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Weisheit zum Tage


Wenn man zu Weihnachten Eintrittskarten für ein Ereignis im April bekommt, dann hat die Vorfreude vier Monate Zeit zu wachsen.

Diese Woche findet in Göteborg die Weltmeisterschaft im Synchroneiskunstlauf statt. Dabei stehen 16 Läuferinnen und Läufer gleichzeitig auf dem Eis und formen Blöcke, Linien, Kreise, Mühlen und andere geometrische Figuren.

Anders als Einzel- und Paarlauf ist Synchroneiskunstlauf (noch) keine olympische Disziplin, wird aber nach ähnlichen Kriterien gewertet und ein Wettkampf besteht ebenfalls aus Kurzprogramm und Kür. In den letzten Jahren dominierten vor allem Finnland, Kanada und die USA die Weltmeisterschaften, aber auch Schweden hat in den letzten 12 Jahren 10 WM-Medaillen geholt.

Eiskunstlauf ist der einzige Sport, den ich im Fernsehen verfolge und ich war noch nie im meinem Leben live bei einem internationalen Sportereignis dabei, weder Eiskunstlauf noch sonst eine Sportart. Ich bin riesig gespannt auf die kommenden drei Tage im Scandinavium. Heute ist die Eröffnungsfeier, morgen das Kurzprogramm und am Samstag die Kür. Die Wettkämpfe morgen und übermorgen werden auch live im Internet (SVTplay) übertragen und sollen in ganz Europa zugänglich sein.

Als kleiner Appetizer hier ein Video des Göteborger Teams Surprise, fünfmalige Weltmeister und auch dieses Jahr am Start:

Danke Mama und Jonas für dieses tolle Weihnachtsgeschenk!

Seit sechs Monaten in Schweden – I


Heute vor sechs Monaten, an einem Dienstag im August, sind wir in Schweden angekommen. Zeit also für einen kurzen Zwischenstand. Ausgehend von unseren Kategorien in der rechten Spalte werden wir die nächsten Tage ein wenig auf das letzte halbe Jahr zurückblicken.

Arbeta och studera – arbeiten und studieren:

Jonas:
Als Komponist habe ich fantastische Bedingungen an der Göteborger Musikhochschule. Meine Auftragskomposition für großes Orchester wird im April uraufgeführt und demnächst beim Sirén-Festival, bei dem drei Tage lang die ganze Hochschule im Dienste der Kompositionsklasse steht, stehen drei meiner Stücke auf dem Programm (mehr dazu). Die Chemie zwischen mir und meinen drei Hauptfachlehrern (Komposition, Komposition und Komposition) stimmt ebenfalls und mit meinen Kommilitonen komme ich immer mehr in Kontakt – ich bin ja nicht so oft in Göteborg und daher ergeben sich auch nicht so viele Möglichkeiten für Diskussionen mit den anderen Kompositionsstudenten der Hochschule.
Auch hier bei uns in der Kommune bin ich bereits als Komponist angekommen und erhielt von unserer Kommune Ale das Kulturstipendium 2011, was die Lokalpresse auch gebührend würdigte

Annika:

Die Dinge gehen vielleicht nicht immer gerade, aber immer irgendwie vorwärts...

Es hat zwar fünf Monate gedauert, aber im Januar hat es dann endlich mit einer Anstellung geklappt. Fünf Monate waren länger als erhofft, aber kürzer als befürchtet. So richtig fest im Sattel sitze ich zwar noch nicht, weil der Job nur teilzeit und befristet ist, aber dennoch fühlt es sich für den Moment gut an. Zumal sich allmählich zeigt, dass ich immer öfter zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werde und eine unbefristete Festanstellung in einer Position, in der ich mich weder über- noch unterfordert fühle, nicht völlig außer Reichweite ist. Also alles im gelben Bereich mit Tendenz ins Grüne.
Außerdem profitiere ich von den zahllosen kostenlosen Weiterbildungsangeboten hier in Schweden. So viele Sprachkurse und eine Weiterbildung im Projektmanagement hätte ich mir in Deutschland nicht leisten können.


