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Na, auch kriminell?


Dass auch noch die kleinste Schotterpiste in ganz Schweden durch Google StreetView erfasst ist – ok. Ich persönlich muss gestehen, dass für mich die positiven Seiten überwiegen. Also eigentlich ist es vor allem ein Aspekt: ich bin Smartphoneverweigerer und schaue mir gerne vorher an, wenn ich zu einer fremden Adresse muss, ob es dort am Straßenrand Parkplätze gibt oder in welchen Hauseingang ich genau muss.

Dass man in Schweden auch Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum, Familienstand und Fahrzeuge einer Person mittels weniger Klicks ermitteln kann – hm, naja. Kann praktisch sein, muss aber nicht.

Dass für rund fünf Euro jeder meinen Immobilienbesitz, meine Steuerbescheide der letzten zwei Jahre und meine Kreditwürdigkeit einsehen kann – nunja, diese Daten sammelt die Schufa in Deutschland ja auch, nur ist die weniger transparent, welche Daten dort gespeichert werden.

Dass aber jetzt ein privates Unternehmen eine Datenbank online gestellt hat, in der sämtliche verurteilten Verbrecher suchbar sind, ist mir eine Nummer zu heftig. Die Seite bietet sogar die „praktische“ Suchfunktion via Karte an: mit einem roten Punkt sind dort alle Häuser markiert (und natürlich gleich mit Google StreetView verknüpft!), in denen eine Person wohnt, die in der Vergangenheit wegen irgendwas verurteilt wurde. Verkehrsdelikte, Schwarzbrennerei, Steuerhinterziehung, Vergewaltigung oder Mord: die Seite macht da erst mal keinen Unterschied. Doch Schweden wäre nicht Schweden, wenn es nicht doch etwas genauer ginge: Für schlappe 9 Euro kann man sich das komplette Urteil, welches sich hinter einem roten Punkt verbirgt, als pdf-Datei runterladen. Name des Verurteilten, Adresse zum Zeitpunkt des Urteils, aktuelle Adresse, Anklagepunkt, Ankläger, Verlauf des Verfahren, Zeugenaussagen, Strafmaß, Anwälte – wen’s interessiert… kein Problem!

Nun herrscht ja in Schweden grundsätzlich das Öffentlichkeitsprinzip und jedes Gerichtsurteil muss öffentlich einsehbar sein. Wenn ich also wusste, dass mein Nachbar wegen exzessiven Schwarzfahrens verurteilt wurde, konnte ich auch früher schon zum Gericht gehen und nachfragen, wie hoch die Strafe ausfiel.

Ist die Digitalisierung also nur ein konsequenter Schritt in Richtung mehr Bürgernähe in einem Land, in dem man seine Steuerklärung per SMS erledigen kann? Mitnichten. Neu ist auf jeden Fall, dass ich seit vorgestern bequem vom Sofa aus erkunden kann, wo hier die „Verbrecher“ wohnen. Ganz schön gruselig, ganz Schweden ist anscheinend voll von Kriminellen!

Aber halt! Nicht nur eine Verurteilung ist ein Gerichtsurteil, auch ein Freispruch ist ein Urteil und führt zu einem roten Punkt und auch die Namenssuche führt im Suchregister zu einem Treffer ohne weitere Angaben.
(Welch Enttäuschung! Da zahlt man dann neun Euro, nur um zu erfahren, dass jemand kein Verbrecher ist… was für eine Verschwendung! [Ironiemodus aus.])

Und wie lange ist man eigentlich ein Verbrecher (wenn man denn dann wirklich einer ist oder war)? Denn auch wer seine Strafe bereits abgebüßt hat und längst wieder ein rechtschaffender Bürger ist, steht weiterhin in diesem Register. Selbst wer nie in seinem Leben mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, kann auf der Karte einen roten Punkt erhalten – denn die Adressen, die die auf der Karte verzeichnet sind, sind die Adressen zum Zeitpunkt der Verurteilung. Zieht der Verurteilte um, bleibt der rote Punkt an der Adresse erst mal „kleben“ – schön für den Verurteilten, blöd für den Nachmieter. Augen auf bei der Wohnungssuche, sag ich da nur!

Ich bin zwar gerade nicht auf Wohnungssuche, aber auch ich war eine von Millionen Neugierigen, die die Seite am ersten Tag besucht und damit gleichmal zum Erliegen gebracht haben. Serverüberlastung, welch Ironie.

