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Den blomstertid nu kommer


Je lauter das Leben, desto leiser ist es hier auf Brevlåda. Vor allem jobmäßig ging es bei uns beiden die letzten Wochen heiß her, denn die in Schweden kurze Zeit zwischen Frühlingsbeginn und Sommerferien will gut genutzt sein: mit Tagen der offenen Türen, Freilichtkonzerten, Orchesterreisen, Sommerfesten und Schulabschlussfeiern. Ja, Schulabschlussfeiern, denn für die Schulkinder beginnen bereits in ganz Schweden Mitte Juni die Sommerferien. Und da Jonas und ich zwar den gleichen Job, aber unterschiedliche Arbeitsstellen haben, multiplizieren sich die Wochenendaktivitäten in unseren Musikschulen, sodass gemeinsame Wochenenden bei uns gerade Mangelware sind. Aber es ist eine schöne Arbeit, und eigentlich können wir uns nicht beschweren.

Wie zur Weihnachtszeit gibt es hier für den Sommer eine Reihe von Liedern, die hier jedes Kind jedes Jahr spielen oder singen will. Eines davon ist „Den blomstertid nu kommer“ (ungefähr: Jetzt kommt die Zeit der Blumen). Die Real Group singt das auch nur halb so schwülstig wie die Schulchöre bei den Abschlussfeiern:

Passend dazu sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe, auf der Terrasse und gucke zufrieden auf den frisch gemähten Rasen und das einzige, was ich höre (neben der Real Group also), ist Vogelgezwitscher und Insektengebrumm. Der Garten ist gerade unsere liebste Baustelle, wenn wir mal am Wochenende zuhause sind.

[Wer sich nicht für Gartenarbeit interessiert, braucht jetzt nicht mehr weiterlesen.]

Als wir hier einzogen, war der Garten ein Sturzacker und wir mussten im letzten Jahr erst mal Rasen säen. Wobei wir tatsächlich nur den Rasen säen mussten, denn die ganze Vorarbeit dazu, wie z.B. Steine aus der Erde buddeln und den Boden vorbereiten, erledigte unser Vermieter für uns.

Im Herbst halfen uns dann unsere Eltern, ein wenig Leben in den Garten zu bringen und so waren wir dieses Jahr sehr gespannt, was sich da im Frühling alles – geplant oder unerwartet – aus der Erde schieben würde. Kommt doch mal mit auf einen kleinen Spaziergang durch unseren Garten…

Ungefähr mit den Krokussen kam die Schachblume: selten, giftig und hübsch und ganz ohne unser Zutun. Ebenfalls von alleine tauchten die letzten zwei Wochen an verschiedenen Ecken im Garten diese rosa Blümchen auf, die hier ganz ausgezeichnet mit der rostigen Fahnenstange harmonieren, findet ihr nicht? Ich glaube, das ist Storchenschnabel. Neu ist auch die Forsythie, deren Blüte wir dieses Jahr leider verpasst haben, weil sie da noch in einem holländischen Gewächshaus stand.

Forsythiengelb kommt auch gerade Jonas‘ Liebkind, der Ginster, der jetzt auf dem Weg ist, richtig toll vor unserer Frühstücksterrasse zu blühen. Uneingeladen, aber höchst willkommen ist das kleine Erdbeerpflänzchen, dass da ebenfalls vor der Terrasse blüht. Was können wir tun, damit sich das da wohlfühlt und ausbreitet?

Zur Gartenverschönerung dieses Jahr erheblich beigetragen hat ein zwei Meter hoher Lattenzaun, den unser Vermieter zwischen sein und unser Grundstück gesetzt hat. Nun sind wir ja eigentlich keine Menschen, die sich unbedingt einzäunen müssen, aber unser Nachbar handelt mit gebrauchten Baggern und die Aussicht auf die ganzen Baumaschinen war nur so mäßig schön. Daher sind wir eigentlich ganz froh über den Zaun, zumal er im Moment noch ganz wunderbar nach frischem Holz duftet. Auf lange Sicht soll der gut 40 Meter lange Zaun aber hinter Sonnenblumen, wildem Wein und Clematis verschwinden. Der Anfang ist gemacht…

Durch unsere Rodungsaktion vor einigen Wochen haben wir jetzt zwar viel mehr Licht, aber leider auch ungetrübte Aussicht auf die Straße, wenn wir in der Sonne frühstücken. Deswegen haben wir kürzlich eine Apfelbeerenhecke angelegt, die im Moment noch kaum höher als ein handelsüblicher Löwenzahn steht, aber angeblich schnellwachsend sein soll, warten wirs ab…

Gehen wir mal auf die andere Seite vom Haus.