Kalt und sonnig


… und schön. Endlich ist er da, der Winter. Der richtige, echte, schöne Winter. Mit Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und viel Sonne. Jetzt, Ende Januar, bekommen wir um die Mittagszeit schon wieder etwas Sonne durchs Küchenfenster. Während der acht dunkelsten Wochen schaffte es die Sonne den ganzen Tag nicht über den Hügel zu klettern, und wenn sie nachmittags endlich den Hügel umrundet hatte, stand das Nachbarhaus im Weg.

„Leider“ sehe ich die Mittagssonne in der Küche nicht so oft – und das „leider“ muss hier wirklich in dicken Anführungszeichen stehen – weil ich ja seit zwei Wochen wieder arbeite. Viermal die Woche fahre ich dafür nach Göteborg, ich habe jetzt drei Gymnasialklassen, in denen ich Deutsch unterrichte. Eine 10. und eine 11. Klasse und der dritte Kurs besteht aus genau einer Schülerin, die im Sommer mit der Schule fertig ist. Vieles ist noch sehr ungewohnt, zum Beispiel der allmorgenliche kritische Blick in den Spiegel, ob ich denn auch dem Dresscode der Schule entspreche. Ich vermisse auch ein bisschen das typische „Lehrerzimmerfeeling“, den Austausch mit und Kontakt zu Kollegen. Da die Schule ein Platzproblem hat, gibt es kein richtiges Lehrerzimmer und man hat keinen festen Arbeitsplatz. Es gibt zwar einige kleinere Arbeitsräume, die jeweils mit 4-6 Computern ausgestattet sind, aber die Fluktuation dort ist hoch und es ist selten, dass man den gleichen Kollegen wiedertrifft, bevor man nicht 20 andere „kennengelernt“ und den ersten längst wieder vergessen hat. Kennenlernen heißt in dem Fall: „Hallo, ich heiße x und unterrichte y. Und tschüss.“  Allerdings haben mir inzwischen ganz viele Lehrer aus unserem Chor bestätigt, dass das sehr untypisch für Schweden sei, diese Anonymität sei ja fast „kontinental“… Einzig meine Deutschlehrerkollegin kenne ich etwas besser, aber wir treffen uns meist auch nur, wenn wir uns vorher verabreden.

Mit Beginn des neuen Jahres hat sich bei mir so etwas wie ein „Ketchup-Effekt“ eingestellt: Lange ist gar nichts passiert, obwohl ich die Flasche von allen Seiten geklopft, geschüttelt und gequetscht habe und nun kam plötzlich alles mit einem dicken Schwall.
Weil ich im Dezember noch nicht wusste, wie lange ich noch arbeitslos sein würde, habe ich mich nicht nur für den nächsten (und letzten) Schwedischkurs bei Ale Komvux, unserem örtlichen Erwachsenengymnasium, angemeldet, sondern auch noch für einen Kurs in Gesellschaftskunde und eine Distanzweiterbildung als Projektmanagerin. Konnte ja nicht ahnen, dass ich in alle Kurse direkt reinkomme :-)

Den Politikkurs werde ich ohne viel Wesens wieder canceln, wenn es mir zuviel wird, aber die Projektmanagement-Ausbildung will ich auf jeden Fall durchziehen. Diese wird von Komvux Göteborg ausgerichtet und ist damit kostenlos. Man kann sowas auch bei privaten Instituten machen, dann reißt das aber sehr tiefe Löcher ins portmonnä. Ich mache diesen Kurs vor allem deshalb, weil in so vielen für mich interessanten Stellenanzeigen immer wieder stand, dass Kenntnisse in Projektmanagement von Vorteil seien. Außerdem möchte ich mein geisteswissenschaftlich-künstlerisches Studium noch mit etwas Bodenständigem ergänzen. Die Ausbildung ist größtenteils als Distanzausbildung angelegt, mit insgesamt achteinhalb Tagen Präsenzzeit, verteilt auf die kommenden fünf Monate. Dazwischen ackert man sich durch Finanzierungsstrategien, Kommunikationsmodelle und Risikobeurteilungen.