Daher kann ich euch leider keinen Screenshot präsentieren, aber wen’s interessiert: Lexbase heißt das Unternehmen (ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf eine Verlinkung), das hier auf perfide Weise Gewinn aus der schwedischen Pressefreiheit schlägt. Würde man die Veröffentlichung untersagen, so wäre das eine Einschränkung der Pressefreiheit, die die Schwedische Verfassung garantiert und die Juristen haben da gerade eine heftige Nuss zu knacken, denn rein rechtlich kann man derzeit nichts gegen die Seite unternehmen.

Ob eine Grundgesetzänderung in diesem Fall notwendig ist, wird derzeitig heftig diskutiert. Datenschutzbehörde, Juristen und eine breite Öffentlichkeit meinen: ja! Ministerpräsident Reinfeldt und seine bürgerliche Regierung meinen: „och nö, lasst uns doch erst mal drüber reden“.

Mal sehen, wie lange er sich diese Haltung leisten kann, im Herbst sind Parlamentswahlen…

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Update:
Gerade in den Abendnachrichten: Die Seite wurde wegen zahlreicher – anscheinend erfolgreicher – Hackerangriffe vom Netz genommen. Sicherheitslücken im System ermöglichten den kostenlosen Download von Urteilen.

Ikea, Datenschutz, Plätzchen, Trödel


Wenn man an einem Samstagnachmittag in den Weihnachtsferien im größeren der beiden Göteborger Ikeas einen Kollegen aus Jonas Musikschule trifft und gemeinsam Köttbullar mit Preiselbeeren isst, ist man dann angekommen?

Wir haben jetzt Deckenlampen für alle Zimmer.  Im Gegensatz zum Internet. Das dauert noch, wir haben unseren Internet-Stick mal vorsichtshalber für eine Woche aufgeladen. Es liegt aber anscheinend nicht an Telia (was unser erster Verdacht war), sondern vermutlich an einer alten Steckdose, die nicht mehr so tut wie sie soll. Nächste Woche kommt ein Tele-TubbyTechniker.

Rein formell war der Umzug übrigens ein Klacks – von unserem Internetproblem mal abgesehen. Ganz bequem konnten wir uns mit unserem schwedischen elektronischen Personalausweis und einem Kartenlesegerät auf der Homepage des Finanzamtes ausweisen (das hier die Funktion des Einwohnermeldeamtes erfüllt) und unsere Adresse online ändern. Das Skatteverket informiert dann auch automatisch alle anderen Behörden über unsere neue Adresse: Krankenkasse, Rentenkasse, Ausländerbehörde und was sonst noch so überlebenswichtig ist. Darüber hinaus konnte man am Ende der Prozedur noch in einer Liste freiwillig ankreuzen, welche Firmen und Organisationen sonst noch so über die neue Adresse informiert werden sollten. Diese Liste umfasste wohl über hundert Posten, angefangen bei Banken, Mieterbund und Gewerkschaften, über Greenpeace und Jugendherbergsverband bis hin zu Lokalzeitungen und Fitnessstudios. Praktisch, oder? Und jetzt kommt mir nicht mit Datenschutz – Adresse, Geburtsdatum und Familienstand kann man eh im Internet nachgucken. (Und damit meine ich nicht unseren Blog.) Gegen einen geringen Aufpreis kann sich auch jeder meinen letzten Steuerbescheid ansehen.
[Mehr dazu: Der hellerleuchtete Bürger]

Um nochmal auf unsere Lampen zurückzukommen: natürlich haben wir auch hier in einigen Fenstern kleine Lämpchen stehen, sodass hier jeder reingucken könnte. Allerdings reichen unsere Fensterbrettlämpchen bei weitem noch nicht für alle Fenster, aber das ist kein Fall fürs Möbelhaus, sondern für die zahlreichen Antik- und Trödelmärkte hier in der Umgebung.

Apropå Trödelmärkte: einer meiner zukünftigen Kollegen hat mich am Freitag auf eine kleine Spritztour durch die Gegend ausgeführt. Ich kenne jetzt zumindest schonmal alle Kirchen (wichtig für Musiker), Badplätze (wichtig im Sommer), Hofläden (wichtig für Ziegenkäseliebhaber), und Trödelmärkte und Auktionsscheunen (immer wichtig) im Umkreis von 20 Kilometern. Anschließend haben wir ihn beim Fika (unser erster schwedischer Gast im neuen Heim!) in die Geheimnisse deutscher Weihnachtsplätzchenkultur eingeweiht. Unsere Mütter waren wie immer sehr fleißig und wahrscheinlich reichen unsere Vorräte noch bis Ostern.