Die beiden Obstbäume, die wir im Herbst zum Einzug geschenkt bekommen haben, haben den Winter gut überlebt und ein Ast, den wir vergessen hatten zu beschneiden, hat auch sehr schön geblüht. Vielleicht wächst da ja im Herbst eine Birne…

Gesellschaft haben die beiden Bäumchen vor kurzem durch eine Wäschespinne bekommen und jetzt haben wir sozusagen einen richtigen „Nutzgarten“.

Zusammen mit den Obstbäumen haben wir im Herbst auch noch zwei Flieder und einen Rhododendron gepflanzt. Beiden Fliedern gehts prächtig, einzig der Rhododendron sieht ein bisschen kümmerlich aus, die immergrünen Blätter sind verdächtig gelb. Vielleicht ist es ihm zu sonnig, seitdem wir die Bäume nach Süden gefällt haben? Tipps zur Rhododendronrettung sind willkommen!

Auch heute morgen war ich schon fleißig und habe zwei Drahtgestelle für Kompost hinten am Bahndamm aufgestellt. Noch halten sich die Gartenabfälle zwar in Grenzen, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Getreu dem Titel dieses Artikels ist die „Schmuddelecke“ unseres Gartens gerade ein Blumenmeer von Vergissmeinnicht und auch die Lupinen geben sich alle Mühe, bis Mittsommer ihre volle Pracht zu entfalten. Und wenn die Heidelbeeren nachher so tragen, wie sie gerade blühen, dann kriegen alle Besucher hier bis Weihnachten nur noch Blaubeerpfannkuchen!

Apropos Pfannkuchen, ich muss jetzt auch Schluss machen, denn ich hab heute noch was vor:

 

Hurra, Sommerferien!


Fester Bestandteil und unangefochtener Höhepunkt des schwedischen Schuljahres sind die Abschlussfeiern, mit denen die Schüler in die Sommerferien entlassen werden. Es ist ein bisschen wie eine Kreuzung aus Mittsommerfest, Luciafeier und Nationalfeiertag und mit nichts zu vergleichen, was ich jemals an einer deutschen Schule erlebt habe, weder als Schüler noch als Lehrer.

Die letzten zwei Tage fanden hier an den sechs Schulen, die zum Einzugsgebiet meiner Musikschule gehören, zehn solcher Feiern statt, ich konnte jedoch wegen meiner unterentwickelten Fähigkeit zur Polypräsenz nur die Hälfte davon miterleben.

In den letzten Jahren wurde das schwedische Schulgesetz in manchen Punkten geschärft, unter anderem auch in Sachen Religionsfreiheit. In den Schulen herrscht seither absolute Religionsfreiheit. Und das bedeutet hier nicht Freiheit zur Religion, sondern Freiheit von Religion. Also keine Gottesdienste zu Weihnachten, Schulbeginn oder eben zum Schuljahresabschluss. Besuche in Gotteshäusern jeglicher Art dürfen ausschließlich zu Studienzwecken, nicht jedoch zur Glaubensausübung stattfinden.

Schulgesetz vs. Tradition

Und an diesem Punkt kollidieren Schulgesetz einerseits und Tradition und Praxis andererseits, denn die Abschlussfeiern finden traditionell in der Kirche statt, unter anderem auch deshalb, weil die Kirche meist der einzige Raum am Ort ist, der ansatzweise dem Besucherstrom bei diesen Veranstaltungen gerecht wird. (Man geht hier im Ort von einer Besucherzahl von [Zahl der anwesenden Schüler] x 5 aus, daher werden auch selten mehr als drei Klassenstufen auf einmal verabschiedet.)