Nächsten Samstag habe ich ein Vorstellungsgespräch als Projektleiterin, rund 60km von hier entfernt. Nicht in Göteborg, sondern in die andere Himmelsrichtung. Ich hoffe sehr, dass das Wetter bis dahin so wunderbar kalt und sonnig bleibt, damit ich auch noch ein bisschen davon habe – zur Zeit sitze ich auch am Wochenende hauptsächlich an Unterrichtsvorbereitungen. Der Ort, in dem das Vorstellungsgespräch ist, ist nämlich ebenjener, wo Jonas im Sommer 2008 zum ersten Mal schwedischen Boden betreten hat (vom Umsteigen am Göteborger Bahnhof mal abgesehen) und zumindest das Projekt, Jonas für Schweden zu begeistern war auf jeden Fall ein sehr erfolgreiches…

Weihnachten, Neujahr und ein bisschen Winter


So, das war’s also: der erste Weihnachts-Neujahr-Familienbesuch in der neuen Heimat. Da in unseren zwei Zimmern natürlich kein Schlafplatz für die ganze Mannschaft ist, kamen meine Mutter und ihr Freund im eigenen Wohnmobil, Jonas‘ Eltern und Brüder hatten sich ein Ferienhaus in der Nähe gemietet und nur mein Bruder schlief während seines Kurzbesuchs hier in unserem Wohnzimmer. Platz ist ja aber bekanntlich in der kleinsten Hütte und so konnten wir wenigstens zu den Mahlzeiten alle hier bei uns an einer langen Tafel unterbringen.

Heiligabend: 9 Menschen und ein Weihnachtsbaum in unserem kleinen Wohnzimmer

Das Ferienhaus können wir übrigens allen zukünftigen Gästen, die hier aufkreuzen sollten, wärmstens empfehlen: auf einem kleinen Hügel direkt am See gelegen, mit eigenem Steg (der um diese Jahreszeit allerdings eine eher untergeordnete Rolle spielt), Kaminofen (im Moment wesentlich wichtiger) und fantastischer Aussicht, bietet es Platz für vier Personen – und nein, ich werde nicht für die Werbung bezahlt…
Trotzdem: Hier kann man das Haus mieten…

Das Ferienhaus am leicht angefrorenen See

Das Wetter war zwar insgesamt eher durchwachsen und leider immer noch schneefrei, dennoch hatten wir immer mal wieder ein paar Stunden Sonne für diverse Unternehmungen. Die Fahrt mit dem Göteborgshjulet, dem Riesenrad im Göteborger Hafen z.B., um das wir bisher immer einen großen Bogen gemacht haben („wir sind doch keine Touris“) hat sich trotz des stolzen Preises von rund 10 Euro wirklich gelohnt, schon deshalb, weil man eine Viertelstunde im Warmen sitzt :-) Und die Aussicht ist wirklich fantastisch. Wir waren um die Mittagszeit drin, als die Sonne am höchsten stand…
Übrigens dürften wir zu den letzten gehört haben, die an diesem Platz im Riesenrad waren (was wir zu diesem Zeitpunkt gar nicht wussten). Seit gestern wird das Riesenrad abgebaut und zieht nach Liseberg um, dem Göteborger Vergnügungspark, wo es zur Saisoneröffnung im Frühjahr wieder in Betrieb genommen werden soll.

Göteborgshjulet
Aussicht über den Hafen, rechts im Bild Läppstiftet (der Lippenstift); der Viermaster ist ein ***Hotel, Liseberg Barken Viking
Rund 60 m hoch und mit 42 beheizten Gondeln
Mittagssonnenstand in Göteborg, sechs Tage nach dem kürzesten Tag des Jahres

Am 30. waren bis auf meine Mutter und Freund alle bereits wieder abgereist, sodass wir in kleiner Runde einen Ausflug nach Marstrand machten. Wir waren ja im Sommer schon mal dort gewesen, aber an einem sonnigen Wintertag hat das Inselchen auch was. Was es zur Zeit jedenfalls nicht hat: Touristen. Wir hatten die Insel quasi für uns allein.

Carlstens Festung auf Marstrand - mitten im Winter...
Auch im Winter schön: die Schären vor Marstrand - mittags um zwei.

Von Dagmar, dem Sturm, der an Weihnachten halb Schweden lahmgelegt hat, haben wir übrigens nur wenig mitbekommen. Klar, gestürmt und geschüttet hats hier auch, aber wir hatten weder Stromausfall noch sind unsere Dachziegel weggeflogen oder der (nicht vorhandene) Keller vollgelaufen.