Das Ankommen geht also insgesamt in großen Schritten voran und uns wurde bereits prophezeit, dass wir bald nicht mehr in Ruhe im örtlichen Supermarkt einkaufen werden können, weil die Musikschullehrer hier sehr präsent im öffentlichen Leben sind. Naja, wenn’s uns zuviel wird, treffen wir uns dann am Samstagnachmittag alle incognito im Ikea.

Der hellerleuchtete Bürger


Mein Elternhaus steht in einem kleinen Dorf in Bayerisch-Schwaben. Meine Eltern, beide von der „Waterkant“ „Roig’schmeggde“ oder „Zuag’roisde“ (Reingeschmeckte oder Hinzugereiste) hatten – im Gegensatz zu unserer Nachbarschaft – nicht die Angewohnheit, abends nach Einbruch der Dunkelheit sofort die Jalousien zuzuziehen. In unserem Vierpersonenhaushalt führte das manchmal dazu, dass vier unserer Zimmer, die alle zur Straße hin ausgerichtet waren, gleichzeitig beleuchtet waren. Einmal kam abends Besuch, der im Dorf nach dem Weg fragte. Die Antwort lautete: „den Berg rauf, dann das hellerleuchtete Haus, können Sie gar nicht übersehen.“ Dazu muss man sagen, dass die Beschreibung „den Berg rauf“ auf mindestens 50 Häuser zutraf.

Geht man abends im Dunkeln durch unser Viertel hier, so gibt es eigentlich nur zwei Gründe, warum ein Fenster nicht erleuchtet ist: 1. dahinter ist die Waschküche und der Raum damit völlig uninteressant, weil die Einrichtung der Vermietungsfirma ohnehin überall die gleiche ist oder 2. es ist keiner zuhause – wobei letzteres nicht zwingend zu einem dunklen Fenster führt. Und Gardinen gibt es wenige, jedenfalls nicht vor, sondern allenfalls zur Deko neben den Fenstern. Im Gegenteil, man unterstützt den Einblick in Küche, Wohn- oder Schlafzimmer noch dadurch, dass man kleine Lampen ins Fenster stellt oder hängt, was von außen unglaublich gemütlich aussieht. Im Winter wird das bestimmt noch viel wichtiger sein, wenn es lange dunkel ist. Viele scheinen für die Fensterlampen sogar Zeitschaltuhren zu haben, denn auch, wenn die normale Zimmerbeleuchtung aus und niemand im Raum ist, brennt oft noch das Fensterlicht. Es scheint da in der schwedischen Lampenindustrie einen Zweig zu geben, der zumindest in Süddeutschland schnell pleite gehen würde. Auch in unserer Wohnung haben wir an jedem Fenster eine extra Lampensteckdose und seit vorgestern auch beleuchtete Fenster, wir haben extra ein paar Lampen im Second-Hand-Shop erstanden.

Billy oder Ivar? Kartoffeln oder Nudeln?

Dahinter steht wohl eine – uns sehr sympathische – „Wir-haben-nichts-zu-verbergen-Mentalität“. Ob ich abends fernsehe oder am Computer sitze, was es zum Abendessen gibt und ob ich im Wohnzimmer lieber Eichen- oder Kiefernmöbel habe, ist schließlich nichts, was mein Nachbar nicht wissen dürfte. Gleichzeitig gibt man sich größte Mühe, die eigene Neugier auf fremde Wohnzimmer nicht allzu deutlich zur Schau zu stellen. Einen offensichtlichen Blick in ein fremdes Haus zu werfen, den Kopf zu drehen oder gar stehenzubleiben, ist undenkbar, aber verschämt linsen, das geht schon, auch wenn jemand im Zimmer ist. Und bestimmt gucken die Schweden auch mal länger in Zimmer, die gerade leer sind. Ist ja auch nicht schlimm, man hat schließlich nichts zu verbergen.

