschule leistete sich eine Simultanübersetzung ins Englische für alle internationalen Studenten (und das waren weitaus weniger als an meiner früheren Hochschule)!

Am Donnerstag und Freitag gab’s dann speziellere Informationen für die (insgesamt 29) Masterstudenten aller musikalischen Fächer der Hochschule, ein Begleitseminar zu unseren Masterprojekten, einen Film für die Komponistenklasse und – als speziellen Service für die gesamte Universität – Sprachcoaching für unsere Masterarbeit und auch für andere Texte auf Englisch und Schwedisch. Insgesamt also eine äußerst ereignisreiche Woche, aus der ich ein bisher äußerst positives Fazit über die Hochschule ziehen kann: Die Ausbildung ist sehr klar strukturiert, ohne einengend zu sein. Die Ausstattung der Hochschule ist fantastisch, insbesondere dann, wenn man sich nicht nur dafür interessiert, ob auch in jedem Zimmer ein Flügel steht – denn das ist nicht unbedingt der Fall. Die Atmosphäre ist sehr angenehm und der Unterricht, den ich bisher hatte, war sehr gut.

Initiationsritus für Erstsemester und meine erste schwedische Sprechrolle auf der Bühne

Abschließend muss hier aber auch noch über den nicht-fachlichen Teil gesprochen werden: Am Freitagabend war nämlich Insparksfesten, die Semestereröffnung des Studentkår (AStA). Eine schwedische Tradition verlangt es, dass sich sämtliche Neuankömmlinge an der Hochschule einem Initiationsritus unterziehen müssen, der wohl je nach Fachbereich äußerst unterschiedlich ausfallen kann. Bei uns bot sich dafür natürlich eine Mischung aus Schauspiel und Musik an, so dass wir in kleine Gruppen eingeteilt wurden, um eine Szene einzustudieren. Alle Gruppen sollten einen schwedischen Schlager, der am Melodifestival (Eurovision Song Contest, einem der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse hier in Schweden) teilgenommen hat, im Stile eines Disney-Films interpretieren. In unserem Fall mussten wir also Arielle, die Meerjungfrau und den Grand-Prix-Gewinner von 1984 Diggi Loo Diggi Ley miteinander verbinden, was mir direkt meine erste schwedische Sprechrolle als Triton sowie den ersten Wettbewerbsgewinn in Schweden einbrachte!

Sfi – Svenska för invandrare


Als Einwanderer in Deutschland kann man ziemlich viel Geld für Sprachkurse lassen, wenn man ihn bei einer privaten Sprachschule macht. (Das meiste Geld dabei verdient die Sprachschule, nicht der Sprachlehrer, denn der wird üblicherweise nur auf Honorarbasis bezahlt und das Einstiegsniveau liegt bei 11-12€/45 min für jemanden der sein Fach studiert hat und frisch von der Uni kommt.) Wenn man nicht gerade mit einem dicken Geldbeutel gesegnet ist und sich Einzel- oder Kleingruppenunterricht leisten kann, sitzen in diesem Sprachkurs Menschen mit riesigen Bildungsunterschieden nebeneinander. Die iranische Ärztin neben dem kasachischen Gebrauchtwagenhändler, der chinesische Ingenieur neben der chilenischen Reinigungskraft, der Arabisch-Englisch-Dolmetscher neben dem Flüchtling aus Somalia, der gerade den Alfabetisierungskurs abgeschlossen hat. Die Aufzählung mag klischeehaft klingen, habe ich aber tatsächlich mal so in einem Sprachkurs gehabt. Und weitere 19 Schüler.

Sfi-Schema (Quelle: skolverket.se)

Der schwedische Staat verpflichtet seine Kommunen, jedem Einwanderer kostenlosen Sprachunterricht, sogenannte Sfi-Kurse zu gewähren. Dabei gibt es drei Schienen (Sfi 1/2/3), die das Lernvermögen nach Grad des Schulabschlusses der Schüler berücksichtigen. Sfi 1 ist für Menschen mit wenig bis gar keiner Schulbildung und Analphabeten, Sfi 3 für Menschen mit 12 oder mehr Jahren Schulbildung. Jede Kursschiene ist wiederum in zwei Teilkurse aufgeteilt, jeweils in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs. Aber auch, wenn man als Analphabet mit Kurs A anfängt, darf man bis Kurs D weiterlernen, dauert dann eben länger, aber das ist den Schweden egal.