Jetzt im (astronomischen) Mittwinter kommt die Sonne selbst zur Mittagszeit nur mit Mühe über den Horizont und scheint einem dann gerade so in die Kniekehlen. Das führt dazu, dass eigentlich den ganzen Tag lang Sonnenuntergangslicht ist – zumindest bei klarem Wetter. Dicke Regenwolken oder gar Nebel hingegen bewirken, dass ich mich an manchen Tagen wie eine Schlafwandlerin fühle. Denn wenn es draußen dunkel ist, gehört man schließlich ins Bett – oder wenigstens mit Buch, Wolldecke und einem Becher Kakao aufs Sofa…

Silvester wurde es dann wenigstens etwas kälter (wenn schon kein Schnee), sodass über Nacht der See zufror und wir am Silvesternachmittag eine wunderschöne Seerundwanderung machen konnen und uns das Elchfondue zum Jahreswechsel auch ordentlich verdient hatten.

Bei Kilanda kyrka
Friedhof Kilanda Kyrka

23. Dezember 2011 – Nu är det jul igen


Der Stadtteil zwischen Göteborger Bahnhof und Hafen war lange Zeit ein typisches Arbeiter- und Hafenviertel und vor allem Durchgangsstation für Auswanderer aus ganz Schweden, für die der Göteborger Hafen die letzte Station vor Amerika war. Mitte der 1960er Jahre beschloss man dann, aus dem ganzen Stadtviertel ein Einkaufszentrum zu machen und baute kurzerhand ein Dach über acht Häuserblocks und ein Parkhaus dazu.

Heute ist Nordstan das größte Einkaufszentrum Skandinaviens und trotz Indoor-Weihnachtsmarkt zur Vorweihnachtszeit nur zu empfehlen, wenn man auf Menschenmassen steht. Man muss dann allerdings achtgeben, dass sich das nicht umdreht und die Menschenmassen plötzlich auf einem stehen…

Der überdachte Marktplatz wird aber nicht nur kommerziell genutzt, sondern dient auch regelmäßig als Ausstellungsraum oder Bühne. Oder als Schauplatz für Flashmobs

Nu är det jul igen, och nu är det jul igen
Och julen varar än till påska.

Men det var inte sant och det var inte sant
För däremellan kommer fasta.

Was die Schweden bewegt: Dubbdäck


Dieses Zeichen gibt es in Schweden gar nicht - warum wohl?

Pünktlich mit den ersten Frostnächten begann hier eine heiße Diskussion in den Medien wie auch in unserem – zugegebenermaßen noch recht kleinen – Bekanntenkreis: Dubbdäck oder nicht? Das Wort Dubbdäck klingt wie ich finde genauso lustig knubbelig wie das, was es bezeichnet: Winterreifen mit Spikes. Hierbei scheint es sich um eine ähnlich grundlegende Frage zu handeln wie die Frage nach Windows oder Mac, Lamy oder Pelikan, HSV oder St. Pauli, Popcorn süß oder salzig.

...Dafür dieses hier...

Nur für wenige Menschen lässt sich diese Frage eindeutig beantworten: Wer in der (Groß)Stadt wohnt und nur dort sein Fahrzeug braucht, sollte tunlichst dubbfritt (knubbelfrei) wählen, denn die Spikes zerstören den Straßenbelag und erhöhen die Feinstaubbelastung, außerdem werden die Straßen ja geräumt und gesalzen.
In Göteborg und inzwischen wohl auch einigen anderen Kommunen gibt es sogar Straßenzüge, wo das Fahren mit Spikes bei Strafe verboten ist.

Wo wird geräumt?

Was ist, wenn das Streusalz ausgeht?...

Wer aber wie zwei Kurskameradinnen aus meinem Schwedischkurs tief im Wald wohnt und auch unter normalen Bedingungen schon 10 km Schotterstraße bis zur nächsten geteerten Straße fahren muss, der darf wohl kaum damit rechnen, im Winter geräumte Straßen vorzufinden und sollte unbedingt vor dem ersten Wintereinbruch Dubbdäck aufziehen.

Brauchen wir Dubbdäck?

...ist das dann eine geeignete Alternative?...

