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Stimmung im Keller


Wetter und Stimmung hängen bei mir ziemlich oft zusammen. Sonnenschein mit gemäßigter Wärme, Schnee, Sturm in allen Varianten (wenn niemand aus der Familie Autofahren muss, auch Schneesturm), Eiseskälte, Herbstfrost, Post-Nebel-Frost an den Bäumen, warmer Sommerregen oder auch Prä-Gewitter-Himmel sorgen für gute Laune.
Übermäßige Hitze (also alles ab 25°C), Schwüle (auch unter 25°C), „Vårvinter“ (Frühlingsmatschwetter), Dauerregen und Hoch-, Tief- und sonstiger Nebel drücken eher aufs Gemüt.

Seit meinem Flug nach Stuttgart vor fast einem Monat habe ich hier in Schweden keine Sonne mehr gesehen – und das liegt nicht daran, dass sie gerade um halb neun auf- und um halb vier untergeht. Nein, das liegt daran, dass sie gar nicht mehr durchkommt. Durch den Nebel. Und den Hochnebel. Und die Wolken. Und den flüssigen Nebel. Also dieses Zeug, das mehr ist als Nebel, aber weniger als ordentlicher Regen. Das alles bei lauwarmen 3-10°C. (Der einzige Trost ist, dass Jonas die 70 km nach Borås nicht auf gefrorenen Straßen fahren muss.)

Die Stimmung also im Keller? Nein, wir haben hier ja keinen Keller, wo die Stimmung hingehen könnte. Noch nicht. Das wird sich aber zum Jahreswechsel ändern. Jaaaa, wir ziehen um! Heute morgen kam der langersehnte Anruf eines Vermieters.

Ich sage es ja nur ungern, aber wir hatten einfach unanständig viel Glück, ähnlich wie schon vor anderthalb Jahren. Wieder war es die erste Wohnung, in die wir uns sofort verliebt haben, nur dass wir diesmal eigentlich nicht so schlimm unter Stress standen wie damals. Schließlich drohten uns nicht die Obdachlosigkeit oder die Preise des Göteborger Wohnungsmarktes, sondern wir hätten uns eigentlich bequem erstmal 20 Wohnungen anschauen können und deutlich wählerischer sein können. Aber was können wir denn dafür, dass wir gleich bei der ersten Besichtigung einen Volltreffer landen? Ok, das mit dem Volltreffer dachten die 40 anderen Interessenten vermutlich auch. Ähnlich wie bei meinem Job hingen wir auch hier eine ganze Weile in der Luft. Alle drei Tage haben wir uns eine neue (mehr oder weniger überflüssige) Frage ausgedacht, um den Vermieter anzurufen, ein bisschen netten Smalltalk zu machen und uns als nette, zuverlässige, doppeltverdienende kinder- und haustierlose Lehrer in Erinnerung zu bringen. Und… was soll ich sagen… es hat funktioniert!

Ab Januar werden wir also in etwas wohnen, das die Schweden eine Villa nennen, in einem freistehenden Einfamilienhaus. Für uns fühlt es sich auch so schon sehr hochherrschaftlich an. Fast doppelt so groß wie aktuell, aber nur ein Bruchteil mehr Miete. Vier frisch renovierte Zimmer und Küche. Garten. Zwei Terrassen. Keller. Garage. Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner. Wintergarten mit (Grill-)Ofen. 2 km zur Arbeit für mich, 12 für Jonas. Fahrradwege in beide Richtungen. 2-4 Busse pro Stunde. Badplats in fußläufiger Entfernung. Sauna im Keller.

Sogar unser Herr Schiedmayer bekommt Gesellschaft: Unser Vermieter wusste nicht, was er mit dem Klavier der Vormieter anstellen sollte und meinte bei der Besichtigung etwas hilflos: „Hm, ist ein ganz schönes Möbel und ich wusste nicht, wohin damit. Störts euch? Dann entsorg ich das noch.“ Ochnee, lass ma…
Das Möbel ist – soweit wir das unter der Schutzfolie beurteilen konnten – ordentlich in Schuss und gestimmt. Jetzt wird das ja vielleicht doch noch was mit den Hauskonzerten für zwei Klaviere…

Die Stimmung ist also trotz miesen Novemberwetters gerade alles andere als im Keller. Im Gegenteil: In Zukunft können wir sogar zum Feiern in den Keller gehen! In unseren echt knorke, holzgetäfelten Partykeller im 60er-Jahre-Stil Retro-Stil. Der passt stilmäßig auch superdufte zum Badezimmer, das dem ähnelt, was dabei rauskommt, wenn sich Käseigel, Eierlikör und kalte Ente nach einem Abend im Partykeller zusammen auf den Rückweg machen das ganz in warmem bahamabeige gehalten ist.

Na toll…


…da zieht man extra neun Breitengrade weiter in den Norden, um der Karlsruher Hitze zu entfliehen und was hat man davon? Wir sitzen um viertel vor elf abends im T-Shirt draußen und haben die ersten Hitzegewitter hinter uns. Im Mai. Suuuper, gaaaanz toll…

Heute morgen bin ich aufgewacht und habe einen riesigen Schreck gekriegt, weil ich dachte, ich hätte verschlafen. Die Sonne schien zwar nicht in unser Schlafzimmerfenster, aber dafür auf die hellgraue Wand des Nachbarhauses, was mich so blendete, dass ich davon aufgewacht bin. Mitten in der Nacht. Halb fünf oder so, ich hab die Augen nicht richtig aufgekriegt. Ich weiß ja nicht, warum alle immer so vom skandinavischen Licht schwärmen… Hallo?! Morgens? Vor fünf! Wenn ich doch bis sechs ausschlafen will. Mannmannmann…

Nach dem Gewitter am frühen Abend ist es jetzt etwas kühler (das ist wirklich anders als in Karlsruhe) und alles duftet unglaublich frisch und lecker. Ein paar Möwen kreischen und außer ein paar Ameisen sind keine Insekten in Sicht.
Jetzt um elf ist es ist noch hell genug, um ohne Lampe draußen auf der Terrasse vor unserem rot-grauen Holzhaus zu sitzen und bei einem kühlen Glas alkoholfreiem Honigcider vom Wikingermarkt das ZEIT-Rätsel zu lösen. Macht mindestens eine 9 auf der Schwedenklischeeskala. (Einen halben Punkt Abzug gibt es dafür, dass der nächste See mindestens 10 Minuten weit weg ist und weitere 0,5 für die deutsche Zeitung.)

Lange werd ich hier allerdings nicht mehr sitzen, sonst verschlafe ich morgen wirklich… Aber wie kann man denn bei so einem kitschrosa Abendhimmel schlafen gehen? Bei knapp 20 Grad?!

Man hats schon schwer, hier in Schweden.