Für Sfi kann man sich anmelden, sobald man eine Personnummer hat. Also war ich gleich noch letzten Freitag bei Komvux, so heißt hier in Ale die kommunale Einrichtung für Erwachsenenbildung. Weil gerade Semesterstart ist, war am Montag direkt die Info-Veranstaltung dazu. Zusammen mit etwa 25 anderen Menschen, die überwiegend aus Asien und arabischen Ländern stammten, soweit ich das von Aussehen und Namen her beurteilen konnte, ließ ich mich also von Anna, der Schwedischlehrerin belehren, dass ich Wörterbuch, Stift und Papier im Kurs brauche und erhielt mein Kursbuch. Die letzte Lektion darin behandelte die Wochentage. Ich sah mich schon im falschen Film, weil ich doch schon eine Weile über dieses Stadium raus bin, da beendete Anna die Veranstaltung auch schon wieder, bat aber mich und fünf andere, noch zu bleiben. Bei uns war sie sich nicht sicher, ob wir in diesem Kurs richtig seien. Sie fragte dann jeden von uns, ob und wo wir schon Schwedisch gelernt hatten und nachdem ich dann meine Schwedischbiografie aufgesagt hatte, schaute sie mich bestürzt an und meinte, ich dürfe gar nicht an Sfi teilnehmen. Mir sank das Herz in die Hose – kein Schwedischkurs? Dann bat sie mich, mich etwas abseits zu setzen und einen ausformulierten Lebenslauf zu schreiben, während sie die anderen Fälle durchging. Als die anderen dann alle schon weg waren, las sie sich mein Geschreibsel durch und schüttelte den Kopf: „Kein Sfi… du gehst direkt in Schwedisch als Zweitsprache.“

Svenska som andraspråk – Schwedisch als Zweitsprache

Svenska som andraspråk (SAS) besteht aus drei Stufen (Grund, A und B) und soll drei Jahre dauern, wobei eine bestandene Prüfung in SAS Grund dem schwedischen Grundschulabschluss nach der 9. Klasse entspricht und SAS B gleichbedeutend mit der schwedischen Abiturprüfung oder TISUS ist. Grund und B werden jeweils mit einer nationalen Zentralprüfung abgeschlossen. Ich war ein bisschen stolz, direkt so hoch eingestuft zu werden, gleichzeitig heißt es aber auch, dass ich weniger Unterricht bekomme und mehr zuhause machen muss. Wie es aussieht, habe ich zweimal die Woche 100 Minuten Unterricht und es werden zusätzlich 2-3 Stunden tägliches Selbststudium vorausgesetzt. Und wenn man ganz besonders fleißig ist, darf man die Prüfung für Grund auch schon nach einem halben Jahr machen, also im Februar. Dann muss man sich allerdings die Inhalte des zweiten Halbjahres selbstständig aneignen. Ist ja klar, was jetzt mein Ziel ist…

Ein schönes Fleckchen zum Lesen...
Ein schönes Fleckchen zum Lesen...

Im Kurs arbeiten wir natürlich an Grammatik und Wortschatz, aber wir werden auch mehrere Bücher lesen und vorstellen, die wir aus einer Liste auswählen dürfen. Ich war gestern gleich in der Bibliothek und habe meinen ersten schwedischen Henning Mankell auch schon halb durch. Wenn Annas Unterricht so ist, wie ihre Erwartungen, die sie uns schriftlich mitgegeben hat, dann wird das nächste halbe Jahr super. Und super anstrengend. Wir sollen natürlich ganz viel lesen, aber auch viel fernsehen und Radio hören. Damit kann ich leben… Deswegen habe ich auch den gestrigen Nachmittag in der Sonne am Göta Älv gesessen und – gelesen.

Mein gestriger Besuch bei der Arbeitsvermittlung war auch ganz erfreulich. Noch kein Job, aber Perspektiven. Zumindest  war der Arbeitsvermittler einigermaßen entsetzt, als ich gesagt habe, zur Not würde ich auch Burger bei McDoof einpacken oder Briefe austragen. „Aber warum denn, du hast doch studiert! Da nimmst du doch anderen den Job weg, die wirklich nichts anderes machen können.“ Das find ich gut, das seh ich nämlich eigentlich auch so.

Zum Schluss: das Wetter.

...und ein anderes zum Reinspringen!

Als Einwanderer in Schweden hat man aber nicht nur Anrecht auf Sprachkurse, sondern auch die Möglichkeit, abends in einen schönen See zu springen. Auch wenn sich die Anzeichen des nahenden Herbstes langsam nicht mehr ignorieren lassen, machen wir davon nach wie vor Gebrauch. Tagsüber ist es zwar noch wunderbar warm, aber nachts wird es doch empfindlich kalt, deshalb ist unser See inzwischen auf 16°C abgekühlt. Egal, damit war er gestern Abend immer noch vier Grad wärmer als die Luft… :-)