Wenn die Welt doch so einfach wäre! Was aber machen all diejenigen, die weder tief im Wald noch mitten in der Großstadt wohnen, sondern so wie wir irgendwo auf dem Land, wo die Straßen zwar nicht mehr breit, aber immerhin noch geteert sind? Wo man aber trotzdem nicht ausschließen kann, im Winter mal die eine oder andere ungeräumte Straße fahren zu müssen oder zu wollen? Wo man aber trotzdem auch mal in die Göteborger Innenstadt muss?

Leider können wir auch noch überhaupt nicht einschätzen, wie hier in Västra Götaland der Winter und insbesondere die Räumverhältnisse sind. Die Göteborger sagen zwar, ihr Winter sei in erster Linie nasskalt und matschig, aber Göteborg liegt nochmal 40 km südwestlich von uns, ist eine Großstadt und außerdem am Meer gelegen.

... oder doch besser so?...

Unsere Nachbarn hingegen haben erzählt, dass sie im letzten Winter die Fenster im Erdgeschoss nicht mehr öffnen konnten, weil Schnee davor lag (die Fenster öffnen sich nach außen). Manche Straßen hier werden gesalzen, manche aber wohl auch eher planiert und gestreut. Und wenn es da an einem sonnigen Wintertag ein wenig antaut und wieder friert und das möglichst ein paar Tage hintereinander…???

Wenn die Wahl der Winterreifen zur ideologischen Frage wird…

Auf der Suche nach den richtigen Reifen haben wir hier noch keine vernünftige, neutrale Antwort bekommen, weil in der Frage nach Dubbdäck irgendwie jeder sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben scheint. Die jeweils „falsche“ Wahl wird dann in Grund und Boden verdammt bzw. die Existensberechtigung der jeweils anderen Reifen lediglich für einen möglichst weit entfernt liegenden Teil Schwedens anerkannt. Demnach kann man also höchstens noch in Malmö ohne Dubbdäck fahren bzw. sind Dubbdäck nur was für die komischen Norrländer.

...sowas brauchen wir hoffentlich nicht!...

Göteborgs Posten, Schwedens zweitgrößte (seriöse) Tageszeitung forderte kürzlich, das Spikeverbot gänzlich aufzuheben: „Warum soll man sein Leben für einen nicht nachweisbaren Umwelteffekt riskieren?“ Puh, da hatte jemand die ganz harte journalistische Keule ausgepackt. Ungedubbte Reifen seien lebensgefährlich, und gerade sei eine neue Studie des staatlichen Weg- und Transportforschungsinstituts (VTI) herausgekommen, die beweise, dass Dubbdäck am sichersten seien. Der Vorwurf der erhöhten Feinstaubbelastung in den Städten sei hingegen nicht nachweisbar. Außerdem – und jetzt wird es kurios – täten die Dubbdäckfahrer den restlichen Verkehrsteilnehmern einen großen Gefallen, da durch die Spikes der Straßenbelag aufgerauht und somit die Rutschgefahr vermindert werde. Damit dieser Effekt eintreten könne, müssten aber mindestens 50% der Fahrzeuge gedubbt sein, sagen jedenfalls norwegische Studien.

Fragt man die Göteborger Verkehrspolizei, so fährt die den ganzen Winter durch mit Dubbdäck. Privat jedoch sind die meisten Polizisten ohne Spikes unterwegs. Abgesehen davon, dass Dubbdäck die Luftverschmutzung begünstigen und die Straßen kaputtmachen, sind sie wohl auch ziemlich laut und auf trockenem Asphalt ist die Haftung auch deutlich geringer gegenüber normalen Winterreifen – irgendwie naheliegend, da die Reibungsfläche ja auch viel kleiner ist.

Ich kann mich nicht entscheiden!

War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass wir mit der Kombination neue Winterreifen + Bus/Zug + Schneeketten für den Notfall + Daheim-bleiben-wenn’s-ganz-schlimm-ist gut bedient wären, komme ich jetzt doch wieder ins Wanken, wenn ich mich so im Internet umschaue. Der nächste Schritt wird wohl ein Besuch bei Däck-Lasse („Reifen-Lars“) sein, dem örtlichen Reifenhändler. Mal sehn, was der sagt…

Einfach so.