Offentlighetsprincipen

Was im Kleinen richtig ist, kann im Großen nicht falsch sein: die schwedische Politik und Verwaltung funktionieren seit 1766 (!) nach dem Öffentlichkeitsprinzip, einem der Grundpfeiler des schwedischen Demokratieverständnisses. Prinzipiell stehen alle Akten und Verwaltungsdokumente jedem Bürger zur Einsicht bereit, ohne dass dafür ein besonderes Interesse daran nachgewiesen werden muss.  Zu diesen Dokumenten gehört natürlich auch das Melderegister. Und damit sind wir bei der großen Nachricht des Tages: Wir haben jetzt eine Personennummer und sind dadurch folkbokförd, also „volksbuchgeführt“. Obwohl es bei Antragstellung letzte Woche noch hieß, es würde mehrere Wochen dauern, bis wir die Nummer bekämen, ging es jetzt doch erstaunlich schnell. Damit können wir jetzt ein Konto eröffnen, Handy-/Internet-/Telefonverträge abschließen, kostenlos Schwedischkurse besuchen, ein Nutzerkonto bei der Bibliothek einrichten, eine schwedische ID-Karte (sowas Ähnliches wie ein Ausweis, aber das würde jetzt zu weit führen) beantragen, Noten im Internet bestellen, eine Steuererklärung machen, zum Arzt gehen, sich sozialversichern, und viele praktische und/oder lebensnotwendige Dinge mehr tun.

Die Nummer besteht aus dem Geburtsdatum und einer dreistelligen persönlichen Kennzahl (davon ist die letzte Ziffer für Frauen gerade und für Männer ungerade) und einer Prüfziffer, die sich höchst kompliziert aus den vorhergehenden Ziffern berechnet. Man muss sich also nur eine vierstellige Zahl merken.

Wer bin ich und wer sind meine Nachbarn?

Mein Alter und mein Geschlecht sind also in Zukunft kein Geheimnis mehr, wenn ich irgendwo meine Nummer angeben muss. Als ob ich jemals daraus ein Geheimnis gemacht hätte, aber egal. Spannend ist jedoch, was man mit der Nummer noch so machen kann. Auf der Seite www.ratsit.se kann man mit der Personennummer auch die Adresse der jeweiligen Person herausfinden. Oder umgekehrt. Ich kann die Adresse unserer Nachbarn eingeben und schauen, wie sie heißen (Monika und Per), wie alt sie sind (63 und 77) oder ob sie verheiratet sind (sind sie). Ich kann suchen, wieviele Menschen es in Schweden gibt, die den gleichen Nachnamen haben wie ich (es gibt noch einen in Stockholm) oder den gleichen Vornamen (38 602 in der gleichen Schreibweise, mit den Annicas, Anicas, etc. sind es 47 323). Ich kann rausfinden, wie alt die älteste Frau in Skepplanda ist (102) und dass sie an einem Freitag geboren wurde. Ich kann suchen, wieviele Schweden am selben Tag wie ich geboren sind (305) und kann feststellen, dass die meisten von ihnen noch nicht verheiratet sind. Und das sind nur die kostenlosen Funktionen dieser Website.

Das Leben der anderen

Wenn man bereit ist, dafür ein wenig zu zahlen, bekommt man auch eine Art Schufa-Auskunft, ein Kreditrating, Informationen zu Grundbesitz, das zu versteuernde Jahreseinkommen, und ein Lohnrating, mit dessen Hilfe man feststellen kann, ob andere Schweden im gleichen Alter/im gleichen Ort/der gleichen Kommune/der gleichen Län/in ganz Schweden durchschnittlich mehr oder weniger verdienen. Und das natürlich nicht nur für sich selbst, sondern für jeden, der eine schwedische Personennummer hat. Immerhin wird man wohl benachrichtigt, wenn jemand die kostenpflichtigen Daten über einen selbst abfragt. Verhindern kann man es jedoch nicht.

Ohne es genau zu wissen, vermute ich, dass es sich mit diesen Auskünften ähnlich verhält wie mit der Neugier auf fremde Wohnzimmer. Man gibt es nicht zu, aber man linst schon mal gerne ins Leben der anderen, wenn man sich unbemerkt glaubt.

Ich muss zugeben, dass sich das ein wenig komisch anfühlt, aber es gehört eben genauso zu Schweden wie rote Holzhäuschen und kanelbulle (Zimtschnecken). Deutschen Datenschützern dürfte sich hierbei wohl der Magen umdrehen. Aber ähnlich wie die Lichter in den Fenstern macht es mir Schweden irgendwie sympathisch, dass dieses Land und seine Einwohner nichts zu verbergen haben. Und schließlich habe ich meine ersten 19 Jahre in einem hellerleuchteten Haus gelebt.