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Was die Schweden bewegt: Dubbdäck


Dieses Zeichen gibt es in Schweden gar nicht - warum wohl?

Pünktlich mit den ersten Frostnächten begann hier eine heiße Diskussion in den Medien wie auch in unserem – zugegebenermaßen noch recht kleinen – Bekanntenkreis: Dubbdäck oder nicht? Das Wort Dubbdäck klingt wie ich finde genauso lustig knubbelig wie das, was es bezeichnet: Winterreifen mit Spikes. Hierbei scheint es sich um eine ähnlich grundlegende Frage zu handeln wie die Frage nach Windows oder Mac, Lamy oder Pelikan, HSV oder St. Pauli, Popcorn süß oder salzig.

...Dafür dieses hier...

Nur für wenige Menschen lässt sich diese Frage eindeutig beantworten: Wer in der (Groß)Stadt wohnt und nur dort sein Fahrzeug braucht, sollte tunlichst dubbfritt (knubbelfrei) wählen, denn die Spikes zerstören den Straßenbelag und erhöhen die Feinstaubbelastung, außerdem werden die Straßen ja geräumt und gesalzen.
In Göteborg und inzwischen wohl auch einigen anderen Kommunen gibt es sogar Straßenzüge, wo das Fahren mit Spikes bei Strafe verboten ist.

Wo wird geräumt?

Was ist, wenn das Streusalz ausgeht?...

Wer aber wie zwei Kurskameradinnen aus meinem Schwedischkurs tief im Wald wohnt und auch unter normalen Bedingungen schon 10 km Schotterstraße bis zur nächsten geteerten Straße fahren muss, der darf wohl kaum damit rechnen, im Winter geräumte Straßen vorzufinden und sollte unbedingt vor dem ersten Wintereinbruch Dubbdäck aufziehen.

Brauchen wir Dubbdäck?

...ist das dann eine geeignete Alternative?...

Wenn die Welt doch so einfach wäre! Was aber machen all diejenigen, die weder tief im Wald noch mitten in der Großstadt wohnen, sondern so wie wir irgendwo auf dem Land, wo die Straßen zwar nicht mehr breit, aber immerhin noch geteert sind? Wo man aber trotzdem nicht ausschließen kann, im Winter mal die eine oder andere ungeräumte Straße fahren zu müssen oder zu wollen? Wo man aber trotzdem auch mal in die Göteborger Innenstadt muss?

Leider können wir auch noch überhaupt nicht einschätzen, wie hier in Västra Götaland der Winter und insbesondere die Räumverhältnisse sind. Die Göteborger sagen zwar, ihr Winter sei in erster Linie nasskalt und matschig, aber Göteborg liegt nochmal 40 km südwestlich von uns, ist eine Großstadt und außerdem am Meer gelegen.

... oder doch besser so?...

Unsere Nachbarn hingegen haben erzählt, dass sie im letzten Winter die Fenster im Erdgeschoss nicht mehr öffnen konnten, weil Schnee davor lag (die Fenster öffnen sich nach außen). Manche Straßen hier werden gesalzen, manche aber wohl auch eher planiert und gestreut. Und wenn es da an einem sonnigen Wintertag ein wenig antaut und wieder friert und das möglichst ein paar Tage hintereinander…???

Wenn die Wahl der Winterreifen zur ideologischen Frage wird…

Auf der Suche nach den richtigen Reifen haben wir hier noch keine vernünftige, neutrale Antwort bekommen, weil in der Frage nach Dubbdäck irgendwie jeder sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben scheint. Die jeweils „falsche“ Wahl wird dann in Grund und Boden verdammt bzw. die Existensberechtigung der jeweils anderen Reifen lediglich für einen möglichst weit entfernt liegenden Teil Schwedens anerkannt. Demnach kann man also höchstens noch in Malmö ohne Dubbdäck fahren bzw. sind Dubbdäck nur was für die komischen Norrländer.

...sowas brauchen wir hoffentlich nicht!...

Göteborgs Posten, Schwedens zweitgrößte (seriöse) Tageszeitung forderte kürzlich, das Spikeverbot gänzlich aufzuheben: „Warum soll man sein Leben für einen nicht nachweisbaren Umwelteffekt riskieren?“ Puh, da hatte jemand die ganz harte journalistische Keule ausgepackt. Ungedubbte Reifen seien lebensgefährlich, und gerade sei eine neue Studie des staatlichen Weg- und Transportforschungsinstituts (VTI) herausgekommen, die beweise, dass Dubbdäck am sichersten seien. Der Vorwurf der erhöhten Feinstaubbelastung in den Städten sei hingegen nicht nachweisbar. Außerdem – und jetzt wird es kurios – täten die Dubbdäckfahrer den restlichen Verkehrsteilnehmern einen großen Gefallen, da durch die Spikes der Straßenbelag aufgerauht und somit die Rutschgefahr vermindert werde. Damit dieser Effekt eintreten könne, müssten aber mindestens 50% der Fahrzeuge gedubbt sein, sagen jedenfalls norwegische Studien.

Fragt man die Göteborger Verkehrspolizei, so fährt die den ganzen Winter durch mit Dubbdäck. Privat jedoch sind die meisten Polizisten ohne Spikes unterwegs. Abgesehen davon, dass Dubbdäck die Luftverschmutzung begünstigen und die Straßen kaputtmachen, sind sie wohl auch ziemlich laut und auf trockenem Asphalt ist die Haftung auch deutlich geringer gegenüber normalen Winterreifen – irgendwie naheliegend, da die Reibungsfläche ja auch viel kleiner ist.

Ich kann mich nicht entscheiden!

War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass wir mit der Kombination neue Winterreifen + Bus/Zug + Schneeketten für den Notfall + Daheim-bleiben-wenn’s-ganz-schlimm-ist gut bedient wären, komme ich jetzt doch wieder ins Wanken, wenn ich mich so im Internet umschaue. Der nächste Schritt wird wohl ein Besuch bei Däck-Lasse („Reifen-Lars“) sein, dem örtlichen Reifenhändler. Mal sehn, was der sagt…