Ich glaube, Schweden tun nichts ohne Grund. Dinge einfach so zu tun, scheint hier etwas ganz Verpöntes zu sein. Dass jemand einfach so spazieren geht, d.h. ohne sichtbaren Grund durch den Wald hinter seinem Haus latscht, habe ich noch nie gesehen. Alle Menschen, die ich im Wald treffe, wenn ich dort spazieren gehe, haben einen bestimmten Grund, dort zu sein: einen Hund, einen Pilzkorb, Walkingstöcke, Laufschuhe. Oder wenn wir an den See gehen: die Schweden haben mindestens eine Angel, ein Boot oder ein Kind dabei, das gerade schwimmen lernt. Im Garten: hier sitzt niemand einfach so im Garten, schließlich kann man im Garten Rasen mähen, Unkraut zupfen oder Blumen gießen. Ich glaube, deshalb gibt es hier auch so viele Vereine: man braucht einfach einen Grund, um soziale Kontakte zu pflegen, und geht nicht einfach so jemanden besuchen und quatschen.

Nicht nur, aber auch deshalb, haben wir uns jetzt wieder einen Chor gesucht. Und siehe da: die Chorprobe ist mit knapp drei Stunden deutlich länger als bei den meisten vergleichbaren Chören in Deutschland, dafür ist die halbstündige fikarast fester Bestandteil jeder Probe. Fika ist gesellschaftlich toleriertes Rumsitzen mit gleichzeitigem Konsum koffeinhaltiger Getränke. Da die Chorprobe abends stattfindet, heißt fika hier: jede Woche bringt jemand anderes einen riesigen Korb mit Brot, Aufschnitt, Obst, Gemüse und Süßkram mit und schleicht sich kurz vor der Pause weg, um den Tisch für alle zu decken. Das fördert die Kommunikation im Chor tatsächlich ungemein.

Unser Einstieg in Göteborgs Vokalensemble war ziemlich gut getajmt (wie der Schwede sagt), denn wir konnten gleich mit zum ersten Probenwochenende. In einem B&B auf der Insel Tjörn an der Westküste probten wir von Freitagabend bis Sonntagmittag.

[Lekanders Bär och Boende ist ein ehemaliger Bauernhof, der irgendwann seinen Schweinestall zu Gästezimmern umgebaut hat. Sehr luxuriös für ein B&B, dabei gleichzeitig mit rustikalem Bauernhofcharme mit vielen alten Möbeln, wir können es jedem weiterempfehlen, der mal auf Tjörn Urlaub machen möchte.]

Zwei nichtsingende Ehemänner waren als Köche abgestellt und eigentlich sollte man über das Wochenende eher sagen: Wir haben von Freitag bis Sonntag gegessen und zwischendurch auch ab und zu geprobt. Frühstück – Fika – Mittagessen – Fika – Abendessen – Fika… Höhepunkt war der Samstagabend, als es ein ***Menü gab: Minz-Sternanis-Cider als Aperitiv, Blumenkohlcouscous mit Pastinaken als Vorspeise, gebratenes Fleisch mit selbstgesammelten Pfifferlingen, Backkartoffeln und Bohnensalat als Hauptspeise und American Cheesecake mit gefrorenen Waldbeeren als Dessert. Und Kaffee, natürlich.

Am Sonntagnachmittag hatten wir dann das dringende Bedürfnis nach Bewegung und sind noch ein paar Kilometer weiter ins Küstenstädtchen Skärhamn gefahren. Das Wetter war natürlich so, wie man es im Herbst an der Westküste erwartet: blåsigt. Selbstverständlich hatten wir die Kamera dabei, damit es nicht so aussah, als ob wir einfach so an einem trüben Herbsttag durch die Schären spazierten…

Doch zurück zum Chor: Der Chor ist ähnlich groß und ähnlich gut wie Chorioso, unser Karlsruher Chor. Das aktuelle Programm ist eher kleinteilig angelegt, (Palestrina, Schütz und diverse schwedische Komponisten wie Ninne Olsson, Sten Källman, Ingmar Wilestrand u.a.) – Allerheiligen und Weihnachten nahen… Und zufällig – die Welt ist klein – hat die Chorleiterin ein Jahr in Karlsruhe studiert und ist mit einem Stuttgarter verheiratet.
Vom der ersten Probe an haben wir uns in diesem kleinen, aber feinen Chor wohlgefühlt und wurden von allen sehr herzlich aufgenommen. Einfach so.