Auch gibt es ein paar Sommerchoräle, die den Schweden so lieb und teuer sind, dass sie einfach nicht fehlen dürfen. Der Klassiker schlechthin ist Den Blomstertid nu kommer:

Der deutsche Text der ersten beiden Strophen lautet gemäß Google Translate:

Die blomstertid jetzt
mit großer Freude und Schönheit.
Sie nähern, Süßigkeit, Sommer,
wenn Gras und Getreide keimt.
Mit sanften und lebendige Wärme
an alle, die gestorben sind,
die Sonnenstrahlen Ansatz,
und alles wird neu geboren zu werden.

Die beizulegenden Blumenwiesen
und Ackerland edlen Körner,
die Reichen Kraut Betten
und Hain grünen Bäumen,
Sie werden uns daran erinnern,
Gottes Güte Reichtum,
Wir erwägen die Gnade
das dauert das ganze Jahr.

(Das reicht in etwa für den Inhalt, oder? :-))

Eine Segnung durch den Pfarrer oder gar ein Gebet ist natürlich bei einer solchen Schulveranstaltung ausgeschlossen. All das führt zu einer höchst wackeligen Gratwanderung mit vielen Kompromissen: Kirche – ja, aber ohne Pfarrer, bzw. der Pfarrer nur als Gastgeber, der ein paar wenige – höchst weltliche – Begrüßungsworte sprechen darf. Sommerchoräle – ja, aber nur die Strophen, die von Blümchen und Sonnenschein handeln.

Da die Schulleitungen Anzeigen an die Schulbehörde riskieren, wenn diese Gratwanderung missglückt, gibt man sich oft besonders große Mühe, die weltlichen Aspekte der Veranstaltung zu betonen, indem die schwedische Flagge einen nicht unbedeutenden Raum einnimmt und die Nationalhymne die Choräle ergänzt oder auch ersetzt. (Ich verkneife mir an dieser Stelle einen Kommentar und stelle lediglich völlig wertneutral fest, dass aus musikalischer Sicht Religion ergiebiger ist als Patriotismus.)

Die Musik steht im Mittelpunkt

Dennoch erfreulich ist das Gewicht der musikalischen Beiträge, die sich dann letztlich weltanschaulich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen – Hurra, die Sonne scheint! bzw. Hurra, Sommerferien! Den Löwenanteil der hiesigen Skolavslutningar machen die musikalischen Beiträge aus, die die mal mehr, mal weniger erbaulichen Worte der Schulleiter umrahmen. Diese können von einem kurzen, aber herzlichen Dank an Personal, Schüler- und Elternbeirat bis hin zur viertelstündigen Selbstbeweihräucherung reichen.

In den kleineren Schulen ist es üblich, dass alle Klassen mit ihrem Musiklehrer einen Beitrag vorbereiten, an den größeren Schulen sind es meist nur die Ensembles, ausgewählte Solisten und die jeweilige Abschlussklasse, die sich musikalisch verausgaben dürfen.

Damit es für die Zuhörer nicht langweilig wird, ist auch ein Allsång obligatorischer Bestandteil der Veranstaltung. Neben der Nationalhymne und Den blomstertid nu kommer ist das oft Idas Sommarvisa aus einem der Michel-Filme, die inzwischen als weltlicher Sommerchoral gehandelt wird:

Impressionen

Hier ein paar Impressionen einer Abschlussfeier von Vorschulklasse bis 3. Klasse, bei der ich selbst nicht aktiv war und mich daher auf der Empore drängeln durfte.

Einzug mit Flagge
Die vordere Hälfte des Kirchenschiffes ist für die Schüler und Lehrer reserviert, die mit viel Tamtam – das Orchester sitzt bereits – hinter der Flagge in die Kirche einmarschieren. Die Kirche hat rund 450 Sitzplätze und man tritt sich in den Seitengängen und auf der Empore auf die Füße.
Einzug in die Kirche
Vorschüler und Erstklässler tragen Blumenkränze im Haar, wie an Mittsommer.
Erstklässler und Vorschüler
Das Heer der stolzen Eltern liegt den Kindern zu Füßen, während die Fahnenträger unbeirrt in die Ferne starren.
Ausbeute
Meine Ausbeute am Ende des Tages – deswegen heißt es „Den blomstertid nu kommer“

Dem euphorischen Titel zum Trotz sei übrigens gesagt, dass die Sommerferien für die Lehrer erst in einer Woche beginnen. Bis dahin werden noch alle Spuren des vergangenen Schuljahres beseitigt und konferenzt, was das Zeug hält. Ich kann’s verschmerzen.